Blick auf die ehemalige innerdeutsche Grenze und den Grenzturm in Hötensleben
In Hötensleben sind Teile der innerdeutschen Grenzmauern, Stacheldrahtanlagen und der Grenzturm noch erhalten. Bildrechte: MDR/Stephan Schulz

Grenzdenkmal in Hötensleben "Dann sprangen wir in den Westen"

Als vor 28 Jahren die Mauer fiel, war die Freude über die offenen Grenzen groß. Die Menschen in der DDR freuten sich über ihre neu gewonnene Freiheit. Auch Hermann Pröhl, der 1968 in der Uniform eines NVA-Grenzsoldaten in den Westen geflohen war, feierte damals. Heute, 28 Jahre später, hat er noch einmal den Ort seiner Flucht besucht – das Dorf Hötensleben mit seinem Grenzdenkmal.

von Stephan Schulz, MDR SACHSEN-ANHALT

Blick auf die ehemalige innerdeutsche Grenze und den Grenzturm in Hötensleben
In Hötensleben sind Teile der innerdeutschen Grenzmauern, Stacheldrahtanlagen und der Grenzturm noch erhalten. Bildrechte: MDR/Stephan Schulz

Als Hermann Pröhl in Hötensleben auf einen alten Grenzturm der DDR klettert, läuft die Zeit rückwärts. Der 70-Jährige blickt vom Turm aus auf die Grenzanlage, die Ost und West Jahrzehnte trennte – auf Mauer, Panzersperren und Stacheldraht.

"Ich bekomme jedes Mal Gänsehaut, wenn ich die Mauer sehe", sagt der Wahlberliner MDR SACHSEN-ANHALT. Er kommt öfter nach Hötensleben, um Besuchern des Grenzdenkmals seine Geschichte zu erzählen.

Ein menschliche Geste mitten im Kalten Krieg

Ein altes schwarz-weiß Foto zeigt drei Soldaten am Grenzzaun
Ein Schnappschuss aus Pröhls Zeiten bei den Grenztruppen der DDR Bildrechte: MDR/Stephan Schulz

Damals, vor 50 Jahren, ließ sich Hermann Pröhl mit einer Maschinenpistole im Arm am Grenzzaun fotografieren. Der Schnappschuss ist erhalten geblieben. Im Vordergrund stehen drei NVA-Soldaten mit ihren Kalaschnikows, darunter Pröhl. Im Hintergrund sind zwei westdeutsche Zöllner zu sehen. Sie stehen auf einer Anhöhe und warfen an jenem Tag Bierflaschen und Zigaretten über den Zaun. Eine menschliche Geste mitten im Kalten Krieg.

"Wir kamen mit den Zöllnern ins Gespräch, rauchten, tranken und vergaßen für einen Moment die deutsche Teilung", sagt Pröhl und zeigt auf das Schwarz-Weiß-Foto mit den Soldaten. Das kleine Trinkgelage am Grenzzaun ist eines von vielen emotionalen Erlebnissen, die er mit seinem Dienst bei den Grenztruppen der DDR verbindet. In Hötensleben, bei der Armee, nahm sein Leben eine entscheidende Wendung.

Flucht mittels Räuberleiter und Kalaschnikow

Es war in der Nacht zum 12. Juli 1968, die Begegnung mit den Zöllnern Monate her, als Hermann Pröhl Wachdienst an der Grenze hatte. Er nutzte die Dunkelheit, um mit einem befreundeten Soldaten in den Westen zu fliehen.

Ein Senior hält einen Ordner mit alten Fotos von der Grenze in der Hand
Hermann Pröhl – ehemaliger NVA-Grenzsoldat und DDR-Flüchtling Bildrechte: MDR/Stephan Schulz

Wir überwanden den 3,20 Meter hohen Grenzzaun mittels Räuberleiter und mit Hilfe meiner Kalaschnikow, die ich in das Loch eines Betonpfahls gesteckt hatte. Wir zogen uns an der Waffe hoch, dann sprangen wir in den Westen.

Hermann Pröhl verschlug es nach Nordrhein-Westfalen, wo er als Elektroinstallateur arbeitete. Doch eine Heimat und wirkliche Freunde fand er dort nie. "Ich war immer nur der Kaffeesachse, was mir gehörig auf die Nerven ging", so Pröhl, der von sich sagt, er sei zweimal geflohen. Einmal von der DDR in die BRD und einmal von Nordrhein-Westfalen nach Berlin. "Die Berliner nehmen ja jeden auf, da fühlt man sich gleich wohl, und so ist die Hauptstadt auch meine Heimat geworden."

Kampf um den Erhalt des Grenzdenkmals

Neben Hermann Pröhl steht der Mann, der die 350 Meter lange Grenzanlage in Hötensleben für die Nachwelt erhalten kann. Er heißt Achim Walther, ist 81 Jahre alt und leitete viele Jahre den Grenzdenkmalverein in Hötensleben.

