Mit Kerzen und Blumen wird an den FC-Magdeburg-Fan Hannes gedacht
Bildrechte: MDR/Heike Bade

Chronik zum Fall Hannes Familie strebt weitere Ermittlungen an

Vor einem Jahr stürzte Fußballfan Hannes aus einem Zug – und starb Tage später. Der Fußball trat daraufhin in den Hintergrund und belastet das Verhältnis von HFC und FCM bis heute. Geht es nach dem Anwalt der Familie, könnten die Ermittlungen bald wieder aufgenommen werden. Eine Chronik der Ereignisse seit Oktober 2016.

von Oliver Leiste, MDR SACHSEN-ANHALT

Mit Kerzen und Blumen wird an den FC-Magdeburg-Fan Hannes gedacht
Bildrechte: MDR/Heike Bade

Ein Mann hat sich bei einem Sturz aus einem Zug in Haldensleben lebensgefährliche Verletzungen zugezogen. Dem voraus ging ein Aufeinandertreffen mit Fans des Halleschen FC, die sich im Zug befanden. Mit einer nüchternen Beschreibung vermeldete die Polizei vor einem Jahr den Unfall von Hannes Schindler, einem 25-jährigen Magdeburger Fußballfan. Wenige Tage später starb er. Rückblick auf ein Jahr, das für eine Familie und zwei Fußballvereine sehr viel veränderte:

1. Oktober 2016 – Hannes stürzt aus dem Zug und wird schwer verletzt

In der Nacht zum 2. Oktober wird Hannes lebensgefährlich verletzt an den Bahngleisen in Haldensleben aufgefunden. Nach Angaben der Polizei hat sich der 25-Jährige seine schweren Kopfverletzungen wahrscheinlich beim Sturz aus einem fahrenden Zug zugezogen. Gegen 23:55 ist er am Bahnhof Haldensleben in die Regionalbahn, die von Wolfsburg nach Magdeburg fährt, eingestiegen. Begleitet wurde er von weiteren Personen. Zeugen zufolge hatte er dort eine Auseinandersetzung mit Anhängern des Halleschen FC, die auf der Rückreise von einem Auswärtsspiel in Köln waren. Er selbst war Fan des 1. FC Magdeburg und Teil der Ultragruppierung Block U.

3. Oktober 2016 – Hunderte FCM-Fans zeigen ihre Solidarität

Hunderte Anhänger des 1. FC Magdeburg bringen gegenüber dem Verletzten und seiner Familie ihre Solidarität zum Ausdruck. Vor dem Walther-Friedrich-Krankenhaus im Magdeburger Stadtteil Neu-Olvenstedt versammeln etwa 300 Fans des Vereins. Sie spannten ein großes Banner mit der Aufschrift "Kämpfe Hannes!!!" auf.

In den Folgetagen gibt es weitere Solidaritätsaktionen. Hannes Gesicht ist auf Tapeten und Grafittis in und um Magdeburg omnipräsent. Die Polizei untersucht währenddessen, ob der 25-Jährige gestoßen wurde oder ob er selbst gesprungen ist.

4. Oktober 2016 – Aussage der Bahn sorgt für Verwirrung

Die Polizei geht davon aus, dass der junge Mann auf der Flucht vor HFC-Fans aus dem Zug gestürzt ist. Der Polizeisprecher der Polizeidirektion Nord, Frank Küssner, sagt MDR SACHSEN-ANHALT, der junge Mann habe aufgrund der Bedrohung durch den "gewaltbereiten Mob" selbst die Notentriegelung betätigt. Doch es gibt Ungereimtheiten. Nach Aussage der Deutschen Bahn soll es unmöglich sein, während der Fahrt eine Tür zu öffnen.

6. Oktober 2016 – FCM zeigt sich bei Freundschaftsspiel solidarisch

Das Mitgefühl für den im Koma liegenden FCM-Fan reißt nicht ab. Beim Freundschaftsspiel des Fußball-Drittligisten gegen den Hamburger SV läuft die Mannschaft mit einem "Kämpfe Hannes"-Banner ins Stadion ein. Zahlreiche Zuschauer halten Spruchbänder in die Höhe.

Bei den Ermittlungen bleiben derweil viele Fragen offen. Fest steht aber: Schon vor dem Zwischenfall in Haldensleben hat es Probleme mit HFC-Fans gegeben. Bereits ein anderer Reisender soll von 50 angetrunkenen und aggressiven Fußball-Anhängern angegriffen worden sein.

8. Oktober 2016 – Videoaufzeichnungen taugen nichts

Die Polizei muss bei ihren Ermittlungen einen Rückschlag hinnehmen. Die gesichteten Videoaufnahmen aus dem Zug zeigen nicht die entscheidende Szene. Der Grund für das Fehlen der Aufnahmen ist wahrscheinlich, dass die Kameras im Zug mit Aufklebern überklebt wurden. Eine spezielle Ermittlungsgruppe wird gegründet.

