Hannah Steffen posiert mit ihrem Fahrrad
Erschöpft, aber glücklich: So sieht Hannah Steffen nach ihren Rennen meistens aus. Bildrechte: LV Radsport Sachsen-Anhalt

Nachwuchssportler Sachsen-Anhalts Auf dem Sattel zu Hause

Julia Lier, Rico Freimuth oder Luise Malzahn – solch große Namen zieren seit Jahren die Sportlandschaft Sachsen-Anhalts. Doch wer sind die nächsten Aushängeschilder des Landes? MDR SACHSEN-ANHALT porträtiert fünf Talente aus fünf Sportarten, die den Sprung nach ganz oben schaffen wollen – und bereits beachtliche Erfolge gefeiert haben. Diesmal: Radsportlerin Hannah Steffen vom Genthiner Radsportclub.

von Daniel George, MDR SACHSEN-ANHALT

Hannah Steffen posiert mit ihrem Fahrrad
Erschöpft, aber glücklich: So sieht Hannah Steffen nach ihren Rennen meistens aus. Bildrechte: LV Radsport Sachsen-Anhalt

Wenige Zentimeter trennen Hannah Steffen vom Kofferraum des Wagens. Wenn der Fahrer jetzt bremst, wird es brenzlig. Aber keine Angst: "Wir wissen beide genau voneinander, was wir machen", sagt Wolfgang Fischbach, der das Auto steuert. "Sonst würde das auch nicht funktionieren." Mit bis zu 70 Kilometer pro Stunde fährt Steffen über die Landstraße, im Windschatten des Fahrzeugs. Es ist ihre zweite Trainingseinheit des Tages – eine schweißtreibender als die andere.

Wolfgang Fischbach ist Radsport-Trainer. Seit 47 Jahren. Früher an der Sportschule, mittlerweile seit 20 Jahren beim Genthiner Radsportclub. Außerdem führt der 64-Jährige ein Fahrradgeschäft in der Innenstadt. Vor und nach Ladenschluss steht aber sein Schützling im Fokus: Hannah Steffen, 17 Jahre alt, ein Aushängeschild des Vereins. "Wir haben hier schon viele gute Rennfahrer und Rennfahrerinnen gehabt und haben sie auch immer noch", meint Wolfgang Fischbach, "aber Hannah ist eine der Besten." Und steht jetzt am Scheideweg ihrer Karriere.

Erst zu klein, dann große Erfolge

Wenn Hannah Steffen vor ihrem Trophäen-Schrank steht, erweckt das den Eindruck, dass die Radsportlerin in ihrer Karriere schon alles erreicht hat. Zahlreiche Pokale, zahlreiche Gewinner-Schleifen von Rennen in ganz Deutschland, sogar auf der Welt. Im vergangenen Jahr nahm Steffen an der Straßen-Europameisterschaft im französischen Plumelec teil, fuhr zudem bei der Weltmeisterschaft in Katar.

Am kommenden Wochenende startet Steffen bei der Europameisterschaft im Straßenrennen in Herning, Dänemark. "Ich fahre da nicht hin, um nur mitzufahren", erklärt Hannah Steffen selbstbewusst und fügt lächelnd hinzu: "Jeder will doch Europameisterin werden, das ist doch klar!"

Die Vorstellung, den Radsport aufzugeben, hat mir im Herzen wehgetan.

Hannah Steffen
Hannah Steffen pflechtet sich auf dem Fahrrad die Haare.
Hannah Steffen bereitet sich auf ihre Trainingseinheit vor. Bildrechte: George/MDR

Ganz und gar nicht klar war lange Zeit, wie die Radsport-Zukunft der bald 18-Jährigen aussieht. Steffen hat ihre Abiturprüfungen kürzlich bestanden. Die Perspektive, mit dem Radsport ihren Lebensunterhalt zu verdienen, gab es nicht. "Wir haben in Deutschland kein richtiges Leistungssportsystem", weiß Trainer Fischbach. "Von daher ist es schwierig, sich zu orientieren und einen Weg zu finden."

