Fünf Personen haben sich an einem Tisch, auf dem Akrobatikutensilien liegen, versammelt und lachen gemeinsam
Max Heckel (2. v. l.) ist Sänger der Band "Nobody Knows" aus Tangermünde. Bildrechte: Max Heckel

Interview zur Tangermünder Hymne "Wo Hast in Ruhe umschlägt"

Im Jahr 2015 wurde Tangermünde online zur "zweitl(i)ebenswertesten Stadt Deutschlands" gewählt. Dies nimmt nun die Band "Nobody Knows" in ihrem Lied "Nummer zwei" zum Anlass, einen ganzen Song über die Stadt zu schreiben. Sänger Max Heckel erzählt im Interview, wie es zu dem Lied gekommen ist und warum Tangermünde für ihn wie Urlaub ist.

Fünf Personen haben sich an einem Tisch, auf dem Akrobatikutensilien liegen, versammelt und lachen gemeinsam
Max Heckel (2. v. l.) ist Sänger der Band "Nobody Knows" aus Tangermünde. Bildrechte: Max Heckel

MDR SACHSEN-ANHALT: Ihr habt beim Voting zur "l(i)ebenswertesten Stadt Deutschlands" mit gerade mal drei Stimmen gegen Amberg verloren. Wie sehr ärgert es einen, nicht Nummer Eins zu sein?

Max Heckel: Was im Internet zum viralen Selbstläufer wird, ist schwer fassbar. Es gibt grandiose Videos, die kaum gesehen werden, und jede Menge Schund, der zuhauf konsumiert wird. Dass Tangermünde – eine Stadt, die zweifelsohne wundervoll ist – aber einen derart guten Platz erreicht, hätte ich bei Beginn der Abstimmung mitnichten gedacht. Als es zwischenzeitlich so ausgesehen hat, als würde Tangermünde auch den ersten Platz erreichen, wurde wahrscheinlich der digitale Ehrgeiz angestachelt. Dass es am Ende "nur" zum zweiten Platz gereicht hat, war im ersten Augenblick womöglich so etwas wie eine Enttäuschung - gewiss jedoch keine dauerhafte. Überhaupt einen der ersten Plätze erreicht zu haben, ist grandios. Und mal ehrlich: Die Nummer Zwei zu sein, ist irgendwie viel charmanter als eine Erstplatzierung. Nicht umsonst gibt es salonfähige Phrasen wie "Sieger der Herzen". Rhetorisch ist die Zweitplatzierung jedenfalls viel besser nutz- und verpackbar als es ein erster Platz hätte sein können. 

Kein Ort, an dem es etwas gibt, das weniger schön ist. 

Max Heckel, Mitglied der Band "Nobody Knows"

Wenn wir schon beim zweiten Platz sind: Was ist dann der zweitschönste Ort in Tangermünde?

Max Heckel: Portrait-Bild eines Mannes mit Bart, der eine Gitarre in der Hand hält und lächelnd vor einem Mikrofon steht.
Der 31-jährige Max Heckel ist Sänger der Gruppe "Nobody Knwos" und wohnt seit über 10 Jahren in Tangermünde. Bildrechte: Max Heckel

Dass es zuhause immer am schönsten ist, sollte bei dieser Antwort wohl eher keine Beachtung finden. Eine Positionierung abzugeben, fällt mir sehr schwer, weil ebendiese durchaus davon abhängig ist, in welcher Gemütslage ich mich befinde. An manchen Tagen finde ich die Elbauen – das mag meinen noch immer infantilen Wesen geschuldet sein – einfach nur langweilig. An anderen Tagen genieße ich die Ruhe, den Duft der Elbe und die aufsteigende Kühle des Nebels dafür umso mehr. Ich sitze gern an der Stephanskirche und trinke Kaffee, bin aber auch gern am Markt und gucke mir die wundervolle Ästhetik, Komik und Tragik der wundervollen Belanglosigkeit des Alltäglichen an. Ich bin gern auf der Burg, wenn zum Burgfest der Mittelaltermarkt aufgebaut ist. Eine Platzierung vorzunehmen, würde bedeuten, Nicht- oder Nachplatzierten etwas abzusprechen. Tangermünde ist einfach rund. Kein Ort, an dem es etwas gibt, das weniger schön ist. 

Der Titel "zweitl(i)ebenswerteste Stadt" stammt aus dem Jahr 2015. Wie seid ihr auf die Idee gekommen, darüber ein Lied zu schreiben? War die Stadt bei dem Projekt involviert?

