Jens Härtel
Trainer Jens Härtel führte den 1. FCM erneut zum Sieg. Bildrechte: IMAGO

FCM-Sieg gegen Hansa Die Gurkentruppe 2.0

FCM-Trainer Jens Härtel nutzt Sticheleien der Rostocker im Vorfeld des Ost-Duells, um seine Spieler zusätzlich zu motivieren. Sein Plan geht auf. Hansa-Trainer Pavel Dotchev ist sauer auf seinen Kollegen. Die Situation erinnert stark an die vergangene Saison.

von Daniel George, MDR SACHSEN-ANHALT

Jens Härtel
Trainer Jens Härtel führte den 1. FCM erneut zum Sieg. Bildrechte: IMAGO

Die Pressekonferenz nach dem 2:0-Heimsieg des 1. FC Magdeburg gegen den F.C. Hansa Rostock neigte sich am Samstagnachmittag dem Ende entgegen. So mancher Journalist hatte die Fragerunde mit Jens Härtel und Pavel Dotchev bereits als "0815“ abgehakt. Dann aber gab es für den Rostocker Fußballlehrer plötzlich kein Halten mehr. "Es werden Sachen behauptet, die überhaupt nicht stimmen. Das kann ich einfach nicht zu lassen, das ist mir zu viel. Es tut mir leid“, sagte Dotchev zum Abschied, nahm seine Wasserflasche und ging. Als Magdeburgs Pressesprecher Norman Seidler die Pressekonferenz beendete, hatte der Hansa-Coach den Raum bereits verlassen. 

Warum das alles? Ausgelöst wurde Dotchevs genervter Abgang durch eine Frage nach der Leistung von Dennis Erdmann. Der 26-Jährige hatte bei Hansa am Ende der vergangenen Saison keinen neuen Vertrag erhalten und war zum FCM gewechselt. Gegen seinen Ex-Verein zeigte der Mittelfeldmann eine starke Leistung. "Dennis war hoch motiviert, weil er dort nicht mehr gewollt war, wollte er jetzt hier bei uns zeigen, dass er ein guter Fußballer ist“, meinte Jens Härtel. Und dann schaltete sich Pavel Dotchev ein: "Wo war er nicht gewollt? Was meinen Sie?“ Der 51 Jahre alte Bulgare siezte Härtel. Ungewöhnlich unter Trainerkollegen. Dann erklärte er: "Als ich die Mannschaft übernommen habe, war die Entscheidung bei Dennis schon gefallen.“ Weit bedeutender als die Causa Erdmann war aber ein anderes Thema: Jens Härtel und sein Motivationstrick! 

Hansa-Kritik hängt in der FCM-Kabine

Der FCM sicherte sich mit dem 2:0 gegen Rostock den sechsten Ligasieg in Serie. Immer wieder betonten Verantwortliche und Spieler zuletzt, dass sich niemand auf dem Erreichten ausruhe, der Konkurrenzkampf dafür zu groß sei. Doch ein bisschen Extramotivation schadet nie. "Die Mannschaft hat die Kommentare aus Rostock, dass wir überhaupt nicht kicken können, schon registriert“, erklärte Jens Härtel auf der Pressekonferenz. "Ich denke, man hat heute in der einen oder anderen Situation schon gesehen, dass wir kicken und Fußball spielen können, auch in engen Räumen. Dass wir es nach wie vor gerne auch mit einem langen Ball probieren, das ist so. Das haben wir auch heute gut gemacht. Das sieht nicht immer schön aus, ist aber schwer zu verteidigen – und Fußball ist ein Ergebnissport.“ 

Pavel Dotchev
Hansa-Trainer Pavel Dotchev Bildrechte: IMAGO

Drei angriffslustige Aussagen hatte Jens Härtel bei der Presseschau vor dem Ost-Duell entdeckt, allesamt bei den "Norddeutschen Neuesten Nachrichten“. Mittelfeldspieler Willi Evseev hatte erklärt: "Ich denke Magdeburg ist spielerisch nicht so dolle, aber sie sind unheimlich effektiv vor dem Tor. Wenn man sich traut und den Ball gut laufen lässt, dann haben sie vielleicht irgendwann nicht mehr so die Lust – da ist auf jeden Fall was möglich. Wir müssen auf Sieg spielen.“ 

Ich muss meine Spieler und den Verein verteidigen. Ich kann solche Behauptungen nicht im Raum stehen lassen.

