Verband will Halbjahreszeugnisse abschaffen Zu wenige Lehrer, weniger Zeugnisse

Immer wieder sorgt der Lehrermangel in Sachsen-Anhalt für Schlagzeilen. Das Bildungsministerium will Abhilfe schaffen – dennoch beklagen viele Lehrer derzeit eine Überlastung. Der Grundschulverband hat nun eine neue Forderung: Er will die Halbjahreszeugnisse für Grundschüler abschaffen, um die Lehrer zu entlasten. Das Ministerium will den Vorschlag prüfen.

Zwei Mal im Jahr bekommen Schüler in Sachsen-Anhalt Zeugnisse. Für die jüngsten Schüler im Land soll sich das aber künftig ändern, fordert der Grundschulverband. Er will die Halbjahreszeugnisse für Grundschüler und Klassenkonferenzen abschaffen, um die Lehrer zu entlasten. In einem Positionspapier schlägt der Verband vor, "verbindliche Elterngespräche auf Grundlage von Kompetenzportfolios zu ermöglichen". Dort könne Eltern nachgewiesen werden, wie sich ihre Kinder entwickeln.

Das Bildungsministerium solle zudem die Streichung weiterer "unnötiger Konferenzen und Teambesprechungen" unterstützen und einen Bürokratieabbau fördern. Außerdem will der Grundschulverband die Öffnungzeit der Grundschulen auf fünf Stunden verringern.

Bildungsministerium will Vorschlag prüfen

Edwina Koch-Kupfer, Staatssekretärin im Bildungsministerium. sitzt an ihrem Schreibtisch
Edwina Koch-Kupfer, Staatssekretärin im Bildungsministerium Bildrechte: MDR/Mario Köhne

Das Bildungsministerium will den Vorschlag zur Abschaffung der Halbjahreszeugnisse prüfen. Die Staatssekretärin im Ministerium, Edwina Koch-Kupfer (CDU), sagte MDR SACHSEN-ANHALT, eine Arbeitsgruppe befasse sich mit den Vorschlägen von beteiligten Behörden, Verbänden und Gewerkschaften. Bei einer Abschaffung müsse man allen Interessen gerecht werden. Eltern und Schüler hätten ein Anrecht darauf zu wissen, wie der Stand in der Lernentwicklung sei. Diese Bewertung fließe auch in den gesamten Lehrprozess mit ein und habe motivierende Funktion. Koch-Kupfer betonte, "das Halbjahreszeugnis hat Tradition".

Scharfe Kritik an dem Vorschlag kommt von Elternvertretern. Verbandsvorsitzende Thomas Jaeger sagte MDR SACHSEN-ANHALT, Eltern bräuchten die Rückmeldung durch die Zeugnisse. Vielen Eltern bliebe aufgrund ihrer Berufstätigkeit wenig Zeit, um sich mit der Schule rückzukoppeln. Ziel müsse sein, die Unterrichtsqualität an den Grundschulen unbedingt zu verbessern. Dazu gehöre eine schnelle Änderung der Einstellungspraxis bei den Lehrern und eine verstärkte Ausbildung, um ein Defizit von 1.000 fehlenden Lehrern auszugleichen.

Schülerrat sieht Abschaffung kritisch

Auch der Schülerrat in Sachsen-Anhalt sieht die geforderte Abschaffung von Halbjahreszeugnissen an Grundschulen kritisch. Der Vorstand teilte MDR SACHSEN-ANHALT mit, das Halbjahreszeugnis sei ein unverzichtbares Feedback zur Selbsteinschätzung und werde gebraucht, damit die Schülerinnen und Schüler sich und ihre Leistungen reflektieren könnten. Die schriftlich ausformulierte Beurteilung sei besonders wichtig, da sie nicht nur rationale Leistungen nach Punkten widerspiegele. Zudem bekämen Schüler am Anfang ihrer Schulzeit in der Grundschule noch keine Noten.

Der Schülerrat forderte das Bildungsministerium auf, unverzüglich zu reagieren. Lehrkräfte müssten entlastet werden. Das Aufgabenpensum sei nicht nur für Grundschullehrer zu hoch.

Die Lehrergewerkschaft GEW hält die Abschaffung dagegen für sinnvoll. Landeschefin Eva Gerth sagte der Mitteldeutschen Zeitung, die als erstes über das Thema berichtete, das wäre eine echte Entlastung für die Kollegen.

