Putzwagen mit Putzutensilien einer Reinigungskraft an einem Hauseingang eines Mietshauses in Berlin-Mitte am 08.08.2017
Reinigungskräfte, Möbelpacker: Viele Menschen verdienen in Teilzeitjobs zu wenig, um davon leben zu können. Bildrechte: IMAGO

Jobs in Sachsen-Anhalt So lebt es sich im "Niedriglohn-Land"

Vor der Bundestagswahl startet MDR SACHSEN-ANHALT eine Reportage-Serie über Menschen, die Niedriglohn verdienen und sich oft nur mit mehreren Jobs oder staatlicher Hilfe über Wasser halten können. Welcher Partei werden die beiden Protagonisten ihre Stimme geben? Angela Finger und Steven Schwarz haben Politiker der Parteien getroffen, denen sie Lösungen zutrauen.

Putzwagen mit Putzutensilien einer Reinigungskraft an einem Hauseingang eines Mietshauses in Berlin-Mitte am 08.08.2017
Reinigungskräfte, Möbelpacker: Viele Menschen verdienen in Teilzeitjobs zu wenig, um davon leben zu können. Bildrechte: IMAGO

Steigen mit dem Mindestlohn die Preise?

Wahlkampf in Magdeburg: Steven Schwarz und seine Frau Melanie treffen vor der Bundestagswahl am 24. September auf Eva von Angern von der Partei Die Linke. Niedriglohn ist das Kernthema der Linken, trotzdem traut Möbelpacker Steven der Partei nicht so viel zu. Der Möbelpacker schwankt zwischen CDU und Linkspartei. "Vom Programm her würde ich die Linke wählen, ich traue denen aber einfach nicht so viel zu. Und die CDU mit Kanzlerin Merkel, der traue ich das einfach eher zu", erzählt Schwarz MDR SACHSEN-ANHALT vor den Treffen mit den Politikern. Schwarz ist 29 Jahre alt und gelernter Maler und Lackierer. Er arbeitet im Sozialkaufhaus Help und verdient 900 Euro im Monat.

Steven Schwarz und seine Frau Melanie treffen auf Eva von Angern von der Partei Die Linke.
Steven Schwarz und seine Frau Melanie im Gespräch mit Eva von Angern. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Linke fordert 12 Euro Mindestlohn. Steven Schwarz bezweifelt, dass er damit am Ende wirklich mehr Geld in der Tasche hat. "Wenn die Bevölkerung 12 Euro Mindestlohn hat, dann wird die Milch teurer, alles andere wird teurer, die Mieten werden teurer, Teilzeit wird wahrscheinlich wieder mehr, das muss ja auch irgendwo finanziert werden", gibt er im Gespräch mit der Linken-Politikerin zu bedenken.

Eva von Angern ist die Direktkandidatin der Linken im Wahlkreis Magdeburg und steht auf Platz fünf der Landesliste für die Bundestagswahl.  Für sie ist zentral, wieviel Geld man tatsächlich zum Ausgeben hat. "Die Lebenserhaltungskosten steigen eh, das können sie im statistischen Landesamt nachgucken. Die Frage ist doch, wieviel Geld sie in der Tasche haben. Es gibt keine Alternative dazu, als dass sie am Ende des Monats mehr Einkommen haben. Nur dadurch erarbeiten sie sich höhere Rentenpunkte", argumentiert die Politikerin.

Das Programm der Linken: Steven ist angetan, aber immer noch nicht überzeugt.

Was steht in den Wahlprogrammen zum Mindeslohn?

Ist ein Mindestlohn zwischen 12 und 15 Euro machbar?

Angela Finger im Gespärch mit SPD-Kandidaten Burkhard Lischka (nicht im Bild).
Angela Finger hat einen Minijob und bezieht aufstockend Harz IV. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In Schönebeck wirbt die SPD um Stimmen. Angela Finger ist 55 Jahre alt und arbeitet als Reinigungskraft. Mit ihrem Minijob und Hartz IV bekommt sie 700 Euro im Monat.

