Spielunterbrechung, Fans des FC Hansa Rostock zünden Bengalische Feuer. Torwart Marcel Schuhen (Rostock) räumt ein Bengalo vom Spielfeld.
Der DFB bestrafte Hansa Rostock für elf Vorkommnisse in sechs Spielen. Bildrechte: PICTURE POINT / K. Kummer

Hansa in Magdeburg ohne Fans Streitgespräch zu den Strafen des DFB

Der DFB hat nach mündlicher Verhandlung eine Strafe gegen den F.C. Hansa Rostock – Zuschauerteilausschluss bei einem Heimspiel und Geldstrafe von 12.000 Euro – umgewandelt. Nun dürfen Hansa-Fans nicht zu den Drittligaspielen in Magdeburg (7. Spieltag) und Jena (12. Spieltag) fahren. Das Urteil trifft auch Stadiongänger, die mit den Vorkommnissen, die da geahndet werden, überhaupt nichts zu tun haben. Ein Streitgespräch zum Urteil des DFB-Sportgerichts.

Spielunterbrechung, Fans des FC Hansa Rostock zünden Bengalische Feuer. Torwart Marcel Schuhen (Rostock) räumt ein Bengalo vom Spielfeld.
Der DFB bestrafte Hansa Rostock für elf Vorkommnisse in sechs Spielen. Bildrechte: PICTURE POINT / K. Kummer

Die Gesprächspartner:

  • Alexander Schnarr ist Anhänger des 1. FC Magdeburg. Den Verein begleitet er aus Fan-Perspektive auf seinem Blog "Nur der FCM!". Außerdem ist er Teil des Redaktionsteams bei 120minuten und widmet sich dort insbesondere den gesellschaftlichen Zusammenhängen im und um den Fußball. Er hält Kollektivstrafen für Irrsinn.
  • Frank Rugullis wurde in Halle geboren und ist seit Sendestart 1992 beim MDR. Er arbeitete für Radio, Fernsehen und Online. Seit 2015 ist er Leiter Online von MDR SACHSEN-ANHALT. Er ist fußballbegeistert und HFC-Experte. Rugullis findet, dass die Auseinandersetzung zwischen vielen Fans und dem DFB absurde Züge annimmt.


Alex: Für mich persönlich war bis zu dieser Mitteilung des DFB die Partie gegen den F.C. Hansa das Heimspiel-Highlight der Hinrunde, wenn nicht gar der ganzen Saison. Das wird mir (und allen anderen Stadiongängern auch) nun vom DFB kaputt gemacht. Von dem Kollektivstrafen-Irrsinn mal abgesehen: Findest du das "sinnvoll und angemessen" (Zitat DFB)?

Frank: Ich finde Strafen eigentlich nie wirklich angemessen, weder im Strafrecht noch im Sportrecht. Was mich in diesen Tagen aber viel mehr irritiert, ist die immer absurdere Auseinandersetzung zwischen vielen Fans und dem DFB. Da passt der Streit um das Hansa-Spiel in Magdeburg rein. Statt sich mit den Ursachen der Strafe auseinanderzusetzen, wird auf den DFB geschimpft. Ich finde das zu kurz gedacht.  

Alex: Naja, das ist doch aber keine "Entweder-oder"-Diskussion – im Sinne von "entweder setze ich mich mit den Ursachen oder den Strafen auseinander" – sondern hat eher so ein bisschen was von "Henne oder Ei". Aus meiner Sicht provoziert der Verband die heftigen Reaktionen mit seinen zum Teil drakonischen Sanktionen doch geradezu mit. Ohne irgendwelche Verschwörungstheorien bemühen zu wollen, könnte man fast meinen, das sei so gewollt.

Wie will man denn eine sachliche Diskussion führen, wenn der DFB derart hanebüchene Pauschalurteile erlässt und die dann auch noch als "sinnvoll und angemessen" bezeichnet? Bei mir als regulärem Stadiongänger kommt an: "Ihr Fans (und zwar alle) seid das Problem, Euch wollen wir nicht im Stadion." Das ist aus meiner Sicht keine besonders gute Gesprächsgrundlage.