12. Oktober 2016 –  Hannes erliegt seinen Verletzungen

Zahlreiche Grabkerzen sind vor einem Eingang zum FCM-Stadion niedergelegt. Am Eingangstor hängt ein Schwarz-Weiß-Foto des verstorbenen Hannes
Bildrechte: MDR/Sören Thümler

Die Polizei bestätigt an diesem Tag den Tod von Hannes. Eine Sprecherin sagt MDR SACHSEN-ANHALT, seit Mittag sei die traurige Nachricht Gewissheit. Erstmals seit 1990 ist in Deutschland wieder ein Fan nach einer fußballbezogenen Auseinandersetzung gestorben. Die Nachricht löst beim 1. FC Magdeburg und den Fans große Trauer aus. Am Abend gab es in Magdeburg und Haldensleben Mahnwachen. Noch am selben Abend wird hinter der Nordtribüne des Magdeburger Stadions eine Gedenkstelle eingerichtet, die bis heute besteht.

Auch Fans des Halleschen FC trauern um Hannes. In den folgenden Tagen gibt es zahlreiche Appelle, die ein Ende der Gewalt fordern. Unter anderem melden sich die Oberbürgermeister der Städte Halle und Magdeburg zu Wort.

15. Oktober 2016 – Anteilnahme in den Stadien

An jenem Tag finden erstmals seit dem Unfall Punktspiele in der 3. Liga statt. Magdeburg tritt bei Rot-Weiß Erfurt an. Die Spieler des FCM laufen mit Trauerflor auf und die Fans schweigen ganze 25 Minuten für den 25-Jährigen. Vor dem Gästeblock erinnert eine große Zaunfahne an den Verstorbenen. Vom RWE-Präsidenten bekommt die FCM-Fankurve symbolisch einen Kondolenzkranz überreicht. Auch die Erfurter Fans bekunden ihr Mitgefühl. Der FCM verliert dieses emotionale Spiel mit 0:1.

Gespannt schauen viele auf die Reaktion in Halle. Hier wird des Verstorbenen mit einer Schweigeminute gedacht. Zehn Minuten ist es anschließend in der HFC-Fankurve ruhig.  Davor prangt ein großes, schwarzes Spruchband mit der Aufschrift "Ruhe in Frieden, Hannes"

Darüber hinaus zeigen Fanszenen in ganz Deutschland mit Spruchbändern an diesem Wochenende ihre Trauer. Zum Beispiel in München, Wolfsburg, Braunschweig, Aachen, Stuttgart, Mainz, Großaspach und sogar in Österreich bei Austria Salzburg.

21. Oktober 2016 – Trauerfeier in Barleben

Bei strömendem Regen wird Hannes in Barleben beigesetzt. Neben Familie und Freunden, die die 60 Plätze in der Kapelle eingenommen haben, erweisen ihm auch etwa 400 FCM-Fans die letzte Ehre.

10. November 2016 – Neue Ermittlungsergebnisse

Nach dem tragischen Tod des FCM-Fans Hannes gibt es neue Erkenntnisse der Polizei. Wie die Staatsanwaltschaft Magdeburg mitteilte, gehen die Ermittler inzwischen davon aus, dass der junge Mann eigenständig die Notöffnung der Zugtür betätigt hat und aus dem fahrenden Zug stürzte. Wie und warum er die Tür betätigte, ist allerdings weiter unklar.

26. November 2016 - Kein normales Fußballspiel

Der 1. FC Magdeburg empfängt den Halleschen FC zum Punktspiel in der 3. Liga. Doch an ein normales Derby ist an diesem Tag nicht zu denken. Die Saalefront-Ultras aus Halle hatten zuvor angekündigt, dem Spiel fern zu bleiben. Voraus ging dieser Entscheidung ein Treffen mit den Magdeburger Ultras. Dabei vereinbarten beide Szenen, jeweils auf die Besuche der Auswärtsspiele in der Saison 2016/17 zu verzichten. Ein Großteil der HFC-Fans akzeptiert diese Abmachung, so dass sich statt 2.000 Hallensern nur wenige Hundert im Gästeblock einfinden. Sie werden von einigen FCM-Anhängern als Mörder beschimpft.

Auch Magdeburger Ultras verzichten aufgrund der kurz zuvor bekannt gewordenen Tribünenproblematik auf die koordinierte Unterstützung ihrer Mannschaft. Kurz vor dem Anpfiff hält Hannes’ Bruder Christoph Schindler eine bewegende Rede im Stadion. Er beschreibt darin den schweren Verlust und ruft zu einem Gewaltverzicht im Fußball auf.  Der FCM gewinnt das Spiel schließlich mit 1:0.

