Olympionik Dimitri Ovtcharov - Tischtennis
Dimitrij Ovtcharov gewann vor drei Jahren in Magdeburg die Einzelwertung. (Archivbild) Bildrechte: IMAGO

Boll, Ovtcharov und Co. Tischtennis-Elite trifft sich in Magdeburg

Mit Timo Boll, Dimitrij Ovtcharov, Shan Xiaona und Co. gastieren ab Dienstag die großen Namen der Tischtenniswelt in der Magdeburger GETEC Arena. Dort werden die German Open ausgetragen. Richard Prause, Sportdirektor des Deutschen Tischtennisbundes, freut sich auf großen Sport und eine tolle Atmosphäre in Magdeburg. Im Interview spricht er auch über die Entwicklung der Vereine und beklagt fehlende Übertragungen. Das Gespräch führten Oliver Leiste und Sören Thümler.

Olympionik Dimitri Ovtcharov - Tischtennis
Dimitrij Ovtcharov gewann vor drei Jahren in Magdeburg die Einzelwertung. (Archivbild) Bildrechte: IMAGO

German Open und die deutschen Starter

MDR SACHSEN-ANHALT: Welchen Stellenwert haben die German Open in der Tischtennis-Welt und auch für die internationalen Gäste?

Richard Prause: Ähnlich wie im Tennis gibt es eine World-Tour der besten Turniere. Die Ranghöchsten dabei sind die Platinumturniere, da gehören die German Open als eines von sechs Turnieren dazu. Es ist ein sehr wichtiges Turnier für die Weltrangliste und auch, um sich für das große Finale am Ende des Jahres zu qualifizieren. Man sieht es an der Besetzung: Bei den Damen sind 17 der Top 20 der Weltrangliste vor Ort, bei den Herren sind es 18 der Top 20. Abgesehen von Ma Long (Weltranglisten-Erster – Anm. d. Red.) ist jeder dabei, der etwas auf sich hält. 

Von Dienstag bis Donnerstag ist der Eintritt frei. Die Topstars greifen erst am Freitag ein. Warum lohnt es sich, schon an den ersten Wettkampftagen vorbeizuschauen?

Generell versuchen wir, die Tischanzahl früh zu reduzieren. Es gibt eine sehr harte Qualifikation. 16 Spieler und Spielerinnen sind jeweils gesetzt, 16 weitere Starter der German Open werden in den Qualifikationen ermittelt. Darunter sind dann auch schon Weltklasse-Leute, etwa Ruwen Filus, die Nummer 23 der Welt.

Ich finde es immer interessant, mal zu schauen, was jenseits der Top 50 los ist. Da sieht man, wie breitgefächert Tischtennis ist. In der ITTF (Tischtennis-Weltverband – Anm. d. Red.) gibt es über 200 Mitgliedsverbände, und Tischtennis wird in jedem einzelnen davon sehr ernsthaft betrieben. Und für uns ist es sehr wichtig, nah an den Fans zu sein. Ich kann nur jeden einladen, nach Magdeburg zu kommen und den Spirit mal selbst zu spüren und zu erleben, wie nah man an die Topleute herankommt.

Wie stehen die Chancen für die deutschen Athleten?

Wir hoffen, dass wir auch noch am Finaltag am Sonntag vertreten sind. Das wird ein weiter Weg. Wenn ich so auf den möglichen Turnierverlauf schaue, müssen wir schon unser bestes Tischtennis spielen. Aber ich hoffe, dass es unsere Sportler ins Halbfinale schaffen und dass uns vielleicht die Zuschauer mit ihrer Begeisterung dorthin tragen.

Tischtennis in der Öffentlichkeit

In Asien ist Timo Boll ein absoluter Superstar. Hierzulande ist seine Popularität dagegen recht überschaubar. Was wünschen Sie sich für die Sportart in Sachen Öffentlichkeit und Wahrnehmung?

Ich denke, dass wir bei der Weltmeisterschaft in Düsseldorf 2017 gezeigt haben, dass Tischtennis durchaus in der Lage ist, die Menschen zu begeistern. Damals kamen insgesamt 60.000 Zuschauer. Bei den Spielen von Dimitrij Ovtcharov oder Timo Boll ist der Funke übergesprungen und die Laola-Welle brandete durch die Halle.

Ich würde mir natürlich wünschen, dass wir Tischtennis regelmäßiger breit gefächert im Fernsehen sehen könnten. In den Printmedien sind wir sehr gut aufgestellt. Aber im Fernsehen könnte noch das eine oder andere mehr gezeigt werden. Ich meine da nicht unbedingt die ganz großen Events. Sondern würde gerne eine Sensilbität für Bundesligaspiele oder die deutsche Meisterschaft erzeugen. So könnte man den Fans zeigen, dass sie das ganze Jahr hochklassigen Sport erleben können.

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Timo Boll ist der wohl bekannteste deutsche Tischtennisspieler. (Archivbild) Bildrechte: IMAGO

Ist das Regelwerk schon ausgereizt, um den Sport für Zuschauer wirklich attraktiv zu machen?

