Arbeiten mit Schwerbehinderung Der Erfahrene mit dem Überblick

Jeder Tag ist eine Herausforderung für Marcus Graubner. Er leidet an Spastischer Tetraparese. Trotz Schmerzen geht er immer zur Arbeit und bleibt sogar oft freiwillig länger in der Praxis. Er liebt die Kommunikation mit Patientinnen und Kolleginnen. Der dritte Teil der Porträtreihe von MDR SACHSEN-ANHALT über den Arbeitsalltag von schwerbehinderten Menschen in Sachsen-Anhalt.

von Pauline Vestring, MDR SACHSEN-ANHALT

Mann lachend von vorn
Bildrechte: MDR/Pauline Vestring

Das Erste, was im Ärztezentrum in Tangerhütte auffällt, ist, dass der Aufzug geschlagene fünf Minuten braucht, um die drei Stockwerke ins Dachgeschoss zur Frauenarztpraxis zu gelangen. Doch Marcus Graubner stört das morgens nicht, denn er nimmt die Treppe, trotz halbseitiger Lähmung und Gehhilfe. Runter muss er dann aber doch den Fahrstuhl nehmen, denn es gibt im Ärztehaus nicht überall Handläufe.

Ohne spezielle Hilfsmittel

Während Marcus Graubner das erklärt, klingelt geschlagene fünf Mal das Telefon. Graubner nimmt es gelassen, begrüßt gleichzeitig jede Patientin, die durch die Tür kommt. Die meisten Frauen kennt er mit Namen, schließlich hat er nach 25 Jahren in der Praxis schon eine ganze Generation durch Schwangerschaften und Kontrolltermine begleitet. Er kümmert sich um Formulare, liest Chipkarten ein und nimmt Patientengespräche entgegen. Sein Arbeitsplatz enthält keine speziellen Hilfsmittel, sondern lediglich ein Telefon, einen PC, ein Faxgerät, Unterlagen – alle ordentlich sortiert. "Nur beim Tippen am Computer brauche ich länger, weil ich da nur eine Hand nutzen kann", erklärt der 50-Jährige. Sonst hat er keine Nachteile. Oft sprechen ihn Patientinnen wegen seiner Behinderung an, die einen Rat brauchen oder Hilfe beim Beantragen des Schwerbehindertenausweises. Dann kümmert sich Graubner nach der Arbeit.

Jeder Tag ist eine Herausforderung

Mann am Telefon
Marcus Graubner und eines seiner wichtigsten Arbeitsgeräte: das Telefon. Bildrechte: MDR/Pauline Vestring

Das meiste kann Marcus Graubner in der Praxis im Sitzen erledigen. Nur gelegentlich muss er zur Apotheke oder einmal aufstehen, um zum Schrank zu laufen. Durch seine Behinderung, die Spastische Tetraparese, eher bekannt als Spastische Lähmung, verkrampfen seine Arme und Beine so stark, dass er sie zwischenzeitlich nicht bewegen kann. Alle drei Monate bekommt er ein Muskelmedikament gespritzt, muss außerdem zur Physio- und zur Ergotherapie. Seine Behinderung entstand durch Sauerstoffmangel bei der Geburt. "Die Leute meinen oft, weil ich es nicht anders kenne, sei das nicht so schlimm. Ich habe aber schon immer Schmerzen gehabt. Jeder Tag ist eine Herausforderung." Und dennoch beschwert sich Marcus Graubner nicht. Er ist aktiv, geht Schwimmen, das Thermalbad tut seinen Muskeln gut. Er mag Kino, Konzerte, unter Leuten zu sein und erklärt: "Wir sind doch in der Pflicht rauszugehen!"

Mehr Sensibilität im Team

Ärztin am Schreibtisch
Chefin Anja Genz ist durch ihren Kollegen sensibler für das Thema Behinderung geworden. Bildrechte: MDR/Pauline Vestring

Zu seinem Job kam Graubner durch seinen Vater. Ursprünglich arbeitete der Teamassistent als Wirtschaftskaufmann in einem Eisenwerk. Als sein Vater eine eigene Praxis eröffnete, machte der Sohn eine Zusatzausbildung und fing in der Praxis an. 2010 übernahm Anja Genz die Praxis und mit ihr auch Marcus Graubner. Für sie eine Selbstverständlichkeit. Sie bemerkt die Behinderung ihres Kollegen im Arbeitsalltag gar nicht und merkt an, dass ihr ganzes Team durch die Arbeit mit einem Kollegen mit Handicap viel sensibilisierter ist: "Man guckt auch genauer hin. Man überlegt, welche Betriebsfahrten man machen kann. Man guckt auch, wenn Probleme mit dem Fahrstuhl auftreten, da hat er dann auch größere Schwierigkeiten herzukommen. Und das gilt ja für unsere Patientinnen genauso."

"Wir müssen Behinderten-Parkplätze und barrierefreie Schwimmbäder auch benutzen"

Neben seinem Job engagiert sich Marcus Graubner außerdem als stellvertretender Vorsitzender des Allgemeinen Behindertenverbands Sachsen-Anhalt und im Allgemeinen Behindertenverband in Deutschland. Deshalb weiß er, dass Schwerbehinderte oft nicht eingestellt werden. "Viele Unternehmen wissen gar nicht, dass sie Fördergelder für speziell eingerichtete Arbeitsplätze beantragen können. Die denken dann, es sei zu teuer, jemanden mit Schwerbehinderung einzustellen." Graubner sieht aber auch die Schwerbehinderten selbst in der Pflicht, sich am Leben zu beteiligen: "Wir dürfen nicht warten, bis uns der Staat glücklich macht, der kann nur den Rechtsrahmen schaffen. Wir müssen diejenigen sein, die den auch nutzen. Wenn Parkplätze geschaffen werden, müssen wir uns auch darauf stellen, wenn Schwimmbäder barrierefrei gestaltet werden, müssen wir sie auch benutzen."

Auch in Zukunft möchte Marcus Graubner in der Praxis bleiben und noch weitere Babys auf die Welt begleiten. "Wenn ich durch die Stadt gehe, sehe ich oft Mütter mit Kinderwagen. Wir sind die einzige Frauenarztpraxis. Man kennt die Schwangeren", bemerkt er und scannt die nächste Krankenkassenkarte ein.

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Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT das Radio wie wir | 23.08.2017 | 12:00 Uhr

Quelle: MDR/pv

Zuletzt aktualisiert: 24. August 2017, 10:55 Uhr

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