Zwei ältere Herren spazieren auf einem Wiesenweg entlang
Achim Walther (l.) und Hermann Pröhl geben ihre Erinnerunge gerne weiter. Bildrechte: MDR/Stephan Schulz

"Nach dem Mauerfall vor 28 Jahren kämpfte ich mit Gleichgesinnten um den Erhalt der Grenzanlage", sagt der Hobbyhistoriker MDR SACHSEN-ANHALT. Das sei keine einfache Aufgabe gewesen, weil das Grenzdenkmal auch Gegner hatte. "Sie sammelten über 400 Unterschriften gegen den Erhalt von Mauer, Wachturm, Panzersperren, Schussfeld und Stacheldraht", sagt Walther, der sich am Ende aber durchsetzen konnte.

Wir haben letztendlich ein Stück Weltgeschichte gerettet.

Achim Walther

Achim Walther und Hermann Pröhl sind inzwischen gute Bekannte, Freunde möchte man sagen. Sie freuen sich, wenn sie Schülern ihre Geschichte erzählen können. Hötensleben ist dafür ein geeigneter Ort. Hier zeigt sich die Grenze so monströs, wie sie wirklich war. Der Kalte Krieg, in Hötensleben könne man ihn noch anfassen, sagt Achim Walther. Das stärke das Geschichtsbewusstsein.

Mehr zum Thema

Quelle: MDR/cw

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT heute | 09. November 2017 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 09. November 2017, 21:28 Uhr

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.

4 Kommentare

11.11.2017 18:47 W. Merseburger 4

Ich habe lange auf Kommentare zu obigem Artikel gewartet. Natürlich kann man einiges hier nicht ernst nehmen. Aber eines ist Realität, die Grenzer waren auf die DDR vereidigt und müssten eigentlich als Desserteure bezeichnet werden. Deswegen kann ich nicht so frohlocken, weil den Überlebenden und den Angehörigen der Attentäter auf Hitler 1944 nach den rechtstaatlichen Prinzipien in Westdeutschland und später in der BRD eine andere Rechtsauffassung zuteil wurde. Demgegenüber war die Witwe des Verbrechers Freißler (Oberster Richter des Volksgerichtshofes) , so hieß es in der DDR, voll pensionsberechtigt und soll diese auch erhalten haben.

11.11.2017 15:53 Hor Es Te 3

Und alles was dieser werter "Herr" jetzt so erzählt ? Na man muß es nur glauben.Wie vieles der jetztigen "Verfolgten ".Ander grenze der DDR und geraucht , lässig am Zaun und davon noch ein Foto ? Na gut dann war er wohl was "Besonderes ".Entschuldigung wegen der vielen Anführungszeichen.Ja nun gut er erzählt und manche glauben ihm das wovon er , wie er, was er so von sich gibt.Der "arme ". Er ist einfach strafrechtlich betrachtet einfach nur ein Desateur.Dem kann man nix dazufügen.

11.11.2017 01:24 Enrico Pelocke 2

Dieser Artikel beschreibt keine Heldentat, sondern einen Verrat an einem Staat, der es besser verstand als die BRD, die sozialen Bedingungen für ein sicheres und geordnetes Leben zu schaffen. Lehrermangel und zu enge Klassenräume gab es zwar nach dem Krieg. Aber mit Beseitigung der Kriegswirren war das kein Thema mehr und die Schulbildung aller Kinder gesichert. Dagegen gibt es diese Probleme in der BRD auch heute noch 72 Jahre nach dem Krieg. Siehe MDR-Bericht von gestern. Eine Drogenszene gab es nirgends, keine Obdachlosen, keine Armut, keine Arbeitslosigkeit, keine ... Jeder der wollte, bekam einen Kinderkrippen/gartenplatz. Ich verstehe nicht, warum man so einen Staat verraten kann. Was gab es in der DDR, vor dem man fliehen mußte??? Politisch verfolgt wurden diese Grenzsoldaten sicher auch nicht, sonst wären sie nicht an der Grenze eingesetzt worden. Rauchen und Trinken beim Wachdienst sind Dienstvergehen, die bestraft wurden.

11.11.2017 01:03 Enrico Pelocke 1

"Sie stehen auf einer Anhöhe und warfen an jenem Tag Bierflaschen und Zigaretten über den Zaun. Eine menschliche Geste mitten im Kalten Krieg. " Das ist keine menschliche Geste, sondern ein Angrigff auf den Sozialismus, auf die Bewohner der DDR, auf ihre Gesundheit. Durch diese imperialistische Provokation mit gesundheitsschädlichen Zigaretten, die bei bestimmungsgemäßen Gebrauch zum Tode führen können, sollte die Gesundheit und Leistungsfähigkeit der DDR-Grenzsoldaten geschwächt werden. Der Klassenfeind wollte die Grenzsoldaten an Lungenkrebs und Herzinfarkt erkranken lassen und sie mit dem Alkohol dienstunfähig machen, so die Verteidigungskraft der DDR schwächen und das Gesundheitssystem belasten. Daß die DDR-Soldaten beim Erwischtwerden mit Zigaretten beim Wachdienst und Alkohol bestraft werden, war dem Klassenfeind bei seinem imperialistischen Angriff egal. Hauptsache, er kann die DDR schädigen. Wie der MDR daraus eine menschliche Geste macht, vertehe ich nicht.