Landwirtschaft : Ist Gentechnik ein Angebot ohne Nachfrage?
Kann Europa auf die grüne Gentechnik verzichten? Diese Frage diskutierten Wissenschaftlerin, Politiker und Landwirte auf einem Forum bei Magdeburg. Die Befürworter verwiesen natürlich auf den Nutzen der Gentechnik und sahen keine schädlichen Folgen. Für die Gegner sind die Folgen dagegen nicht absehbar. Sie befürchten zudem, dass die Landwirte abhängig von wenigen Konzernen werden. Einen Sieg errangen sie vor dem EuGH in Luxemburg. Lebensmittel mit Genmais-Spuren müssen erst geprüft werden, bevor sie für den Verkauf zugelassen werden.
In Sachsen-Anhalt haben Forscher, Politiker, Landwirte und Wirtschaftvertreter über den Stand der grünen Gentechnik diskutiert. Das zweitägige Forum des Lobby-Vereins InnoPlanta im westlich von Magdeburg gelegenen Üplingen stand unter dem Motto "Kann Europa noch länger auf die grüne Gentechnik verzichten?"
Befürworter glaubt an viele stille Unterstützer
Abseits der Diskussion um das Für und Wider der Gentechnik wollten die Teilnehmer aus zwölf europäischen Ländern einen Blick auf die Tatsachen werfen. Und die sieht InnoPlanta so: Auf einem Zehntel der weltweiten landwirtschaftlichen Nutzfläche werden inzwischen gentechnisch verbesserte Pflanzen angebaut - von 15 Millionen Landwirten, vor allem Kleinbauern in Entwicklungsländern. Negative Einflüsse auf Umwelt und Gesundheit sind nach Angaben des Vereins dabei noch nie beobachtet worden. InnoPlanta verweist auf die Vorteile wie mehr Widerstandsfähigkeit gegenüber Klimaeinflüssen und Schädlingen, was auch den Einsatz von Pestiziden verringere.
Deshalb verstehen die InnoPlanta-Mitglieder nicht, warum es in Europa so viele Vorurteile gegen die grüne Gentechnik gibt. Der Verein beklagt auch, dass der Anbau von der Politik behindert oder blockiert wird. Die Gentechnik-Befürworter befürchten, dass die Europäer trotz hervorragender Grundlagenforschung den Anschluss verlieren, weil es bei der praktischen Anwendung und der Überführung in die Marktreife klemmt. Dabei sei die Zustimmung zu gentechnisch veränderten Pflanzen weitaus größer, als es den Anschein hat, glaubt Karl-Friedrich Kaufmann von der Arbeitsgemeinschaft Innovativer Landwirte AGIL. Es traue sich nur nicht jeder, es laut zuzugeben.
Angst vor Abhängigkeit und Zweifel am Nutzen
Ihre Gegner können InnoPlanta und AGIL damit nicht überzeugen. Stattdessen fordern Umwelt- und Bauernverbände ein endgültiges Aus für die Unterstützung der pflanzlichen Gentechnik in Sachsen-Anhalt. Vor Beginn des Forums forderten sechs Vereinigungen und die Stiftung EuroNatur, dass die Landesregierung ihre bislang zustimmende Haltung schnellstens ändern und aufhören müsse, sich in den Dienst einzelner Unternehmen und Lobbyisten zu stellen. Nach Ansicht der Gegner basiert die Agro-Gentechnik in der Europäischen Union nur auf einer Handvoll Unternehmen und Wissenschaftler, die nach Gewinn und Ansehen streben, statt sich dem Gemeinwohl verpflichtet zu fühlen. So befürchten viele Landwirte eine Abhängigkeit von Großkonzernen, wenn sie deren patentgeschütztes gentechnisch verändertes Saatgut anbauen. Außerdem sei der versprochene Nutzen noch nicht nachgewiesen.
Die Gegner halten die grüne Gentechnik für Angebot ohne Nachfrage und verweisen auf die Endkunden. Seit der Markteinführung 1996 lehne die Mehrheit der Europäer Gentechnik in der Landwirtschaft und in der Lebensmittelproduktion ab. Zu jedem InnoPlanta-Forum in Üplingen gibt es Mahnwachen und Proteste. In dem Ort in der Magdeburger Börde befindet sich die europaweit größte Freilandausstellung für Produkte der modernen Pflanzenzüchtung.
Honig mit Gentechnik-Spuren bedarf Zulassung
Einen Sieg errangen die Gentechnik-Gegner vor dem Europäischen Gerichtshof. Die Luxemburger Richter erklärten, dass Lebensmittel selbst mit den kleinsten Spuren von gentechnisch veränderten Lebensmitteln nur noch mit einer Zulassung im Laden verkauft werden dürfen. Zuvor müssen die betroffenen Lebensmittel einer Sicherheitsprüfung unterzogen werden. Landwirte, die gentechnisch veränderte Pflanzen anbauen, werden verpflichtet, Verunreinigungen von Lebensmitteln zu verhindern. Andernfalls müssen sie betroffenen Produzenten Schadenersatz zahlen.
Die Richter gaben einem Imker aus Bayern recht. Der hatte Honig in der Nähe eines Feldes produziert, auf dem die Firma Monsato gentechnisch veränderter Mais angebaut hatte. Als Pollen des manipulierten Maises in seinem Honig gefunden wurde, vernichtet er den Honig und verlangte vom Freistaat Bayern 10.000 Euro Schadenersatz. Wegen der unklaren Rechtslage verwies der Bayerische Verwaltungsgerichtshof den Fall vor zwei Jahren an den EuGH.
Das EuGH-Urteil könnte weitreichende Folgen haben. Nach Angaben von Imkerverbänden müssen viele Honige, die Gen-Pollen enthalten, nach dem Urteil nun aus den Supermärkten verschwinden. Auch die Bemühungen der Industrie, weitere genveränderte Pflanzen anzubauen, dürften behindert werden. Zudem ist das Urteil eine Warnung an die EU-Kommission und die Industrie, die beide die sogenannte "Null-Toleranz-Grenze" lockern wollen. Die Kommission vertrat bislang die Auffassung, dass zufällig verunreinigter Honig keine Zulassung braucht.
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