Das 14 Jahre alte Boxtalent Nikita Uljanov schlägt mit blauen Boxhandschuhen gegen einen roten Boxsack.
Der 14 Jahre alte Nikita Uljanov gilt als eines der größten Boxtalente Sachsen-Anhalts. Bildrechte: MDR/George

Nachwuchssportler Sachsen-Anhalts Der stille Kämpfer

Julia Lier, Rico Freimuth oder Luise Malzahn – solch große Namen zieren seit Jahren die Sportlandschaft Sachsen-Anhalts. Doch wer sind die nächsten Aushängeschilder des Landes? MDR SACHSEN-ANHALT porträtiert fünf Talente aus fünf Sportarten, die den Sprung nach ganz oben schaffen wollen – und bereits beachtliche Erfolge gefeiert haben. Diesmal: Boxer Nikita Uljanov von der SG Chemie Bitterfeld.

von Daniel George, MDR SACHSEN-ANHALT

Das 14 Jahre alte Boxtalent Nikita Uljanov schlägt mit blauen Boxhandschuhen gegen einen roten Boxsack.
Der 14 Jahre alte Nikita Uljanov gilt als eines der größten Boxtalente Sachsen-Anhalts. Bildrechte: MDR/George

Nikita Uljanov zwei aufeinanderfolgende Sätze zu entlocken, fällt schwer an diesem Juninachmittag in der Sporthalle der SG Chemie Bitterfeld. Aufrecht sitzt das 14 Jahre alte Boxtalent auf seinem Stuhl, nippt ab und an am Wasserglas, antwortet höflich und bedacht. Aber meist nur mit dem Nötigsten: Ja und Nein. Schnell wird klar: Große Worte sind nicht sein Ding. Große Taten im Boxring dafür umso mehr.   

Der Sportler aus Bitterfeld ist eines der größten Box-Talente des Bundeslandes. Harald Schuchardt, Präsident und Abteilungsleiter Boxen bei der SG Chemie Bitterfeld, dem Heimatverein des 14-Jährigen, sagt sogar: "Nikita ist in der Boxgruppe der Sportschule Halle mit Abstand das größte Talent!" David Hoppstock, Landestrainer Sachsen-Anhalts, bestätigt: "Nikita ist einer, der unbedingt will."

Wohin? In die Nationalmannschaft. Und der 14-Jährige wurde auch bereits nominiert. Er soll im Herbst beim renommierten Brandenburg-Cup dabei sein. Bei der Deutschen Meisterschaft der Junioren bis 50 Kilogramm sicherte er sich überraschend den Vizemeistertitel. Das war ein großer Erfolg gegen ältere Gegner. Und liebend gern würde Nikita Uljanov schnellstmöglich auch an internationalen Turnieren teilnehmen. Nur gibt es da ein großes Problem: Das Box-Talent besitzt noch nicht die deutsche Staatsbürgerschaft. Und der Weg dahin ist ein steiniger.

Der steinige Weg zur deutschen Staatsbürgerschaft  

Boxtrainer Siegfried Grashof und sein Schützling Nikita Uljanov (l.) lehnen am Ring, unterhalten sich über den nächsten Kampf.
Nikita Uljanov (l.) und sein Trainer Siegfried Grashof Bildrechte: MDR/George

Nikita Uljanov war zwei Jahre alt, als seine Eltern aus Usbekistan nach Deutschland auswanderten. In der neuen Heimat meldeten sie ihn erst beim Turnen an, seine Schwester, ein Jahr jünger, betreibt den Sport noch immer, besucht wie Nikita die Sportschule Halle. Der heute 14-Jährige wechselte im Alter von sieben Jahren zum Boxen – und blieb dabei. "Wenn ich mal keine Lust auf das Training hatte, haben meine Eltern gesagt, ich müsste dann im Haushalt etwas anderes machen. Da bin ich lieber zum Training gegangen", erinnert sich Uljanov mit einem Lächeln im Gesicht.

Gar nicht zum Lachen zumute ist ihm und seinem Box-Umfeld beim Thema deutsche Staatsbürgerschaft. Die benötigt er, um für die Nationalmannschaft an internationalen Wettbewerben teilnehmen zu dürfen. "Der Antrag wurde bereits vor zwei Jahren gestellt, aber es tut sich nichts", erklärt Harald Schuchardt. "Das Problem ist, dass dort nicht die Botschaft, sondern das Land entscheidet. Wenn seine Eltern jetzt in die Hauptstadt Taschkent fahren und sich dafür einsetzen würden, würde es vielleicht schneller gehen. Aber dann wüssten sie nicht, ob sie jemals wieder aus dem Land herauskommen. Da kannst du niemanden hinschicken." Das Risiko sei zu groß.

