Wolfgang Böhmer im Interview
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ministerpräsident a. D. zur Wiedervereinigung Böhmer: Ostdeutsche manchmal irrational empfindlich

Vor 27 Jahren hat sich Deutschland wiedervereint, Unterschiede zwischen Ost-West gibt es nach wie vor. Laut dem ehemaligen Ministerpräsidenten Sachsen-Anhalts, Wolfgang Böhmer,gehört das zu einem förderalistischen Staat dazu: "Mehr Freiheit bedeutet mehr Eigenverantwortung". Die Unterschiede lägen unter anderem in der Einstellung, so Böhmer.

Wolfgang Böhmer im Interview
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Der frühere Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, Wolfgang Böhmer (CDU), hat die Ostdeutschen zu mehr Eigenverantwortung aufgerufen. Böhmer sagte MDR SACHSEN-ANHALT, die DDR-Bürger seien 1990 "überwiegend für die Wiedervereinigung" gewesen. Aber "die meisten kannten den Westen nur aus dem Fernsehen. Das heißt, wir kannten die Schokoladenseiten. Wir kannten den Intershop und wussten, was man sich für gutes Geld kaufen kann. Was das auch für Konsequenzen haben würde, wussten wir damals nicht." Und die Politik habe ihnen klar gemacht, dass "Demokratie und Freiheit auch mit Nachteilen verbunden" sind.

Wir alle wollten mehr Freiheit, aber kaum jemand hat gewusst, dass das auch mehr Eigenverantwortung bedeutet und mehr Risiken im Leben, die gesteuert werden müssen. Das sind alles Sachen, die wir erst in den letzten Jahren lernen mussten. Und nicht allen gefällt das, und manche haben auch einen berechtigten Grund zur Klage. Ein demokratisches System hat auch Defizite. Das muss man ganz nüchtern sagen. Und damit müssen wir uns jetzt abfinden.

Wolfgang Böhmer, Ministerpräsident a. D.

Böhmer hielt den Ostdeutschen vor, zu sehr auf ihre eigenen Angelegenheiten zu schauen. Sie hätten "nach wie vor ein Problem damit, einen föderalistischen Staat mit inneren Unterschieden zu akzeptieren". In der DDR hätten sie "den Begriff Föderalismus bestenfalls nur aus einem Wörterbuch" gekannt. "Und heute leiden wir darunter, dass es noch nicht so ist wie im Westen. Obwohl der Unterschied zwischen Nord- und Süddeutschland in manchen Gebieten noch größer ist. Die Leute in Westdeutschland, die in föderalistischen Strukturen groß geworden sind, die leiden nicht darunter. Ich habe noch nicht gehört, dass jemand im Oldenburgischen klagt, dass die Löhne nicht so hoch sind wie in Bayern. Aber bei uns ist das ein Grund zur Klage."

Angst der Benachteiligung in Ostdeutschland weit verbreitet

Böhmer sagte, die ablehnende Haltung gegenüber Flüchtlingen gerade in Ostdeutschland könne er sich auch nicht erklären. Möglicherweise stecke dahinter die Einstellung: "Wir sind auf Hilfe angewiesen von Westdeutschland. Und die Flüchtlinge sind es auch. Und jetzt existiert eine gewisse Angst, dass wir zu kurz kommen. Ich halte das alles nicht für gerechtfertigt. Aber ich muss es zur Kenntnis nehmen, dass viele Menschen so denken. Ich muss mir immer anhören: Ihr habt kein Geld für die Infrastruktur. Da werden Bahnen stillgelegt, da werden Schulen geschlossen. Aber die Flüchtlinge bekommen die gleichen Leistungen wie die Hartz-4-Empfänger. Das ist zwar nicht alles ganz korrekt. Aber das ist die öffentliche Meinung. Und darüber müssen wir mehr sprechen."

