Franziska Witte in Kampfpose
Wenn Franziska Witte ihren Karateanzug trägt, wird aus der niedlichen Neunjährigen eine konzentrierte Kämpferin. Bildrechte: Witte

Nachwuchssportler Sachsen-Anhalts Das lächelnde Karate Kid

Julia Lier, Rico Freimuth oder Luise Malzahn – solch große Namen zieren seit Jahren die Sportlandschaft Sachsen-Anhalts. Doch wer sind die nächsten Aushängeschilder des Landes? MDR SACHSEN-ANHALT porträtiert fünf Talente aus fünf Sportarten, die den Sprung nach ganz oben schaffen wollen – und bereits beachtliche Erfolge gefeiert haben. Diesmal: Karateka Franziska Witte vom Kyuyosan Shotokan Dojo Dessau-Roßlau.

von Daniel George, MDR SACHSEN-ANHALT

Franziska Witte in Kampfpose
Wenn Franziska Witte ihren Karateanzug trägt, wird aus der niedlichen Neunjährigen eine konzentrierte Kämpferin. Bildrechte: Witte

Franziska Witte muss sich zusammenreißen. Stillstehen fällt dem neun Jahre alten Mädchen schwer, immer wieder wippt sie hin und her. Nur eine Stunde bleibt noch bis zum großen Moment. "Etwas aufgeregt bin ich schon", sagt sie dann auch. Ob die Prüfung für den blauen Gürtel schwer wird? "Ja, aber es soll ja auch anspruchsvoll sein." So klingt Selbstbewusstsein. Und ob sie es packen wird? "Ja, ich denke schon." Ein bisschen Nervosität ist dennoch erlaubt.

Gunter Mohs überreicht Franziska Witte eine Urkunde
Franziska Witte hat die Prüfung bestanden. Bildrechte: George/MDR

Die Zeit vergeht und Franziska Witte besteht die Prüfung in der Dessauer Sporthalle am Ende mit Bravour. Freudestrahlend nimmt sie den blauen Gürtel von Gunter Mohs, dem Leiter des Kyuyosan Shotokan Dojo Dessau-Roßlau, entgegen, ehe sie zu ihrem Papa rennt. Erst ein High-Five, dann eine Umarmung. "Karate", meint Jens Witte, "macht ihr einfach unheimlich Spaß." Und: "Sie hat großes Talent."

Mit ihren neun Jahren ist Franziska Witte die jüngste Weltmeisterschafts-Teilnehmerin aus dem Dessauer Dojo jemals. "Damals war ich sogar erst acht", berichtigt sie. Und nicht nur das: Bei der WM im September vergangenen Jahres sicherte sie sich den zweiten Platz in der Kategorie der Acht- bis Neunjährigen mixed im Kata individuell. Das Kata ist eine festgelegte Serie von Karatetechniken, bei der es auf die korrekte Ausführung ankommt. "Technik, Kraft, Konzentration – alles muss passen", sagt Gunter Mohs.

Auszeichnung als Talent des Jahres

Bei seinem Schützling passte all das. Nur ein junger Sportler aus Japan, dem Mutterland des Karate, war besser. Aber: "Der stammte aus einer richtigen Karatefamilie. Der Vater und die Mutter haben auch an den Wettkämpfen teilgenommen", sagt Jens Witte im Blick zurück auf die WM im schottischen Glasgow und meint schmunzelnd: "Gegen solch einen Gegner darfst du auch mal verlieren."

Franziska Witte in Kampfpose
Trainer Mohs: "Technik, Kraft, Konzentration – alles muss passen." Bildrechte: Witte

Das sah die Jury des Dessauer Sportlerballs im Februar dieses Jahres genau so. Franziska Witte wurde dank ihres Vizeweltmeister-Titels als "Talent des Jahres" ausgezeichnet. "Sie ist ein Talent, von dem wir noch viel hören werden", sagte Ralph Hirsch, Sportdirektor der Doppelstadt, damals in seiner Laudatio. Einen Pokal und einen Karateanzug erhielt Witte als Belohnung. Vor allem ihr neues "Arbeitsoutfit" begeisterte die junge Sportlerin. "Es gibt auch bei den Karateanzügen große Unterschiede – vom Trabant bis zum Mercedes", sagt Gunter Mohs. Was Franziska Witte jetzt für einen Anzug fährt? Mohs lacht: "Eindeutig einen Maybach!"