Also heißt es warten. Oder andere Wege suchen: Schuchardt habe sich mithilfe des Landesverbandes bereits an Holger Stahlknecht gewandt. Sachsen-Anhalts Innenminister, der auch für den Sport im Lande zuständig ist, soll, wenn möglich, helfen, den Vorgang zu beschleunigen. Harald Schuchardt, 63 Jahre alt, früher selbst erfolgreicher Boxer, meint: "Mal sehen, ob wir über die politische Ebene mehr erreichen können."

Mal sehen, ob wir über die politische Ebene mehr erreichen können.

Harald Schuchardt, Präsident der SG Chemie Bitterfeld, über die Einbürgerung von Nikita Uljanov

Die deutsche Staatsbürgerschaft ist für Nikita Uljanov das Tor zur deutschen Nationalmannschaft und somit zu möglichen internationalen Medaillen. Die sind, genau wie die nationalen, auch für den Box-Landesverband Sachsen-Anhalts von enormer Bedeutung. Die Sportart ist aus dem großen Fördertopf gefallen, wurde finanziell als drittklassig zurückgestuft. "Früher gab es in der Sportschule für jede Altersklasse einen Trainer, überall hatten wir sechs bis acht Sportler", erinnert sich Harald Schuchardt an bessere Zeiten. "Jetzt gibt es für alle zwölf Boxer einen Trainer." Das ist David Hoppstock. Ein sehr guter Mann, das stellt Schuchardt ausdrücklich heraus. Nur Alleinkämpfer hätten es immer schwer.

Deutscher Vizemeistertitel als Belohnung

Nikita Uljanov ist nicht auf sich allein gestellt. Während eines Kampfes im Ring vielleicht, ja. Aber nicht auf der Sportschule, wo von Montag bis Freitag täglich trainiert wird. Und vor allem nicht in seinem Verein, bei der SG Chemie Bitterfeld, einem Landesleistungsstützpunkt. 20 Kinder und Jugendliche boxen dort derzeit. Nikita Uljanov findet Geborgenheit. Hauptverantwortlich für die jungen Athleten ist Siegfried Grashof. Der erfahrene Trainer, den alle nur "Siggi" nennen, kennt Uljanov seit seinem siebten Lebensjahr. "Da ist er mir immer hinterhergelaufen, war sehr schüchtern", erinnert sich Grashof. "Auch als er vor zwei Jahren auf die Sportschule gewechselt ist, hatte er am Anfang ein paar Probleme."

Vor allem mit der Schule. Seine Noten verschlechterten sich nahezu in allen Fächern. Das hat sich inzwischen geändert. Nach vielen Gesprächen mit Lehrern und Erziehern und fleißigem Lernen ist der 14-Jährige ein solider Schüler. "Ich muss mich jetzt besonders anstrengen, nächstes Jahr gibt es das Zeugnis, mit dem ich mich bewerben muss", weiß Nikita Uljanov. Worte, die Siegfried Grashof gefallen. Er ist stolz auf seinen Schützling, denn: "Er hat gelernt, auf eigenen Füßen zu stehen und auch mal den Mund aufzumachen – nicht nur zum Luftholen." Aber eben auch nur, wenn er etwas zu sagen hat.

