Mann lacht und passt Kabel an
Als gelernte Elektrogerätefachkraft kennt sich Emanuel Becker mit Kabeln aus. Bildrechte: MDR/Pauline Vestring

Arbeiten mit Schwerbehinderung Der Gelassene mit dem Fingerspitzengefühl

Emanuel Becker ist kaum aus der Ruhe zu bringen. Geduldig setzt der 34-Jährige Bauteil für Bauteil für einen Montagekasten zusammen. Er hat trotz Ausbildung viele Jahre auf den Job gewartet. Mit den Kollegen versteht er sich sehr gut, kleine Sticheleien wegen seiner Kleinwüchsigkeit gehören dazu. Der erste Teil der Porträtreihe von MDR SACHSEN-ANHALT über den Arbeitsalltag von schwerbehinderten Menschen in Sachsen-Anhalt.

von Pauline Vestring, MDR SACHSEN-ANHALT

Mann lacht und passt Kabel an
Als gelernte Elektrogerätefachkraft kennt sich Emanuel Becker mit Kabeln aus. Bildrechte: MDR/Pauline Vestring

Konzentriert und mit viel Fingerspitzengefühl passt Emanuel Becker das rote Kabel den anderen an und befestigt es danach an seinem Platz im Montagekasten. Als gelernte Elektrogerätefachkraft beherrscht er das aus dem Effeff. Und trotzdem musste er lange warten, bis er endlich einen Job fand. In ganz Deutschland hatte sich der 34-Jährige beworben, aber immer ohne Erfolg. Umso größer war die Freude, als er im Januar 2016 die Zusage für den Job in Bitterfeld bekam. Die Agentur für Arbeit vermittelte ihm die Stelle. "Ich war erst mal fassungslos. Am Anfang war es schon ein bisschen komisch. Ich hatte ja immer nur Absagen über Absagen gekriegt und auf einmal stellt dich einer ein. Ich habe mich riesig gefreut!"

Betriebe haben Angst

Mann in höhenverstellbarem Stuhl
Mit seinem höhenverstellbaren Stuhl kommt Emanuel Becker auch an das oberste Regalfach. Bildrechte: MDR/Pauline Vestring

Emanuel Becker denkt, dass viele Firmen Menschen mit Schwerbehinderung meiden, weil sie Angst haben: "Ich glaube, die befürchten, dass sie sie sich was aufhalsen, was sie dann nicht wieder loswerden. Vielleicht meinen sie auch, dass das dann eine Last für die Firma ist", sagt Becker und holt ein weiteres Bauteil aus dem Regal. Dank eines höhenverstellbaren Stuhls vom Integrationsamt kommt er mit seinen 1,33 Meter so auch an das oberste Fach. Als weiteres Hilfsmittel haben ihm seine Kollegen ein Podest gebaut, damit er auch am Lötplatz arbeiten und Kabel löten kann.


Ich sehe mich nicht wirklich als behindert.

Emanuel Becker

Zur Arbeit fährt Emanuel Becker mit dem Bus. Weil das günstiger ist, als sich ein Auto umbauen zu lassen. Mit seinem Schwerbehindertenausweis kann er für 80 Euro im Jahr unbegrenzt Bus und Bahn fahren, wobei ihm das auch oft unangenehm ist: "Den Ausweis benutze ich erst seit einem Jahr. Ich bin zwar klein, aber ich sehe mich nicht wirklich als behindert an."

Emanuel Beckers Chef Falk Herrmann ist sehr zufrieden mit seinem Mitarbeiter und dessen Arbeit. "Die schwerbehinderten Menschen können genauso mithalten, wie die Mitarbeiter ohne Schwerbehinderung", betont er. Für die einfache Werkstattarbeit seien die Menschen mit Behinderung prädestiniert. Andere Fachleute dafür zu bekommen, sei sogar schwierig. In seinem Betrieb sind drei von neun Leuten schwerbehindert. Viele andere Firmen gehen diesen Weg allerdings nicht. Er kann nur vermuten, woran das liegt. "Vielleicht scheuen sie den bürokratischen Aufwand. Und es ist, denke ich, auch einfach die Unwissenheit, was nötig ist, um Schwerbehinderte einzustellen." Und Herrmann ergänzt: "Wenn man die passenden Mitarbeiter hat, funktioniert es am Ende auch."

Gutes Arbeitsklima

Mann passt Kabel an
Einen halben Tag und viel Fingerspitzengefühl braucht Emanuel Becker, um den Montagekasten zusammenzubauen. Bildrechte: MDR/Pauline Vestring

So wie bei Emanuel Becker. Der fühlt sich wohl im Betrieb, kleine Sticheleien unter Kollegen gehören auch dazu: "Sicher kommt mal ein Spruch. Der geht dann zum einen Ohr rein und zum anderen wieder raus – ich nehme das mit Humor. Manchmal sagt mal einer so was wie: 'Hey, Kleiner' oder 'Hey, Knirps'", lacht der 34-Jährige und ergänzt: "Im Grunde ist mir das egal." Ganz besonders gefällt Emanuel Becker das Klima unter den Kollegen: "Wir lachen viel zusammen und das Basteln, so wie hier an dem Montagekasten, das macht auch richtig viel Spaß!"

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Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 22.08.2017 | 19:00 Uhr

Quelle: MDR/pv

Zuletzt aktualisiert: 22. August 2017, 16:16 Uhr

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1 Kommentar

22.08.2017 21:50 H. Kühn 1

Eine super Sache, wenn Firmen Schwerbehinderte Menschen einstellen. Wäre ich Inhaber einer Firma, hätte ich sicher auch den einen oder anderen Schwerbehinderten angestellt. Unter diesen Menschen sind nämlich ganz schön schlaue Leute. Der Schwerbehinderte Physiker Stephen Hawking ist z.B. einer.