Niedriglohn Sachsen-Anhalt
Steven Schwarz träumt von einer Vollzeitstelle. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Jobs in Sachsen-Anhalt So lebt es sich im "Niedriglohn-Land"

Knapp fünf Monate vor der Bundestagswahl startet MDR SACHSEN-ANHALT eine Reportage-Serie über Menschen, die Niedriglohn verdienen und sich oft nur mit mehreren Jobs oder staatlicher Hilfe über Wasser halten können.

von Niklas Ottersbach, MDR SACHSEN-ANHALT

Niedriglohn Sachsen-Anhalt
Steven Schwarz träumt von einer Vollzeitstelle. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Steven Schwarz wuchtet eine buntgefleckte Neunziger-Jahre-Couch in einen Transporter. "Help e.V." steht auf seinem blauen Pullover. So heißt das Sozialkaufhaus in Magdeburg, für das er seit 6 Jahren arbeitet. Eigentlich hat der 29-Jährige Maler und Lackierer gelernt. Arbeiten auf dem Bau, das war nichts für ihn. Das Logistik-Geschäft dagegen schon.

Eine Familie
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Eine Familie
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Ein Knochenjob für 600 Euro im Monat

Es geht in die Plattenbau-Siedlung Leipziger Straße in Magdeburg. Dort hat ein Asylbewerber aus Afghanistan die dreiteilige Couch-Garnitur für 134 Euro bestellt. Nicht nur die Kunden vom Sozialkaufhaus leben am Existenz-Minimum, auch die Mitarbeiter. Steven Schwarz schraubt, schleppt und liefert Möbel in Magdeburg und Stendal aus. Ein Knochenjob. Dafür bekommt er 600 Euro im Monat, 320 kommen vom Sozialamt. Steven Schwarz erhält zwar Mindestlohn, 8,84 Euro pro Stunde, darf aber nur 25 Stunden die Woche arbeiten. "Durch den Mindestlohn haben sie mir die Stunden gekürzt, die mussten ja auch erstmal damit klarkommen", sagt Steven Schwarz und quetscht dabei die Couch in den Fahrstuhl. Der Mindestlohn als Vollzeit-Bremse. Zumindest für Steven Schwarz, der jetzt für den Führerschein spart. Und danach? "Hoffe ich, dass ich mehr Verantwortung bekomme und irgendwann wieder Vollzeit". Kurze Verschnaufpause. Dann geht es weiter zum nächsten Kunden nach Biederitz.

Wachsendes Dienstleistungs-Gewerbe

In Sachsen-Anhalt arbeitet jeder Dritte im Niedriglohnbereich. Auch die Einführung des Mindestlohns hat daran wenig geändert. Die niedrigen Löhne haben sich "wie eine Art Zementschicht in die regionale Wirtschaft in Sachsen-Anhalt reingefressen", sagt Arbeitsmarkt-Experte Prof. Stefan Sell von der Hochschule Koblenz. Sigrun Trognitz vom Allgemeinen Arbeitgeberverband der Wirtschaft in Sachsen-Anhalt (AVWSA) hält dagegen: "Das Problem sind nicht die geringen Löhne, sondern die vielen Jobs im Dienstleistungsgewerbe".

Sigrun Trognitz zückt eine Statistik hervor, die ihr Sorgen bereitet. In Sachsen-Anhalt gibt es derzeit 852.000 sozialversicherungspflichtige Beschäftigte. Seit 1999 ist die Anzahl der Jobs im produzierenden Gewerbe um fast 50.000 Arbeitsplätze geschrumpft, gut bezahlte Facharbeiter-Jobs. Das Wort Mindestlohn ist da kein Thema, weil sowieso mehr gezahlt wird. Gleichzeitig wächst der Dienstleistungs-Sektor von Jahr zu Jahr. Sigrun Trognitz hat die Zahl mit einem gelben Marker unterstrichen: 405.158 Arbeitnehmer. Jeder Zweite arbeitet in Sachsen-Anhalt inzwischen im Dienstleistungsgewerbe.

