Schultafel und Schultasche
Auch im neuen Schuljahr ist bereits an vielen Schulen Unterricht ausgefallen. Bildrechte: IMAGO

Lehrermangel Schulen am Limit

Überlastete Lehrer, irritierte Eltern, verunsicherte Studenten: der Lehrermangel in Sachsen-Anhalt ist an vielen Stellen spürbar. Reporter von MDR SACHSEN-ANHALT waren ein halbes Jahr im Land unterwegs, sprachen mit Lehrern und Eltern und begleiteten den zuständigen Bildungsminister. Sie erlebten ein Schulsystem im Ausnahmezustand.

von Isabell Hartung und Julian Kanth, MDR SACHSEN-ANHALT

Schultafel und Schultasche
Auch im neuen Schuljahr ist bereits an vielen Schulen Unterricht ausgefallen. Bildrechte: IMAGO

Bad Dürrenberg, Ende Juli. Es sind noch zwei Wochen bis zum Schulanfang. Ina Herfurth sitzt allein in ihrem Schulleiterbüro in ihrer leeren Schule. Sie muss einen Stundenplan für das neue Schuljahr entwickeln. Für die Lehrer soll es möglichst wenig Freistunden geben, für die Kinder die Betreuung bis zur sechsten Stunde gewährleistet sein: so fordert es das Landesschulgesetz.

Schulleiterin Ina Herfurth
Ina Herfurth muss den Mangel verwalten. Bildrechte: MDR/Julian Kanth

Gerade diesen Sommer ist das eine große Herausforderung, denn sie weiß noch nicht sicher, mit wie vielen Lehrern sie eigentlich planen kann. Mindestens eine Vollzeit-Kraft fehlt ihr in jedem Fall. Verstärkung ist noch nicht genehmigt. Deshalb kann sie nur eine erste Klasse einrichten – mit 28 Schülern: "Das sind schon Engpässe. Wir müssen überlegen, wie wir den Kindern gerecht werden. Bei 28 in der Klasse? Schwierig!"

Seit einem Jahr ist Ina Herfurth sogar noch Schulleiterin einer zweiten Grundschule: der Thomas-Müntzer-Grundschule in Kötzschau. Die eigentliche Schulleiterin dort ist längerfristig erkrankt. Die Herausforderung, einen Stundenplan zu bauen, ist hier sogar noch größer als in Bad Dürrenberg: im Prinzip sind nämlich sogar drei Lehrerstellen vakant.

Der Großteil der Lehrer ist älter als 50

Die Zahl der ausgefallenen Stunden hat sich seit 2006 in Sachsen-Anhalt verdoppelt. Das liegt auch daran, dass die Kollegien kollektiv gealtert sind, nur wenig neue Lehrer eingestellt wurden. Der Altersdurchschnitt an den Schulen im Land liegt jenseits der 50. Dazu kommt eine steigende Schülerzahl. Der Druck auf die Lehrer wächst, längerfristige Erkrankungen werden häufiger.

Die Wurzeln des Lehrermangels liegen einige Jahre zurück. "Wir wissen das eigentlich schon seit sieben, acht Jahren, weil wir zu wenig ausgebildete Lehrerinnen und Lehrer in den neuen Bundesländern haben und eine sehr starke Überalterungssituation", erklärt der Dresdner Bildungsforscher Axel Gehrmann.

Kurzfristig lässt sich das nun nicht mehr ändern. Die grundständige Lehrerausbildung an den Universitäten des Landes dauert bis zu sieben Jahre. Um die Lücken heute zu schließen, hätten also in großer Zahl Studenten vor sieben Jahren das Lehramtsstudium aufnehmen müssen. Doch damals war Sachsen-Anhalt auf Sparkurs, die ausgebildeten Lehrer bekamen keine Perspektive und wanderten in andere Bundesländer ab. Es sind die Auswirkungen dieser Sparpolitik, die sich an den Schulen aktuell bemerkbar machen. "Das Land hat einfach zu lange Zeit nichts getan in der Übergangsphase von zu viel Lehrern noch aus Vor-Wende-Zeiten zu Lehrermangel", kritisiert Thomas Bremer, der die Lehrerausbildung in Halle leitet.

Fehler wurden schon viel früher gemacht

Bildungsminister Marco Tullner (CDU) muss nun aus den Entscheidungen seiner Vorgänger das Beste machen. Seine Möglichkeiten sind begrenzt – zwar kann er mehr Lehrer einstellen, doch viele Spielräume gibt es nicht. Die Konkurrenzsituation ist groß: der Innenminister will mehr Polizisten einstellen, der Wirtschaftsminister mehr Geld für die Wirtschaftsförderung.