Rostocks Trainer Pavel Dotchev

Auch das Innenverteidiger-Duo Julian Riedel und Oliver Hüsing äußerte sich in diese Richtung. Riedel meinte: "Magdeburg wird umso mehr um den Kampf kommen. Die spielen nicht so den Fußball, wie wir ihn spielen. Sie agieren mehr mit langen Bällen und dann auf die Zweiten. Da knallt es auch mal.“ Hüsing sagte: "Da müssen wir einfach clever verteidigen, indem wir nicht in jedes Duell wild reinspringen, sondern auch mal einen Ticken abwarten und auf die zweiten Bälle gehen. Wir müssen mit 100 Prozent die Grundtugenden abrufen und darauf aufbauend guten Fußball spielen.“

Die bekannte Mär vom bösen FCM und seinem hässlichen Fußball also. Dieses alte Lied hatten die Kicker aus Magdeburg in der Vergangenheit  oftmals bereits weit lauter gehört. "Niemand hat gesagt, dass Magdeburg keinen Fußball spielen kann“, meinte Pavel Dotchev zu Recht. Die Aussagen der Rostocker waren tatsächlich moderat gewesen. Doch Jens Härtel nutzte sie trotzdem, um für zusätzliche Motivation zu sorgen. "Wir haben den Artikel ausgedruckt und in die Kabine gehängt.“ Und die entsprechenden Passagen mit der Signalfarbe Orange markiert.

Pavel Dotchev fand, dass "so etwas nicht in eine Pressekonferenz gehört, wer vorher was gesagt hat“, wie er später erklärte. "Da geht es um das Sportliche.“ Und: "Wenn so etwas behauptet wird, muss ich meine Spieler, muss ich den Verein verteidigen. Ich kann solche Behauptungen nicht im Raum stehen lassen.“ Einspruch zu erheben, das sah der Fußballlehrer als seine Pflicht an.   

"Zusammenhalt macht uns stark“

Jens Härtel durfte sich nach dem achten Pflichtspielsieg in Serie – die Auftritte im DFB-Pokal gegen Augsburg und im Landespokal gegen Bernburg mit eingerechnet – freuen: Sein kleiner Motivationstrick hatte funktioniert. Bereits beim Betreten des Rasens zum Aufwärmen sprühten manche FCM-Kicker erste Funken in Richtung des Gegners. Als arrogant hatten sie deren Aussagen aufgefasst. Darunter auch Philip Türpitz. Bei seinem knallharten Abschluss zur Führung in der 43. Minute war dann auch ein bisschen Wut dabei. "Unser Zusammenhalt macht uns stark“, sagte Türpitz nach seinem vierten Saisontor. Ein Zusammengehörigkeitsgefühl wird auch durch gemeinsame Gegner gestärkt. 

Philip Türpitz (Magdeburg, 8) Jubel
Torschütze Philip Türpitz Bildrechte: IMAGO

Das war bereits in der vergangenen Saison so. Nach der 0:3-Pleite gegen den FCM sagte Wehen Wiesbadens Mittelfeldmann Kevin Pezzoni Ende September 2016: "Mit Verlaub: Gegen so eine Gurkentruppe dürfen wir nicht verlieren.“ Die FCM-Kicker zogen aus dieser Spitze die gesamte Saison über Motivation, bezogen sich nach Siegen immer wieder auf das Label als "Gurkentruppe“ und verpassten den Aufstieg am Ende nur knapp.

"Das waren kleine Sticheleien, um uns ein bisschen zu verunsichern, hat uns aber nicht berührt“, meinte Felix Lohkemper nach dem Heimsieg gegen Rostock nun. Der Offensivmann wurde von Trainer Härtel in der 65. Minute eingewechselt – drei Minuten später traf der 22-Jährige nach einem Freistoß zum 2:0. Er meinte: "Wir haben Rostock den Schneid abgekauft.“ Lohkemper benötigte dafür keine Extramotivation, denn: "So eine Kulisse habe ich noch nie erlebt.“ 20.817 Zuschauer sorgten vor den Augen von Dr. Rainer Koch, dem Vizepräsidenten des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), für einen würdigen Rahmen samt beeindruckender Choreografie, aber auch dem Einsatz von Pyrotechnik, in der MDCC-Arena. Dennis Erdmann analysierte: "Wir waren heute ein Stück geiler auf den Sieg als Rostock.“

Die Fortsetzung der Erfolgsserie war also auch ein Statement in Richtung Konkurrenz. Nach dem Motto: Liebe Gegner, aufgepasst: Verbale Sticheleien machen die Gurkentruppe 2.0 nur noch stärker. Und dass sie Fußball spielen können, haben die Profis des 1. FC Magdeburg in dieser Saison wahrlich bereits bewiesen.

