Figuren in Arbeitskleidung unterschiedlicher Branchen stehen vor Euro Geldmünzen im Wert von 8,50
Bildrechte: IMAGO

Fünf Fragen, fünf Antworten Was Niedriglohn genau bedeutet

Ab wann spricht man eigentlich von Niedriglohn? Gibt es Unterschiede zwischen den Neuen und den Alten Bundesländern? Und was sind die langfristigen Folgen für die Bevölkerung? MDR SACHSEN-ANHALT erklärt verständlich und kompakt alles rund um das Thema Niedriglohn.

von Manuel Mohr, MDR SACHSEN-ANHALT

Figuren in Arbeitskleidung unterschiedlicher Branchen stehen vor Euro Geldmünzen im Wert von 8,50
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Was ist Niedriglohn überhaupt?

Kurz gesagt: Niedriglohn bedeutet aktuell, dass der Bruttolohn pro Stunde einer Person bei 10 Euro oder weniger liegt. Dieser Wert ist nicht einfach so festgelegt, sondern in zwei Schritten berechnet. Wie genau diese Berechnung abläuft, lesen Sie weiter unten.

Wie verbreitet ist der Niedriglohn in Sachsen-Anhalt?

Rechnet man alle Beschäftigungsverhältnisse Deutschlands ein, arbeitet etwa jeder Fünfte (21,4 Prozent) unterhalb der Niedriglohnschwelle. Die neuen Bundesländer sind dabei besonders betroffen:

In Sachsen-Anhalt ist jeder Dritte (33,9 Prozent) im sogenannten "Niedriglohnsektor" beschäftigt. Dabei handelt es sich aber nicht um einen klassischen Sektor wie "Landwirtschaft" oder "Dienstleistungen", sondern um eine Einteilung rein nach der Lohnhöhe.

Wer ist besonders vom Niedriglohn betroffen?

Wie oben bereits gesehen, sind Beschäftigte in den neuen Bundesländern weitaus häufiger im Niedriglohnsektor beschäftigt als in den alten Bundesländern. Zudem gibt es einen Zusammenhang zwischen Niedriglohn, Alter und Anstellungsverhältnis:

Menschen unter 25 arbeiten also deutlich häufiger im Niedriglohnsektor als Ältere, Teilzeitbeschäftigte öfter als Vollzeitangestellte. Zudem sind Frauen generell etwas häufiger betroffen als Männer.

Ein weiterer Faktor ist der berufliche Bildungsabschluss. Von allen Beschäftigten ohne eine abgeschlossene Berufsausbildung arbeiten in Sachsen-Anhalt 60 Prozent im Niedriglohnsektor. Bei Menschen mit einem Berufsabschluss sind es noch 37,5 Prozent. Mit einem Hochschulabschluss hingegen arbeiten nur noch 6,1 Prozent der Beschäftigten für einen Niedriglohn. Je höher die Ausbildung also ist, desto geringer die Wahrscheinlichkeit, später weniger als 10 Euro brutto pro Stunde zu verdienen.

Und auch Zeitarbeitnehmer, geringfügig entlohnte Beschäftigte sowie Menschen, die beispielsweise im Gastgewerbe, als Taxifahrer oder in Frisör- und Kosmetiksalons arbeiten, sind besonders vom Niedriglohn betroffen.

Was sind die Folgen von Niedriglohn?

Wenn Menschen durch ihre Niedriglohn-Beschäftigung nicht genug Geld verdienen, um ihren Alltag bestreiten zu können, bleiben ihnen mehrere Möglichkeiten: Als umgangssprachlich genannte "Aufstocker" erhalten sie ergänzend zu ihrem Einkommen noch finanzielle Leistungen vom Jobcenter. In der Arbeitsmarktstatistik werden sie als "erwerbstätige Arbeitslosengeld-II-Bezieher" geführt. Andere wiederum müssen neben ihrer regulären Arbeit zusätzlich noch einer ("Minijobber") oder sogar mehreren ("Multijobber") geringfügigen Beschäftigungen nachgehen – meistens auf 450-Euro-Basis.

Auch die Wirtschaft leidet darunter, wenn wie in Sachsen-Anhalt sehr viele Menschen im Niedriglohnsektor arbeiten. Teilen der Bevölkerung fehlt es schlicht an Kaufkraft. Dadurch sinkt die Nachfrage und die Profite der ansässigen Unternehmen ebenso. Ein weiterer Punkt: Altersarmut. Niedrige Löhne bedeuten, dass die Beschäftigten auch nur wenig in die Rentenversicherung einzahlen können und logischerweise im Alter auch nur wenig Rente beziehen. Hier muss der Staat – ebenso wie bei den Aufstockern – dann unterstützen und Zuschüsse gewährleisten.

Wie wird die Niedriglohnschwelle berechnet?

Schritt 1: Zunächst wird mit der sogenannten "Verdienststrukturerhebung" ermittelt, wie hoch der Bruttostundenlohn eines jeden Beschäftigten in Deutschland ist. Zuletzt war das 2014 der Fall. Nachdem alle Bruttostundenlöhne ermittelt waren, wurden diese in zwei gleich große Gruppen eingeteilt – die obere Hälfte und die untere Hälfte. Der Wert, der genau in der Mitte aller Löhne liegt, also die Gruppen in obere und untere teilt, wird mittlerer Bruttolohn genannt.

Bei der jüngsten Verdienststrukturerhebung kam so heraus, das der mittelere Bruttolohn aller einbezogenen abhängigen Beschäftigungsverhältnisse in Deutschland bei 15 Euro pro Stunde liegt.

Schritt 2: Nach Konvention der internationalen Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) wird im zweiten Berechnungsschritt vom mittleren Bruttolohn ein Drittel abgezogen. Dieser Wert bildet die Grenze zum Niedriglohn, die sogenannte Niedriglohnschwelle.

Das bedeutet, dass die Schwelle zum Niedriglohn momentan bei 10 Euro Bruttolohn pro Stunde (15 Euro - 5 Euro) in Deutschland liegt. Alles was darunter ist, ist Niedriglohn.


Datenquellen

Drucksache 18/10582: Niedriglöhne in der Bundesrepublik Deutschland (Antwort der Bundesregierung auf eine kleine Nachfrage im Bundestag, 07.12.2016)

  • Seite 3: Niedriglohnschwelle
  • Seite 4: Anzahl und Anteil der Beschäftigungsverhältnisse mit Niedriglohn im April 2014
  • Seite 6/7: Voll- und Teilzeitbeschäftigte
  • Seite 10-12: Berufliche Bildungsabschlüsse
  • Seite 15 und folgende: Andere Beschäftigungsverhältnisse, verschiedene Gewerbe

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 11.05.2017 | 19:00 Uhr
MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 11.05.2017 | 09:15 Uhr

Quelle: MDR/mm/ff

Zuletzt aktualisiert: 11. Mai 2017, 14:05 Uhr

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