Alte Gleise liegen zwischen Sträuchern im hohen Gras.
Nach der Übung wurden die Schienen in geheimen Militär-Depots im Wlad versteckt. Bildrechte: MDR/Andreas Müller

Operation der NVA-Spezialkräfte Die geheime Elbbrücke in der Altmark

Schönhausen und Wittenberge - das sind im Norden Sachsen-Anhalts die beiden Möglichkeiten für die Eisenbahn, die Elbe zu überqueren. Doch vor genau 35 Jahre gab es zumindest für ein paar Tage eine dritte Eisenbahn-Elbebrücke in der Altmark. Allerdings streng geheim. Nur für Militärs. Selbst in den Nachbarorten haben viele Menschen davon nichts bemerkt. Bahnhistoriker Wolfgang List hat die Stelle bei Stendal ausfindig gemacht, an der die Stahlbrücke über die Elbe führte.

von Andreas Müller

Alte Gleise liegen zwischen Sträuchern im hohen Gras.
Nach der Übung wurden die Schienen in geheimen Militär-Depots im Wlad versteckt. Bildrechte: MDR/Andreas Müller

Der Stendaler Bahnhistoriker Wolfgang List hat mühsam den zwölf Meter hohen Steilhang erklommen und kann es kaum fassen. Hier ragen Eisenbahnschienen wie abgehackt zur Elbe hin in die Luft. Dahinter verliert sich das Gleis zwischen Büschen und Unkraut. Dieser Ort ist zehn Kilometer von Stendal entfernt. Auf der einen Seite das Dörfchen Wischer, gegenüber Neuermark-Lübars.

List klopft auf den rostigen Schienenrumpf: "Das ist das Ende der strategischen Umgehung der Elbbrücke Schönhausen, die im Bedarfsfall mit einer Pionierkonstruktion im Ernstfall vorgenommen werden konnte, hier setze dann das Brückenteil an. Richtung Stendal."

Brückenschlag der NVA-Spezialkräfte

Der Bahnhistoriker hat aus Archiven von der Geheimen Ersatzbrücke sechs Kilometer unterhalb der offiziellen Elbequerung bei Tangermünde erfahren. Die Bewohner in dem dünn besiedelten Revier wussten davon kaum etwas. Außerdem war der Ort zwischen zwei Elbekurven so gewählt worden, dass man ihn nur schwer einsehen konnte.

Im Herbst 1981 schlugen NVA-Spezialkräfte tatsächlich die geheime Eisenbahnbrücke über die Elbe. In der Fachsprache eine Doublierung der West-Ost-Bahnstrecke. Gedacht als strategischer Ersatz für die möglicherweise zerstörte Brücke bei Tangermünde. Der Geschichtsforscher hat Fotos ausfindig gemacht, die das Stahlungetüm zeigen.

Bau der geheimen Elbbrücke der NVA Seltene historische Aufnahmen vom Brückenschlag bei Stendal

Eine geheime Elbe-Überquerung für den Kriegsfall: Vor 35 Jahre gab es eine dritte Eisenbahn-Elbbrücke in der Altmark – zumindest für ein paar Tage. Selbst in den Nachbarorten hatten viele Menschen davon nichts bemerkt.