Frank: Natürlich ist das Henne und Ei. Das ist ja der entscheidende Punkt. Da bin ich ganz deiner Meinung. Ich finde es schon sehr gewagt, dem DFB die "Schuld" daran zu geben, dass Fans kriminelle Handlungen begehen. Alex, ich finde diese Haltung sehr bequem. Wenn man auf den DFB und seine Strafen schimpft, dann muss man sich nicht mit den Problemen im eigenen Block befassen. Das stört mich. Verstehe mich nicht falsch, natürlich agiert der DFB nicht immer glücklich. Aber wenn es kein Fehlverhalten bei den Fans gebe, dann bräuchten wir die ganze Debatte über Kollektivstrafen nicht. Das ist doch eigentlich ganz einfach. Warum steht diese Frage nicht im Vordergrund?

Alex: So, und diese Argumentation finde wiederum ich zu kurz gedacht. Man muss da schon unterscheiden zwischen dem "Fehlverhalten von Fans" (und auch da nochmal sehr genau hinschauen und differenzieren) und der Debatte um die Strafen durch den DFB. Wer sagt denn, dass über die "Probleme im eigenen Block" nicht diskutiert wird? Ich denke, das passiert schon, nur eben dort, wo es hingehört: intern.

Bei der Sanktionsdebatte geht es doch (meiner Wahrnehmung nach) auch gar nicht darum, über die Sanktionen Straftaten legitimieren zu wollen. Vielmehr bricht sich darin eine gewisse Ohnmacht und vor allem Empörung über die völlig unangemessenen und nicht nachvollziehbaren Strafmaße Bahn. Es werden pauschal ganze Kurven in Sippenhaft genommen für Verfehlungen einer deutlichen zahlenmäßigen Minderheit. Das kann und muss man ungerecht finden – und auch artikulieren dürfen. Aber selbst das wird ja mittlerweile vom DFB sanktioniert. Und klar, wenn sich alle immer an alle Regeln halten, hätten wir die Diskussion gar nicht. Das ist ja unstrittig, m.E. aber nicht der Kern der Debatte. 

Frank: Da sind wir nicht weit auseinander, Alex. Natürlich muss man beide Debatten auseinanderhalten. Ich habe nur den Eindruck, dass Fans die DFB-Debatte führen, um sich nicht mit sich selbst auseinandersetzen zu müssen. Du kennst die Fanstrukturen besser als ich, vor allem die in Magdeburg. Wenn man mal kurz die DFB-Debatte links liegen lässt: Wo ist denn ein Ansatz, Fehlverhalten zu ahnden und Besserung zu ermöglichen? Wo ist hier der Schlüssel? Das ist doch die entscheidende Frage, was man selbst tun kann, ohne auf den DFB zu zeigen. Das fände ich auch selbstbewusst und stark. Auch wenn dies ein schwerer Weg ist, bei dem man schwierige Auseinandersetzungen führen muss.

Alex: Ich denke, wie gesagt, dass dieser Eindruck täuscht, aber das wird jetzt redundant. Tja, was kann man tun? Das ist ja gewissermaßen immer die letzte, große Frage, an der sich ja nun schon seit Jahrzehnten alle möglichen Leute die Zähne ausbeißen. So ganz links liegen lassen kann man die DFB-Debatte dabei sicher nicht, weil, wie gesagt, ein Diskurs nicht einfacher wird, wenn eine Seite das Gefühl hat, ohnehin nicht gehört zu werden. Dass sich dann irgendwann eine "Sch…egal-Stimmung" einstellt, ist für mich eigentlich nicht verwunderlich. Insofern denke ich schon, dass es helfen könnte, wenn auch der Verband einen ehrlichen Schritt auf die Fans – auf alle Fans – zugeht, auch mal selbstkritisch ist und vielleicht nicht permanent die alleinige Deutungshoheit über die Frage beansprucht, was Fußballkultur ist und was nicht. Ich befürchte nur, dass das Wunschdenken bleibt. 

