Der 15 Jahre alte Basketballspieler Ralph Hounnou posiert im Nationalmannschaftstrikot.
Stolz trägt Ralph Hounnou das Trikot der Nationalmannschaft. Er gehört deutschlandweit zu den größten Talenten seines Jahrgangs. Bildrechte: DBB

Nachwuchssportler Sachsen-Anhalts "Ich möchte meiner Familie etwas zurückgeben"

Julia Lier, Rico Freimuth oder Luise Malzahn – solch große Namen zieren seit Jahren die Sportlandschaft Sachsen-Anhalts. Doch wer sind die nächsten Aushängeschilder des Landes? MDR SACHSEN-ANHALT porträtiert fünf Talente aus fünf Sportarten, die den Sprung nach ganz oben schaffen wollen – und bereits beachtliche Erfolge gefeiert haben. Diesmal: Basketballspieler Ralph Hounnou vom Mitteldeutschen BC.

von Daniel George, MDR SACHSEN-ANHALT

Der 15 Jahre alte Basketballspieler Ralph Hounnou posiert im Nationalmannschaftstrikot.
Stolz trägt Ralph Hounnou das Trikot der Nationalmannschaft. Er gehört deutschlandweit zu den größten Talenten seines Jahrgangs. Bildrechte: DBB

Der acht Jahre alte Ralph Hounnou war ein bisschen pummelig. Das sagt er selbst im Blick zurück. "Klar, ich saß ja meistens vor dem Fernseher", erinnert sich der heute 15-Jährige. Bis eines Tages ein Kumpel kam und ihn zum Basketball mitnahm. "Meine Mutter hat sowieso immer gemeckert, dass ich nur zuhause rumsitze, also bin ich mitgegangen." Und Ralph Hounnou blieb hängen auf dem Parkett, spielte erst in einer Schul-AG, dann beim Mitteldeutschen Basketball Club (MBC). Nun sagt er: "Ich will unbedingt Basketballprofi werden!"

Zum Interviewtermin mit MDR SACHSEN-ANHALT erscheint Ralph Hounnou auf dem Gelände der Sportschule Halle im Trainingsanzug des MBC. Obwohl gar kein Training auf dem Programm stand. Schnell wird klar: Dieser junge Mann lebt Basketball 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr. Vom pummeligen Achtjährigen ist längst nichts mehr übrig. Hounnou ist 1,86 Meter groß, hat eine beeindruckende Physis für einen 15-Jährigen. "Ich sah schon immer ein bisschen älter aus als die anderen", sagt er. Und wurde deshalb schon immer ein bisschen überschätzt? "Nein, nein, eher unterschätzt! Manche denken, dass ich nur stark aussehe, aber eigentlich gar nichts draufhabe." Im Januar im Spiel der Jugend Basketball Bundesliga (JBBL) sei das gegen Chemnitz bei manchen Gegenspielern so gewesen. Doch: "Dann habe ich ihnen das Gegenteil bewiesen." Mit 46 Punkten, neuer persönlicher JBBL-Bestleistung.

Hounnou in der Nationalmannschaft: "Ein super Gefühl"

Ralph Hounnou ist auf einem guten Weg, seinen Traum vom Profi-Dasein zu erfüllen. Der Aufbauspieler aus Weißenfels gehört zum Perspektivkader des Deutschen Basketball Bundes (DBB), zählt bundesweit zu den größten Talenten seines Jahrgangs. Vor Kurzem spielte der 15-Jährige mit der U-15-Nationalmannschaft bei einem internationalen Turnier in Litauen, bestritt zuvor ein Trainingslager mit dem Team. Inklusive einer Ansprache vom Herrenbundestrainer Chris Fleming. Ein Zeichen der Wertschätzung. Hounnou meint: "Es ist ein super Gefühl, das DBB-Trikot tragen zu dürfen."

Denn er weiß auch, wie es ist, den Sprung in den Perspektivkader zu verpassen. So geschehen vor drei Jahren. "Damals dachte ich, dass ich schon gut genug sei." Dem war nicht so. Hounnou lernte aus dem Scheitern, schon im Jahr darauf kamen die Auswahltrainer des Perspektivkaders nicht mehr um ihn herum. Und das Talent lernte, demütig zu sein.

Neben dem Feld ist seine zuvorkommende Art eine aussterbende Gattung unter der heutigen Jugend – das macht einen umso mehr stolz.

Landestrainer Christian Steinwerth über Ralph Hounnou

"Ralph hat sich sehr gut entwickelt", lobt Christian Steinwerth, Landestrainer beim Basketball-Verband Sachsen-Anhalt (BVSA), eines der größten Talente des Bundeslandes. "Er trainiert immer intensiv, ist sehr akribisch, will immer alles. Gerade seine Spielzeiten in der JBBL des MBC waren Gold wert für seine Entwicklung." In der kommenden Spielzeit soll der Aufbauspieler gleich auf drei Ebenen spielen: für das JBBL-Team, in der Nachwuchs Basketball Bundesliga (NBBL) und auch für die BSW Sixers in der 1. Regionalliga. Beim Kooperationspartner des Bundesligisten aus Weißenfels soll Hounnou im Training erste Erfahrungen bei den Herren sammeln, sich vielleicht sogar schon die ein oder andere Spielminute erkämpfen. Die Dreifachbelastung wird eine Herausforderung, auch für den Kopf.