Das Brückengerät ESB-16 baut eine Stahlbrücke über der Elbe.
Das Brückengerät ESB-16 beim Brückenbau über der Elbe in Stendal. Von dem geheimen Brückenschlag existieren kaum noch Bilddokumente. Bildrechte: Archiv Wolfgang List
Das Brückengerät ESB-16 baut eine Stahlbrücke über der Elbe.
Das Brückengerät ESB-16 beim Brückenbau über der Elbe in Stendal. Von dem geheimen Brückenschlag existieren kaum noch Bilddokumente. Bildrechte: Archiv Wolfgang List
Ein schwerer Güterzug testet die Behelfsbrücke über der Elbe.
Ein schwerer Güterzug testet die Behelfsbrücke. Schon bald nach der Überfahrt in zwölf Metern Höhe wurde sie abgebaut und wieder versteckt. Bildrechte: Archiv Wolfgang List
Das Brückengerät ESB-16 baut eine Stahlbrücke über der Elbe.
Der Koloss aus Stahl, das Brückengerät ESB-16, baut sich seine eigene Brücke. Bildrechte: Archiv Wolfgang List
Das Brückengerät ESB-16 baut eine Stahlbrücke über der Elbe.
Unter den Brückenteilen klappen die Stützpfeiler heraus. Diese riesigen Pfosten mit Tellern wurden langsam bis zum Grund der Elbe abgesenkt. Zusammen mit dem Vorland entstand so bei Stendal für kurze Zeit eine etwa 820 Meter lange Eisenbahnbrücke. Bildrechte: Archiv Wolfgang List
Ein verlasseneer Verladebahnhof der Bundeswehr bei Hassel in der Nähe von Stendal
Bei Hassel in der Nähe von Stendal endet ein Anschlussgeleis auf einem Verladebahnhof der Bundeswehr. Die Anlage ist in den Ackerboden eingesenkt. Früher fuhren die Züge hier weiter in Richtung Elbe. Bildrechte: MDR/Andreas Müller
Von Gras und Gesträuch überwachsene Schienen liegen im Welt.
Das tote Anschlussgleis führt auf der Arneburger Hochebene in Richtung Elbe. Dort sollte es im Bedarfsfall mit der Eisenbahn-Kriegsbrücke über den Fluss geführt werden. Seit dem Ende der DDR wuchert es zu. Bildrechte: MDR/Andreas Müller
Ameisen krabbeln auf einem alten Gleis.
Das alte Militärgleis wird heute nur noch von Ameisen als Marschstraße genutzt. Bildrechte: MDR/Andreas Müller
Der Bahnhistoriker Wolfgang List hat ein altes Schild am Ende des Anschlussgleises gefunden.
Der Bahnhistoriker Wolfgang List hat sogar noch ein altes Schild am Ende des Anschlussgleises gefunden. Das "Abteilungszeichen" verrät: Bis zur Hauptstrecke sind es 5,4 Kilometer. Enkel Felix ist vom Entdeckerfieber seines Opas schon angesteckt. Bildrechte: MDR/Andreas Müller
Alte Gleise liegen im Wald.
In einem Wald bei Stendal wurden die Brückenelemente für den Ernstfall gelagert.  Zaunreste und Spuren des Gleisanschlusses deuten noch darauf hin. Die NVA unterhielt in der Region mehrere solcher geheimer Depots. Bildrechte: MDR/Andreas Müller
Alte Gleise liegen zwischen Sträuchern im hohen Gras.
Nicht mehr lang, dann sind auch die letzten Schienen der geheimen Strecke gut getarnt. Bildrechte: MDR/Andreas Müller
Zwischen alten Gleise stehen Bäume.
Endstation Elbehang: In der Nähe von Wischer am Westufer der Elbe endete das Anschlussgleis vor dem zwölf Meter hohen Steilhang zur Elbe. Bildrechte: MDR/Andreas Müller
Zwischen alten Gleise steht ein Baum.
Das Ende einer geheimen Bahnstrecke: Im Bedarfsfall sollte es hier mit der Eisenbahn-Kriegsbrücke bis zum anderen Ufer verlängert werden. Bildrechte: MDR/Andreas Müller
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Militärübung im Herbst 1981

Ein sogenannter Platowkran baut vor sich eine Eisenbahnbrücke über den Fluss. Es sieht aus wie eine Heuschrecke auf Schienen. Ein Element nach dem anderen schiebt sie vor. Daran klappen mächtige Stelzen mit Tellerfüßen nach unten, suchen Halt im Fluss. In der Höhe eines Wohnhauses wird so Stück für Stück eine 800 Meter lange Lücke im Gleis zwischen den Abhängen an der Elbe geschlossen.

So konnten Ende September 1981 Generäle des Warschauer Vertrages am Elbeufer bei Neuermark-Lübars beobachten, wie eine Dampflok einen Militärzug über die Kriegsbrücke zog. Danach wurde alles ganz rasch wieder abgebaut und in geheimen Depots in Wäldern versteckt.

Geblieben sind die toten Gleise und ein nachdenklicher Bahnhistoriker: "Das ist gebaut worden für den Krieg. Aber nur einmal erprobt. Gott sei Dank ist es nie nötig gewesen, dass das mal genutzt werden musste."

Zuletzt aktualisiert: 25. September 2016, 11:43 Uhr

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5 Kommentare

25.09.2016 00:14 W. Rudolph 5

Da ich selbst bei den Einsenbahnbaupionieren gedient habe (so etwas gibt es ja leider nicht mehr) paar Anmerkungen:
- der Platow Kran hat Gleise verlegt und keine Bruecken - selbst habe ich auf PB3-M und Platow GVK 921/922 gearbeitet
- wie der Brueckenverlegekran hiess weis ich leider nicht mehr, da dieser zum Eisenbahnbrueckenbaubatallion gehoert hat
- selbiges Projekt gab es bei Oschatz (Schmorkau), jedoch mit einer Ponton Bruecke

25.09.2016 23:10 Eisenbahnpionier 4

Echter Fortschritt der leider nicht gezeigt werden durfte. Schade dass dieses Geraet nicht erhalten ist.

25.09.2016 19:15 WT auf E100 3

Zu Kommentar Nr.2:

Solche technische Leistungen hätte die Bundeswehr nie hinbekommen und ich denke nicht, dass Euer Zwangsumtauschgeld dafür nötig war.
Ihr hattet und hab vom Osten immer noch keine Ahnung!

25.09.2016 17:28 Hat doch nichts genutzt 2

Fuer so einen Unfug war im SED-Land Geld vorhanden.
Dem Zwangsumtausch sei Dank.

25.09.2016 12:36 Lothar Dempwolf 1

Wie komme ich denn mit dem Bahnhistoriker zusammen? Wir könnten ja Infos austauschen.