Die 18 Jahre alte Sportschützin Natalie Pfeiffer aus Gölzau steht mit ihrem Gewehr im Anschlag am Schießstand
Natalie Pfeiffer visiert mit ihrem Gewehr "Bella" das Ziel am Schießstand in Gölzau an. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Nachwuchssportler Sachsen-Anhalts Lotty und die schönen Waffen

Julia Lier, Rico Freimuth oder Luise Malzahn – solch große Namen zieren seit Jahren die Sportlandschaft Sachsen-Anhalts. Doch wer sind die nächsten Aushängeschilder des Landes? MDR SACHSEN-ANHALT porträtiert fünf Talente aus fünf Sportarten, die den Sprung nach ganz oben schaffen wollen – und bereits beachtliche Erfolge gefeiert haben. Den Anfang macht Sportschützin Natalie Pfeiffer vom SV Gölzau.

von Daniel George, MDR SACHSEN-ANHALT

Die 18 Jahre alte Sportschützin Natalie Pfeiffer aus Gölzau steht mit ihrem Gewehr im Anschlag am Schießstand
Natalie Pfeiffer visiert mit ihrem Gewehr "Bella" das Ziel am Schießstand in Gölzau an. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Hand von Natalie Pfeiffer bewegt sich behutsam. Ihre Augen leuchten beim ersten Blickkontakt. Jedes Mal, wenn die 18 Jahre alte Sportschützin ihr jüngstes Arbeitsgerät am Schießstand drapiert, verliebt sie sich neu. "Das ist Bella. Ist sie nicht schön?", fragt Pfeiffer und erklärt: "Ich gebe meinen Gewehren immer Namen. Mein anderes heißt Betsy." Fritz Naumann steht im Hintergrund und lacht. "Wir trainieren zwar schon seit sechs Jahren zusammen", sagt der Mentor von Pfeiffer, "aber das wusste ich auch noch nicht."

Es ist eines der letzten Geheimnisse zwischen Trainer und Sportlerin, das an diesem Juninachmittag im Schützenhaus des SV Gölzau gelüftet wird. Erst im Januar dieses Jahres wurde der modernisierte Schießstand, an dem beide nun stehen, eröffnet. Kostenpunkt: 100.000 Euro. Grund: "Wir wollen unseren Sportschützen die Möglichkeit geben, das gesamte Jahr über im Kleinkaliber zu trainieren", erklärt Naumann. Deshalb wurde der Bereich überdacht, Rolltore installiert, den Witterungsbedingungen trotzen die Sportler so. "Für Lotty ist der neue Schießstand ganz wichtig, damit sie dort ganzjährig trainieren kann", sagt Naumann. "Wir haben ja ein großes Ziel."

Für die Familie: Pfeiffer verzichtete auf Sportschule

Lotty, das ist der Spitzname von Natalie Pfeiffer. Schon immer. Er steht sogar auf ihrer Sportschützen-Kluft. Ganz groß in roten Buchstaben auf weißem Grund. "Meine Eltern wussten vor der Geburt nicht so richtig, wie sie mich nennen sollen, also haben sie den erstbesten Namen genommen, der ihnen eingefallen ist", erklärt sie. "Ein paar Wochen nach der Geburt kam mein Papa dann auf die Idee, dass Charlotte doch ein toller Name sei. Stimmt ja auch. Seitdem nennen mich meine Eltern nur Charlotte und meine Freunde nur Lotty." Sich offiziell umbenennen lassen? "Ich habe mich informiert", gibt die 18-Jährige zu. "Aber erstens ist das ziemlich teuer mit den ganzen Papieren und zweitens musste ich meiner Schwester versprechen, das nicht zu machen, weil sie ihre Tochter später einmal Charlotte nennen will." Und Lotty Pfeiffer ist zu sehr Familienmensch, als dass sie diesem Wunsch nicht nachkommen würde.

Deshalb stand ein Wechsel auf die Sportschule nach Halle für sie auch nie wirklich zur Debatte. Obwohl es die Chance gab. Aber dann hätte sie im Internat leben müssen. "Ich habe einen kleinen Bruder und eine ältere Schwester, die habe ich unheimlich lieb, da wollte ich nie weg", sagt sie. Die Familie lebt in Fernsdorf, ein paar hundert Meter vom Schützenhaus Gölzau entfernt. "Außerdem hätte mich Fritz dann nicht mehr trainiert." Und: "Er versteht mich. Er weiß, dass er mich nach schlechten Leistungen auch mal in Ruhe lassen muss. Ich kenne ihn jetzt schon so lange, wir sind zusammen für Wettkämpfe durch das ganze Land gefahren. Er ist wie ein zweiter Papa für mich."