Lehrer machen auf Probleme aufmerksam

Der Grundschulverband reagiert mit den Forderungen auf die Ankündigung des Bildungsministeriums, künftig die Stundenzuweisung an den Grundschulen zu verringern. Pro Schüler soll weniger Lehrer-Arbeitszeit eingeplant werden – obwohl sich die Lehrer um mehr Schüler kümmern müssen. Dadurch könne es künftig beispielsweise keine Arbeitsgemeinschaften (Chor, Theater, Fremdsprachen, Schülerzeitung usw.) geben, individuelle Förderung entfalle. Der Verband kritisiert auch, dass Lerngruppen durch die Zusammenlegung von Klassen immer größer würden:

Es stellt sich die Frage, wie mit 30 und mehr Kindern geflötet, Geräteturnen durchgeführt, mit dem Stabilbaukasten gebaut oder philosophische Gespräche geführt werden sollen?

Grundschulverband Sachsen-Anhalt
Bücherstapel vor einer Tafel
Mehr Schüler, weniger Zeit – viele Lehrer klagen über zunehmende Belastung. Bildrechte: Colourbox.de

Auch die Lehrergewerkschaft GEW hatte wegen des Lehrermangels zuletzt vor gravierenden Einschnitten an Sachsen-Anhalts Schulen gewarnt. Von volleren Klassen hält GEW-Sprecher Alexander Pistorius nichts. Er sagte MDR SACHSEN-ANHALT, Lehrer bräuchten dadurch künftig mehr Vorbereitungszeit vor dem Unterricht. Integration und Inklusion könnten faktisch nicht mehr stattfinden. Zudem hätten die Schüler weniger Raum, Fragen zu stellen.

Von Bildungsminister Tullner hieß es dazu, es seien Anpassungen mit Außenmaß nötig, um die Unterrichtsversorgung abzusichern. Das Landesschulamt stehe in engem Kontakt mit den Schulen und berate intensiv. Zudem wolle das Ministerium demnächst so viele Lehrer einstellen wie noch nie in Sachsen-Anhalt.  

Unterricht fällt aus

Die Unterrichtsversorgung an den Schulen im Land liegt aktuell deutlich unter dem von der Koalition angestrebten Wert von 103 Prozent. Zum Stichtag 21. September 2016 hatte der Wert an den allgemeinbildenden Schulen nur 99,5 Prozent erreicht.

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 25.04.2017 | 19:00 Uhr
MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 26.04.2017 | 08:00 Uhr

Quelle: MDR/dpa/kb/cw

Zuletzt aktualisiert: 26. April 2017, 19:21 Uhr

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35 Kommentare

27.04.2017 14:20 B 35

Bildung ist auch wenn man viel liest, aber wie teuer sind jetzt zum großen Teil die Bücher,
unsere Kinder / Enkel haben in Deutschl. keinerleie Zukunft mehr, das ist verdammt traurig.
Es würd sich auch in den nächsten Jahren nichts mehr ändern , es ist zu spät !!!!!!!!!!!!! Es kann auch gegenüber dem deutschen Schüler nicht so sein, das ich als Lehrer rücksicht nehmen muß
auf Asylandenkinder , was sollen dann unsere Kinder lernen, N I C H T S ist doch eigentlich jedem klar und verständlich dazu.....................

27.04.2017 14:03 Hallorenkugel 34

30 Schüler pro Klasse in Klassenzimmern, die mit 25 Schülern schon überfüllt sind. Bei Lehrernotstand erfolgt die Teilung der Klassen, die dann zu einem Volumen von 45 Kindern heranwachsen. Sinnvoll? Das Stundenvolumen der Lehrer herabsetzen bei gleichen zu vermittelnden Grundschulthemen. Eigentlich bedarf es mehr Stunden, damit die Kinder mehr Zeit haben, um das vermittelte Wissen zu verinnerlichen. Mehr Lehrer sollen eingestellt werden, die eine Grundversorgung erstmal absichern sollen, es aber mit den zusätzlichen Maßnahmen wahrscheinlich immer noch nicht tun, denn dennoch sollen Zeugnisse abgeschafft werden, gleichzeitig Fachkonferenzen für den fachlichen Austausch auch im Hinblick auf Entwicklung der Grundschüler entfallen. Welche eine Absurdität! Ich maße mir an zu sagen, niemand denkt an die Konsequenzen, denn das Ziel, eine gute Bildungspolitik zu betreiben, wird mit diesen Maßnahmen nicht erreicht.

