Arbeiten mit Schwerbehinderung Die Fröhliche mit den Zauberhänden

Marlen Kirmse mag Herausforderungen. Deshalb sind ihr neurologische Behandlungen am Liebsten. Da kann sie Leuten zum Beispiel wieder das Laufen beibringen. Die 37-Jährige arbeitet seit 13 Jahren als Physiotherapeutin. Ihre Blindheit spielt dabei keine Rolle. Der zweite Teil der Porträtreihe von MDR SACHSEN-ANHALT über den Arbeitsalltag von schwerbehinderten Menschen in Sachsen-Anhalt.

von Pauline Vestring, MDR SACHSEN-ANHALT

Mann sitzt auf Liege, Frau massiert Hand
Bildrechte: MDR/Pauline Vestring

Marlen Kirmses Stimme ist klar und ruhig. Die 37-Jährige arbeitet seit zwei Jahren als Physiotherapeutin in Bernburg, ihren Beruf übt sie aber schon seit 13 Jahren aus. "Und noch mal rauf und runter", gibt sie Patient Sylvio Strecker Anweisungen, der seine Hand trainieren muss. Seit vier Wochen ist Sylvio Strecker bei Marlen Kirmse in Behandlung und erklärt: "Ich habe erst gar nicht bemerkt, dass sie nichts sieht."

Patienten bemerken nichts

Wie ihm geht es den meisten Patienten. "Die Leute wundern sich manchmal, warum ich eine Sonnenbrille trage. Wenn sie danach fragen und ich dann sage, dass ich blind bin, sind viele perplex", lacht Marlen Kirmse. Kein Wunder, denn sie bewegt sich zielstrebig durch die Praxis. Außerhalb der Arbeit benutzt sie dann doch ihren Taststock alias Louis der Fünfte – er ist Taststock Nummer fünf. Marlen Kirmse hat viel Humor. Louis begleitet sie auf ihrem Arbeitsweg mit dem Bus, denn jeden Tag fährt Marlen Kirmse von ihrem Wohnort Alsleben nach Bernburg.

Ganz besonders mag die Physiotherapeutin neurologische Behandlungen: "Es ist besonders herausfordernd, Menschen wieder das Laufen oder andere motorische Sachen beizubringen."

Integration ist schwierig

Mann sitzt auf Liege, Frau massiert Hand
In der Behandlung: Marlen Kirmse und ihr Patient Sylvio Strecker. Bildrechte: MDR/Pauline Vestring

Die junge Frau hat nie Probleme gehabt, einen Job zu finden. Dennoch kennt sie viele Menschen mit Handicap, die keinen Job bekommen. Sie sagt: "Integration ist schwierig, weil sie halt überall funktionieren muss. Sie muss in den Behörden und in den Betrieben funktionieren." Es gäbe viele bürokratische Hürden. So dauerte es schon einige Zeit, Fördermittel zu bekommen, die Betrieben zustehen, die Patienten mit Schwerbehinderung einstellen.

Irgendeiner hilft immer

Marlen Kirmse hat zum Beispiel eine Arbeitsassistentin. Die spricht ihr die Reihenfolge der Patienten auf ein Diktiergerät und hilft ihr beim Ausfüllen der Rezepte. Aber auch die Kollegen greifen Marlen Kirmse unter die Arme und legen ihr zum Beispiel Laken heraus, die sie für Wärmebehandlungen benötigt. "Also dadurch, dass das an sich ein Superteam ist, und die auch untereinander sehr gut miteinander klarkommen, kann ich mich eigentlich irgendwo hinstellen und kann irgendeinen rufen – es wird immer irgendeiner zum Helfen kommen."

Ihr Chef Micheal Koudelka merkt an, dass Marlen Kirmse sich direkt in das Team integriert hat. "Wir waren sehr beeindruckt von ihrer Bewerbung, weil Marlen so qualifiziert ist." Die Chemie habe einfach direkt gestimmt und ihre Einschränkung sei nie ein Thema gewesen, sie deshalb nicht nehmen zu wollen. Er merkt auch an, dass sich die bürokratischen Hürden in Grenzen hielten: "Wir sind da nicht vor verschlossene Türen gestoßen."

Frau im Schneidersitz auf Yogakissen
Marlen Kirmse wusste schon als 12-Jährige, dass Physiotherapie ihr Traumberuf ist. Bildrechte: MDR/Pauline Vestring

Die Aufklärung der Öffentlichkeit muss noch mehr werden, so dass Betriebe erfahren, dass eine Behinderung kein Hindernis ist, um zu arbeiten.

In einigen Wochen steht ein Betriebsausflug auf dem Programm. Es geht mit dem neunköpfigen Team auf den Brocken. Chef Michael Koudelka bemerkt: "Da läuft Marlen mit Louis dem Fünften ganz besonders schnell hoch."

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Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT das Radio wie wir | 23.08.2017 | 12:00 Uhr

Quelle: MDR/pv

Zuletzt aktualisiert: 25. August 2017, 11:17 Uhr

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