Sicherlich gibt es ein paar Stellschrauben, über die wir nachdenken können. Tischtennis ist eine sehr komplizierte Sportart mit hoher Geschwindigkeit. Beim Aufschlag ist die Rotation des Balls teilweise extrem. Da wird darüber nachgedacht, das ein bisschen zu entschärfen. Bei einer Turnierserie wird auch mit einem Zeitfaktor experimentiert. Damit soll der Zeitplan besser abschätzbar werden.

Im Großen und Ganzen glaube ich aber, wenn Tischtennis mit genug Kameras produziert wird, ist es eine Sportart, die im Fernsehen sehr gut rüber kommt.

Zwischen Hobby und Leistungssport

Gefühlt spielt jeder gern Tischtennis. Verglichen damit spielen aber nur sehr wenige im Verein. Deckt sich das mit ihren Beobachtungen?

Wir haben knapp 600.000 Mitglieder und gehören zu den Top 10 der Olympischen Sportarten. Aber natürlich müssen wir auch schauen, dass wir wieder mehr Mitglieder für uns gewinnen. Viele denken, dass sie zum Spielen nicht unbedingt Mitglied in einem Verein sein müssen.

Ich glaube aber, dass die Vereine sehr viel für die Tischtennisspieler bieten können. Und wenn man sich im Wettkampf messen möchte, geht das nur, wenn man Mitglied in einem Verein ist und sich dort auch regelmäßig ertüchtigt. Aber zweifellos stehen wir, genau wie viele andere Verbände, vor der Frage, wie wir Mitglieder gewinnen können. Dieser Herausforderung müssen wir uns stellen.

Gibt es da konkrete Schritte, die der Verband unternimmt, um den Vereinen zu helfen?

Wir haben da verschiedene Projekte, etwa das Schnuppermobil. Das wird sehr gebucht. Damit versuchen wir in Schulen eine Affinität zu Tischtennis herzustellen. Wir wollen zeigen: Wie spannend ist Tischtennis? Was kann man mit dem kleinen Ball alles anstellen?

Wir versuchen also einiges, messen uns aber mit vielen anderen Dingen und hoffen, dass wir erfolgreich sind. Das ist nicht ganz leicht, gar keine Frage. Denn wir stehen nicht nur in Konkurrenz zu anderen Sportvereinen. Es geht auch darum, wie Jugendliche heute ihre Freizeit verbringen. Da ist nicht immer nur der Sport wichtig. Früher ist man oft raus gegangen, um den Tag zu verbringen. Da hat man sich dann mal zum Fußball getroffen. Oder eben auch mal an einer Stein-Tischtennisplatte. Das ist heute anders, und dem muss man sich stellen.

Aktuell gibt es 600.000 Tischtennisspieler in Deutschland, 100.000 weniger als vor einigen Jahren. Gibt es trotzdem genug Talente im Leistungsbereich, die sich Richtung Weltspitze entwickeln können?

Wir müssen uns immer im Vergleich zu Asien sehen. Dort genießt der Sport einen anderen Stellenwert und wird teilweise sogar höher bewertet als eine Schulausbildung. Dem wollen wir mit dem System 'Duale Karriere' begegnen. Das bedeutet, Schule und Hochleistungssport unter einen Hut zu bringen – mit Internaten, mit frühzeitiger Sichtung. Aber in Asien hat man früher die Möglichkeit, sich auf Tischtennis zu konzentrieren. Da hängen wir dann hinterher, denn die Trainingsstunden, die die Asiaten uns voraus haben, müssen wir natürlich erstmal aufholen.

Erwartungen an Magdeburg

Was fühlen Sie vor so einem Event wie den German Open, und was wünschen Sie sich?

In erster Linie ist es Vorfreude auf ein tolles Ereignis in Magdeburg. Die German Open sind für uns ein herausragendes Event. Da bin ich natürlich auch ein wenig aufgeregt. Ich wünsche mir, dass eine gewisse Nachhaltigkeit entsteht und dass man vielleicht in ein paar Jahren zurückblickt und dann sagt, Magdeburg 2017 war etwas ganz Spezielles.

Es gab ja nun schon einige Tischtennis-Events in Magdeburg. Ist die Stimmung hier, verglichen mit anderen Städten, irgendwie besonders?

Ich glaube, Magdeburg ist eine Sportstadt. Das habe ich zum Beispiel bei den Handball-Länderspielen vor einigen Tagen gemerkt. Ich glaube, dass die Magdeburger Spaß am Sport haben. Wir haben das auch 2014 hier gemerkt. Damals haben unsere Starter Ovtcharov und Shan Xiaona gewonnen. Und wir kommen immer gerne her, weil wir wissen, der Magdeburger gibt Gas.

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Quelle: MDR/olei

Dieses Thema im Programm: MDR um 11 | 07. November 2017 | 11:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. November 2017, 08:28 Uhr

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