Finger hat die Sozialdemokraten schon öfter gewählt. Geändert hat sich an ihrer Situation wenig. Sie erzählt MDR SACHSEN-ANHALT: "Ich traue der SPD zu, dass sich ein bisschen was ändert. Vielleicht auch der FDP. Ich weiß es nicht so genau." Für sie ist die Frage beim Thema Mindestlohn: Geht da noch mehr? Antworten erhofft sie sich von SPD-Kandidat Burkhard Lischka. Lischka ist Spitzenkandidat und Vorsitzender der SPD in Sachsen-Anhalt und ist Bundestagsabgeordneter.

SPD-Kandidat Burkhard Lischka
Für den SPD-Politiker Burkhard Lischka sind bessere Löhne oberhalb des Mindestlohns wichtig. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Finger findet, dass neun Euro schon nicht schlecht sind. "Aber gerade wenn man alleinerziehend ist, ist das auch zu wenig." Wenigstens zwischen 12 und 15 Euro sollte der Lohn liegen. "Aber ich weiß nicht, ob das machbar ist."

Für Lischka ist viel wichtiger als ein höherer Mindestlohn, dass mehr Arbeitsstellen an Tarife gebunden sind. "Ich glaube viel wichtiger ist, dass Gewerkschaften und Arbeitgeber dafür sorgen, dass oberhalb des Mindestlohns wieder bessere Löhne zustande kommen."

Ist die Arbeitslosigkeit in Wirklichkeit höher?

Zurück in Magdeburg. Die CDU hat bei Steven Schwarz einen großen Merkel-Bonus. Kann ihn auch Direktkandidat Tino Sorge überzeugen? Sorge sitzt seit 2013 im Bundestag und wurde im Wahlkreis Magdeburg direkt gewählt.

Steven Schwarz (re.) im Gespräch mit Tino Sorge von der CDU
Der CDU-Politiker Tino Sorge (li.) ist seit 2013 Bundestagsmitglied. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die beiden sind schnell beim "DU". Aber beim Thema CDU-Thema Vollbeschäftigung kennt Aufstocker Steven Schwarz eine andere Realität. Für Sorge stellt sich die Arbeitslage recht positiv da: "Es geht also darum, dass du einen Job bekommst. Möglichkeiten gibt es genug, die Arbeitslosigkeit ist halbiert worden, seit 2005."

Steven Schwarz misstraut jedoch der Statistik. "Ich hab gelesen: 2,5 Millionen Arbeitslose gibt es im Moment. Diese Zahl wird ja auch ein bisschen versteckt. Eigentlich sind es 3,5 Millionen, weil viele Leute einfach in irgendwelchen Maßnahmen stecken, Minijob haben."

Steven Schwarz steht an einer Straße in Magdeburg.
Steven Schwarz gibt die Arbeitslosigkeit zu denken. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Sorge kennt das Problem. "Natürlich ist Statistik immer das eine, aber was den Einzelnen interessiert, ist ja nicht irgendeine Statistik." Für den CDU-Politiker ist aber etwas anderes ausschlaggebend: "Wichtig ist: In den letzten Jahren sind einfach viele gute Arbeitsplätze entstanden."

CDU oder die Linke? Nachdem Steven Schwarz beide Direktkandidaten getroffen hat, kann er beiden Parteien auch etwas abgewinnen. Er findet beide Kandidaten sympathisch, muss sich ihre Positionen aber noch einmal durch den Kopf gehen lassen, bevor er sich entscheiden kann.

Sind neun Euro Mindestlohn zu wenig?

Auf dem Marktplatz von Barby im Salzlandkreis baut der ehemalige Finanzminister von Sachsen-Anhalt einen Stand für seine Partei auf. Karl-Heinz Paqué will mit der FDP zurück in den Bundestag. Bis 2013 waren die Freien Demokraten im Bundestag vertreten, dann scheiterten sie an der Fünf-Prozent-Hürde. Der heutige Universitätsprofessor schaut vor allem auf die Arbeitgeber – nun lernt er mit Angela Finger die andere Seite kennen.

