Reporter Florian Leue mit Cui und Shang.
Reporter Florian Leue mit den Architekturstudenten Cui und Shang. Bildrechte: MDR/Patrick Eicke

Volo-Blog "Wahlfahrt" Dessau-Roßlau: Ein Gefühl von (Un-)Sicherheit

Laut Kriminalstatistik der Polizei gehört Dessau-Roßlau zu den gefährlichsten Orten in Sachsen-Anhalt. Aber zwischen statistischen Erhebungen und dem persönlichen Empfinden können Welten liegen. MDR-Volontäre waren deshalb vor Ort und wollten von dem Menschen wissen, wie sicher sie sich in der Stadt fühlen. Vor der Bundestagswahl reisen die Reporter durch Sachsen-Anhalt und widmen sich täglich einem Thema. Heute: Sicherheit.

von Florian Leue, MDR SACHSEN-ANHALT

Reporter Florian Leue mit Cui und Shang.
Reporter Florian Leue mit den Architekturstudenten Cui und Shang. Bildrechte: MDR/Patrick Eicke

Geht man rein von den Zahlen aus, dann gehört Dessau-Roßlau zu den gefährlichsten Orten in Sachsen-Anhalt. Nach Zahlen der Kriminalstatistik der Polizei kommen hier auf 100.000 Einwohner 11.288 registrierte Straftaten. Nur Magdeburg und Halle weisen im Bundesland höhere Zahlen auf. Wie sicher fühlen sich also die Bürger auf der Straße?

Klaviatur von Angst und Gewalt

Steffen Andersch vom Projekt "GegenPart"
Andersch: Die Gesellschaft ist polarisiert. Bildrechte: MDR/Florian Leue

Um darauf eine erste Antwort zu bekommen, sind wir am Morgen mit Steffen Andersch verabredet. Er arbeitet beim Projekt "GegenPart", das sich gegen Rechtsextremismus engagiert. Fremdenhass und rassistische Übergriffe haben in Sachsen-Anhalt in den vergangenen Jahren immer weiter zugenommen. Auch Andersch berichtet von einem "exorbitanten Anstieg" rassistischer Mobilisierung in Dessau-Roßlau, vor allem, seitdem das Thema Flüchtlinge präsenter geworden ist. Ob die Menschen sich dadurch unsicherer fühlen, kann er nicht einschätzen. Aber für ihn steht fest, dass ein "Klima von Angst und Verunsicherung" herrsche, das die Gesellschaft polarisiere. In seinen Augen profitieren gerade im Wahlkampf die Gruppen davon, die auf der "Klaviatur von Angst und Gewalt" spielten. Um dem entgegenzuwirken, sind nach Steffen Andersch "alle gefragt: "Staat, Polizei und Zivilgesellschaft".

Dessau-Roßlau in den Medien

Gerade Dessau-Roßlau ist in letzter Zeit vermehrt in den Schlagzeilen aufgetaucht. Die Vergewaltigung einer Frau oder auch der Mord an einer chinesischen Studentin erregten große Aufmerksamkeit. Um zu erfahren, ob sich die Menschen auf der Straße dadurch unsicherer fühlen, fahren wir in die Innenstadt. Zu unserer Überraschung ist Sicherheit zwar ein Thema für die Passanten, mit denen wir sprechen. Allerdings weit weniger ausgeprägt, als wir es uns vorgestellt haben.

Carolin Reichert gibt zu, dass es Brennpunkte in der Stadt gibt und sie beruhigter sei, wenn sie mit dem Auto fahren kann. Als Ergebnis der Bundestagswahl erhofft sich die junge Frau, dass es mehr Polizeikräfte und verstärkte Videoüberwachung geben wird. Sie selbst hat kein Problem, einen Teil ihrer Privatsphäre für Sicherheit aufzugeben, denn "heute sind ja eh alle aktiv in Sozialen Medien". Schlechte Erfahrungen mit Gewalt oder Kriminalität hat Carolin Reichert persönlich jedoch noch keine gemacht. Sie glaubt, dass ein Gefühl von Unsicherheit eher durch die mediale Berichterstattung befeuert wird.

Soziale Gerechtigkeit statt Kriminalität

NPD-Wahlplakat für die Bundestagswahl 2017
Zugespitzt: das Thema Kriminalität von Flüchtlingen Bildrechte: MDR/Florian Leue

Die gleiche Ansicht hat ein anderer Passant, der sich in Dessau-Roßlau überhaupt nicht unsicher fühlt. Für ihn ist gerade das Thema Kriminalität von Flüchtlingen "von den Medien zugespitzt". Er ist sich sicher, dass "die Masse an Migranten ganz andere Absichten" haben, als Gewalt- oder Sexualdelikte zu begehen. Speziell die Tatsache, dass das Thema im derzeitigen Wahlkampf eine so große Rolle spielt, findet er falsch. Für ihn wäre "soziale Gerechtigkeit wichtiger".

Als wir die Innenstadt wieder verlassen wollen, treffen wir noch auf die asiatischen Studenten Cui und Shang. Die beiden leben seit einem Jahr in Dessau-Roßlau und studieren hier Architektur. Sie wirken irritiert, als wir sie auf das Thema ansprechen: "Wir fühlen uns hier sehr sicher. Die Menschen sind auch immer sehr freundlich."

Zahlen sind keine Gefühle

Wir verlassen Dessau-Roßlau daher mit einem für uns überraschenden Fazit. Die Statistiken weisen für die Region eine hohe Kriminalität aus. Doch davon lassen sich die Menschen hier nicht verunsichern – zumindest nicht diejenigen, mit denen wir gesprochen haben. Sicherheit ist für sie ein Thema, aber keines, von dem sie ihr Leben zu sehr beeinflussen lassen wollen.

