Ein Warnschild mit der Aufschrift - Freiwillig 30 km – wegen uns!!
In Hedersleben werden nur noch Grundschüler unterrichtet – alle anderen Kinder müssen nach Quedlinburg oder Gröningen. Bildrechte: MDR/Patrick Eicke

Volo-Blog "Wahlfahrt" "Kinder waren genug da!"

Die Nachricht kommt eine Woche vor Ende des Schuljahrs: Die evangelische Sekundarschule in Hedersleben im Harz wird ihre Türen nicht mehr öffnen. Das war vor einem Jahr und hat bei vielen Eltern für Protest, aber auch für Resignation gesorgt. MDR-Volontäre waren vor Ort. Bis Sonntag widmen die Reporter sich auf ihrer Reise durch Sachsen-Anhalt täglich einem Thema. Heute: Bildung.

von Patrick Eicke, MDR SACHSEN-ANHALT

Ein Warnschild mit der Aufschrift - Freiwillig 30 km – wegen uns!!
In Hedersleben werden nur noch Grundschüler unterrichtet – alle anderen Kinder müssen nach Quedlinburg oder Gröningen. Bildrechte: MDR/Patrick Eicke

Das Gemeindehaus in Hedersleben im Harz liegt wie ausgestorben da. Das Büro der Bürgermeisterin ist geschlossen – Sprechstunde ist nur dienstags, die Treppe zur Kegelbahn ist verwaist und auch sonst rührt sich in dem alten Gebäude nichts.

Das leerstehende Schulgebäude in Hedersleben.
In diesem Gebäude waren bis 2016 die Grundschule und die private Sekundarschule zusammen untergebracht. Seit dem steht es halb leer. Bildrechte: MDR/Patrick Eicke

Doch wenn man genau hinhört, lassen die dicken Wände doch etwas durch: Kinderrufe und Getrappel aus der Sporthalle, die ebenfalls im Hederslebener Hof liegt.

"Das sind aber nur die Grundschulkinder", erklärt Frau Hartung von der Gemeinde. Sie hat uns in den Aufenthaltsraum des Gemeindehauses gelassen und berichtet, wie es zur Schließung der privaten Sekundarschule im Ort kam: "Eine Woche vor Ende des Schuljahres haben die Eltern Bescheid bekommen." Für circa 90 Kinder zwischen fünfter und zehnter Klasse mussten sie dann eine neue Schule finden.

Acht-Stunden-Tag für Zehnjährige

Ein Gebäude mit der Aufschrift Hederslebener Hof.
Im Hederslebener Hof sitzt Frau Hartung von der Gemeinde. Bildrechte: MDR/Patrick Eicke

"Ab der fünften Klasse müssen die Kinder nun mit dem Bus nach Quedlinburg oder Gröningen fahren." Und der Bus fährt schon um 6:30 Uhr und bringt die Kinder zu 16 Uhr zurück. Ein ganzer Arbeitstag also für Schüler, die zum Teil gerade mal zehn oder elf Jahre alt sind. "Und da haben sie ja noch nicht mal Hausaufgaben gemacht", meint Frau Hartung.

Warum die Privatschule schließen muss, kann sie auch gar nicht nachvollziehen: "Kinder waren genug da!" Als Begründung war damals Lehrermangel angegeben worden. Eltern versuchten, sich dagegen zu wehren und klagten, scheiterten aber sowohl am Verwaltungs- als auch am Amtsgericht. Es liege im Wesen einer Privatschule, dass der Träger über Öffnung oder Schließung entscheiden könne.

Geld fehlt nicht nur Schulen

Das Ortseingangsschild von Hedersleben, Landkreis Harz.
In Hedersleben wünscht man sich mehr Engagement zum Thema Bildung. Bildrechte: MDR/Patrick Eicke

Vom Protest abgehalten hat das trotzdem nicht. "Ja, das war ziemlich groß, wie ich das damals mitbekommen habe", berichtet Steffi Rohde. Sie arbeitet an der Hederslebener Kita und hat das Streichen des Bauwagens für ein kurzes Gespräch unterbrochen. Ihr Sohn ist noch im Kindergartenalter, deswegen habe sie die Schulschließung bisher noch nicht betroffen. Aber wenn er größer ist, "muss er dann wohl auch nach Quedlinburg".