Wolfgang Böhmer
Böhmer sieht im Osten eine große Sorge vor Benachteiligung. Bildrechte: IMAGO

Wolfgang Böhmer wies die Vorwürfe gegenüber den Ostdeutschen zurück, sie seien undankbar. Das sei ihm zu "einfach". Böhmer sagte, es handele sich "eher um eine Haltung, die ich eher als eine Sorge vor Benachteiligung interpretieren würde. Wenn es darum geht, dass die Renten bei uns angeglichen werden sollen, dann weiß jeder, das kostet die Steuerzahler in Westdeutschland zusätzlich etwa sechs Milliarden pro Jahr. Da haben wir keine Hemmungen, das zu fordern. Aber wenn die anderen etwas bekommen, das eventuell dazu führen könnte, dass es bei uns vielleicht etwas weniger gibt, obwohl das noch nicht der Fall war, dann haben wir Sorge, dass wir zu kurz kommen. Das ist schon eine etwas irrationale Empfindlichkeit." 

Meinungsdiskrepanzen gehören zur Demokratie

Zu den Ergebnissen der Bundestagswahl sagte der frühere Ministerpräsident, zwischen Ost- und Westdeutschland könne er "keinen neuen Riss" feststellen. "Deutschland wird immer gespalten bleiben, solange wir Demokratie und Freiheit haben wollen. Das gehört dazu. Dass wir alle der gleichen Meinung sind, das haben wir zum Glück überwunden." Die Ostdeutschen müssten lernen, damit zu leben, dass die anderen nicht die eigene Meinung teilen. Jeder könne sagen, wie ihm zumute ist, und müsse nicht an seiner eigenen Meinung ersticken. "Aber wir müssen auch deutlich machen, dass es Sachzusammenhänge gibt, die notwendig sind, wenn wir das Zusammenleben ordentlich organisieren wollen. Wir müssen mehr Sachpolitik betreiben. Die Probleme, die wir haben, müssen wir auch benennen. Wir sollten nicht versuchen, sie dadurch zu lösen, dass wir uns gegenseitig vorwerfen, die anderen wären daran schuld."

Prof. Dr. Wolfgang Böhmer Wolfgang Böhmer ist am 27. Januar 1936 in Dürrhennersdorf (Oberlausitz) geboren. Er erlebte die Entstehung und das Ende der DDR mit. Von 2002 bis 2011 war er Ministerpräsident des Landes Sachsen-Anhalt bis er in den Ruhestand ging. Seine politische Karriere erstreckt sich über 21 Jahre, in denen er unter anderem CDU-Landesvorsitzender und Präsident des Bundesrates war. Vor dem politischen Werdegang war Wolfgang Böhmer als Arzt und Chefarzt tätig.

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Quelle: MDR/pat

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 02. Oktober 2017 | 12:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 02. Oktober 2017, 13:58 Uhr

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128 Kommentare

04.10.2017 13:56 böse-zunge 128

Herr Prof. war
im Kabinett Münch Fin-Minister,
im Kabinett BBergner Min f. Arbeit und Soziales und
nach Höppner bis 2011 MP.
Was er da alles getan und gelassen hat - kann man bei Interesse, nachprüfen.
Jetzt, nach soviel Tun - und noch mehr Lassen ... so zu reden, wie er es tat, ist billig. Aber auch Recht?
Für wie däm... pardon vergesslich werden wir eigentlich gehalten??

04.10.2017 11:58 Kurt 127

Die Analyse des MP a.D. Böhmer ist ausgeglichen und zutreffend zugleich. Eigentlich müsste sich niemand auf den Schlips getreten fühlen und jeder könnte einmal in ruhe nachdenken, ob er nicht selbst durch seine Worte und Handlungen zur Teilung unseres Landes beiträgt. Statt dessen liest man hier Trumpschen Unsinn wie von Anne (101), dass man zu oft auf der Würde der Ostdeutschen herumgetrampelt ist und man sich diese jetzt zurückholt. Für mich ist das pathetisches Gerede ohne Inhalt!

Vielleicht sollte man einfach einmal anerkennen, dass wir nun in Freiheit leben. Diese Freiheit bringt Chancen und Risiken mit sich. Es ist dumm so zu tun, als wären Ostdeutsche generell Wendeverlierer. Viele Menschen haben es zu großem Wohlstand gebracht. Auch dass uns der Westen nach der Wende über Jahrzehnte finanziell unterstützt hat ist eine historische Tatsache. Es ist unverschämt so zu tun, als wäre der Aufbau Ost alleine durch den Konsum der Ostdeutschen finanziert worden.