Mehr zum Thema

Quelle: MDR/mp

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 20. September 2017 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 20. September 2017, 21:20 Uhr

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8 Kommentare

23.09.2017 09:41 Ekkehard Kohfeld 8

Nachtrag @ Irmela mensah-Schramm 6
Hass-Kriminalität'!''##Oder meinen sie damit den Rassismus und Hass gegen Anders denkende Teile des eigen Volkes so wie die Nazis gegen die Juden die ja auch Teile des Volkes wahren meinten sie das?Die dann nieder geprügelt wurden so wie das die sogenannten linken Chaoten schon wieder mit Pegida und AFD Leuten machen meinten sie das damit?

22.09.2017 16:43 Ekkehard Kohfeld 7

Irmela mensah-Schramm 6
Noch ein Nachtrag zu @ Volkmar:
Zur Erinnerung:
Wo immer auch viele Menschen sind, gibt es auch
vielleicht mehr Kriminalität,- eben auch bei Deutschen, nicht selten jene unübersehbare 'Hass-Kriminalität'!''##Ach schaut mal unser selbst ernannt Flintenfrau bitte was ist Hasskriminalität das nieder prügeln von friedlichen Demonstranten von den linken Chaoten meinen sie wohl und das von ihnen praktizierte bepinseln oder über sprühen von anderer Leute,s Eigentum denke ich.

21.09.2017 17:38 Irmela mensah-Schramm 6

Noch ein Nachtrag zu @ Volkmar:
Zur Erinnerung:
Wo immer auch viele Menschen sind, gibt es auch
vielleicht mehr Kriminalität,- eben auch bei Deutschen, nicht selten jene unübersehbare 'Hass-Kriminalität'!
Wenn aber in Kreisen der Deutschen (besorgten BürgerInnen) die Auffassung besteht, - und schon zu hören war - dass nur Deutsche kriminell sein dürfen und nicht die Ausländer, so kann man nur sagen: weit gefehlt...........

21.09.2017 17:29 Irmela Mensah-Schramm 5

Allein der Bahnhof in Rosslau, ha es in sich: rundherum mit einer Selbstverständlichkeit Nazipropaganda über Nazipropaganda.
Man sollte sich vor Augen führen, dass allein die Duldung (und Ignoranz) demgegenüber der Gewöhnung Vorschub leistet.

21.09.2017 10:18 Volkmar 4

Also das das Thema Flüchtlingskriminalität durch die Medien zugespitzt dargestellt wird, dass kann ich so nicht stehen lassen. Fakt ist das nach der Invasion 2015, also nach der Einladung Merkels ,die Kriminalität zugenommen hat und zwar in erheblichen Ausmaß , wie ich es in meinem Leben bisher noch nie wahrgenommen habe. Was die Medien betrifft, so haben die eher zurückhaltend berichtet.

21.09.2017 09:02 Ureinwohner 3

" Steffen Andersch ,Carolin Reichert,ein anderer Passant und die asiatischen Studenten Cui und Shang. Laut Kriminalstatistik der Polizei gehört Dessau-Roßlau zu den gefährlichsten Orten in Sachsen-Anhalt. Aber zwischen statistischen Erhebungen und dem persönlichen Empfinden können Welten liegen. MDR-Volontäre waren deshalb vor Ort und wollten von dem Menschen wissen, wie sicher sie sich in der Stadt fühlen." Dazu haben sie 5 Personen befragt.Toll! Ganz tolle Statistik ! !

21.09.2017 07:50 REXt 2

Wieder ein schöner Bericht zum einlullen, fast täglich!!!! wird in DE eine Frau vergewaltigt,Vergewaltigungen in Bayern sind um"nur" 50% angestiegen( in anderen BL bestimmt ähnlich), aber das beunruhigt ja nicht mal unsere Kanzlerin, ja nicht verallgemeinern, dazu noch die Beschreibung der Täter u. schon braucht man sich nicht beunruhigen? Für wie blöd hält man die Wählerschaft?????? Ganze Straßenzüge in Städten werden von der Polizei als unsicher bezeichnet, aber die Bürgermeister empfinden das nicht so! Dann klappt ja die" Volksverblödung "perfekt!

20.09.2017 21:51 Fakten-Jack 1

Nach Lesen des Artikels ist mir klar was postfaktische Zeiten sind.
Es gibt eine Statistik (Fakten), von der sicher keiner behaupten will, das dort Unsinn erfaßt wurde, sondern eben Straftaten.
Dann geht es auf die Straße und außer einem ""exorbitanten Anstieg" rassistischer Mobilisierung" scheint alles friedlich zu sein.
Postfaktisch eben.
Alles andere ist "von den Medien zugespitzt".
Genau!
Zahlen sind keine Gefühle.
Welch ein Trost, Gefühle lassen sich bekanntlich auch besser beinflussen als dumme Statistiken.
Leben ist schön, schöner leben ist besser - danke Professor Pelikan.

ANMERKUNG MDR SACHSEN-ANHALT:
Die Fakten werden im Artikel auch genannt. Ansonsten soll in diesem Artikel die Stimmung, also die subjektive Sicht Einzelner, zum Leben in Dessau abgebildet werden. Postfaktisch wäre die Behauptung, dass die Zahlen nicht stimmen können, weil das Gefühl ein anderes ist. Das passiert aber nicht.