So etwas habe ich selten erlebt.

Dojo-Leiter Gunter Mohs über das Talent von Franziska Witte

In einem Radiointerview sagte die junge Karateka einmal: "Ich muss mich gar nicht motivieren, zum Training zu gehen. Ich komme in die Halle und lächle." Wer Franziska Witte im Kreise ihrer Vereinskollegen beobachtet, weiß diesen Satz einzuordnen. Acht Karateka wollen an diesem Juniabend die Prüfung zum nächst höheren Gürtel bestehen, die kleine Vizeweltmeisterin ist mit Abstand die Jüngste. Offen geht die Vizeweltmeisterin mit den anderen Sportlern um, immer wieder wird gemeinsam geflachst. "Wir sind ein cooler Verein", sagt Franziska Witte.

Fröhlich, engagiert, aufmerksam

35 Kinder und Jugendliche trainieren derzeit insgesamt im Kyuyosan Shotokan Dojo Dessau-Roßlau. "Wir helfen uns alle gegenseitig, es gibt keine Stänkereien. Das finde ich toll." Ihre jugendlichen Mitstreiter nehmen sie ernst, obwohl sie viel kleiner und jünger ist. Weil sie so fröhlich und engagiert ist. "Ich muss den Sport bei ihr nicht wie bei anderen Kindern in irgendwelche Spielchen verpacken", meint Dojo-Leiter Gunter Mohs. "Franzi macht einfach die Sportart an sich Spaß – Karate pur. Das reicht ihr."

Klein, aber gefährlich Franziska Witte in Aktion

Franziska Witte in Kampfpose
Franziska Witte nahm im vergangenen Jahr erstmals an einer Weltmeisterschaft teil. Bildrechte: Witte
Franziska Witte in Kampfpose
Franziska Witte nahm im vergangenen Jahr erstmals an einer Weltmeisterschaft teil. Bildrechte: Witte
Franziska Witte in Kampfpose
Dort musste die Dessauerin gegen internationale Konkurrenz antreten. Bildrechte: Witte
Franziska Witte in Kampfpose
Sie überzeugte mit teils spektakulären Aktionen... Bildrechte: Witte
Franziska Witte
...und durfte sich am Ende über den zweiten Plazt freuen. Bildrechte: Witte
Franziska Witte in Kampfpose
Aktuell bereitet sich die Vizeweltmeisterin auf die Europameisterschaft im September vor. Bildrechte: George/MDR
Franziska Witte führt eine Aktion gegen ihre ältere Gegnerin aus
Bei der Prüfung für den blauen Gürtel überzeugte Franziska Witte (r.). Bildrechte: George/MDR
Gunter Mohs
Dojo-Leiter Gunter Mohs beobachtete ihre Bewegungen genau... Bildrechte: George/MDR
Gunter Mohs überreicht Franziska Witte eine Urkunde
...und überreichte ihr am Ende den blauen Gürtel. Bildrechte: George/MDR
Gunter Mohs
Gunter Mohs bescheinigt Franziska Witte großes Talent – und hofft, dass sie dem Sport treu bleibt.
Bildrechte: George/MDR
Jens Witte
Ihr Vater Jens Witte unterstützt seine Tochter, ist inzwischen selbst Karateka.

