Ein Mann mit schwarzem Sakko und weißem Hemd sitzt in einem Flur.
Stefan Sell ist Professor an Hochschule Koblenz. Bildrechte: Hochschule Koblenz

Arbeitsmarktexperte "Niedriglohn ist ein ganz fataler Teufelskreis"

Stefan Sell ist Arbeitsmarktexperte und Professor für Volkswirtschaftslehre, Sozialpolitik und Sozialwissenschaften an der Hochschule Koblenz. Im Interview mit MDR SACHSEN-ANHALT bemängelt er die Definition von Armut in Deutschland – eine große Gruppe falle einfach durchs Raster. Er spricht von ängstlichen Politikern, einem Teufelskreis und hat einen Lösungsvorschlag.

von Niklas Ottersbach, MDR SACHSEN-ANHALT

Ein Mann mit schwarzem Sakko und weißem Hemd sitzt in einem Flur.
Stefan Sell ist Professor an Hochschule Koblenz. Bildrechte: Hochschule Koblenz

Die Arbeitnehmer in unserer Serie "Leben am Existenz-Minimum" arbeiten in der Logistik-Branche bzw. im Reinigungsgewerbe. Beide würden gerne mehr als 1.000 Euro netto verdienen. Einer der Arbeitgeber hat gesagt: "Ich würde ja gern mehr zahlen oder mehr Leute in Vollzeit anstellen, aber dann müsste ich dafür mehrere Leute entlassen". Zeigt das die ganze Misere im Niedriglohn-Bereich?

Stefan Sell: Was man hier erkennt, ist ein ganz fataler Teufelskreis. Sachsen-Anhalt hat einen überdurchschnittlich hohen Niedriglohn-Bereich. Das bedeutet: Wenn man keinen Impuls von außen gibt, stabilisiert sich die Situation im unteren Lohn-Niveau. Arbeitnehmer haben deutlich weniger Kaufkraft, damit sinkt automatisch die Nachfrage. Das bedeutet für die Unternehmer wiederum, dass sie wenig Spielraum haben, für ihre Kunden höhere Preise auf dem Markt durchzusetzen.

Ein Impuls von außen wäre also nötig. Ist damit die Politik gemeint?

2015 wurde der gesetzliche Mindestlohn eingeführt. Ich will mal dran erinnern, dass im Vorfeld dieser Einführung gerade in Ostdeutschland die Befürchtung groß war, dass es dort zu einer Beschäftigungskatastrophe kommen würde. Es gab Ökonomen, die bis zu 900.000 Job-Verluste in Aussicht gestellt haben. 2017 muss man zu dem Ergebnis kommen: Das ist nicht eingetreten. Mehr noch. Gerade in den neuen Bundesländern haben sehr viele vom Mindestlohn profitiert, weil sie vorher deutlich weniger verdient haben. Für viele war der Mindestlohn eine deutliche Lohnerhöhung.

Das wiederum hat die Kaufkraft gestärkt und führt zu einer positiven Beschäftigungsentwicklung. Die Frage, ob Unternehmen Leute beschäftigen oder nicht, entscheidet sich nicht so sehr an der Frage, ob sie ein oder zwei Euro Arbeitskosten sparen können. Viel wichtiger ist, dass ich einen Absatz-Markt für meine Produkte habe. Insofern wäre das ein Positiv-Beispiel, um aus dieser Niedriglohn-Spirale rauszukommen, die wir ja leider immer noch haben in den neuen Bundesländern.

Dennoch arbeitet jeder dritte Arbeitnehmer in Sachsen-Anhalt im Niedriglohn-Bereich. Das bedeutet oft: Aufstocken, Teilzeit-Arbeit, mehrere Jobs haben. Warum werden gerade im Osten Niedriglöhne gezahlt?

Weil sich dort die niedrigen Löhne verfestigt haben. Wie eine Art Zementschicht haben sie sich in die regionale Wirtschaft reingefressen. In Sachsen-Anhalt haben wir ja nicht nur einen sehr hohen Anteil von Niedriglöhnen insgesamt, sondern auch überdurchschnittlich viele Arbeitnehmer, die mit Hartz IV aufstocken müssen.