27.04.2017 14:02 Geweih ohne Hirsch 33

@ Hirsch-Kommentare, sind typisch für Menschen, die dieser Gesellschaft huldigen und alles toll finden, was irgend ein hergelaufener bzw. schnell aufgetriebener Professor zu dem Thema äußert. Oma zu beschimpfen, weil sie die Enkel belohnen will für ein Zeugnis, ist unter Niveau. Jahrelang hat man gewusst, dass der Lehrermangel extremer wird und man hat nicht gegengesteuert. Im Wahlkampf werden auch alle wieder tönen, wie wichtig es ist in Bildung zu investieren. Am Ende wird der Kriegshaushalt erhöht. Diese Bastelei am Bildungssystem wird zur Folge haben, dass Deutschland bald Schlußlicht ist in Wissenschaft und Forschung. Das Halbjahreszeugnis abzuschaffen ist der Anfang vom Abbau.

27.04.2017 13:40 M. 32

..das ist nun die Lösung? unsere Gesellschaft wird ihren hohen Bildungsstatus nach und nach verlieren....in den Grundschulen sind teilweise die Klassen zur Hälfte mit ausländischen Kindern belegt, das Niveau da zu halten ist unmöglich...und in den oberen Klassenstufen werden Lehrer beleidigt, bedroht, angerotzt ohne das etwas passiert und wird der Lehrer dann doch mal etwas lauter kommen Mutti und Vati und verklagen gleich alles...das kann nicht gut gehen, unser Land verdummt immer mehr!!!!

27.04.2017 11:35 Lutz 31

Zu diesem Beitrag kann man nur sagen "armes Deutschland ". Weitere Kommentare wären überflüssig. Wo soll uns diese Politik noch hinführen. Bei den Kindern fängt das sparen an und bei den Armen hört es auf und dazwisch ........?

27.04.2017 11:22 Beobachter 30

@Hirsch: Mein Punkt ist: Für mich ist dieses Kompetenz-Portfolio nur sehr schwer verständlich (dabei habe ich einen Hochschulabschluss und bin auch sonst nicht schwer von Begriff!), ein studierter Pädagoge mag damit vielleicht etwas anfangen können, aber den meisten Eltern dürfte es ähnlich gehen wie mir. Es ist ein hoher Aufwand bei wenig Nutzen. Deshalb finde ich die Kombination klassisches Halbjahreszeugnis + regelmäßige Elterngespräche (die finden ja auch jetzt schon statt) wesentlich zielführender. Und durch den Wegfall des aufwändig auszufüllenden Kompetenz-Portfolios würden die Lehrer deutlich entlastet und man kann sich die Debatte über Kürzungen des Angebotes an den Schulen ersparen. Und noch etwas: Unter "normalen" Kindern verstehen solche, die wenig auffallen und wenig Ärger machen und dadurch oft durchs Sieb fallen bei der Zuwendung durch Lehrer, Erzieher, Eltern, ...

27.04.2017 10:54 Malocher 29

Hochschulreife gleich mit der Geburtsurkunde.
Dann klappt es auch mit dem Fachkräftemangel.

27.04.2017 10:17 Hirsch 28

@gwm:
Nein, der Meinung bin ich nicht. Das Portfolio ist verbindlich seit 3 Jahren an allen Grundschulen im Land. Es kommt also nicht zusätzlich dazu. Die Forderung ist nicht das eine durch das andere zu ersetzen, sondern, das was nicht mehr sinnvoll ist zu streichen.

27.04.2017 09:29 Hallorenkugel 27

So ein Blödsinn. Mit dem Halb(!)jahreszeugnis der 4. Klasse bewerben sich die Kinder für die weiterführenden Schulen. Wenn es die nicht gibt, wie soll das dann funktionieren? Da verzichten sie darauf in 7 Fächern eine Note auf ein Zeugnis zu bringen und fertigen stattdessen aufwendige Portfolios an. Da werden mittlerweile sogar schon die Lern- und Sozialverhaltensnoten gestrichen. Schule hat einen Bildungsauftrag, die Kinder sollen Bildung erhalten. Jetzt wird diskutiert, die Öffnungszeiten auf 5 Stunden zu kürzen. Wo bleibt da die Bildungsebene? Mit mehr Lehrern, aber auch mehr Schüler pro Klasse, mit mehr Integration und Inklusion, aber weniger Stunden für Bildung, man erkläre mir da bitte die Logik für bessere Bildungspolitik. Das stärkt nur eins, die Schaffung von privaten Schulen. Denn eins ist klar, Bildung kostet Geld und das muss man investieren in die Zukunft unserer Kinder. Das ist kein Bildungskonzept, das ist ein Bildungsdesaster.

27.04.2017 09:16 gwm 26

@ 21 Hirsch
Sie sind offensichtlich der Meinung , ein individuelles
Kompetenzportefolio schreibt sich von allein und entlastet die Lehrer. Da macht ein Halbjahreszeugnis
wohl weniger Aufwand.