Doch Landestrainer Steinwerth traut ihm das zu. Denn: "Wir sind sehr froh, mit Ralph einen so spielstarken aber auch charakterlich vorbildlichen jungen Mann bei uns zu wissen. Auf dem Feld überzeugt er mit seiner Athletik und Energie. Und neben dem Feld ist seine zuvorkommende Art eine aussterbende Gattung unter der heutigen Jugend – das macht einen umso mehr stolz."

MBC-Manager Geissler: "Sein Talent ist riesig, doch …"

Wer sich mit Ralph Hounnou unterhält, erlebt einen aufgeräumten jungen Mann. Einen, dem seine Familie – der 15-Jährige hat zwei jüngere Brüder und eine jüngere Schwester – unheimlich wichtig ist. "Alles, was ich mache, mache ich für meine Familie, für meine Mutter und all die, die mich bislang auf meinem Weg unterstützt haben", sagt er. "Ich möchte ihnen etwas zurückgeben." Indem er so hart arbeitet wie möglich und es irgendwann als Profi packt. Dieser Ehrgeiz war schon früher da, als er beim MBC mit dem Basketball begann. Hounnou lacht: "Meine Trainer haben mich manchmal schon ein bisschen komisch angeguckt, weil ich immer ein bis zwei Stunden vor dem eigentlichen Training in der Halle stand und meine Würfe genommen habe." Wer nicht übt, der nicht gewinnt.

Martin Geissler
MBC-Manager Martin Geissler Bildrechte: IMAGO

"Ralph ist ein guter Typ, der dankbar ist für die Chance, die sein Leben durch Basketball bekommen kann", sagt Martin Geissler. Der Manager des MBC weiß um das große Talent des 15-Jährigen. Und ist gerade deshalb streng mit ihm: "Er hat verstanden, dass er ein wichtiger Spieler für sein Team ist und sich entsprechend verhalten muss. Aber er muss als Person noch weiter reifen und vor allem die Konzentration auf harter Arbeit aufrechterhalten. Sein Talent ist riesig, doch darauf darf er sich nicht ausruhen." Geissler hat schon einige Nachwuchsspieler mit großem Potenzial gesehen, die es nicht geschafft haben, ihren Lieblingssport auch zum Beruf zu machen. "Manchmal glaubt Ralph schon ein Profi zu sein, doch bis dahin haben wir noch einen harten gemeinsamen Weg vor uns."

Gut für Geissler und den MBC: Ralph Hounnou macht den Eindruck, als wüsste er das ganz genau. Sein Fernziel, das ist ganz klar die US-amerikanische NBA, die beste Basketballliga der Welt. "Da will ich später einmal spielen und ich arbeite so hart es geht, um dahinzukommen", sagt er. Doch: "Erstmal muss ich mich in der nächsten Saison in der JBBL, NBBL und bei den BSW Sixers beweisen und mich weiterentwickeln – Schritt für Schritt."

Der nächste Dennis Schröder?

Auch wenn das MBC-Talent noch weit entfernt ist von der großen NBA, liegt ein Vergleich, eine Frage doch auf der Hand: Kann Ralph Hounnou der nächste Dennis Schröder werden? Der 23-Jährige ist der beste Aufbauspieler, den der deutsche Basketball seit Jahrzehnten gesehen hat. Auch Hounnou bekleidet diese Position. Mit harter Arbeit hat es Schröder, ein Anführer der Nationalmannschaft, bis in die NBA geschafft. Bei den Atlanta Hawks spielt der flinke Spielmacher eine entscheidende Rolle. "Er macht einen super Job in der NBA", meint auch Ralph Hounnou. Die extrovertierte Art von Schröder, der eine eigene Shisha-Lounge besitzt, seine vergoldeten Sportwagen und andere Luxusgüter gerne zur Schau stellt, ist dem 15-Jährigen eher fremd. Sportlich jedoch dient Schröder ohne Frage als Vorbild.

Eine Gemeinsamkeit zwischen den Aufbauspielern: Beide haben afrikanische Wurzeln. Schröders Mutter stammt aus Gambia, Hounnou wurde in Benin geboren. Er war zwei Jahre alt, als die Familie nach Deutschland zog, weil sein Vater dort Arbeit gefunden hatte. Erst lebten die Hounnous in München, dann bei seiner Tante in Frankreich, ehe sie ihr Weg nach Weißenfels führte. Wo sich Ralph in den Basketball verliebte. Weshalb er bislang auch noch nicht wieder nach Benin zurückgekehrt ist. "Ich habe ja immer Training", lacht er.

Ralph Hounnou ist ein fröhlicher Mensch. Doch es gab auch schon Momente in seinem Leben, die schwer waren. So erzählt er von einer Begegnung vor gar nicht allzu langer Zeit, die ihm im Gedächtnis blieb. Der Sportschüler war auf dem Weg zum Training, als ihn plötzlich zwei Männer bepöbelten. Der Grund: seine Hautfarbe. "Sie haben mich beleidigt und meinten, dass ich aus dem Land verschwinden soll", erinnert sich Hounnou.

Unter Basketballern, in diesem so weltoffenen Sport, wäre solch eine Situation undenkbar. Auf der Straße war sie Realität. Doch der 15-Jährige habe mit nur zwei Fragen reagiert: "Habt ihr schonmal etwas für Deutschland gemacht? Spielt ihr für die deutsche Nationalmannschaft?" Die Pöbler wären still gewesen. "Da haben sie mich nur noch dumm angeguckt", sagt Hounnou und meint: "Über so etwas musst du drüber stehen und deinen Weg einfach weitergehen." Gut möglich, dass ihn sein Weg bis ganz nach oben führt.

Quelle: MDR/dg

Zuletzt aktualisiert: 05. Juli 2017, 15:51 Uhr

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