Wenn wir solche Leute wie Lotty nicht hätten, wäre es viel schwerer, andere Jugendliche zu motivieren. Ihre Leistungen spornen auch die anderen an.

Fritz Naumann über die Rolle von Natalie Pfeiffer beim SV Gölzau

Fritz Naumann, der zweite Papa, 65 Jahre alt, seit fast 50 Jahren Trainer der Sportschützen, ist stolz auf seine Lotty. So wie auf alle anderen der knapp einhundert Vereinsmitglieder, davon 18 Jugendliche. Seine Sportler liegen ihm allesamt am Herzen. Für seinen Sport kämpft der Vereinsvorsitzende. Das muss er auch. Denn die Organisation des Sportschießens, die Ausrüstung allein ist teuer. Vor zwei Jahren stieg die erste Mannschaft in die Bundesliga auf. Auch die damals 16 Jahre alte Lotty Pfeiffer war dabei. Ein anständiges Luftgewehr, womit dort geschossen wird, so ein Modell wie Pfeiffers Bella, kostet zwischen 3.500 und 7.000 Euro. Fritz Naumann ist oft mit der Akquise von Sponsoren beschäftigt. "Betteln gehen", nennt er es mit einem Lächeln auf den Lippen. 

Naumann sicher: "Trump wäre kein guter Sportschütze"

Viel lieber aber arbeitet der 65-Jährige am Schießstand mit den Schützen. Lotty Pfeiffer trainiert zwei- bis dreimal die Woche, Naumann ist täglich im Schützenhaus. Mit wenigen Ausnahmen. Kürzlich gönnte er sich einen einwöchigen Urlaub mit seiner Frau und Freunden. Lotty, deutsche Vizemeisterin von 2013, Gewinnerin vieler anderer Wettkämpfe, übernahm das Training. Die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen macht ihr Spaß. Nach dem Abitur und einem Freiwilligen Sozialen Jahr will sie sich zur Erzieherin ausbilden lassen, parallel als Trainerin beim SV Gölzau tätig sein – und natürlich selbst weiter auf höchstem Niveau schießen. Fritz Naumann meint: "Wenn wir solche Leute wie Lotty nicht hätten, wäre es viel schwerer, andere Jugendliche zu motivieren. Ihre Leistungen spornen auch die anderen an."

Doch was benötigt ein junger Mensch denn nun, um ein guter Sportschütze zu werden? "Einen gesunden Körper und einen gesunden Geist – damit kannst du in unserem Sport etwas erreichen", erzählt Naumann und wird konkret: "Du musst eine ausgezeichnete Konzentrations- und Reaktionsfähigkeit haben. Das hat auch etwas mit Konzentrationsausdauer zu tun." Beispiel: "Vom US-Präsidenten Donald Trump sagt man ja, er könne sich nur ein paar Minuten konzentrieren, danach geht nichts mehr. Aus ihm wäre garantiert kein guter Sportschütze geworden." Die Waffe müsse ruhig geführt werden, der Kopf spiele die größte Rolle. "Der Schütze muss sich mit dem Schuss identifizieren. Eine zehn nützt gar nichts, wenn sie ein Zufallsprodukt ist. Eine sauber ausgearbeitete zehn muss es sein."

Aus Lotty Pfeiffer ist eine gute Sportschützin geworden. Warum? "Sie ist eine selbstbewusste junge Frau, die eine hervorragende Konzentrations- und Reaktionsfähigkeit hat", begründet Fritz Naumann. "Sie ist zuverlässig und sie weiß, dass du im Sportschießen nur etwas erreichen kannst, wenn du längerfristig den Ehrgeiz aufbringst. Da musst du an anderen Punkten auch mal Abstriche machen. Da musst du auch mal auf die Disco verzichten." Lotty Pfeiffer hat in den vergangenen Jahren auf so einige Disco-Besuche verzichtet. Da mussten der Freund oder die Freunde bei der Freizeitplanung schon mal enttäuscht werden. Aber: "Sportschießen ist meine Leidenschaft. Es macht mir unheimlich viel Spaß", sagt die 18-Jährige. "Ich habe es noch nie bereut, beim Sportschießen gewesen zu sein."