Die Idee war ursprünglich, einen Image-Film über Tangermünde zu drehen. Selbiger wird im Februar 2018 erscheinen und positiv andersartig sein. Die Idee kam in geselliger Runde bei unterschiedlichen Gewerbetreibenden der Stadt Tangermünde. Dass dabei der 2015er Titel auch Thema wurde, hat die kreativen Prozesse sehr schnell beschleunigt und zum Teil fokussiert. Die Hymne "Nummer zwei" ist demnach eine Form von Vorankündigung für den eigentlichen Image-Film. Ich weiß, dass unterschiedliche Gewerbetreibende, Privatfinanziers aber auch die Stadt Tangermünde finanziell beteiligt sind.

Wie kam das Lied bei den Einwohnern in Tangermünde an?

Das kann ich bisher nicht sagen. Wir haben den Titel zum ersten Mal am 30.04. zur Walpurgisnacht in Schierke gespielt. Und er hat sofort "funktioniert" – will sagen, das Mitmachelement der zwei Finger sowie die eingängige Mitsingbarkeit waren ad hoc gegeben. Bei den bisherigen Auftritten in der Altmark und Tangermünde kam die Hymne ebenso gut an. Sie trifft inhaltlich doppelt zu: a) auf Tangermünde aber ebenso auf b) uns als Band. Bei den meisten Festivals spielen wir "nur" als zweiter Hauptact. Insofern ist das Lied eines über unsere Herkunft und uns selbst. Wie das Video ankam, kann ich nur schwer beurteilen. Die Klicks sind gut und die Resonanz ebenso. Eine direkte Resonanz, die repräsentativ sein könnte, lässt sich nach diesen wenigen Tagen nicht ausmachen. 

Für mich ist Tangermünde die Summe kleiner und großer Gefühle und Gesten.

Max Heckel, Band "Nobody Knows"

Bei dem Voting ging es um die lebens- bzw. liebenswerteste Stadt. Ist Tangermünde für dich eher liebens- oder lebenswert?

Ich komme ursprünglich aus Stendal und liebe diese Stadt. Nicht weil sie besonders sexy, andersartig oder offenherzig ist. Sie ist wahrscheinlich wie die meisten Kleinstädte. Nach Tangermünde bin ich wegen meiner Frau gezogen, die sich in die Stadt verliebt hat. Und obwohl ich festen Willens war, dieser Form von Verliebtheit nicht anheim zu fallen, bin ich ihr dennoch erlegen. Tangermünde ist gleichermaßen liebens- wie lebenswert. Der Charme der Kleinstadt reicht bis in den letzten Winkel. Tangermünde ist groß genug, dass man nicht jeden Passanten grüßen muss, aber wiederum klein genug, um ein positives Gefühl von Heimat und Familie erleben zu können. Dass die Ballung von Historizität natürlich auch ein Charakteristikum der Stadt darstellt, steht außer Frage. Für mich ist Tangermünde die Summe kleiner und großer Gefühle und Gesten: Man kennt immer jemanden, der jemanden kennt, der einem helfen kann. Das Ordnungsamt verliert an Sehschärfe, wenn Markttag ist und das Auto bekannt ist. Am Montag kann man beim Bäcker in einer Art großer Kommune sitzen, wo man sich irgendwie nicht kennt, aber am Ende dann doch, weil alles über einen Witz lacht. Dass es bei uns, wie in jeder anderen Stadt auch, ein paar idiotische Dorfnazis und AfD-Idioten gibt, ist bedauernswert, aber im Hinblick auf die Allgegenwart ebendieses Phänomens vertretbar. 

Was verbindest du persönlich mit der Stadt?

Als ich ein Kind war, sind meine Eltern oft mit mir nach Tangermünde gefahren. Auf dem "Sonnenhof" hat ein Freund von uns gewohnt. Dann waren wir alle zusammen an der Elbe und hernach - was für ein Kinder wohl eher wenig interessant ist - in der großartigen Altstadt, um Eis zu essen oder auf den Spielplatz zu gehen. Wir haben an der Elbe Lagerfeuer gemacht, gebadet und geangelt. Tangermünde hinterlässt, obwohl ich nun seit zehn Jahren in der Stadt wohne, immer noch ein Gefühl von Auszeit oder Urlaub in mir. Den unerschöpflichen Fundus von Assoziationen aufzulisten, die ich bei jedem zweiten Gesicht, bei jedem dritten Gebäude und jedem vierten Hund habe, ist wenig zweckdienlich. Tangermünde ist Heimat für mich. Der Ort, an dem ich mich "angekommen" fühle. Wo Hast in Ruhe umschlägt. Der Ort an dem meine Lieben wohnen. Heimat also - in einem ganz ursprünglichen Sinn: Ohne exklusiven Anspruch, ohne patriotische Idiotien, die andere Gruppen nach Herkunft, Geschlecht oder Religion ausschließen - ein Gefühl von Familie. Helmuth Plessner sagte dereinst, jeder Mensch bewege sich zwischen den Polen der Anonymität, der sogenannten "Gesellschaft", und dem der Intimität, der sogenannten "Gemeinschaft". Jeder Mensch sehnt sic, nach familiärer und freundschaftlicher Nähe – und jeder sehnt sich ebenso nach Momenten der Ruhe für sich selbst. Momenten der Anonymität, hinter der er sich auch verstecken kann, d.h. in der er nicht transparent oder eloquent sein muss. Tangermünde ist all das für mich: Die ideale Mischung aus Intimität und Anonymität. Vertrauen und Unbestimmtheit. Sie ist die Stadt des Ausgleichs der notwendigen Pole menschlicher Existenz. 