Bei den Minijobbern, die aufstocken müssen, steht Sachsen-Anhalt bundesweit sogar an der Spitze mit 24,2 Prozent.

Stefan Sell, Arbeitsmarktexperte der Hochschule Koblenz

Wenn man sich dann anschaut, wo die Aufstocker arbeiten, steht da auf Platz 1: Reinigungsdienste, Platz 2: Gastgewerbe und Platz 3: die Leiharbeit.

Eine Lösung wäre zum Beispiel ein höherer Mindestlohn, der nicht nur für tarifgebundene Unternehmen in diesen Branchen gilt, sondern für alle. Nur dann kann es gelingen diese verfestigte Niedriglohn-Spirale zu durchbrechen.

Niedriglohn bedeutet ja auch, am Existenz-Minimum zu leben. Sie haben mal gesagt: "Armut wird in Deutschland wegdefiniert". Wie meinen Sie das?

Wir haben eine ganz eigentümliche Armutsdiskussion. Seit vielen Jahrzehnten gibt es in Deutschland zehn Prozent, die in harter Einkommensarmut leben müssen. Dann streitet man sich in der Diskussion, ob es nun zehn, 14 oder 15 Prozent sind.

Das Problem ist gerade in den neuen Bundesländern: Wir haben ganz viele Menschen, die gar nicht in dieser Statistik auftauchen, weil sie sehr knapp oberhalb dieser Schwellenwerte liegen.

Als Beispiel: Eine alleinstehende Person gilt als armutsgefährdet, wenn sie weniger als 942 Euro für alle Ausgaben im Monat zur Verfügung hat. Liegen sie knapp da drüber, haben sie das Problem, dass sie alle Ausgaben decken müssen und noch nicht mal Zuschüsse bekommen. Im Vergleich zu Mitte der neunziger Jahre, haben heute 60 Prozent der Menschen höhere Einkommen. Diese Arbeitnehmer haben profitiert von der guten wirtschaftlichen Entwicklung. Die anderen 40 Prozent im unteren Bereich, davon überproportional viel in den neuen Bundesländern, haben heute weniger als in den Neunzigern. Und das sind oftmals Menschen, die einer Arbeit nachgehen, die sich abstrampeln und das Gefühl haben, dass sie vorne und hinten nicht über die Runden kommen. Diese viel größere Gruppe, als das, was wir im deutschen Armutsdiskurs verhandeln, fällt durch alle Raster. Auch durchs Aufmerksamkeits-Raster.

SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz hat sich das Thema soziale Gerechtigkeit auf die Fahne geschrieben. Auch andere politische Akteure entdecken das Thema Niedriglohn für sich. Ändert sich da gerade etwas?

Positiv ist schon mal, dass es mehr Aufmerksamkeit für dieses Thema gibt. Gleichzeitig muss man einschränken: Bricht man diese neue Aufmerksamkeit für das Niedriglohn-Problem mal runter, dann werden wir sehen, dass das auch eine Angstreaktion von Politik ist.

Die Politiker fürchten sich vor armen Wählern?

Ja. In der Vergangenheit war es so: Je schwieriger die soziale Lage der Leute war, desto niedriger auch die Wahlbeteiligung. Das wussten auch die Politiker.

In der letzten Zeit hat sich das doch teilweise wieder verschoben. Dass zum Teil diese Leute, die früher gar nicht mehr zur Wahl gegangen sind, jetzt wieder wählen gehen. Und sei es, um ihrem Protest eine Stimme zu geben. Das sehen natürlich auch die Parteien. Dann ist das auch legitim zu sagen: Oh, da müssen wir uns drum kümmern.