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Sport im Osten Sa 09.09.2017 16:30Uhr 10:27 min

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FCM-Kicker Dennis Erdmann im Interview mit MDR-SACHSEN-ANHALT-Reporter Daniel George
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Mi 06.09.2017 15:51Uhr 04:32 min

https://www.mdr.de/sachsen-anhalt/sport/Erdmann-interview100.html

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Quelle: MDR/sp

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 09. September 2017 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 10. September 2017, 11:44 Uhr

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12 Kommentare

12.09.2017 08:39 netzadler 12

ziemlicher Hype um schnödes drittligagekicke.

kann man sich alle halbe jahre mal antun, ansonsten ist mir die zeit zu schade, da spiele ich lieber selber fussball, als da rumzustehen oder sogar rumzusitzen.

naja, Brot und spiele hat schon im alten Rom geklappt, um die massen ruhig und vom denken fernzuhalten

12.09.2017 08:38 Fazzo 11

@7 hüpfbares Stadion in Rostock ? - ok ...aber man muss auch einen Grund zum Hüpfen haben und den gab es nun mal eben nur in Machdeburch in der Vergangenheit zur genüge !!
Schließlich muss man sich seine Baustelle auch ein Stück weit selbst "erarbeiten"
=D

BWG an die Küste und den ersten Heimdreier für Euch !!!

11.09.2017 20:14 Thommi Tulpe 10

Ich war selber live im HKS. Rechts von mir die Hansa-Fans in Blick und Ohr - mir gerade zu unser U-Block. Fast 21.000 Zuschauer, blau-weiße Choreo wieder einmal genial, auch wenn wieder sicher wieder eine Strafe vom DFB fällig werden dürfte. Wenn hier einige meinen, die Stimmung ließ zu wünschen übrig, kann ich das nicht nachvollziehen. Der Club siegte verdient. Es blieb friedlich im Stadion - gut so. Es ging aber letztendlich wieder "nur" um 3 Punkte. Und so wird dieses Spiel VIELLEICHT eine gute Erinnerung bleiben, jedoch nicht als eines der ganz großen Spiele in die Fußball-Geschichte eingehen!? Aber das muss es ja nicht!

11.09.2017 12:16 Frauke Garstig 9

@4 Wenn dann Jurkentruppe, so wie Machteburch! Leider wird die deutsche Sprache, desto südlicher man kommt, auf gruseliger Art und Weise entstellt! Respekt an Hansa - nur hat es diesmal wieder nicht gelangt! Gruß vom standhaftesten Dom in Deutschland.

11.09.2017 11:32 Fch 8

Magdeburg hat verdient gewonnen aber die Stimmung im Stadion also tut mir leid dass hat sich angehört wie schlechter shout-it-out hiphop. MC stadionsprecher... Als nächstes lasst ihr eure fangesänge auch über Lautsprecher laufen oder wie. Entschuldigt aber ich dachte da is richtige Stimmung.. und was wer sagt im Vorfeld is doch egal. Das is doch legitim sowas.

10.09.2017 19:34 Alex 7

Es spielt doch keine Rolle mehr, wer Samstag gewonnen hat,-mir hat das Spiel gefallen. Aber im Ostseestadion ist "hüpfen" erlaubt,dort hat man keine Angst,dass irgendwas zusammenbricht ;)!Für 'nen Neubau,-naja!!

10.09.2017 16:51 Lieber Mike statt Timo Werner 6

Die Hansa-Spieler sollten vor dem Spiel die Klappe halten und...haltet mich für verrückt...endlich mal EIN einziges Heimspiel gewinnen. Das haben sie in 4 (VIER!!!) Anläufen nicht geschafft. Außer Hertha war bisher nur Müll in HRO zu Gast und nichts gerissen haben sie, aber immer gross Klappe und Optimismus...
Jetzt kommt Werder II, die in MD 4 Stück bekommen haben. Das wird schön verloren und Zack-Abstiegskampf!
Bin pappensatt. Hab gehofft, dass Hansa ne ruhige Saison haben wird. Pustekuchen!

10.09.2017 16:21 Mago 5

@1 Sascha
2008 -ja ,das waren noch Zeiten.
Verständlich ,dass Sie daran oft zurückdenken.
Doch diese Zeiten kommen nie wieder.

10.09.2017 16:04 kein Otto 4

Müßte das nicht korrekter "Jorkentruppe 2.0" heißen? ;)

10.09.2017 14:04 Pathfinder 3

Ruhig bleiben. Da wird der Herr Rehboldt wohl den gesamten kleinen Verein gemeint haben und nicht nur die Mannschaft.
Nachvollziehbar.