In den Fanszenen selbst passiert, glaube ich, in der von dir angesprochenen Hinsicht viel mehr, als der/die gemeine Stadiongänger*in mitbekommt. Und ich lehne mich mal weit aus dem Fenster und sage, dass die Situation im Fußball ohne die organisierten Fanszenen möglicherweise noch deutlich problematischer wäre als sie im Moment gern dargestellt wird. Allerdings ist das eine These, die ich lieber nicht überprüft haben möchte. Und im Endeffekt ist es ja so, wie es immer ist: Reden hilft, miteinander reden ganz besonders.

Frank: Auch da ist wieder die Henne-und-Ei-Frage, diesmal mit der Variante, wer macht den ersten Schritt?

Frank Rugullis
Frank Rugullis leitet den Online-Bereich von MDR SACHSEN-ANHALT. Er ist fußballbegeistert und HFC-Experte. Bildrechte: MDR/Vanessa Kündinger

Aber dein Wunschdenken teile ich, da will ich dir gar nicht widersprechen. Und ich teile deine Haltung, dass Reden immer hilft, auch hier. Nur werde ich auch durch deine Argumente das Gefühl nicht los, dass immer erst die andere Seite liefern muss, bevor in den eigenen Reihen etwas passiert. Und wie passt denn eine Dialogbereitschaft der Fanszenen zu der Tatsache, dass jede Woche in Stadien lautstarke Wechselgesänge mit Anti-DFB-Rufen erschallen? Mal ganz abgesehen von unsäglicher Militärfolklore von Dynamo-Fans.

Alex: Eine Seite muss den ersten Schritt machen, da stimme ich dir absolut zu, Frank. Nur ist der Konflikt inzwischen meiner Einschätzung nach so festgefahren, dass sich die Konfliktparteien kaum noch bewegen können, ohne jeweils unglaubwürdig zu werden. Keine schöne Situation. Auf der einen Seite steht halt der Verband mit seinen immer abstruser werdenden Sanktionen, auf der anderen Seite stehen die Kurven mit ihrem Protest, der, auch das ist unstrittig, mitunter auch mal über das Ziel hinausschießt. Beim Stichwort "Dialogbereitschaft" sollte man aber auch nicht vergessen, dass es die seitens der organisierten Fanszenen ja durchaus gegeben hat.

Ohne jetzt noch ein weiteres Fass aufmachen zu wollen, erinnere ich nur an die Pyro-Debatte, die der DFB dann einseitig und unvermittelt abgebrochen hat. Vielleicht bräuchte es einfach mal eine vermittelnde Instanz und die Bereitschaft auf beiden Seiten, einen Schritt aufeinander zuzugehen. So, wie es im Moment läuft, kann die Situation jedenfalls für alle Beteiligten nicht befriedigend sein. 

Frank: Ja, die Situation ist so nicht befriedigend, ich glaube, auch nicht für den DFB. Alex, vielen Dank für das Gespräch.

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Quelle: MDR/mb

Zuletzt aktualisiert: 10. August 2017, 17:46 Uhr

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19 Kommentare

12.08.2017 17:33 Altlehrer 19

Das Grundproblem ist doch, dass der DFB sich überhaupt nicht als Interessenvertreter der Fans begreift, sondern Fussball nur technokratisch verwaltet. Die Fan-Szene darf als Kulisse des DFB-Fussballs funktionieren, aber auf keinen Fall ein eigenes Profil entwickeln. Ein wirklich gleichberechtigtes Miteinanderhandeln würde diese unsägliche aber auch völlig sinnlose Orgie von Kollektivstrafen überflüssig machen.

12.08.2017 12:53 Lausitzer45 18

Personalisierte Tickets sind überhaupt kein Problem. Sowas gibt es schon lange.

Online-Tickets bei der Bahn sind personalisiert, bei Kino-Tickets wird es teilweise schon sehr lange so gemacht. So kann man auch viel besser kontrollieren, ob jemand zum Beispiel Stadionverbot hat.

Klar haben potentielle Straftäter Angst vor personalisierten Tickets. Wer auf Gewalt aus ist, hat aber im Fußballstadion sowieso nichts verloren. Dann bleiben die zu Hause.

