Nahrungsmittelhandwerk Sachsen-Anhalt : Bäcker und Fleischer haben bald keine Puste mehr
Die Politik verzerrt den Wettbewerb zwischen den kleinen Bäcker- und Fleischer-Betrieben und der großen Nahrungsmittelindustrie. Das war der Tenor auf dem Forum der Nahrungsmittelhandwerke Sachsen-Anhalts. Besonders benachteiligt fühlen sich die Handwerker von der Energiepolitik und dem politischen Aktionismus nach den vergangenen Lebensmittelskandalen.
Die kleinen Bäcker und Fleischer fühlen sich von der Politik diskriminiert. Das war der Tenor auf dem Forum der Nahrungsmittelhandwerke Sachsen-Anhalts am Montag in Magdeburg. Der Präsident des Handwerkstages Sachsen-Anhalt, Hans-Jörg Schuster, sagte, vor allem bei der Energiepolitik seien die kleinen Betriebe im Vergleich zu den industriellen Herstellern benachteiligt. So seien sie im Vergleich zu den großen Unternehmen nicht von der sogenannten Durchleitgebühr befreit. Diesen und andere wirtschaftliche Nachteile könnten die kleinen Unternehmen nicht mehr lange abfedern. Schuster forderte von der Politik die Stärkung regionaler Produkte.
Schuster sagte weiter, dass mit dem Gesetz zur Förderung erneuerbarer Energien eine neue Kostenlawine auf die Unternehmen zukomme. Der Strompreis erhöhe sich durch die Ökostrom-Umlage noch einmal um fast 50 Prozent auf mehr als fünf Cent pro Kilowattstunde. Viele Bäcker und Fleischer hätten kein Einsparpotenzial mehr. Ihnen bliebe nichts anderes übrig, als ihre Preise zu erhöhen. Damit könnten Brötchen und Wurst beim Bäcker und Fleischer um die Ecke teurer werden. Für viele kleine Betriebe sei das allerdings existenzgefährdend.
Hygieneampel als wirtschaftlicher Sargnagel
Der Politik warf Schuster vor, wegen vergangener Lebensmittelskandale in Aktionismus zu verfallen. Zwar seien konsequente Lebensmittelkontrollen nötig, die angesetzten Maßstäbe brächten aber viele kleine Betriebe an den Rand des Ruins, weil die strengen Auflagen nicht realisierbar seien. Dadurch würde die industrielle Produktion in Großbetrieben gefördert.
Der Landesinnungsmeister der Fleischer, Bernd Köbel, nannte als Beispiel die sogenannte Hygieneampel. Ob ein Betrieb eine grüne oder gelbe Kennzeichnung erhalte, unterliege der subjektiven Einschätzung eines Lebensmittelkontrolleurs. Für kleine Betriebe könne daher schon ein unglücklicher Umstand bei einer Kontrolle den Ruin bedeuten. Gleiches gelte für Veröffentlichungen im Internet. Mit der Hygieneampel soll Verbrauchern mittels der Ampelfarben Grün, Gelb und Rot Auskunft über die Sauberkeit in Betrieben gegeben werden. Sie ist zwischen den Verbraucherschutzministern von Bund und Ländern aber heftig umstritten.
Wirtschaftsminister Aeikens überzeugt von regionalen Produkten
Landwirtschaftsminister Hermann Onko Aeikens zeigte sich zuversichtlich, dass kleine Betriebe auch in Zukunft gegen die große Konkurrenz bestehen können. Er ist überzeugt, dass Regionalität ein Zukunftsmodell ist. Viele Verbraucher setzten vor allem bei Bio-Produkten auf die Frische und Qualität regionaler Produkte.
In Sachsen-Anhalt gibt es nach Angaben der Handwerkskammer Halle knapp 900 Betriebe im Nahrungsmittelhandwerk. Bäcker und Fleischer machen mit 377 beziehungsweise 360 Unternehmen mit Abstand die größten Gruppen aus. Allerdings ist die Zahl der Fleischer in den vergangenen zehn Jahren um rund ein Drittel zurückgegangen, die Zahl der Bäcker um etwa ein Viertel.