04.10.2017 11:09 Mediator 126

Herr Böhmer hat klug die Situation und Befindlichkeiten zur Zeit der Wiedervereinigung und heute beschrieben.

Vor allem den Begriff der "irrationalen Empfindlichkeit" finde ich sehr treffend. Gerne wird von fehlender Gerechtigkeit bei der Rente gesprochen, obwohl das Rentenniveau in Ost und West kontinuierlich angeglichen und die Lücke immer kleiner wird. Worüber kein Mensch im Osten redet ist, dass aktuell jeder Arbeitnehmer im Osten 15% mehr Rentenpunkte gutgeschrieben bekommt als sein Kollege im Westen. Dies wird als selbstverständlich angesehen.

Gerne wird auf den Lohnunterschieden zwischen Ost und West herumgeritten. Dabei wird vergessen, dass in unserem Land nicht der Staat den Lohn festlegt sondern Angebot und Nachfrage oder die Tarifparteien. Bei Tariflöhnen klafft im Durchschnitt gerade noch eine 3% Lücke.

Herr Böhmer hat sehr klug festgestellt, dass es auch im Westen nicht überall gleichen Lohn für gleiche Arbeit gibt.

04.10.2017 10:38 Ullrich 125

@mare nostrum #119
Genau so ist das. Aber die Frage warum ist für viele Kommentatoren hier zu viel! Da werden viel lieber Klischees bestätigt und man bringt sich selbst in der Opferrolle.

04.10.2017 10:24 Sr.Raul 124

Im Grundsatz hat mein MP a.D. Recht. Um es vereinfacht darzustellen: Nach Einheit und DM schreien und Denken, es geht so gemütlich weiter wie inne DDR. Ein großer Irrtum, basierend auf bunten TV-Bildern, gesehener und gerochener "Intershop-Atmosphäre". Wer einst das Glück objektiv argumentierender Westverwandtschaft hatte, der fiel darauf nicht rein.

04.10.2017 09:48 Frauke Garstig 123

@112 Wie sinnfrei! Die Ossis konnten frei feiern - selten so gelacht! Klar, hinter Stacheldraht, Selbstschußanlagen, Panzersperren, Trettminen, abgerichteten Schäferhunden, unter Spitzeln und Denuzianten auf Ehrenparaden, Waffenvorführungen, Militäraufmärchen und Parteitagen? Margot und ihre Unrechtshorde hat echt einen großen Schaden in vielen Köpfen junger Menschen hinterlassen, die sich jetzt als Erwachsene um ihre Freiheit betrogen fühlen!

04.10.2017 09:14 ralf meier 122

In meinem Kommentar Nr 88 hatte ich geschrieben:
"Es drängt sich der Eindruck auf, daß Herr Böhmer hier westdeutsche Bürger gegen ostdeutsche Bürger aufhetzen will."
Mir scheint es leider so, daß diese Hetze hier in vielen Kommentaren auf fruchtbaren Boden gefallen ist. Ob das gewollt ist?
Wie heist es doch: teile und herrsche

04.10.2017 08:52 Pattel 121

Zu 112....Nachsatz: 7000 Polizisten bei der Einheitsfeier, das kennen Ossis nicht, die konnten frei Feiern.
Das stimmt so nicht ganz einfach gesagt, da waren wir total unter Kontrolle durch deine Mitmenschen von SED und Stasi IM----wenn das heist "Frei feiern"!!!!

03.10.2017 21:20 mare nostrum 120

@ 111

Ich bin bei Chemnitz geboren und werde Sie NIE verstehen, aber das ist kein Grund zur Sorge.

03.10.2017 20:12 mare nostrum 119

Ich denke, das Ossi-Wessi-Gelaber ist überholt.
Macht Auslandsreisen und die Erkenntnis, dass Deutsche Deutsche und nicht unbedingt überall gern gesehen sind! Vor allem, wenn sie typisch deutschen (Un-)Tugenden anhängen.
Ich als Ostdeutsche muss hinzufügen, dass ich Sachsen auch im Ausland auf 300 m Entfernung erkenne. [...]
Das muss doch einen Grund haben?!!