ARCHIV - Besucher verlassen 2009 das Stollensystem der KZ-Gedenkstätte Langenstein-Zwieberge
Durch diesen Eingang können Besucher bisher einen Stollen betreten, den Häftlinge des Konzentrationslagers Langenstein-Zwieberge graben mussten. Bildrechte: dpa

KZ-Gedenkstätte Langenstein-Zwieberge Besucherstollen wird zwangsversteigert

Ein wichtiger Erinnerungsort könnte verloren gehen: Die Stadt Halberstadt lässt am Dienstag Grundstücke rund um das frühere KZ Langenstein-Zwieberge zwangsversteigern. Darunter ist auch der Eingang zu einem Tunnelsystem, das die Häftlinge bauen mussten.

ARCHIV - Besucher verlassen 2009 das Stollensystem der KZ-Gedenkstätte Langenstein-Zwieberge
Durch diesen Eingang können Besucher bisher einen Stollen betreten, den Häftlinge des Konzentrationslagers Langenstein-Zwieberge graben mussten. Bildrechte: dpa

Ein einfaches Gatter aus Metall steht am Eingang des Stollens. An einem Wochenende im Monat wird es geöffnet, dann können Besucher hindurch gehen. 120 Meter weit führt der Felstunnel unter die Thekenberge zwischen Langestein und Halberstadt. Die Luft und der Boden sind staubig, die Wände grob mit Beton bespritzt. Obwohl der Stollen die Geschichte und die Qualen der KZ-Häftlinge erfahrbar macht, die hier schuften mussten, wird er nun versteigert.

Denn der Tunnel ist zwar das Herzstück der Gedenkstätte, aber er gehört ihr nicht direkt. Der private Besitzer des Grundstückes, auf dem der Eingang des Tunnels liegt, ist seit Jahren insolvent. Inzwischen schuldet er der Stadt Halberstadt Grundsteuern in Höhe von mehreren Hunderttausend Euro, wie die Kommune mitteilte. Um diese Schulden zu begleichen, kommt das Gelände – ebenso wie weitere Grundstücke in der Gegend – am Dienstagmorgen beim Halberstädter Amtsgericht unter den Hammer.

KZ Langenstein
Eine Steinsäule erinnert an die 7.000 Häftlinge des Konzentrationslagers. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Halberstadt im Zwiespalt

Andreas Henke
Halberstadts Oberbürgermeister Andreas Henke (Die Linke) Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Halberstadts Oberbürgermeister Andreas Henke, Die Linke, spricht von einem Spagat. Nach kommunalem Haushaltsrecht sei man verpflichtet, die Steuerschulden einzutreiben. Auf der anderen Seite stehe die historische Bedeutung des Ortes. Henke sagte MDR SACHSEN-ANHALT, man sei als Stadt an einer sinnvollen und wirtschaftlichen Lösung sehr interessiert. Henke: "Wir werden als Stadt alles daran setzen, dass diese Untertage-Anlage nicht in falsche Hände kommt." Das habe man in der Vergangenheit schon einmal getan.

Neuer Besitzer könnte den Zugang zum Stollen verweigern

Mit dem aktuellen Eigentümer hatte das Land einen Vertrag geschlossen, der den Zugang geregelt hat. Der Insolvenzverwalter hat diesen Vertrag zwar längst gekündigt, aber aus Kulanz blieb der Zugang für Besucher offen. Das könnte sich aber ändern. Ein neuer Besitzer könnte den Stolleneingang schließen.

Nikolas Bertrand
Der Leiter der Gedenkstätte Nicolas Bertrand betont, wie wichtig der Tunnel für die Erinnerungskultur ist. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Gedenkstättenchef Nicolas Bertrand zeigte sich gegenüber MDR SACHSEN-ANHALT besorgt. Er hofft, dass die Nutzung des Tunnels weiterhin möglich ist. Der Zugang sei für die Gedenkarbeit unverzichtbar. "Erst wenn der Besucher vor Ort mit seinen eigenen Augen die riesigen Tunnel sehen kann, kann er empfinden, was für eine mörderische Ausbeutung hier in Langenstein stattfand", so Bertrand.

Die Gedenkstätten-Stiftung im Land gibt sich etwas optimistischer. Direktor Kai Langer sagte MDR SACHSEN-ANHALT, er gehe davon aus, dass der Stollen weiter in "bisheriger Art und Weise" genutzt werden kann. Langer bezeichnete das Stollensystem als zentralen Erinnerungsort der Gedenkstätte. Jeder, der diese Fläche nutze, müsse sich im Klaren sein, dass es sich um keine normale Immobilie handele - sondern um einen historischen Ort.

