Lutz-Georg Berkling im August 2017 auf dem Gelände der Landes-Aufnahmeeinrichtung/Zentralen Anlaufstelle (ZASt) in Halberstadt
Lutz-Georg Berkling: "Wir konnten diese Menschen nicht im Freien übernachten lassen." Bildrechte: MDR/Stephan Schulz

Serie: Zwei Jahre "Wir schaffen das" Der Krisenmanager Lutz-Georg Berkling

"Der Auftrag meines Krisenstabes war es, die Unterbringung der Flüchtlinge zu regeln." Hunderttausende von Flüchtlingen kommen 2015 nach Deutschland. Auch Sachsen-Anhalt nimmt Tausende Menschen auf. Auf dem vorläufigen Höhepunkt der Fluchtbewegungen sagt Bundeskanzlerin Angela Merkel am 31. August 2015 die polarisierenden Worte: "Wir schaffen das". Zwei Jahre danach zieht MDR SACHSEN-ANHALT Bilanz. Zum Auftakt der Serie hat sich Reporter Stephan Schulz mit dem Mann getroffen, der als Krisenmanager die Ankunft der Flüchtlinge in der Zentralen Anlaufstelle in Halberstadt organisiert hat.

von Stephan Schulz, MDR SACHSEN-ANHALT

Lutz-Georg Berkling im August 2017 auf dem Gelände der Landes-Aufnahmeeinrichtung/Zentralen Anlaufstelle (ZASt) in Halberstadt
Lutz-Georg Berkling: "Wir konnten diese Menschen nicht im Freien übernachten lassen." Bildrechte: MDR/Stephan Schulz

Es ist schwer zu sagen, ob Lutz-Georg Berkling ein emotionaler Mensch ist. Wenn er einer ist, kann er seine Emotionen gut verbergen. Das passt zu seinem Job. Der 55-Jährige ist der Referatsleiter Brand- und Katastrophenschutz im Innenministerium. Er muss einen kühlen Kopf bewahren, wenn Sachsen-Anhalt von einem Hochwasser heimgesucht wird oder andere Ereignisse die Landesregierung dazu zwingen, einen Krisenstab einzurichten.

Berkling war schon mehrmals Leiter eines solchen Krisenstabes, beim Hochwasser 2002 und 2013, und er managte auch die "Flüchtlingskrise" vor zwei Jahren.

Vom Urlaub in den Krisenmodus

Damals, im Juli 2015, kamen erstmals mehr als 2.000 Ausländer innerhalb eines Monats nach Sachsen-Anhalt. Syrer, die ihr vom Krieg zerstörtes Land verlassen hatten, aber auch Afghanen, Inder, Albaner und Nigerianer. Sie alle mussten sich in Halberstadt registrieren lassen, in der Zentralen Anlaufstelle (ZASt) für Asylbewerber. Die Betten in der ehemaligen DDR-Kaserne waren schon bald belegt. Die ZASt-Mitarbeiter wussten nicht mehr, wo sie die vielen Menschen unterbringen sollten. Die Situation drohte außer Kontrolle zu geraten.

Wir sollten dafür sorgen, dass alle ankommenden Flüchtlinge registriert, versorgt und menschenwürdig untergebracht werden.

Geflüchtete stehen im August 2017 an einem Gebäude der Landes-Aufnahmeeinrichtung/Zentralen Anlaufstelle (ZASt) in Halberstadt
Man wusste manchmal nicht, wo man die vielen Menschen unterbringen sollte. Bildrechte: MDR/Stephan Schulz

Anfang August 2015, Lutz-Georg Berkling genoss mit seiner Familie seinen letzten Urlaubstag, klingelte das Diensthandy. Am Telefon, der Staatssekretär. Er beauftragte den Juristen und Oberstleutnant der Reserve damit, einen Krisenstab einzurichten. "Wir sollten dafür sorgen, dass alle ankommenden Flüchtlinge registriert, versorgt und menschenwürdig untergebracht werden", erzählt Berkling, als er zwei Jahre nach den turbulenten Ereignissen noch einmal die ZASt in Halberstadt besucht.

Am Eingang begrüßen ihn vier muskelöse Männer, jeder trägt eine dunkle Sonnenbrille. Sie gehören zu einem privaten Sicherheitsdienst, der das Gelände bewacht. Berkling schiebt sich durch das Drehkreuz und bleibt vor einem Wohn-Container stehen. "An dieser Stelle hier hatten wie unsere ELSA, unser Einsatzleitfahrzeug für den Katastrophenschutz, aufgebaut", sagt er. "In dem Fahrzeug war der Führungsstab untergebracht, so dass wir Tag und Nacht arbeiten konnten."

