Twittergottesdienst Magdeburg
Matthias sitzt beim Twittergottesdienst in der Magdeburger Wallonerkirche. Bildrechte: Patrick Eicke

Twittergottesdienst Von Fake News zu Faith News

Jeder hat eine Vorstellung vom klassischen Gottesdienst: Die Orgel spielt, es wird gesungen, der Pfarrer hält die Liturgie. Was normalerweise nicht dazu gehört, sind Beamer, Leinwand und Smartphones in der Gemeinde.

Twittergottesdienst Magdeburg
Matthias sitzt beim Twittergottesdienst in der Magdeburger Wallonerkirche. Bildrechte: Patrick Eicke

Freitagabend in der Magdeburger Wallonerkirche. In den vollbesetzten Reihen wird auf den abendlichen Gottesdienst gewartet. Doch etwas ist anders als sonst. Die Blicke richten sich nicht auf die Pfarrer Ralf Peter Reimann und Christoph Breit. Nein, sie gehen über die Köpfe der beiden auf eine große Leinwand, wo unter dem Hashtag #twigo Reaktionen auf das einlaufen, was in der Kirche passiert. Denn heute wird Twittergottesdienst gefeiert.

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Die Twitterwand füllt sich mit Beiträgen. Bildrechte: Patrick Eicke

Deshalb beginnt Reimann die Liturgie auch mit einem Aufruf, die Smartphones doch bitte herauszuholen, um sich am Gottesdienst zu beteiligen. Mit dabei ist auch Matthias aus Magdeburg. Er twittert heute Abend nicht digital, aber die Organisatoren haben auch für eine analoge Variante gesorgt: Konfirmanden laufen mit Karteikarten umher und die Teilnehmer können händisch aufschreiben, was sie beitragen möchten. Es wird dann von Helfern auf die Twitterwand übertragen.

Good News vs Hate Speech

Twittergottesdienst Magdeburg
Für Matthias aus Magdeburg ist es der erste Twittergottesdienst. Bildrechte: Patrick Eicke

Matthias weiß nicht genau, womit er rechnen soll: "Ich habe eigentlich keine Erwartungen. Es war mir klar, dass sich mit dieser Twitterwand möglichst aus allen Winkeln der Welt jemand beteiligen kann. Sonst habe ich da nicht so drüber nachgedacht."

Weil sich der gesamte Gottesdienst in der digitalen Welt bewegt, haben Reimann und Breit auch das Thema von dort genommen: Good News vs Hate Speech. Also die gute Nachricht, die ja auch im Leitwort des "Kirchentags auf dem Weg" in Magdeburg steht, im Kampf gegen die Hassrede im Netz.

Glaubensbekenntnis in 140 Zeichen

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Riot of Color aus Hamburg. Bildrechte: Patrick Eicke

Problematisch sei der Gegensatz zwischen "Sie haben eine neue Nachricht" und "Sie haben eine gute Nachricht". Denn häufig kämen Benachrichtigungen aus Sozialen Netzwerken wie Facebook, die dann zur Enttäuschung würden, weil es sich nur um einen gemeinen Kommentar handle, erklären die beiden Pfarrer. Um mehr positive Nachrichten zu verbreiten, werden die Teilnehmer in der Kirche und alle, die die Veranstaltung im Fernsehen und im Livestream verfolgen dazu aufgefordert, ihre Glaubensbekenntnisse und Fürbitten über das Internet zu teilen. Um die Zeit zu überbrücken, spielt die Hamburger Band Riot of Color.

Schnell laufen im Hintergrund viele Tweets ein, auch die Abgetippten aus der Gemeinde vor Ort. Für Matthias ist es fast schon zu viel: "Ich sehe in modernen Technologien, so sinnvoll sie auch seien mögen, eine Oberflächlichkeit. Ich weiß nicht, ob das für mich mit dem Gottesdienst zusammenpasst. Für mich war das alles zu viel. Einerseits wird eine Predigt gelesen, gleichzeitig grüßt jemand aus Meiningen. Ich würde mich dann doch lieber auf die Predigt konzentrieren und dann ist es auch okay, wenn ich gerade nicht weiß, was der Mensch aus Meiningen zu sagen hat." Dennoch zeige es, dass die Idee der Beteiligung offensichtlich funktioniert habe.

Gute Nachricht statt Resignation

In der eigentlichen Predigt wird dann auch weiter die gute Nachricht thematisiert. Reimann und Breit erklären, was für ein brutaler Ort das Internet sein könne. Doch statt Resignation und Traurigkeit solle man die gute Nachricht finden und von Fake News zu Faith News, also zu guten Glaubensnachrichten kommen.

Und so fordern beide erneut dazu auf, mitzumachen und Geschichten, die den Teilnehmern Hoffnung machen, zu erzählen.

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Ralf Peter Reimann aus Düsseldorf und Christoph Breit aus München halten die Predigt. Bildrechte: Patrick Eicke

Nach einer neuen Musikunterbrechung werden ausgewählte Geschichten, die auf der Twitterwand eingelaufen sind, von den helfenden Konfirmanden vorgelesen und mit den "klassischen" Gottesdienst-Elementen, dem Vaterunser und einem Segen, geht der Twittergottesdienst zuende. Im Anschluss gibt es viel Applaus für die Macher, Helfer und Unterstützer.

Glückliche Organisatoren

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Die zufriedenen Organisatoren Reimann und Breit. Bildrechte: Patrick Eicke

Ralf Peter Reimann ist zufrieden: "Ich habe gemerkt, dass wir wirklich Gottesdienst gefeiert haben und das wollten wir. Wir waren eine Gemeinschaft an ganz unterschiedlichen Orten und so ist es toll, wenn wir zusammen Kirche sind." Sein Kollege Christoph Breit ergänzt: "So ein Twittergottesdienst ist immer ein Experiment und für uns ist das Experiment gelungen."

Bis auf einen diffamierenden Tweet sind auch tatsächlich nur Tweets auf der Wand gelandet, die zu der Veranstaltung beitragen wollten. Reimann erklärt: "Im Hintergrund saß ein Kollege, der alles händisch freigeschaltet hat. Da kann es mal passieren, dass einmal zu viel freigeschaltet wird. In dem Sinne war der Gottesdienst nicht perfekt, muss er aber auch nicht sein."

Doch lieber klassisch

Auch für Matthias war der Gottesdienst nicht perfekt, aber eine Erfahrung. Dennoch: "Mich hat es nicht so überzeugt. Ich gehe gerne in die Kirche, um mir eine gute Predigt anzuhören. Und da kam für mich nicht so viel bei rum. Beim nächsten Mal wird's für mich wohl eher ein klassischer Gottesdienst statt Twittergottesdienst."

Eindrücke vom Twittergottesdienst

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Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 26.05.2017 | 19:00 Uhr

Quelle: MDR/pe

Zuletzt aktualisiert: 27. Mai 2017, 09:49 Uhr

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1 Kommentar

27.05.2017 06:33 Möwe 1

Religion, ich bin nicht dein Sohn....