Volo-Blog "Wahlfahrt" Wie Schäfer Andre Heyroth für die Natur kämpft

Seit sieben Jahren gehören 284 Hektar Fläche nördlich von Gardelegen der Deutschen Bundesstiftung Umwelt. Früher rollten hier sowjetische Panzer, heute queren Schafe über die Wiesen und durch die Weiden. Ist die Geschichte dort präsent? Und wer pflegt das Gebiet? MDR-Volontäre waren vor Ort und haben sich umgehört. Kurz vor der Bundestagswahl widmen die Reporter sich auf ihrer Reise durch Sachsen-Anhalt täglich einem Thema. Heute: Umweltschutz.

von Patrick Eicke, MDR SACHSEN-ANHALT

Ein Schäfer steht vor seiner Herde und blickt in die Kamera.
Andre Heyroth treibt seit acht Jahren die Schafsherden durch Kellerberge. Ihn stört, wie wenig Umweltschutz thematisiert und gewürdigt wird. Bildrechte: MDR/Patrick Eicke

Leise liegt es da, das Gelände nördlich von Gardelegen. Der Weizen raschelt im Wind und Käfer krabbeln über den Feldweg. Doch plötzlich zerreißt ein lauter Pfiff die Stille. Es folgen weitere Pfiffe und ein eindringliches "Hopp!" und schließlich hektisches Getrappel von Schafsklauen.

Die Rufe kommen vom Hirten Andre Heyroth, der 600 Schafe über die Fläche treibt. Das macht er seit 2009: jeden Tag zehn Stunden, bei Wind und Wetter. Denn die Schafe müssen genährt werden – und es gibt auch noch einen ganz pragmatischen Grund. Durch das Weiden der Schafe werden die Rasen- und Heideflächen in Kellerberge gepflegt, bleiben erhalten und können sich außerdem weiter ausbreiten. Also eine ganz natürliche Kur für das Gebiet.

Naturschutzgebiet mit militärischer Vergangenheit

Schafe auf einer Wiese
Sie sorgen für die Pflege und den Erhalt der Rasen- und Weideflächen: Schafe. Bildrechte: MDR/Patrick Eicke

Das hat schon deutlich härtere Zeiten erlebt. Im 18. Jahrhundert haben dort preußische Soldaten geübt, die Nazis nutzten es als Fliegerhorst und seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs bis 1994 waren die Kellerberge schließlich sowjetischer Truppenübungsplatz. Seit 2010 gehören sie der Deutschen Bundesstiftung Umwelt, die mit dem "Naturerbe"-Projekt vor allem früher militärisch genutzte Flächen übernimmt, damit sie dauerhaft für den Naturschutz gesichert werden.

Umwelt passiert im Kleinen. Zum Beispiel, wenn Leute ihren Müll aus dem Wald einfach wieder mitnehmen würden.

Touristen aus dem Erzgebirge über Naturschutz

Dazu leisten auch Andre Heyroth und seine Schafe einen Beitrag: "Wir machen seit 2010 große Fortschritte, heimische Bäume, die lange nicht mehr gewachsen sind, kommen wieder." Das ist auch das Hauptanliegen des "Naturerbes": heimische Pflanzen- und Tierarten sollen geschützt und erhalten werden.

Was aber auf dem 284 Hektar großen Gebiet passiert, geht an den Anwohnern offenbar vorbei. Beim Spazierengehen mit Hund und Katze wirft die Frage nach der Naturschutzfläche ein großes Fragezeichen auf die Gesichter. Für Menschen wie Andre Heyroth ist das ein besonders Ärgernis. Es werde einfach von allen Seiten falsch eingeschätzt, "was man so leistet". Deshalb ärgere es ihn auch, dass der Umweltschutz im Wahlkampf vor der Bundestagswahl fast gar keine Rolle spielt. Das Thema müsse wieder mehr ins Bewusstsein gerückt werden, fordert Heyroth.

Politik und Bildung gefragt

Zwei Menschen laufen mit Rucksack und Tasche über einen Wanderweg.
Diese Touristen aus dem Erzgebirge haben zufällig das „Naturerbe“ entdeckt – und sind beeindruckt. Bildrechte: MDR/Patrick Eicke

Das sehen auch Touristen aus dem Erzgebirge so, die den Feldweg entlang wandern. Die Umwelt in den Fokus zu nehmen, sei aber nicht nur Aufgabe der Politik, sondern vor allem der Bildung. "Kinder müssen wieder lernen, wo sie leben." Das könne dann auch zu einer Rückkehr der Wertschätzung für die Natur und Menschen im Einsatz dort führen. "Umwelt passiert im Kleinen. Zum Beispiel, wenn Leute ihren Müll aus dem Wald einfach wieder mitnehmen würden."

Andre Heyroth findet auch, dass die Umwelt bei der Bildung deutlich zu kurz kommt. Deswegen nimmt er das bei seinem kleinen Sohn selbst in die Hand und nimmt ihn so oft es geht mit zu den Schafen. "Hoffentlich wird er dann auch Schäfer." Dann könnte auch er sich in zwanzig Jahren um das "Naturerbe" Kellerberge kümmern. Und vielleicht wissen dann auch die Anwohner, was fast vor ihrer Haustür passiert.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR extra | 24. September 2017 | 17:45 Uhr

Quelle: MDR/ld

Zuletzt aktualisiert: 19. September 2017, 18:41 Uhr

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