Angela Finger (l.) mit Karl-Heinz Paqué
Angela Finger (l.) trifft auf den FDP-Politiker Karl-Heinz Paqué. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ihre Frage ist sehr konkret: "Wie stehen Sie zum Mindestlohn? Der beträgt ja derzeit knapp neun Euro. Ich finde das ist zu wenig." Paqué hält dagegen: "Wenn der Bäcker in Barby einen Mindestlohn von 12 Euro zahlen muss, das wird für die extrem schwierig." Ihm ist wichtig, dass man die Arbeitgeber entlastet. "Wenn Sie hier mit Mittelständlern reden, das ist eine Katastrophe. Übrigens auch im Zusammenhang mit dem Mindestlohn. Es werden unglaublich viele Kontrollen gemacht, es muss unglaublich viel Papierkram ausgefüllt werden. Das sagen ihnen alle Arbeitgeber, mit denen wir sprechen. Für die müssen wir etwas tun"

Karl-Heinz Paqué bleibt dabei: Erst die Arbeitgeber, dann die Arbeitnehmer. Angela Finger hilft das nicht weiter. "So richtig überzeugt haben mich alle beide nicht. Man muss schauen, was die Zukunft bringt, was sie so verwirklichen können – ein bisschen."

Reinigungsfrau Angela Finger und Möbelpacker Steven Schwarz: Er hat sich von beiden überzeugen lassen, sie von keinem der Politiker: Am Ende gilt für beide – sie gehen wählen, wissen aber noch nicht wen.

Videos

Quelle: MDR/mp

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 11. September 2017 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 11. September 2017, 11:58 Uhr

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58 Kommentare

15.09.2017 12:03 Klaus 58

{ K. Morasch 55 }
Aber das ist doch für jeden Menschen normal. Jeder kauft doch seine Brötchen dort, wo er diese bei hinreichender Qualität am günstigsten bekommt. Ich habe in meinem Leben höchstens mal temporär für einen niedrigen Lohn gearbeitet. Parallel dazu habe ich andere Wege erforscht und bei nächster Gelegenheit einen Spurwechsel vorgenommen. Anders funktioniert das nicht. Wer sich nicht engagiert, der bleibt stehen, bzw. fällt sogar meistens zurück. Das ist mit wenigen Ausnahmen auf der ganzen Welt in jeder Gesellschaft so.

15.09.2017 11:55 Klaus 57

{ Bernd Lohse 56 }
Ich denke, dass Sie die Realität nicht verstehen. Es geht nicht um eine organisierte großangelegte Handlung, sondern um die konsequente individuelle Lebensplanung die die Eigeninteressen hinreichend berücksichtigen. Niedriglöhne gibt es doch nur deswegen, weil sich genügend Leute finden, die dafür arbeiten. Es steht doch jedem frei für sich den besten Weg zu gehen. Wenn sich nicht mehr genügend Arbeitnehmer für einen notwendigen Bereich finden, dann steigen die Gehälter automatisch. Ich bin sowohl Angestellter als auch Unternehmer. Wenn ich für den Bau meiner Häuser für das kalkulierte Geld keine Handwerker mehr finde, muss ich mehr zahlen. Das ist eine ganz einfache Sache. Biete ich zu wenig, werden meine Häuser nicht fertig und ich habe keine Einnahmen. In anderen Bereichen funktioniert das genau so. Das hat mit der Politik nichts zu tun.

15.09.2017 08:21 Bernd Lohse 56

@Klaus: Ich komme nicht umhin, Ihnen eine gewisse Naivität zu attestieren. Das ist übrigens noch die wohlwollende Unterstellung.

Sie sind also ernsthaft der Auffassung, dass bspw. tausende Kranken- und Altenpfleger, Rettungsassistenten oder Feuerwehrleute ihrer Leistung und Verantwortung angemessen bezahlt werden? Und wenn nicht sollten sie sich andere Berufe in anderen Regionen suchen?

Es geht in der Diskussion nicht um individuelle oder persönliche berufliche Chancen, sondern um eine gesellschaftliche Problemstellung.

Verweigern alle möglichen Arbeitnehmer Beschäftigungsangebote im geringqualifizierten Bereichen, bricht unsere Gesellschaft zusammen, da diese notwendigen Arbeiten nicht gemacht werden und wir auf der anderen Seite eine riesige Menge Arbeitsloser sehen, für die wir nicht genug hochqualifizierte Arbeitsplätze haben.

Die wichtige Forderung lautet, dass die Arbeitnehmer in geringqualifizierter Beschäftigung auch von ihrem (einen) Job leben können sollen.