Flinke Fäuste Nikita Uljanov und seine Vereinskollegen

Der 14 Jahre alte Boxer Nikita Uljanov aus Bitterfeld im Porträt.
Nikita Uljanov boxt bereits seit sieben Jahren. Bildrechte: MDR/George
Der 14 Jahre alte Boxer Nikita Uljanov aus Bitterfeld im Porträt.
Nikita Uljanov boxt bereits seit sieben Jahren. Bildrechte: MDR/George
Boxtrainer Siegfried Grashof und sein Schützling Nikita Uljanov (r.) beim Sparring im Ring.
Mit seinem Trainer Siegfried Grashof (l.) versteht sich das Talent hervorragend. Bildrechte: MDR/George
Boxtrainer Siegfried Grashof erklärt einem kleinen Boxer den richtige Technik am Boxsack.
20 Kinder und Jugendliche boxen derzeit bei der SG Chemie Bitterfeld. Für sie hauptverantwortlich ist Trainer Siegfried Grashof (l.). Bildrechte: MDR/George
Harald Schuchardt, Präsident der SG Chemie Bitterfeld Wolfen und Abteilungsleiter Boxen, im Porträt
Auch Präsident Harald Schuchardt steht, wenn es die Zeit erlaubt, noch ab und an als Trainer im Ring. Früher war der 63-Jährige selbst aktiver Boxer. Bildrechte: MDR/George
Fünf junge Boxer und Trainer Siegfried Grashof stellen sich in grünen Trainingsanzügen zum Mannschaftsfoto im Ring zusammen.
Im Kreise der Boxfamilie der SG Chemie Bitterfeld fühlt sich Nikita Uljanov (Mitte) wie zu Hause. Bildrechte: MDR/George
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Sein Vorbild? "Roy Jones", sagt Uljanov. Warum? Die Begründung übernimmt dann wieder Präsident Schuchardt: "Wir liegen da auf einer Wellenlänge. Ich mag Roy Jones auch, weil es ein stilistisch starker Boxer war, der zahlreiche Titel geholt hat. Nicht einfach nur ein Haudrauf. Wir legen bei der Ausbildung auch großen Wert auf die Technik. Das geht im heutigen Boxen, wo es immer mehr nur noch um Schnelligkeit und Ausdauer, um pure Kraft geht, leider oft verloren."

Nicht bei Nikita Uljanov. Dem bescheinigen seine Ausbilder "eine super Technik", wie Harald Schuchardt meint, "auch von der physischen Seite her ist er sehr gut drauf." Das sieht auch Landestrainer Hoppstock so: "Er hat ein gutes boxerisches Verständnis." Zugegeben: "Zwischenzeitlich dachte ich, jetzt stagniert er ein bisschen. Aber so, wie er sich in den letzten Monaten angestellt hat, ist eine deutliche Steigerung zu erkennen. Man sieht, dass er immer besser wird."  

"Denke groß, dann wirst du groß"

Der deutsche Vizemeistertitel im April dieses Jahres war Ausdruck dessen. Und er war umso beeindruckender, weil Nikita Uljanov als 14-Jähriger im Juniorenbereich als jüngster Jahrgang zum Teil gegen 16-Jährige boxen musste. "Das war ein toller Erfolg, er hat sich wirklich super entwickelt", lobt Harald Schuchardt, mahnt aber auch: "Wir dürfen ihn nicht verheizen." Heißt: "Schritt für Schritt."  

Erst will Nikita Uljanov zur Nationalmannschaft, dann zur Europameisterschaft. „Das sind meine Ziele“, sagt er. Und langfristig "muss Olympia 2022 dein Ziel sein", merkt Harald Schuchardt an. "Das ist machbar. Das ist realistisch", sagt der Präsident und wendet sich im Gespräch direkt an seinen Schützling: "Nikita, es gibt da einen Spruch, den musst du dir merken: Denke groß, dann wirst du groß." Nikita Uljanov nickt.

Beherzigt der 14-Jährige die Ratschläge seiner Trainer, stehen die Chancen gut, dass er noch zahlreiche Medaillen sammelt. Uljanov ist in seiner Entwicklung weiter als die meisten Gleichaltrigen. Nur eine Sache gibt es da, an der der junge Boxer laut Harald Schuchardt arbeiten muss: "Nikita ist wirklich ein richtig feiner Kerl, so soll er auch unbedingt bleiben", sagt der Präsident der SG Chemie Bitterfeld, "aber im Ring, da fehlt ihm manchmal ein bisschen die Frechheit. Da muss er manchmal noch ein bisschen mehr Schwein sein – natürlich im positiven Sinn."

Der 63 Jahre alte Harald Schuchardt, Präsident der SG Chemie Bitterfeld, schießt mit seinem Handy ein Foto von der Boxgruppe des Vereins im grünen Trainingsanzug im Ring.
Vereinspräsident und Abteilungsleiter Harald Schuchardt zückt sein Handy für das Teamfoto der Bitterfelder Boxer. Bildrechte: MDR/George

Quelle: MDR/dg

Zuletzt aktualisiert: 28. Juni 2017, 13:44 Uhr

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