Bis an die Grenze der Belastbarkeit

Vor Ort in Halberstadt bestand Berklings Team aus fünf Leuten. Weitere sechzig Frauen und Männer organisierten im Magdeburger Innenministerium alles Notwendige, vor allem Schlafplätze für die Flüchtlinge. "Das war die größte Herausforderung", sagt der Krisenmanager. "Es kam öfter vor, dass plötzlich mehrere Busse mit Flüchtlingen unangemeldet vor der Tür standen. Wir konnten diese Menschen nicht im Freien übernachten lassen und mussten daher schnell handeln."

Geflüchtete sitzen im August 2017 auf einer Bank auf dem Gelände der Landes-Aufnahmeeinrichtung/Zentralen Anlaufstelle (ZASt) in Halberstadt
Die Zahl der Flüchtlinge stieg monatlich. Nach November 2015 beruhigte sich die Situation langsam. Bildrechte: MDR/Stephan Schulz

In der Not bauten Hilfsorganisationen und die Bundeswehr Zelte für Hunderte Menschen auf. "Außerdem mieteten wir Hotels, Pensionen und Jugendherbergen an. Kurzzeitig mussten einige Flüchtlinge auch in einer Schule in Halberstadt untergebracht werden."

Während Hilfsorganisationen, Bundeswehr, Polizei, Ärzte, ZASt-Mitarbeiter und Berklings Team bis an die Grenze ihrer Belastungsfähigkeit arbeiteten, kassierten einige Unternehmer das große Geld. Alles wurde teurer: Handwerkerleistungen, mobile Toiletten, Zelte, Verpflegung. Doch Berkling hatte freie Hand. Was herangeschafft werden musste, wurde herangeschafft, denn auf dem Gelände der ZASt herrschte Hochbetrieb. Die Zahl der Flüchtlinge, die monatlich nach Sachsen-Anhalt kamen, stieg von 320 im Januar 2015 auf bis zu 8367 Menschen im November 2015. Danach beruhigte sich die Situation langsam.

Egal was ist, eine Lösung muss her

Im Juli 2017, zwei Jahre nach dem Merkel-Satz "Wir schaffen das",  kommen nur noch 244 Asylbewerber nach Sachsen-Anhalt. Das merkt Lutz-Georg Berkling auch bei seinem Gang über das Gelände der ZASt. Sie wirkt fast menschenleer.

Geflüchtete sitzen im August 2017 auf einer Bank auf dem Gelände der Landes-Aufnahmeeinrichtung/Zentralen Anlaufstelle (ZASt) in Halberstadt
Heute wirkt die ZASt in Halberstadt fast menschenleer. Bildrechte: MDR/Stephan Schulz

Ein paar Kinder fahren mit einem klapprigen Fahrrad über die Schotterwege. Einige Männer und Frauen sitzen vor einem Wohnblock auf einer Holzpalette und starren auf ihre Handys. Sie haben an dieser Stelle freies WLAN. Andere Bewohner des Heims sitzen auf Bänken und hören über Kopfhörer Musik.

Vor zwei Jahren war es hier nicht so ruhig, sagt Berkling. "Die Flüchtlinge mussten oft stundenlang anstehen und sich registrieren lassen. Da gab es auch Unmut und kleinere Auseinandersetzungen. Aber unterm Strich haben wir das alles vernünftig lösen können."

Der Auftrag meines Krisenstabes hingegen war es, die Unterbringung der Flüchtlinge in Sachsen-Anhalt zu regeln. Und das haben wir geschafft!

Gibt es auch etwas, was gar nicht funktioniert hat? Mit dieser Frage kann Lutz-Georg Berkling nichts anfangen, denn egal, was ist, eine Lösung muss immer her, selbst wenn sie improvisiert ist. Deshalb sagt er: "Es hat nicht alles einhundertprozentig funktioniert. Wir haben zum Beispiel die ärztlichen Untersuchungskapazitäten für die Flüchtlinge nicht immer in der erforderlichen Zahl bereithalten können. Manches ging halt nicht von jetzt auf gleich."

Der große Andrang von Flüchtlingen ist inzwischen Geschichte. Und Berklings Krisenstab? Er existiert seit fast eineinhalb Jahren schon nicht mehr. "Wir schaffen das!", hatte Bundeskanzlerin Merkel am 31. August 2015 gesagt.  Wie wirkt der Satz auf den Manager in Sachsen-Anhalt? Berkling zeigt keine Emotion. Stattdessen antwortet der geschulte Beamte: "Das, was die Bundeskanzlerin betrifft, ist das Politische, die Integration der Flüchtlinge. Der Auftrag meines Krisenstabes hingegen war es, die Unterbringung der Flüchtlinge in Sachsen-Anhalt zu regeln. Und das haben wir geschafft!"