Trainingsbesuch Natalie Pfeiffer am Schießstand

Die 18 Jahre alte Sportschützin Natalie Pfeiffer aus Gölzau steht mit ihrem Gewehr im Anschlag am Schießstand. Ihr Trainer Fritz Naumann beobachtet sie im Hintergrund.
Seine Schützin immer im Blick: Fritz Naumann beobachtet den Bewegungsablauf von Natalie Pfeiffer am Schießstand. Bildrechte: Daniel George/MDR
Die 18 Jahre alte Sportschützin Natalie Pfeiffer aus Gölzau steht mit ihrem Gewehr im Anschlag am Schießstand. Ihr Trainer Fritz Naumann beobachtet sie im Hintergrund.
Seine Schützin immer im Blick: Fritz Naumann beobachtet den Bewegungsablauf von Natalie Pfeiffer am Schießstand. Bildrechte: Daniel George/MDR
Die 18 Jahre alte Sportschützin Natalie Pfeiffer aus Gölzau steht mit ihrem Gewehr im Anschlag am Schießstand
Natalie Pfeiffer bringt sich in Stellung ... Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Die 18 Jahre alte Sportschützin Natalie Pfeiffer aus Gölzau steht mit ihrem Gewehr im Anschlag am Schießstand
... visiert die Zielscheibe an ... Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Die 18 Jahre alte Sportschützin Natalie Pfeiffer aus Gölzau steht mit ihrem Gewehr im Anschlag am Schießstand
... drückt ab und schaut sich das Ergebnis an. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Fritz Naumann, der 65 Jahre alte Trainer der Sportschützing Natalie Pfeiffer
Fritz Naumann ist nicht nur Trainer, sondern auch der Vorsitzende des SV Gölzau.

Quelle: MDR/dg
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Nahziel Nationalmannschaft, Fernziel Olympia

Manchmal aber kollidieren Termine unglücklich. So wie jetzt am 24. Juni. Da feiert Lotty Pfeiffer ihren 19. Geburtstag – und schießt bei der Landesmeisterschaft. Die ist wichtig, denn dort will sie sich für die Deutsche Meisterschaft qualifizieren. Das wird klappen, ziemlich sicher. Dann eine gute Leistung bei den Deutschen Meisterschaften sowie den Ranglistenwettbewerben und die Gölzauer Sportschützin könnte den Sprung in die Nationalmannschaft der Junioren packen. In den vergangenen zwei Jahren scheiterte sie ganz knapp an diesem großen Ziel. Diesmal sieht es bislang sehr gut aus, erst kürzlich überzeugte Pfeiffer mit einer persönlichen Bestleistung. Nur: "Die Leistungsdichte und Beständigkeit bei den deutschen Damen ist unheimlich groß", sagt Fritz Naumann. "Da darfst du dir keinen Fehler erlauben."

Sollte Lotty Pfeiffer sich als eine von zehn Sportlerinnen für die Nationalmannschaft qualifizieren, würde sogar noch ein anderes, größeres Ziel in den Fokus rücken: Die Olympischen Sommerspiele 2020 in Tokio wären dann nicht allzu weit entfernt. "Irgendwann will ich auf jeden Fall bei Olympia starten", sagt die Sportschützin. Doch Schritt für Schritt. "Erstmal konzentriere ich mich jetzt auf die Landes- und die Deutschen Meisterschaften", sagt sie.

Als er diese Worte hört, setzt sich Fritz Naumann beruhigt auf seinen Beobachterstuhl am Schießstand. Das 65 Jahre alte Original weiß, dass er sich auf seine Lotty verlassen kann. Auch an diesem Juninachmittag zieht Pfeiffer mit Bella ihr Training konzentriert. Es geht um Wiederholungen, es geht um Abläufe. Natürlich um Konzentration. "Sehr gut", lobt der Chef. Dass Natalie Pfeiffer Großes erreichen kann, hat er immer gewusst. Schon in den Anfangsjahren habe Fritz Naumann, so erzählt es seine Sportschützin, ihr regelmäßig gesagt: "Lotty, du bist ne Jute!" Und eine, die immer besser wird.     

Quelle: MDR/dg

Zuletzt aktualisiert: 14. Juni 2017, 10:43 Uhr

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