Quelle: MDR/dg
Bildrechte: George/MDR
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Franziska Witte in Kampfpose
Franziska Witte sicherte sich bei der WM im schottischen Glasgow den zweiten Platz. Bildrechte: Witte

Kurz vor ihrem sechsten Geburtstag begann Franziska Witte, die nebenbei noch Flöte spielt und eine gute Schülerin ist, mit dem Sport. Gunter Mohs, selbst Träger des schwarzen Gürtels, seit 26 Jahren Karateka, fast genauso lange Trainer, erkannte ihr Potenzial sofort. "So etwas habe ich selten erlebt", sagt er über Franziska Witte. "Da habe ich gleich erkannt, was sie drauf hat, was die koordinativen Fähigkeiten und die Aufmerksamkeit angeht. Auch die Fähigkeit, über einen längeren Zeitraum aufmerksam zu sein, besitzt sie, was bei den Kindern heutzutage ja eher unüblich ist."

So sehr sie zuvor auch hin und her gewuselt war: Als ihre Prüfung beginnt, ist Franziska Witte fokussiert. Sie führt die geforderten Techniken konzentriert aus – und das mit einer Präzision und Energie, die beeindruckt. Dass dieses kleine, niedliche Mädchen mit der Brille so kräftig zuschlagen und zutreten kann, überrascht. Eben stand sie da noch brav lächelnd im pinken T-Shirt, nun tönt ihr martialischer Kampfschrei immer wieder durch die Sporthalle.

Vater Witte lernt von seiner Tochter, der Vizeweltmeisterin  

Jens Witte sitzt auf einer Bank am Rand und fiebert mit. Immer, wenn Dojo-Leiter Mohs eine Technik fordert, ahmt er sie im Ansatz nach. Denn auch der Vater der jungen Vizeweltmeisterin probiert sich mittlerweile als Karateka. "Wir Eltern haben den Kindern immer zugeschaut, da meinten wir dann, dass wir das doch eigentlich auch können müssten, was sie da machen", erinnert er sich. Also warfen sich auch die Eltern in den Anzug. Jens Witte blieb dabei. Heute trainiert er zeitgleich mit seiner Tochter bei den Fortgeschrittenen, aber "etwas am Rand, so gut bin ich noch nicht", sagt er mit einem Lächeln im Gesicht. Ohnehin geht es ihm anstatt eigener Erfolge vielmehr darum, "zu verstehen, was Franzi da eigentlich macht". Und: "Dass es beim Karate immer wieder neue Herausforderung gibt, gefällt uns beiden."

Franziska Witte in Kampfpose
Wie die Tochter, so der Vater: Die Vizeweltmeisterin gibt Unterricht. Bildrechte: George/MDR

Die dreimonatige Vorbereitung auf die am Ende sehr erfolgreiche Weltmeisterschaft war so eine Herausforderung. Fast täglich stand Training auf dem Programm. Normalerweise trainiert Franziska Witte zwei- bis dreimal pro Woche. "Da hatte ich schon meine Bedenken, weil ich bisher nur ältere Sportler auf solche internationalen Wettkämpfe vorbereitet hatte", gibt Gunter Mohs zu. Aber: "Franzi hat das super durchgezogen." Auch wenn der amtierenden Landesmeisterin und Deutschen Meisterin wenig Zeit für Freizeit blieb. "Da bin ich abends immer ins Bett gefallen", sagt sie. "Ich habe ja so schon wenig Zeit zum Spielen, da hatte ich dann noch weniger." Aber ihr Trainer merkt an: "Ich ja auch nicht!" Der Papa fügt hinzu: "Und ich musste dich zum Training fahren!" Das Trio lacht.

Denn auch, wenn die Monate des Trainings für solch ein Leistungssport-Turnier "immer auch ein Stück weit Schinderei für alle sind", wie Gunter Mohs weiß, steht der Spaß für Franziska Witte im Vordergrund. So wird es auch in diesem Sommer sein, wenn sie sich auf die Europameisterschaft im September vorbereitet. "Da will ich dabei sein", sagt sie. Und ihr Papa nickt: "Solange es ihr Spaß macht und sie dabei glücklich ist, unterstützen wir sie, wo wir nur können." Franziska Witte lächelt, als sie das Parkett nach bestandener Prüfung verlässt.

Quelle: MDR/dg

Zuletzt aktualisiert: 21. Juni 2017, 07:49 Uhr

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