Geschäftsmann drückt Knopf auf einem Touchscreen um sich mit vielen Menschen im sozialen Netzwerk zu verbinden
Wir nehmen es zu oft auf die leichte Schulter, wenn Datenschützer einen sensibleren Umgang mit Daten anmahnen. Bildrechte: IMAGO

Gastbeitrag Wie wir die digitale Transformation gestalten müssen

Die Digitalisierung ist eines der Schlüsselthemen für die Zukunft, nicht nur für Sachsen-Anhalt. Sie hat längst Einzug das alltägliche Leben gehalten, sagt Stefan Krabbes. Er ist politischer Blogger, lebt in Halle und hat aufgeschrieben, warum wir die digitale Transformation unserer Gesellschaft sozial gestalten müssen. Der Gastbeitrag ist Teil der MDR SACHSEN-ANHALT-Reihe "Digitales Sachsen-Anhalt".

von Stefan Krabbes, Gastautor

Geschäftsmann drückt Knopf auf einem Touchscreen um sich mit vielen Menschen im sozialen Netzwerk zu verbinden
Wir nehmen es zu oft auf die leichte Schulter, wenn Datenschützer einen sensibleren Umgang mit Daten anmahnen. Bildrechte: IMAGO

Worum es in diesem Gastbeitrag geht Wir nehmen es zu oft auf die leichte Schulter, wenn Datenschützer einen sensibleren Umgang mit unseren Daten anmahnen. Doch wie wichtig das ist, versuche ich hier aufzuzeigen. Die Digitalisierung ist nicht etwas rein Technisches, sondern ein ökonomischer Prozess, den es sozial und gesamtgesellschaftlich zu gestalten gilt. Umso wichtiger, dass wir die Chancen nutzen und die Risiken frühzeitig identifizieren, um die soziale Digitalisierung zu gestalten – denn sie ist in vollem Gange.

Es ist ein Thema, das trotz seiner elementaren Bedeutung für unser aller Leben, jahrelang ein stiefmütterliches Dasein fristete: Die Rede ist von der Digitalisierung. Freilich hört man immer wieder, dass man die Digitalisierung endlich anpacken müsse, um "Deutschland zukunftsfähig zu machen". Doch in den meisten Fällen wird die Digitalisierung nicht in ihrer vollen Bedeutung erfasst und zumeist mit dem bloßen Breitbandausbau gleichgesetzt.

Das ist zweifelsohne ein Aspekt der Digitalisierung und natürlich bildet er einen Bestandteil, doch er ist mitnichten das Mammutprojekt – auch wenn man das vermuten mag – an der Digitalisierung. Das eigentliche Großprojekt wird ihre konkrete Ausgestaltung sein. Es geht um nicht mehr und nicht weniger als um die Frage, in welcher Gesellschaft wir leben wollen und werden. So wie einst die Industrialisierung, stellt uns nun die Digitalisierung vor neue soziale Fragen. Was macht sie mit uns als Menschen und was macht sie aus unserer Gesellschaft?

Noch fehlt es vielen Bürgerinnen und Bürgern an der Sensibilisierung für dieses Thema. Das mag auch daran liegen, dass es die Parteien bisher nicht vermochten, ein Zukunftsbild der Digitalisierung zu zeichnen, das eingängig Problemfelder beleuchtet. Wichtig ist mir, an dieser Stelle zu betonen, dass die Digitalisierung zweifelsohne eine Vielzahl an Vorteilen mit sich bringt. Doch gleichzeitig ist es wichtig, Problemfelder zu identifizieren.

Ein Mann steht vor einem Gewässer und lächelt in die Kamera.
Bildrechte: Stefan Krabbes

Über den Autor Stefan Krabbes (*1987) ist politischer Blogger und lebt in Halle (Saale). Er machte eine Ausbildung zum Bürokaufmann und studierte Politikwissenschaft und Soziologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Aktuell arbeitet Krabbes für den Grünen-Bundestagsabgeordneten Gerhard Schick in Berlin.

Die Digitalisierung hat längst Einzug in unser Leben gehalten

Die Digitalisierung hat längst Einzug in unser Leben gehalten. Es gibt fast keine Gegenstände, die nicht schon das Wort smart vor sich hertragen: Telefone, Kühlschränke, Waschmaschinen, Thermostate, Autos, Fitnessarmbänder. Die Liste ließe sich problemlos fortsetzen.

Doch was uns heute noch das Leben erleichtern kann, könnte morgen schon seine Wirkung umkehren. Mit jeder Nutzung dieser Geräte sammeln sie auch unsere Daten. Vielen mag das im ersten Moment egal sein, doch wenn diese Daten genutzt werden, um eine Konditionierung der Kundin oder den Kunden, also Ihnen, herbeizuführen, dann kann aus dem Segen ein Fluch werden.