Im Lied singt ihr, dass ihr als Provinz bezeichnet werdet. Würdest du lieber in einer Großstadt leben?

Auf keinen Fall. Die Antwort zuvor gibt das bereits zu Protokoll. Eine Großstadt ist mir zu anonym. Und wenn es da Schwierigkeiten bei der Planung eines Auftritts gibt, weil ein Anwohner "Probleme" bereitet, kann man ihn nicht kurzer Hand auf einen Kaffee einladen und das Ordnungsamt drückt ein Auge zu. 

In meinem Herzen der schönste Ort, an dem Kinder aufwachsen können.

2018 wird es einen Image-Film geben, an dem du beteiligt bist. Was kann man da erwarten?

Es gibt unzählige Image-Filme über unzählige Städte. Alle speisen sich aus großen Motiven und großer, orchestraler Musik. Genau das wird unser Image-Film nicht. Er wird in bester Wilhelm-Busch-Manier kommentiert, das Ironische und Ernsthafte zu Wort kommen lassen, die große Musik der kleinen zur Seite stellen. Er wird das, was Tangermünde ist: Liebenswert, lebenswert und einzigartig.  Tangermünde ist gewiss nicht die zweitschönste oder zweittollste Stadt Deutschlands, aber in meinem Herzen der schönste Ort, an dem Kinder aufwachsen können, an dem ich alt werde und der mir alles gibt, was ich brauche. Alles Große, das es wert ist mein Eigen genannt zu werden, gibt es hier in klein. Und so wird auch der Image-Film eine Hommage an das sein, was diese Stadt für seine Bürger einzigartig macht. Keine anonyme Suppe aus Phrasen und großen Bildern, sondern die Entdeckung des wundervollen Reizes des Kleinen. 

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Quelle: MDR/fl/ms

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 07. September 2017 | 17:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. September 2017, 15:29 Uhr

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5 Kommentare

08.09.2017 21:46 Susanne Bombosch 5

Ich kenne Tangermünde nicht. Aber nach dem Lied, welches ich in Bundenbach im Hunsrück hören durfte, wollte ich unbedingt das Video sehen und nach dem Video habe ich auf der Landkarte mal nachgeschaut, wie weit das von uns entfernt ist. Und nach diesem Interview würde ich mich am Liebsten sofort ins Auto setzen und losfahren, um Tangermünde mal selbst kennenzulernen.

08.09.2017 14:57 Dekadance 4

Mit Worten Bilder malen ist eine wundervolle Kunst, von der ich mich gern mitreißen lasse. Das Interview, wie das Lied sind eine wundervolle Hommage an Tangermünde, welche in jedem von uns eine Verbundenheit zur eigenen Heimat weckt.

08.09.2017 07:17 H. Haller 3

Wenn es nach Anette ging, muss jede Band, die sich inhaltlich qualifiziert zu Begriffen wie "Heimat" äußert zwangsläufig die "Tangerspatzen" oder "Die Elbe ist toll" heißen.

07.09.2017 21:38 Max 2

@Anette: Sie sprechen nicht zum Inhalt. Wenn Sie meinen, es sei einer Band, die bei ihrer Gründung mit dem Durchschnittsalter von 15 Jahren irrigerweise einen englischsprachigen Namen angenommen hat, vorzuwerfen, dass nach 16 Jahren Bandgeschichte keine Entwicklung stattgefunden hat, ist das ein Rekurs auf Sie, jedoch nicht den eigentlichen Inhalt.

07.09.2017 16:40 Anette 1

"Es ist ein Lied über unsere Herkunft und uns selbst."

Ja, toll, dann aber einen Bandnamen: nobody knows. Da spürt man doch so richtig die Verbundenheit mit den eigenen Wurzeln. Sehr glaubwürdig.