1944: Tausende Häftlinge mussten an dem Tunnelsystem arbeiten

Das Stollensystem unter den Thekenbergen ist insgesamt 13 Kilometer lang. Insgesamt 7.000 Häftlinge wurden gezwungen, die Tunnel in den Fels zu brechen. Hier sollte eine unterirdische Flugzeug-Fabrik entstehen, die unerreichbar für alliierte Bomber sein sollte. Das KZ Langenstein-Zwieberge war ein Außenlager des KZ Buchenwald. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Tunnel als Nachschublager der NVA genutzt.

KZ Langenstein
Nur noch wenige Spuren des Lagers sind heute zu finden. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Halberstadt muss dem Verkauf zustimmen

Es ist bereits der zweite Versuch einer Versteigerung des Tunnel-Grundstückes, das für die nahe Gedenkstätte Langenstein-Zwieberge so viel Bedeutung hat. Bereits 2016 hatte es eine erste Auktion gegeben. Doch weil die Stadt Halberstadt Zweifel an der Seriosität des Höchstbietenden hatte, stimmte sie dem Verkauf nicht zu. Die Stadt hatte vermutet, der Bieter habe Verbindungen zur rechtsextremen Szene. Auch für die Auktion am Dienstag behält sich die Kommune eine genaue Prüfung des Käufers vor.

Dieses Thema im Programm: MDR Sachsen-Anhalt Heute | 11.09.2017 | 19:00 Uhr
MDR Sachsen-Anhalt – Das Radio wie wir | 12.09.2017 | 12:00 Uhr

Quelle: MDR/rj

Zuletzt aktualisiert: 11. September 2017, 20:06 Uhr

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5 Kommentare

13.09.2017 09:16 Amelie Döge 5

Mir verschlägt es die Sprache,wie lapidar der Oberbürgermeister von dem Interesse der Stadt an " einer sinnvollen und wirtschaftlichen Lösung " spricht . Besonders das Wort" wirtschaftlich" beeindruckt mich schwer . Mich würde interessieren, was die noch lebenden Häftlinge dieses Konzentrationslagers und deren Nachfahren dazu denken - ob an den Leiden der Opfer heute noch verdient werden soll ? Ich erwarte nur eine Selbstverständlichkeit : dass ein solcher Ort als Gedenkstätte vollständig erhalten , gepflegt und gewürdigt wird , und die politisch Verantwortlichen ihren erheblichen Anteil an dieser Erinnerungsarbeit beitragen.

12.09.2017 12:44 Filos 4

Ich bin Grieche, und habe die Kölner Edelweißpiratin Gertrud"Mucke"Koch bis zu ihrem Tode Betreut.
Gedenkstätten sollte immer eine Erinnerung für das Leid der Menschen die dort waren bleiben.
Die Stadt sollte alles dafür tuen diese Gedenkstätte zu erhalten und nicht zu Privatisieren.

12.09.2017 10:33 OHNEWORTE 3

Koennte man nicht auf die Freiflaechen Werbung fuer Banken,Versicherungen,Telefone aufstellen ?? Oder, Mac Donnald gleich links neben den Eingang ???
Zwangsversteigerung fuer den Meistbietenden ....
Sie reden immer ueber die Leiden der Haeftlinge ... , 72 Jahre nach dem Krieg sind sie nicht in der Lage diese Orte unter Wuerde zu unterhalten. Aber Wahlplakate sind immer finanzierbar. Das Beispiel von den Polen mit den Objekten Projekt Riese macht Schule..... neben den Todesstaetten gleich Gastronomie anbieten , wo im Hintergrund Lili Marlen traellert und die CDs verkauft werden. Das kann man als gelebtes Generationen Vermaechtnis ansehen..... The Show must go on. Da wo menschen vor Hunger starben ,schmeckt natuerlich die Torte,die Bratwurst am besten...

12.09.2017 10:25 Hannchen 2

Wie kann bzw konnte man so ein Kulturgut an einen privaten Investor nur verkaufen? Wollte etwa eine Heuschrecke Kapital daraus schlagen und es hat nicht funktioniert? So eine Gedenkstätte gehört in Staatshand.

11.09.2017 18:35 Harzer 1

Dieser OB. sollte sich schämen, ich bin in Hbs geboren
und wohne dort 70 Jahre! Es ist der schlechteste OB
der wirtschaften kann, seine Vorgänger waren alle top. Hauptsache das Stadtsäckel füllen, nicht an die Junge Generation denken!

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