Smartphone als Kaufhaus zum Online-Shopping mit Apps
Telefon, Waschmaschinen, Fitnessarmbänder: Was uns heute das Leben erleichtern kann, könnte morgen schon seine Wirkung umkehren. Bildrechte: IMAGO

Werden wir konkreter: Wenn heute die ersten Krankenkassen beginnen, ihren Kundinnen und Kunden Fitnessbänder zu kofinanzieren, dann verfolgen sie damit nicht uneigennützige Ziele. Was im ersten Moment wie eine Win-Win-Situation wirkt, ("Endlich! Ein Fitnesstracker."), könnte später zur Falle werden. Da wo der Hausarzt die Daten des Trackers auslesen und auswerten kann, werden aufwendigere, langwierigere Messungen obsolet. Das ist ein klarer Vorteil. Auch wenn es darum geht, dass ein Fitnessband zum Lebensretter werden kann, sollte der Träger gerade zum Notfall werden, so ist auch dies ein klarer Vorteil.

Wenn allerdings die Daten, und das ist zu erwarten, durch Krankenkassen gesammelt, ausgewertet und zur Tarifindividualisierung genutzt werden, so wird der anfängliche Bonus zum Malus. Das Auswerten solcher Daten ebnet den weiteren Weg zum Scoring von Patientinnen und Patienten. Doch es geht nicht nur um die Individualisierung, sondern um sozialen Zusammenhalt. Gerade arme Menschen in strukturschwachen Regionen sind häufiger krank und sterben früher als Menschen mit durchschnittlichem und höherem Einkommen – zu diesem Ergebnis kam eine Studie des Robert-Koch-Institutes im Auftrag der Bundesregierung aus dem Jahre 2015.

Bei Geld hört doch die Freundschaft auf, oder?

Natürlich bleibt es die vornehmliche Aufgabe der Politik dafür zu sorgen, dass sich die Gesundheitsversorgung und das Lohnniveau in Sachsen-Anhalt verbessern, um diese Schere zu schließen. Doch gleichzeitig muss sie darauf achten, dass die Digitalisierung diese traurige Tatsache nicht weiter verschärft und institutionalisiert. Die soziale Digitalisierung, die ich meine, achtet darauf, dass Geringverdienende keinen höheren Beitrag an die Krankenkasse zahlen müssen als Besserverdienende, nur weil sie im individualisierten Scoring schlechter abschneiden.

Doch nicht nur im Gesundheitswesen, auch im Banken- und Kreditwesen könnten sich Veränderungen einstellen.

Aktuell gibt es zahlreiche Banking-Apps, die anbieten, dass man alles bequem von unterwegs aus managen könne – und das völlig ohne Kosten. Da muss man skeptisch werden und darf vor allen Dingen nicht am falschen Ende im App- oder Play-Store sparen. Irgendein Geschäftsmodell müssen diese Apps haben, um rentabel zu sein. "Jede Rechnung erzählt eine Geschichte", sagte mir mal ein alter Ausbilder. Wenn dem so ist, dann erzählen wir dem App-Unternehmen unser ganzes Leben. Wir erlauben einem Unternehmen, das vielleicht nicht mal unsere Bank ist, unsere Kontoumsätze auszuwerten, um diese dann als Datensatz an Dritte zu verkaufen. Bei Geld hört doch die Freundschaft auf, oder?

Sorry Leute, in dieser Welt sind wir die Produkte und nicht die Konsumenten!

Stefan Krabbes

Apropos Freundschaft. Schon im Jahre 2012 wollte die Schufa auf die Facebook-Daten von Verbraucherinnen und Verbrauchern zugreifen, um ein individualisiertes Scoring durchzuführen. Aufgrund des Widerstandes aus Politik und von Datenschützern wurde dieses Vorhaben seinerzeit eingestampft. Es zeigt aber die Stoßrichtung der Entwicklung, die die Kreditvergabepraxis in Zukunft nehmen wird, wenn nicht klare Grenzen gesetzt werden. Wenn das Onlineverhalten in die Kreditvergabe einfließt, dann bedeuten "falsche" Freunde auf Facebook, "dubiose" Postings mit unsicherer Rechtschreibung und "falsch" gelikte Seiten dicke Minuspunkte. Wer glaubt, soziale Medien seien der Ort für das "neue Private", wird enttäuscht. Die Geschäftsgrundlage dieser Medien bilden unsere Daten, die sie an andere Unternehmen verkaufen. Sorry Leute, in dieser Welt sind wir die Produkte und nicht die Konsumenten!

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1 Kommentar

12.11.2017 13:03 Gert 1

Ein schöner Beitrag eines GRÜNEN. Eines ist klar, was Bill Gates und Steve Jobs und ihre Mitstreiter da ausgelöst haben, ist nicht mehr aufzuhalten. Die Digitalisierung ist eben das A und O unserer modernen Gesellschaft. Das haben auch schon junge Landwirte begriffen und verkaufen und schicken ihre Ware an die Städter direkt, die die Städter vorher über das Internet bestellt haben.
Oder die Hausfrau, die dank über das Internet ihres Handys weiß, ob ihr Haus noch steht oder abgebrannt ist

Digitales Sachsen-Anhalt