Doch der Sport ist ihr Leben. Und das schon seit so vielen Jahren: Sie war gerade vier Jahre alt, da schaute sie mit ihren Eltern beim traditionellen Spee-Cup in Genthin zu. Ihre Cousins fuhren Rad. Auch Hannah probierte sich. "Zuerst haben sie mich nach Hause geschickt, weil ich zu klein war", sagt die heute 1,58 Meter große Fahrerin, "aber ein halbes Jahr später habe ich es erneut versucht – und wurde aufgenommen."

Zum Glück für den Genthiner RC und den Radsportverband Sachsen-Anhalt, zeigen die Erfolge: "Hannah ist seit einigen Jahren eine unserer erfolgreichsten Sportlerinnen", sagt Andreas Kindler, Landestrainer im Radsportverband Sachsen-Anhalt. "Sie ist eine trainingsfleißige, zuverlässige Radsportlerin, zudem sehr heimatverbunden. Sportlich eine Allrounderin, stark im Zeitfahren und am Berg, kann aber auch in einem Massesprint durchsetzen." Und: "Für den Genthiner RC ist Hannah im Leistungsstützpunkt eindeutig das Aushängeschild und wird dementsprechend optimal gefördert."

Ihr Traum: WM-Titel oder Olympia

Doch eine Karriere als professionelle Radsportlerin? Derzeit nicht realisierbar. Aber komplett damit aufhören? Das kam für sie unter keinen Umständen in Frage. "Die Vorstellung, den Radsport aufzugeben, dieses Gefühl des Fahrens nicht mehr zu haben, meine Freunde nicht mehr zu sehen, das hat mir im Herzen wehgetan", lässt Hannah Steffen einen Blick in ihre Gefühlswelt zu. "Das Radfahren gehört einfach zu meinem Leben." Und wird es auch weiterhin tun.

Hannah Steffen posiert mit ihren Pokalen vor dem Trophäenschrank.
Hannah Steffen mit zwei ihrer zahlreichen Trophäen Bildrechte: George/MDR

Denn Hannah Steffen hat einen Weg gefunden, um ihren Sport weiter zu betreiben. Im Oktober fängt sie ein Studium in Dresden an. "Geografie oder Geodäsie, da muss ich mich noch entscheiden", sagt sie. Jedenfalls "gibt es ja keine Anwesenheitspflicht", schmunzelt Steffen. Im Ernst: "Ich hoffe, das lässt sich alles gut vereinbaren." Genügend Zeit für Trainingseinheiten, Trainingslager und Wettkämpfe sollte bleiben. Und: "Im nächsten Jahr möchte ich dann eine Ausbildung beim Zoll anfangen, wenn das klappt." Das Studium dient zunächst also ohnehin nur zur Überbrückung.   

Radfahren wird sie in der Bundesliga für das "Maxx-Solar-Lindig"-Team, weiterhin aber zum Genthiner Radsportclub gehören. Wolfgang Fischbach wird ihr weiter die Trainingspläne schreiben. Nur gemeinsame Einheiten wie an diesem Julinachmittag auf der Landstraße bei Genthin werden künftig rar gesät sein. Hannah Steffen wird trotzdem fleißig trainieren. Da ist sich Fischbach, der sie seit fünf Jahren trainiert, sicher. Und auch das Talent weiß: "Radsport ist eine ausdauernde Sportart. Um etwas zu erreichen, musst du auch wirklich viel Arbeit hineinstecken."

Das tut Hannah Steffen. Auch weiterhin. Deshalb darf sie auch große Träume haben. Und Hoffnungen: „Jeder träumt doch davon, Weltmeisterin zu werden oder einmal bei Olympia zu fahren“, sagt sie Und: „Wenn alles so klappt, muss das für mich kein Traum bleiben.“      

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Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 28.07.2017 | 19:00 Uhr

Quelle: MDR/dg

Zuletzt aktualisiert: 31. Juli 2017, 11:18 Uhr

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