11.08.2017 16:53 WSDGDW 17

Wer nur Sitzplätze fordert, besitzt sehr wenig Empathie anders Denkenden gegenüber. Da zählt wohl nur "Schnauze halten, sonst Kopf ab!".
Armes Fußballdeutschland.

11.08.2017 16:29 Magdeburger Größenwahn 16

Und um personalisierte Tickets und vielleicht noch Gesichtsscanner zu umgehen schlage ich diesen Katalog vor. Natürlich kann man Tickets personalisiert verkaufen (Wer nichts zu verbergen hat dem kann das egal sein) aber Wer will das schon?

Plan B: solange wir Woche für Woche den Vereinen die Bude einrennen, solange wird sich nichts ändern und der DFB lacht über uns.
Wenn es aber 1-2 Spieltage gibt wo niemand (und ich meine wirklich niemand) zum Fussball gehen würde, wäre der DFB gezwungen zu Handeln um nicht noch mehr finanzielle Einbußen zu erleiden.
Früher nannte man so was GENERALSTREIK.
sicherlich ist auch das schwer umzusetzen aber irgendwas muss man sich ja einfallen lassen um der monopolstellung des DFB die Stirn zu bieten.

11.08.2017 14:29 Einfachparadiesisch 15

Personalisierten Zugang zum Stadion. Das würde glaube ich helfen. Und nur Sitzplätze.

11.08.2017 12:55 Hallenserin 14

#6
So schwer es mir im Normalfall fällt, einem MDer zuzustimmen, dieser Vorschlag hat was. Ob der Umstehenden die Zündler dann gewähren lassen bezweifle ich.

#9
Dann haben eben alle Minuspunkte; wer die wenigsten hat steigt auf.

11.08.2017 11:27 Magdeburger Größenwahn 13

@Gerald.
Ja, das glaube ich. Sicherlich wird das nicht immer funktionieren aber damit müsste der Verein dann mit Leben. Ein Saison zum testen wäre eine option bevor man keine option hat

11.08.2017 10:52 Lättaesser 12

Da jammert der sogenannte Rechtsstaat Freitags in der Magdeburger Volksstimme, dass die Genossen, schuldigung, Berufspolizisten, tausende Überstunden haben und die Fussballeinsätze zu teuer sind, um dann am Tag darauf beim Heimspiel FCM gegen Erfurt mit 4 ( in Worten: VIER!!!) Wasserwerfern aus Berlin und Hannover aufzufahren.
Bis heute hat sich kein Genosse der BePo dazu geäußert, was diese Materialschlacht rechtfertigt.
Solange es keine objektive mediale Berichterstattung gibt, hier in erster Linie die DFB-hörige Bildzeitung (siehe heute), so lange wird der jeweils Andere nichts verstehen!

11.08.2017 09:27 Gerald 11

Zu @ Magdeburger Größenwahn 10
Und Sie glauben im Ernst, daß es Leute gibt, die die eigenen Fans bei den Sicherheitsleuten anzeigen?
Und das glaube ich eher nicht! Denn auch das kann für diese Person später zu Schwierigkeiten führen, wenn dann herauskommt, wer die Leute angeschwärzt hat! Ich weiß nicht, ob die Fans den Mut aufbringen, andere Fans anzuschwärzen!
Wie gesagt, ich weiß die richtige Lösung auch nicht!

11.08.2017 08:37 Magdeburger Größenwahn 10

@Gerald
Könnte man umgehen wenn die Gastmannschaft ihre eigenen Ordner und Security stellt. Dann liegt die kontrollplicht bei jedem Verein selbst.

Und: Wer aufsteigen oder nicht absteigen möchte riskiert doch keine Punktestrafe. Dafür sorgen schon die anderen 90% die nichts mit einem Vergehen zu tun haben. Selbstkontrolle im Block sozusagen. Kann mir schon vorstellen, dass dann einige Querulanten von den eigenen Fans dem sicherheitspersonal übergeben werden. Auf diese einzelnen Personen legt man dann ein Ordnungsgeld oder belegt sie mit Stadionverboten

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