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Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN ANHALT HEUTE | 27. August 2017 | 19:00 Uhr
MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 28.08.2017 | 12:00 Uhr

Quelle: MDR/mp

Zuletzt aktualisiert: 28. August 2017, 11:08 Uhr

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27 Kommentare

30.08.2017 08:44 Ekkehard Kohfeld an Medirator (26) 27

@ 26 Medlator Du willst hier ein wneig dampf ablassen? Auch das ist hier im Forum möglich, aber dann darfst du dich nicht wundern, wenn du Gegenwind bekommst.##Ach lieber Meldil sie sind einer der wenigen hier in den Foren der ständig Gegenwind wegen seiner kruden Kommentaren bekommt aber sie können oder wollen es nicht merken.Wie ihnen schon von sehr vielen angeraten wurde mal einen Arzt aufsuchen oder auch mal aus der Wohnung gehen und sich der Realität stellen einschließen hilft da nicht wirklich.Ich weiss MDR am Thema vorbei aber fast alle seine Kommentare auch.##Wenn du Sachfragen diskutieren willst, dann solltest du vorrangig daran arbeiten sachlich zu argumentieren!##Da sollten sie aber erst mal mit anfangen und ihren Whataboutism zu unterlassen der dient nicht zu sachlichen diskutieren sondern dazu unliebsame Diskussion oder deren unliebsame Ausgang zu unterdrücken weil man es nicht will oder auch nicht kann so wie sie.

29.08.2017 21:41 Mediator an konstanze (25) 26

Du willst hier ein wneig dampf ablassen? Auch das ist hier im Forum möglich, aber dann darfst du dich nicht wundern, wenn du Gegenwind bekommst.
Deine Beteuerung du würdest differenzieren, kann ich nicht glauben, wenn du solche diskimminierenden Pauschalisierungen von dir gibst wie in Nr. 16:
" [es herrscht] einigkeit darüber (), dass in erster linie migranten, flüchtlinge, glücksritter und gewaltbereite junge männer gekommen sind"
Wer solch einen Unsinn von sich gibt, der muss sich nicht wundern, wenn zunächst einmal diese diskrimminierenden Behauptungen thematisiert werden und nicht der unterschiedliche Rechtsstatus von Menschen die in Deutschland Schutz erhalten.
Wenn du Sachfragen diskutieren willst, dann solltest du vorrangig daran arbeiten sachlich zu argumentieren!

29.08.2017 19:09 konstanze 25

@ 20 zusatz: im übrigen fallen sie für mich als Mitdiskutant aus. das ist mir echt zu nervig !

29.08.2017 19:04 konstanze 24

@Mediator 1. auf keinen fall duzen. 2. sie merken nicht einmal, das ich es bin, die differenziert. bei ihnen sind wieder einmal alle flüchtlinge. es gab momente, da habe ich geglaubt, sie WOLLEN den unterschied nicht begeifen. nun muss ich feststellen: sie KÖNNEN das gar nicht. auch sie sollten merken, dass sie mit ihrer meinung immer einsamer werden, da mittlerweile mehr politiker einen unterschied zwischen asyl, flucht und migration machen. 3. ihre ewige rassismuskeule nervt nur noch. mich erinnern eher leute wie sie, die alle schrecklichen vorgänge in unserem land mit einer gleichgültigkeit hinnehmen oder so tun als würden sie nichts merken, an frühere zeiten.

29.08.2017 18:25 Radibor 23

Man kann nur allen Respekt zollen die damals in die Hände gespuckt und gearbeitet haben. So manche öffentliche Verwaltung hat da gezeigt, wozu sie tatsächlich in der Lage ist wenn es brennt. Klar gibt es immer Leute, die etwas auszusetzen haben, aber mit denen muss man halt auch leben. Es gibt immer welche die anpacken und andere die wissen, wie es angeblich besser geht.

29.08.2017 14:17 Ekkehard Kohfeld 22

@Janine 19 @Bernd L.(18): Ich glaube du willst uns ein wenig Angst machen mit deinen Zahlen und schreckst da auch vor LÜGEN und alterntiven Fakten nicht zurück!##Bevor sie jemand bezichtigen mal ein paar actuelle Zahlen und Berichte auch für unser sonstigen Träumer."Neue Flüchtlingswelle 2017 wird heftiger als 2015!YouTube"25.07.2017"Seehofer erwartet neue Flüchtlingswelle 25.07.2017"Flüchtlingskrise: Laut Geheimpapier: 200.000 Flüchtlinge warten auf ..."Entwicklungsminister warnt vor riesiger Fluchtbewegung aus Afrika"Flüchtlinge: „Der Exodus aus Afrika ist nicht zu stoppen“ - WELT So viele afrikanische »Flüchtlinge« wie noch nie – Metropolico"Gerd Müller warnt vor 100 Millionen Flüchtlingen aus Afrika - SPIEGEL" Reicht das oder soll ich noch ein paar Hundert beibringen??