Rohde würde sich von der Politik wieder mehr Einsatz und Gelder beim Thema Bildung wünschen. Nicht nur für Schulen, sondern natürlich auch für Kitas. In Hedersleben haben sie einen Förderverein gegründet, um Anschaffungen für die Kinder zu finanzieren. So konnten sie Mittel für neues Spielgerät und auch für einen neuen Zaun sammeln.

"Wir investieren in unsere Zukunft zu wenig!"

Am Mittag herrscht Betrieb auf dem Schulhof der Hederslebener Grundschule. Nach dem Ethik-Unterricht können die Kinder draußen spielen, bis der Bus kommt und sie zurück nach Hause bringt. Die Grundschule ist nämlich für Kinder aus fünf verschiedenen Orten da. Das bringt aber auch Besonderheiten mit sich.

Eine Lehrerin (hinter dem Reporter stehend) spricht mit einem Reporter.
Während die Schüler spielen, unterhält sich diese Lehrerin mit uns. Erkannt werden möchte sie aber nicht. Bildrechte: MDR/Patrick Eicke

"Der Unterricht muss sich nach den Abfahrtzeiten der Busse richten. Und wenn der Bus zu spät kommt, fängt der Unterricht später an", erklärt uns eine Lehrerin. Auf die Frage, ob die Unterstützung aus der Politik denn ausreiche, erwidert sie nur ein schiefes Lächeln. Die Privatschule hat wegen Lehrermangels geschlossen, bei der Grundschule sieht das Amt den Bedarf aber abgedeckt.

Für sie nicht nachvollziehbar. Es gebe sieben Lehrer und eine pädagogische Mitarbeiterin für 117 Kinder. Besonders bezeichnend: Als wir nach einem Gesprächstermin mit dem Schulleiter fragen, erfahren wir, dass der gleichzeitig auch als Klassenlehrer arbeiten muss. "Wir investieren in unsere Zukunft zu wenig", sagt die Lehrerin.

Kleiner Hoffnungsschimmer für die Kleinen

Dieser Kritik kann Frau Hartung aus dem Gemeindehaus nur beipflichten. Es brauche einfach auf allen Ebenen mehr Investitionen, vor allem ins Personal: "Bildung geht im Wahlkampf unter. Man müsste einfach mehr für die Kinder machen. Ob es die Kita ist oder die Schule."

Zumindest einen kleinen Erfolg können die Hederslebener verzeichnen: Die Grundschule bekommt einen Neubau. 1977 war das Gebäude gebaut worden. Sanierungen hat es in der Zwischenzeit kaum gegeben, weswegen sich es mehr lohnt, ein neues Gebäude zu bauen als das alte zu restaurieren. Im Oktober wird der Grundstein gelegt, der Umzug soll im kommenden Jahr stattfinden. Also gibt es zumindest über Umwege eine positive Nachricht in Sachen Bildung in Hedersleben.

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Quelle: MDR/mp

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 20. September 2017 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 21. September 2017, 21:25 Uhr

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1 Kommentar

22.09.2017 16:47 Hannchen 1

Hinweis an die Redaktion. Man merkt erst auf den 2. Blick, welches Hedersleben gemeint ist. In Sachsen-Anhalt gibt's noch eins im Landkreis MSH. Auch in den MDR Nachrichten im Fernsehen ist mitunter nur von Hedersleben die Rede. Der Zusatz des Landkreises wäre nicht verkehrt. Danke.

Anmerkung MDR SACHSEN-ANHALT
Vielen Dank für den Hinweis. Wir fügen das sofort hinzu.