14.09.2017 16:18 K. Morasch 55

Ich bin keine Linker, aber es liegt im System des Kapitalismus das die Masse der Arbeiter lohnmäßig soweit nach unten gedrückt wird, dass sie gerade noch arbeiten geht und davon leben kann, aber keinesfalls Rücklagen oder gar ein Vermögen aufbauen kann. Denn dies würde die Menschen unabhängiger von der Erwerbsbeschäftigung machen. Über einen niedrigen Lohn ist sichergestellt, dass die Sklaven jeden Tag wieder brav zur Arbeit kommen.

14.09.2017 11:55 Klaus 54

{ karstde 51 }
Natürlich habe ich recht, das funktioniert ja auch schon seit über 40 Jahren hervorragend. Und das nicht nur bei uns hier, sondern überall in Deutschland. Natürlich ist Erfolgsquote regional sehr unterschiedlich, aber die Zugehörigkeit zu einer Region kann man ja auch ändern. Das ist eine individuelle Entscheidung.

14.09.2017 11:48 Klaus 53

{ Bernd Lohse 50 }
Ich habe nicht hart gearbeitet.
Ich habe mir Ziele gesetzt (was will ich erreichen/haben) und habe nach Wegen gesucht diese Ziele zu erreichen.
Bei der Zielsuche kann mir kein Politiker helfen, das muss jeder für sich selbst herausfinden. Auch die Suche nach den Möglichkeiten, da kann mir auch kein Politiker helfen. Es muss auch nicht unbedingt ein Studium sein, hat mein Sohn beispielsweise auch nicht gebraucht und meine Frau die vor 18 Jahren nach Deutschland gekommen ist auch nicht. Es gibt eben viele individuelle Wege.
Und die Sache mit dem Lohn erledigt sich von selbst, wenn man keine Arbeit für zu wenig Geld macht. Das wird über Angebot und Nachfrage geregelt. Wir könnten auch für weniger Geld arbeiten, aber wir suchen uns die besten Möglichkeiten aus. Das kann jeder machen und ist auch nicht Aufgabe der Politik.

13.09.2017 15:51 Klaus 52

Zurück zum Thema.
Wer aus dem Niedriglohnsektor raus will, der muss etwas tun (Arbeitgeber wechseln, Bildungsabschlüsse erwerben oder selbstständig machen). Notfalls auch umziehen und sonstige Aktivitäten entwickeln. Die Politik kann nur die Rahmenbedingungen verbessern, engagieren muss sich jeder selbst. Daran führt kein Weg vorbei.

13.09.2017 15:13 karstde 51

@ Klaus 49: Ja, ist gut. Mir wird das jetzt zu primitiv. Sie haben recht. Ende.

13.09.2017 15:07 Bernd Lohse 50

@ Klaus: Ok, wir haben verstanden, Sie haben hart gearbeitet, etwas erreicht und nun sind Sie der Meinung, das könnten alle erreichen.
Ich wiederhole gern eine meiner früheren Aussagen: Jeder kann wohlhabend sein, aber nicht ALLE!
Was würde denn Ihrer Meinung nach passieren, wenn alle Menschen Ihrem Ratschlag folgen und promovierte Akademiker werden? Meinen Sie, dass unsere Gesellschaft so funktionieren würde? Wir sehen doch bereits, das in Lehrberufen Bewerbermangel herrscht, während die Unis voll sind. Meinen Sie, dass es ausreicht zu sagen, da hinten liegt Arbeit, die müsste mal jemand machen? Wer macht in Ihrer Utopie die Arbeit?
Natürlich muss es Arbeiter geben. Denen muss jedoch auch ein anständiger Lohn bleiben, die haben auch das Recht auf eine anständige Krankenversorgung und eine faire Rente! Und all das wird aus ihnen von den regierenden Parteien verweigert, um den Wohlstand der Wohlhabenden zu mehren.

13.09.2017 14:18 Klaus 49

{ karstde 48 }
Nein, berufliches Vorankommen und Politik betrachte ich getrennt, sofern die Rahmenbedingungen stimmen.
Mit dem angeblichen Schuldenberg haben doch Sie angefangen. Und jetzt wo der Schuss nach hinten losgegangen ist, wollen Sie davon nichts mehr wissen. Und wie kommen Sie darauf, dass jackblack etwas über meine finanzielle Situation geschrieben hat. Das sollten Sie noch mal genauer lesen.