20. März 2017 – Ermittlungen eingestellt

Monatelang gibt es keine wesentlichen neuen Erkenntnisse in diesem Fall. Am 20. März werden die Ermittlungen schließlich eingestellt. Das teilt die Staatsanwaltschaft mit. Die Ermittlungen haben demnach ergeben, dass Hannes zwar in einer Regionalbahn auf Anhänger des HFC getroffen sei. Dabei sei es jedoch nicht zu Gewalttätigkeiten gegen Hannes gekommen. Dass Dritte seinen Sturz verursacht haben, konnte laut Staatsanwaltschaft nicht festgestellt werden. Bei den FCM-Fans wird diese Entscheidung mit großer Bestürzung aufgenommen. Viele wollen nicht glauben, dass es sich tatsächlich um einen Unfall gehandelt haben soll. Fragen nach einer möglichen Neuaufnahme des Verfahrens werden laut.

19. April – Landespokal in Halle

Im Landespokal empfängt der HFC den FCM. Der Gästeblock bleibt überwiegend leer. Viele FCM-Fans schauen das Spiel beim Public Viewing vor dem eigenen Stadion und verzichten auf die Reise nach Halle. Der FCM gewinnt auch ohne die gewohnte Unterstützung mit 3:1.

29. April – Gedenkmarsch in Magdeburg, finales Derby in Halle

Nur zehn Tage nach dem Vergleich im Landespokal treffen beide Mannschaften in der Liga wieder aufeinander. Auch diesmal hat der HFC Heimrecht und erneut verzichtet der Großteil des Magdeburger Anhangs auf einen Besuch des Spiels. Wie schon wenige Tage zuvor gibt es in Magdeburg ein Public Viewing, bei dem auch Spenden für die Hinterbliebenen von Hannes gesammelt werden. Vor dem Spiel findet ein Gedenkmarsch für den Verstorbenen statt. Etwa 700 Menschen beteiligen sich an der Aktion, die von circa 20 FCM-Fanclubs unterstützt wurde. Mit der Demonstration sollte ein Zeichen gegen Gewalt im Fußball gesetzt werden. An dem Marsch nimmt auch Hannes’ Mutter Silke Schindler teil. Ihr Mann Horst ist derweil zum Spiel nach Halle gefahren, um dort an seinen verstorbenen Sohn zu erinnern.

An jenem Tag äußern sich die Eltern auch erstmals öffentlich. In einem Interview mit der Magdeburger Volksstimme sprechen sie über die schwere Zeit nach dem Unfall, den Kampf gegen das Vergessen und Hannes’ Liebe zum 1. FC Magdeburg.

Ausblick: Neue Ermittlungen und Gedenktag

Seit dem Derby Ende April ist es ruhig geworden im Fall Hannes. Doch die Ermittlungen könnten wieder aufgenommen werden. Der Anwalt der Familie, Burkhard Rayling, sagte MDR SACHSEN-ANHALT, er habe bei der Generalstaatsanwaltschaft Beschwerde gegen die Einstellung des Verfahrens eingelegt: “Aus unserer Sicht gibt es noch zahlreiche offene Fragen, die weitere Untersuchungen notwendig machen”, heißt es zur Begründung. Details nannte er nicht. Rayling rechnet damit, dass die Entscheidung über eine Wiederaufnahme des Verfahrens noch in diesem Jahr fällt. Eingereicht wurde der Antrag bereits im Juni. Bei einem solch umfassenden Fall sei es aber nicht unüblich, dass die Prüfung einige Zeit in Anspruch nehme, so der Anwalt.

Bei den Vereinen ist längst Alltag eingekehrt. Während sich der FCM im Aufstiegskampf befindet, kämpft der HFC gegen seine Verletztenmisere. Das große Fanthema in Halle ist momentan die Schließung des Fanprojekts. In den Fanszenen beider Vereine ist der Unfall von Hannes momentan kein Thema. Absprachen der Ultras zu weiteren Derby-Verzichten oder zum generellen Umgang miteinander scheint es nicht zu geben.

Der 1. FC Magdeburg hat den 1. Oktober zum Hannes-Gedenktag erklärt. Der DFB ist dem Wunsch des Clubs nachgekommen und hat die Partie gegen Carl-Zeiss Jena für jenen Sonntag angesetzt. Beim Heimspiel der Blau-Weißen soll in einem kleinen, aber würdigen Rahmen an den Verstorbenen erinnert werden. So werden die Spieler laut Pressesprecher Norman Seidler bei der Erwärmung Gedenk-Shirts tragen. Auch werde mit einer Seite im Stadionheft an den Verstorbenen erinnert. Eine Schweigeminute soll es jedoch nicht geben. Auf größere Fanaktionen wird wohl ebenfalls verzichtet.

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Grabkerzen, Blumen und ein Bild erinnern an den Verstorbenen Hannes.
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Quelle: MDR/olei

Dieses Thema im Programm: MDR S-ANHALT | Sachsen-Anhalt Heute | 01. Oktober 2017 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 30. September 2017, 09:32 Uhr