Vor Schließung von Morsleben : Umweltschützer fordern neues Konzept
Zum Start der vierwöchigen Bürgeranhörung zum Atommüllendlager in Morsleben haben Umweltschützer ein neues Konzept für die geplante Stilllegung der Anlage gefordert. "Das jetzige Konzept vom Bundesamt für Strahlenschutz ist unvollständig. Wir sehen nicht, dass der Betreiber sich ernsthaft mit Alternativen beschäftigt hat", sagte Oliver Wendenkampf vom Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) Sachsen-Anhalt.
Bedenken können vorgetragen werden
Seit Donnerstag können in der Motorsport-Arena Oschersleben Bürger und Verbände, die Einwände gegen die vom Bundesamt für Strahlenschutz geplante Schließung der Anlage für schwach- und mittelradioaktiven Müll eingebracht hatten, ihre Bedenken vortragen.
Insgesamt liegen mehr als 13.500 Unterschriften vor, die die Einwendungen unterstützen. Das Umweltministerium von Sachsen-Anhalt will die Erläuterungen bei seiner Entscheidung für oder gegen die Stilllegung berücksichtigen. Damit wird aber nicht vor 2014 gerechnet.
Überraschende Personalentscheidung
Für Überraschung sorgte eine Personalentscheidung im Umweltministerium von Sachsen-Anhalt unmittelbar vor der Anhörung: Der bisherige Leiter des Referats für Strahlenschutz und Nukleare Überwachung im Ministerium, Horst Seida, wurde von seiner Aufgabe entbunden. Hintergrund war, dass dieser sich auf eine Stelle beim Bundesamt beworben hatte, das den Antrag zur Schließung des Atommüllendlagers gestellt hatte. Zum Auftakt der Anhörung stellte der BUND einen Befangenheitsantrag gegen mehrere Mitarbeiter des Ministeriums. Die Umweltschützer warfen Seida und dessen Mitarbeitern vor, nicht neutral zu sein. Das Umweltministerium lehnte den Antrag nach einer rund einstündigen Unterbrechung als unbegründet ab.
Seida sei am Donnerstag von seiner Aufgabe als Referatsleiter entbunden worden, sagte der Leiter der Anhörung, Uwe Hoepfner. Damit sei die Unabhängigkeit des Verfahrens gegeben. Auch den Befangenheitsantrag gegen weitere Mitarbeiter, die Seida unterstellt waren, wies das Ministerium zurück. Es lägen keine Anhaltspunkte vor, dass diese aufgrund der Bewerbung von Seida beeinflusst worden wären.
Morsleben soll weiter mit Salzbeton verfüllt werden
Im dem Salzstock lagern in rund 500 Metern Tiefe etwa 37.000 Kubikmeter schwach- und mittelradioaktive Abfälle vor allem aus Atomkraftwerken. Das Bundesamt für Strahlenschutz will das alte Bergwerk fast vollständig mit Salzbeton verfüllen. Die marode Anlage aus DDR-Zeiten gilt als instabil. Das Bundesamt pumpte den Füllstoff von 2003 bis 2011 bereits in 27 Kammern, in denen kein Atommüll lagert. Die Kosten für die Schließung betragen rund 1,2 Milliarden Euro und sollen vom Bund übernommen werden. Nach Angaben des Bundesamtes für Strahlenschutz ist mit dem Verfahren eine Langzeitsicherheit von einer Million Jahre gewährleistet.
Erhebliche Zweifel bei Umweltverbänden
Umweltverbände und besorgte Bürger haben an den Plänen allerdings erhebliche Zweifel. "Wir glauben nicht, dass das Betongemisch hundertprozentig sicher ist", sagte BUND-Vertreter Wendenkampf. Beton sei in dem Salzstock ein Fremdkörper und werde sich daher nicht richtig mit den Wänden des Bergwerks verbinden. "Er wird irgendwann zerbröseln." Dadurch könnten radioaktive Stoffe ins Grundwasser kommen oder an der Oberfläche austreten.
Das Bundesamt für Strahlenschutz rechnet tatsächlich damit, dass dies an unterschiedlichen Orten in etwa 7.800 Jahren und dann noch einmal in 45.000 Jahren passieren kann. Dann sollen die radioaktiven Stoffe aber so weit zerfallen sein, dass die gültigen Grenzwerte unterschritten würden.
Zusätzliche Strahlenquellen sind gefürchtet
Sorge bereitet den Umweltschützern auch mittelradioaktiver Müll, der bislang keine Endlagergenehmigung hat, sondern nur eine zur Zwischenlagerung. Dazu zählen ein 280 Literfass mit Radium, das wegen seiner langen Halbwertszeit gefürchtet ist, und Strahlenquellen mit Kobalt-60. Das radioaktive Isotop wurde in der DDR zur Trinkwasserreinigung verwendet. Das Bundesamt hatte beantragt, diese Abfälle endgültig in dem alten Salzstock zu lassen.
Andreas Fox von der Bürgerinitiative Morsleben kritisierte zudem, dass das Bundesamt versäumt habe, die Auslagerung dieser Abfälle zu überprüfen. "Das jetzige Konzept schließt die Auslagerung des gesamten Mülls aus", sagte Fox. Dies wäre einem Gutachten des TÜV Nord von 2006 zufolge zwar machbar - aufgrund der unnötigen Strahlenbelastung für die Arbeiter aber nicht zulässig. Das Bundesamt hatte die Gesamtauslagerung deswegen verworfen.
Der Präsident des Bundesamtes für Strahlenschutz, Wolfram König, sagte zu den Vorwürfen: "Entscheidend ist, dass die langfristige Sicherheit gewährleistet werden kann." Das sei bei allen Strahlenquellen der Fall. Der zwischengelagerte Abfall befände sich bereits in einem endlagergerechten Zustand. Er könne daher in dem Endlager bleiben.
Anhörungszeiten:
Die Anhörung findet jeweils von Dienstag bis Freitag von 10.00 bis 18.00 Uhr und sonnabends von 10.00 bis etwa 14.00 Uhr in der Motorsport-Arena Oschersleben statt.
