31. Oktober : Evangelische Christen feierten Reformationstag
Mit Gottesdiensten, Konzerten und anderen Veranstaltungen haben evangelische Christen in ganz Deutschland den Reformationstag gefeiert. Sie erinnern damit an den Beginn der Reformation vor fast 500 Jahren. In Wittenberg gab es neben Gottesdiensten in der Schlosskirche ein traditionelles Reformationsfest. In der Leipziger Thomaskirche rief der Ratsvorsitzende der evangelischen Kirche zu mehr Mitmenschlichkeit auf. In Worms wurde das neue Themenjahr der Lutherdekade "Reformation und Toleranz" eröffnet.
In ganz Deutschland haben protestantische Christen am Mittwoch den Reformationstag gefeiert. Mit Gottesdiensten, Konzerten und anderen Veranstaltungen erinnerte die evangelische Kirche an ihren Ursprung.
Aufruf zur Mitmenschlichkeit in Leipzig
Bei einem Festgottesdienst in der Leipziger Thomaskirche rief der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Präses Niklaus Schneider, die Gläubigen zu Mitmenschlichkeit auf. Sie sollten sich für Freiheit und Gerechtigkeit einsetzen. Sie sollten sich nicht durch Jenseitsträumereien ihrer Verantwortung entziehen und durch Misserfolge entmutigen lassen.
Der Gottesdienst leitete zugleich eine Festwoche zum 800-jährigen Bestehen der Thomaskirche ein, in der die Thomaner ihre Heimat haben. Schneider würdigte deshalb auch das Jubiläum von Thomaskirche, Thomanerchor und Thomasschule. Sie hätten stets für das Zusammenhalten von Glauben, Singen und Lernen gestritten. Nach dem Gottesdienst wurde der Dirigent und Kirchenmusiker Helmuth Rilling mit der Martin-Luther-Medaille geehrt. Rilling leitet die Bachakademie Stuttgart.
Tausende feiern in Wittenberg
Auch in der Lutherstadt Wittenberg, dem Ausgangsort der Reformation, feierten Tausende Christen den Reformationstag. Die Stadt hatte zum traditionellen Reformationsfest geladen. In den Straßen der Stadt drängten sich nach Angaben der Veranstalter rund 30.000 Wittenberger und Gäste.
In den Höfen sowie auf den Plätzen und Straßen der Altstadt hatten rund 500 Mitwirkende ein historisches Marktspektakel gestaltet. Eröffnet wurde das Reformationsfest mit einem Festgottesdienst in der Stadtkirche, in der einst Luther predigte. Den ganzen Tag über gab es weitere Gottesdienste und Andachten.
Feiern in Luthers Wirkungsstätten
Gottesdienste, Konzerte und Ausstellungen gab es auch an weiteren Lebensstationen des Reformators in Sachsen-Anhalt und Thüringen, etwa in seinem Geburts- und Sterbeort Eisleben. In Halle eröffnete die Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, Ilse Junkermann, in der Marktkirche eine Ausstellung.
In der Thüringer Landeshauptstadt Erfurt hatte das Augustinerkloster zu einem Kantatengottesdienst geladen. Hier lebte der Reformator Martin Luther einst als Mönch. Im Sinne der Ökumene tauschten in Erfurt außerdem ein katholischer und ein evangelischer Pfarrer die Kanzel. Im Kloster Volkenroda wurde der Saison-Abschluss-Gottesdienst im Christuspavillion gefeiert. Nach einem ökumenischen Gottesdienst unter dem traditionellen Motto "Finito!" wurden die Tore der einstigen Expo-Kirche verschlossen. In Jena wurde ein 30 Kilometer langer Abschnitt des Lutherweges eröffnet.
Neues Themenjahr "Reformation und Toleranz" eröffnet
Am Abend wurde in Worms das neue Themenjahr der Lutherdekade eröffnet. Nach "Reformation und Musik" geht es in den kommenden zwölf Monaten um "Reformation und Toleranz". Bei einem Festgottesdienst in der Dreifaltigkeitskirche sagte der sächsische Landesbischof Jochen Bohl als stellvertretender Ratsvorsitzender, die Kirchen seien gefordert, interreligiöse Toleranz zu üben. Die Gesellschaft erwarte zu Recht eine Vorreiterrolle für ein friedliches und gerechtes Miteinander. Die Botschafterin der Luther-Dekade, Margot Käßmann, sagte MDR aktuell, die Reformation sei nicht immer tolerant gewesen. "Wir könne Luther und die anderen Reformatoren nicht als Zeugen für das Thema heranziehen. Was Luther über Juden geschrieben hatte, war weit entfernt von dem, was wir als tolerant bezeichnen." Die evangelischen Christen hätten aber gelernt, "die Toleranz, das 'tolerare', das Ertragen von anderen Meinungen ist notwendig für unsere Kirche."
Die Lutherdekade ist eine Veranstaltungsreihe, die 2008 begann und auf das Jubiläum des 500. Jahrestags des Thesenanschlags von Martin Luther zielt.
Debatte um bundesweiten Feiertag 2017
Im Vorfeld des diesjährigen Reformationstags sprach sich der Thüringer Justizminister Holger Poppenhäger dafür aus, ihn 2017 einmalig als bundesweiten Feiertag zum 500. Jubiläum der Reformation zu begehen: "Am Reformationstag haben nicht nur evangelische Christen allen Grund zum Feiern", meinte der Minister. Von der Reformation seien Impulse ausgegangen, "die heute unsere Gesellschaft prägen", etwa die Meinungs- und Gewissensfreiheit.
Neben dem evangelischen Berliner Bischof Markus Dröge und dem Historiker Paul Nolte, die sich ebenfalls dafür aussprachen, kann sich auch der EKD-Ratsvorsitzende Schneider vorstellen, den 31. Oktober 2017 ausnahmsweise zum bundesweiten Feiertag zu machen. Die Reformation habe zwar im Kern ein geistliches Anliegen, jedoch Folgen für die gesamte Gesellschaft gehabt: "Die Reformation hat die Welt verändert." Thüringens Landesregierung reagierte zurückhaltend. Sprecher Peter Zimmermann sprach von einer "völlig theoretischen Diskussion" und verwies auf die Zuständigkeit der Länder für gesetzliche Feiertage.
Laut Poppenhäger würde die Zeit bis 2017 ausreichen, um über den Bundesrat oder die Ministerpräsidentenkonferenz die Voraussetzungen zu schaffen. Zudem gebe es für den Reformationstag in einigen Bundesländern heute schon Sonderregelungen, etwa zur Schulfreiheit für Kinder.
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Der Reformationstag
Der 31. Oktober 1517 gilt als Datum des Beginns der Reformation. Als vor fast 500 Jahren Martin Luther (1483-1546) seine 95 Thesen an das Portal der Wittenberger Schlosskirche nagelte, war dies zunächst nur als Aufruf zu einem Streitgespräch gedacht. In der Folge allerdings führte die Debatte um den Ablasshandel und andere Probleme der Kirche zu reformatorischen Umwälzungen in ganz Europa und letztlich zu einer Spaltung der Kirche.
In den ostdeutschen Bundesländern ist der Reformationstag seit der deutschen Wiedervereinigung gesetzlicher Feiertag, nicht aber in Berlin und im Bundesgebiet vor 1990 sowie in Thüringen nur in den überwiegend evangelischen Regionen.
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