29.08.2017 08:32 Ekkehard Kohfeld an Medirator (20) 21

@Medilator an konstanze(17) 20 Mensch konstanze schmeiß doch nicht alles in einen Topf. Würde ich so vorgehen würde wie du, dann MÜSSTE ich dich der harten rechtsextremen Szene zuordnen, denn Rassisten, Rechtspopuliste, Flüchtlingsgegner, kritische Bürger und Ahnungslose Stammtischredner sind ja auch alle irgendwie das Gleiche und dann im Zweifelsfall das Schlimmste.##Mensch liebes Mechtilein und wieder das typisch Whataboutism bal,bla sie sind nicht in der Lage mit wirklichen Argumenten die auch zum Thema gehören zu diskutieren na ja wie auch sie haben ja auch keinen.Wie schon andere Forenteilnemer geschrieben habe sollten sie mal ihr überosses Mitteilungs und Geltungsbedürfnis von einem Arzt untersuchen lassen,eventuell kann man ihnen ja helfen ihre Komplekse zumindest etwas abzumindern.Oder sie lernen bei der Wahrheit zu bleiben wäre schon mal ein Anfang.

29.08.2017 06:59 Mediator an konstanze(17) 20

Mensch konstanze schmeiß doch nicht alles in einen Topf. Würde ich so vorgehen würde wie du, dann MÜSSTE ich dich der harten rechtsextremen Szene zuordnen, denn Rassisten, Rechtspopuliste, Flüchtlingsgegner, kritische Bürger und Ahnungslose Stammtischredner sind ja auch alle irgendwie das Gleiche und dann im Zweifelsfall das Schlimmste.

Sicher gibt es alle Fälle die du schilderst auch unter Flüchtlingen, aber das BKA hat mehrfach deutlich klargestellt, dass die übergroße Zahl der Flüchtlinge ABSOLUT UNAUFFÄLLIG ist. Also würde ich vorschlagen, dass du besser differenzierst.

Letztendlich tun wir genau das gleiche ja bei uns selbst. Ich bin kein Mehrfachintensivstraftäter, obwohl es die unter uns Deutschen gibt, bin kein Extremist, kein Dieb, kein Vergewaltiger oder Terrorist. Ich nehme an, das Selbe gilt für dich.

Ansonsten löst unser Staat Probleme parallel. Oder willst du auf das Kindergeld verzichten bis es keine Flaschensammler mehr gibt? Oder hast du da Priorität?

28.08.2017 23:53 Janine 19

@Bernd L.(18): Ich glaube du willst uns ein wenig Angst machen mit deinen Zahlen und schreckst da auch vor LÜGEN und alterntiven Fakten nicht zurück!

Nehmen wir mal deine 500 Millionen Afrikaner, die laut deiner Aussage angeblich zu uns wollen. Momentan wäre dies jeder ZWEITE Afrikaner! Klingt für mich nicht sehr plausibel. Na ja, du denkst ja auch in Jahrhunderten, vielleicht tut sich da noch was.

Bleibt der Familiennachzug, der angeblich in vollem Gange ist. Auch dass ist massive Übertreibung, ist dieser doch im Aslypaket II z.B. für unter subsidiärem Schutz stehende Syrer und Iraker erst einmal ausgesetzt worden.

Insgesamt werden immer mehr Asylanträge abgelehnt. Die Gründe dafür sind sicherlich nicht nur sachlicher, sondern oft auch politischer Natur. Also stell unsere Regierung bitte nicht als naiv hin. Mit Naivität kommt ein Land nicht an die Weltspitze.

28.08.2017 21:33 Bernd L. 18

Janine:
In Afrika sind mehrere Millionen Menschen auf dem Weg nach Europa (im 21. Jahrhundert rechnet die UN mit über 500 Millionen, die nach Europa wollen). In Italien, Griechenland sind die Lager überfüllt mit Migranten. Dreimal dürfen Sie raten, wohin die wollen und wann das losgehen wird. Der Familinenachzug ist auch voll im Gange. Die politische Naivität und Gutgläubigkeit der Deutschen ist wirklich einzigartig.