"Wir müssen sehen, wo wir unser System effizienter machen können", sagt Marco Tullner. In der Praxis bedeutet das zum Beispiel, dass die Schulen größere Klassen bilden sollen. Außerdem müssen Referendare seit diesem Schuljahr früher eigenverantwortlichen Unterricht leisten. "Ich habe ein gutes Gefühl und bin sicher, dass man im neuen Schuljahr auch spüren wird, dass sich die Dinge zum Besseren bewegen, ohne dass die Probleme alle verschwunden sind."

Das Schuljahr in Sachsen-Anhalt beginnt dann aber mit der ernüchternden Botschaft aus dem Bildungsministerium: 100 der 370 ausgeschriebenen Lehrerstellen sind nicht besetzt. Und bei Ina Herfurth an der Thomas-Müntzer-Grundschule sind allein im August 138 Stunden komplett ausgefallen.

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Dieses Thema im Programm: MDR Exakt - die Story | 13.09.2017 | 20:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. September 2017, 10:48 Uhr

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8 Kommentare

15.09.2017 01:16 Reinsberger 8

Meine Tochter hat sich dieses Jahr für das Lehramt an Grundschulen in Sachsen und Sachsen-Anhalt mit einem guten Abitur beworben. Leider wurde sie nicht angenommen. Es werden lieber die Leute aus den alten Bundesländern genommen, die ein leichteres Abitur haben und nach dem Studium wieder zurück gehen. Ich bin selbst Grundschullehrerin und erlebe, wie wir in Sachsen Junge Leute ausbilden, die nach dem Studium lieber woanders arbeiten, weil wir in Sachsen viel weniger verdienen.
Also, weshalb wird nicht danach geschaut, woher die Bewerber kommen, um wenigstens in ein paar Jahren eine bessere Situation an den Schulen zu haben?

14.09.2017 18:15 K. Morasch 7

Innere Sicherheit, Gesundheitssystem, Pflege, Infrastruktur, Bundeswehr, Bildung - gibt es überhaupt noch einen Bereich der durch die CDUSPDGrünFDPLinks-Partei nicht zu Grunde gewirtschaftet wurde? Am 24.09.2017 haben wir die Möglichkeit und deutliches Zeichen zu setzen!

13.09.2017 12:13 Vonwegen 6

Doof, dass diese Zustände den Eltern jetzt noch vor der Wahl auffallen. Am Anfang des Jahres hatte man selbst für den Zuzug von über 1 Mio. Zuwandererfamilien genug Ressourcen an Schulen und Kindergärten. So schnell wird die Politik mit ihren Lügen entlarvt.

13.09.2017 09:15 Ekkehard Kohfeld 5

Was soll man noch schreiben ist doch überall im Öffentlichen Dienst das selbe in unserm auch so reichen Deutschland hat man alles tot gespart wo sind wir reich ja reich an Schulden und der Deutsche Mittelstand der für Stabilität gesorgt hat wurde in typischer US-Manier nieder gemacht es gab ja Zeiten da wurde alles in den Himmel gelobt was von da kam auch oder sogar überwiegend die schlechten Sachen.Weil die USA sind ja unser Freunde aber bestimmt nicht in der Wirtschaft die brauchen kein starkes Deutschland oder Europa die klatschen sich in die Hände über unsern wirtschaftlichen Untergang und viele Europäer auch.Leider haben viele Deutsche Lemminge Probleme mit dem Langzeitgedächtnis und vergessen ganz schnell jeden Fehler so kann man dann "weiter so" propagieren und wir schaffen das nein das wird noch weiter runter gehen diesen Abwärtstrend kann niemand von heute auf morgen stoppen dafür ist er schon zu weit fortgeschritten.Wir schaffen uns ab.

13.09.2017 09:03 Untermensch aus Dunkeldeutschland 4

Auch die Kinder müssen ihren Beitrag zur Haushaltssanierung leisten. Dann müssen halt die Eltern einen Teil des Kindergeldes für Nachhilfeunterricht aufwenden. Wer sein Kind wirklich liebt, hat entweder das Geld für Privatschulen, oder nutzt die heute in aller Form preisgünstig erhältlichen Verhütungsmittel. Früher hieß es "Nimm eine Gans weniger". Heute muss es heißen: "Zeuge ein Kind weniger". So wird die Bildungspolitik amerikanisiert.

13.09.2017 08:40 Klara Morgenrot 3

CDU. Noch Fragen? Nein, alles klar.
So aber können wir die Zukunft nicht meistern!!!! Die Fehler wurden nach dem Ende der DDR gemacht.
Aber alle durch die Bank!!!! Das Kind ist in den Brunnen gefallen...

13.09.2017 08:28 Hannchen 2

Mein Neffe studiert Lehramt. Bis er unterrichten kann vergehen Jahre. Man sollte daran arbeiten. 7 Jahre bis zum Abschluss sind einfach zu viel.

13.09.2017 08:15 Freund der Regierung 1

Das System hat sich bewährt.
Weiter so.