Arbeiten im Subunternehmen

Angela Finger ist eine von ihnen. Die Reinigungskraft aus Schönebeck hat die letzten fünf Jahre nachts Büroräume bei Thyssen Krupp geputzt. Ihr Chef hat die Löhne vor kurzem auf 9,50 Euro erhöht. Dann hat er Angela Finger entlassen. Die 55-jährige sitzt auf der Veranda vor ihrem Reihenhäuschen, dass sie sich jetzt nicht mehr leisten kann und rekapituliert die letzten Wochen. Ihr Chef hat alle Mitarbeiter in ein neues Subunternehmen ausgelagert. Angela Finger bekam einen neuen Arbeitsvertrag, weniger Urlaub und war mit einem Schlag wieder in der Probezeit. Für elf Monate.

Die langjährige Mitarbeiterin Angela Finger muss sich auf einmal wieder bewähren. Ohne Erfolg. "Mein Chef hat gesagt, in einem halben Jahr kann ich ja wieder kommen, momentan muss er sich von mir trennen".

Niedriglohn Sachsen-Anhalt
Angela Finger hat lange unterhalb ihrer Qualifikation gearbeitet. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die klassische Niedriglohn-Biografie

Beschriebe man den klassischen Niedriglohn-Empfänger, dann käme eine Biografie wie die von Angela Finger heraus. Die 55-jährige hat drei Kinder alleine großgezogen. Sie ist gelernte Verkäuferin, hat eine Umschulung zur medizinischen Dokumentations-Assistentin gemacht. In den Absagen der Praxen stand: mangelnde Berufserfahrung. Nur Praktika möglich.

Stück für Stück hat Angela Finger dann auch unterhalb ihrer Qualifikation gesucht. Erst hat sie als Kurierfahrerin gejobbt, dann stand sie 2012 vor der Wahl: Hartz IV oder putzen. Sie entschied sich für Letzteres. Immerhin 1.100 Euro netto hat sie bis zuletzt verdient. Jetzt bleibt ihr noch ein Zweitjob als Putzkraft in einem Privathaushalt. Aber damit verdient sie nur ein paar Hundert Euro im Monat. Ein Minijob, mehr nicht. Angela Finger muss jetzt wieder aufstocken.

Politiker "leben in einer anderen Welt"

Abendessen bei Familie Schwarz in Magdeburg. Stevens Frau Melanie hat Brötchen, Aufschnitt und ein paar Möhren und Gurken gedeckt. Ihre beiden Töchter sitzen mit am Tisch. Daneben steht eine Vase mit mannshohen Sonnenblumen aus Plastik.

Während Steven seine einjährige Tochter Lila auf seinem Knie balanciert, kommt er auf Politik zu sprechen, von der er sich nicht vertreten fühlt. "Ich glaube die Politiker, die leben in einer anderen Welt. Die sind noch nie draußen gewesen und haben richtig gearbeitet. Manchmal hat man dann das Gefühl, dass die ein bisschen realitätsfern sind und nur ihr Ding haben."

In vier Monaten ist Bundestagswahl. Große Hoffnung, dass sich der Arbeitsmarkt in Sachsen-Anhalt verändert, die hat Steven Schwarz zurzeit nicht. Seine Hoffnungen sind der eigene Führerschein und die Perspektive, 40 Stunden die Woche zu arbeiten. Angela Finger überlegt, einen Anwalt einzuschalten, um gegen ihre Kündigung vorzugehen. Für beide heißt die Realität bis auf weiteres: Arbeiten und aufstocken im Niedriglohnland Sachsen-Anhalt.

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 11.05.2017 | 19:00 Uhr
MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 11.05.2017 | 09.15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. Mai 2017, 05:57 Uhr

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26 Kommentare

13.05.2017 16:45 Mölle 26

Ist ja mal schön zu erfahren, das nicht nur Reguläre Arbeitgeber wegen des Mindestlohnes einem die Stunden kürzen, nein auch Sozialarbeitgeber tun das gleiche. Schönes angeblich Soziales Deutschland.

12.05.2017 12:38 Hartmut 25

Lob für den mdr dafür, dass er sich dieses Themas annimmt ! Inzwischen sind Not, Probleme und die Tatsache, dass es für die Mehrzahl der Betroffenen keinen Ausweg gibt, nicht zu übersehen. Ich habe jedoch auch nicht vergessen, dass dereinst ein Ministerpräsident "dieses Billiglohn-Landes" uns auch schon einmal einreden wollte, dass Niedriglohn auch ein Standortvorteil sein kann.