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 11.05.2017 | 19:00 Uhr
MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 11.05.2017 | 09:15 Uhr

Quelle: MDR/ff

Zuletzt aktualisiert: 11. Mai 2017, 14:05 Uhr

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5 Kommentare

11.05.2017 21:23 Eulenspiegel 5

Ich zitiere:
„Ich will mal dran erinnern, dass im Vorfeld dieser Einführung gerade in Ostdeutschland die Befürchtung groß war, dass es dort zu einer Beschäftigungskatastrophe kommen würde. Es gab Ökonomen, die bis zu 900.000 Job-Verluste in Aussicht gestellt haben. 2017 muss man zu dem Ergebnis kommen: Das ist nicht eingetreten.“
Also die befürchtete Beschäftigungskatastrophe war ganz einfach nur Blödsinn. Die Arbeitgeber würden es an liebsten sehen wenn ihre Angestellten für weniger als umsonst Arbeiten würden. Das nennt man dann Profitmaximierung. Ich denke wenn Vollzeitarbeitnehmer ergänzende H 4 benötigen um leben zu können dann stimmt an der Wertigkeit von Arbeit etwas nicht. Ich finde Leistung muss sich wieder lohnen und zwar für jeden Arbeitnehmer. Und wenn Unternehmer sagen für bestimmte Arbeiten können wir leider nicht mehr zahlen dann sollen diese Unternehmer genau diese Arbeiten selber machen.

11.05.2017 13:15 Barbara 4

Es gibt heute nach 2 7 jahren noch nicht mal gleichen Lohn wie im Westen, also was sind wir dann für eine Einheit ??? wir sind keine Einheit und werden es nie werden, das schlimme ist bei jeder Lohnerhöhung vieleicht das dann alle anderen Kosten auch wieder ins unnormale steigen, was unmöglich ist. Wir sind anders groß geworden als die Bürger von drüben, natürlich wächst die neue Generation da rein, aber wir nicht mehr.

11.05.2017 11:50 Danke SPD! 3

@11.05.2017 09:36 Anne Wand (1 Das "Tafelsilber" ist fast schon komplett verhoekert, an der "Privatisierung" unserer Autobahn wird gearbeitet.
Wozu brauchen wir "unsere" Politiker eigentlich noch?)

Eine sehr gute Frage, deren Beantwortung durch "unsere" Politker zu einer wahren Orgie an unverbindlichem und vernebelndem Geschwätz ausarten würde. Ich bin gestern abend duch Zufall an die Wiederholung einer ARD-Tagesschau aus dem Jahre 1997 geraten - mit einem Interview-O-Ton eines gewissen Gerd Schröder/SPD. Es ist überaus hilfreich, sich zu vergegenwärtigen, WER an der aktuellen Lage die Schuld und Verantwortung trägt. Gleich der erste Name auf der Liste lautet "SPD". Niemand braucht die Knechte des Kapitals - nicht einmal mehr das Kapital.

11.05.2017 10:17 Babara D. 2

Oh-Oh du armes Deutschland. Die Politiker haben zum Volk schon die Realität verloren . Sie kriechen aus ihr wohlbehüteten Löcher , wenn Wahlen oder andere Anlässe vor der Tür stehen . Ach es gibt Euch noch mein Wählervolk! Da geht es auch mal in die Altenheime und trinkt mit den alten Leuten """Kaffee, diese Menschen haben unser Land mit Aufgebaut -alles vergessen . Kein Politiker hat nur einmal die Situation erfasst für harte Arbeit auch den gerechten Lohn zu zahlen . Keiner hat es nach so langer Zeit geschafft die Renten anzupassen. Frau Merkel merken sie noch was in ihrem Land passiert?Sie wurden gewählt von ihrem Volk! Ich nehme sie mit und zeige ihnen woran es meistens hapert .

11.05.2017 09:36 Anne Wand 1

Das "Tafelsilber" ist fast schon komplett verhoekert, an der "Privatisierung" unserer Autobahn wird gearbeitet.
Wozu brauchen wir "unsere" Politiker eigentlich noch?
Die Firmenleitungen der grossen Korporativen koennten eigentlich die Verwaltung "unseres" Landes ganz offen uebernehmen und auf die teuren Strohmaenner der "verschiedenen" Parteien ganz verzichten.
Das waere billiger und in gewisser Weise "ehrlicher".