12.05.2017 11:47 wwdd 24

So langsam denke ich, steht den Flüchtlingen unsere Sozialleistungen einfach zu. Wer sich Jahrzehnte diese Politikerkaste rangewählt hat oder gar nicht erst wählen war, sollte lieber ruhig sein. Jeder bekommt das was er will.

11.05.2017 23:36 part 23

Ebenso schlimm wie Niedriglöhne sind die sogenannten Radfahrer, die bemängeln das andere Menschen ebenfalls Anspruch in einem Gängelungssystem haben, das erst Niedriglöhne hervorgebracht hat und keinerlei Alternativen bereithält der Armut zu entfliehen. Wo einfache Wertschöpfende den Großteil der Steuerlast zu tragen haben und Unternehmen, Konzerne und Kartelle sich in Abstinenz üben, da läuft grundsätzlich etwas schief. Wenn bereits der IWF für die BRD wiederholt eine Erhöhung der Vermögensabgabe fordert und mehr Inverstionen in die Infrastruktur, die durch stockkonservative Koalitionen nicht umgesetzt werden, dann braucht sich niemand mehr wundern bei Exportüberschuß und Massenverarmung im eigenen Land.

11.05.2017 22:00 Oswald 22

Ich kenne niemanden aus meinem Bekannten/Verwandtenkreis hier in S-A, der nicht im großen und ganzen jeden Tag angekotzt zur Arbeit geht..

11.05.2017 21:04 kritiker 21

@freebird: Was soll diese Hetzerei gegen deutsche Hartz IV Empfänger ! Langsam geht mir hier der Hut hoch ! Soll man den Zugewanderten erstmal das arbeiten beibringen ! Und nicht in Deutschkurse oder Integrationskurse stecken ! Und dann ist kein Geld mehr da für deutsche Hartz IV Empänger EMPÖREND ECHT!

Anmerkung MDR SACHSEN-ANHALT: Und wie verständigen sie sich dann bei der Arbeit?

11.05.2017 20:33 Barbara 20

Ja es ist der totale kapitalismus und warscheinlich muß man sich damit abfinden, viele wollten es ja so, die anderen die es nicht wollten sind die verlierer, irgend wann kommt mal noch ein Aufstand weil diese Gesellschaft nicht lebenswert ist. Bis jetzt sind aber leider, leider viele Bürger noch zu verblödet, da passiert nicht s.

11.05.2017 20:15 Barbara 19

@ 4 falsch MDR aber keinen Flüchtlingen stimmt nicht !!! man muß schon einen unterschied machen, auch wenn sie für die guten Wirtschaftsfl. sind. Mit welchem grund erhalten viele auch das gleiche Kindergeld, wo es in diesen Ländern an vieles billiger ist als bei uns in Deutschl. es ist alles eine große sauerei gegenüber unserem eigenen Volk !!!!!!!!!!!!

11.05.2017 20:02 ralf meier 18

@Freebird Nr 12. Hallo Freebird, Sie sind der erste, der hier von Biodeutschen spricht ? Warum eigentlich. Als Deutscher mit und ohne Migrationshintergrund bin ich Teil einer Sozialgemeinschaft, zu der auch diejenigen Deutschen gehören, die ihr Leben lang, warum auch immer nicht gearbeitet haben. Das kann nur solange funktionieren, wie es ein Gleichgewicht zwischen Geben und Nehmen gibt. Wenn Sie ernsthaft fordern , diese Solidargemeinschaft solle auch von Ausländern in Anspruch genommen werden können, die nicht Teil dieser Solidargemeinschaft sind, dann zerstören sie die Grundlage dieser Solidargemeinschaft.

11.05.2017 19:51 Agnostiker 17

@ 13: Qualitaet produzieren und im Ausland billig verramschen, dann kann auch die "mangelnde Inlandsnachfrage" (Armut der Lohnsklaven) lachend verschmerzt werden.

Die Politik erzeugt mit ihren "Exportweltmeister" - Meldungen bei den Doofen ein "gutes Gefuehl".
Die schnallen dann auch gerne "den Guertel enger", damit es "uns" (den Bonzen und ihren Politikern) weiterhin "so gut" geht. XD

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