Schlusslicht Sachsen-Anhalt Unternehmen wollen keine Schwerbehinderten

Sachsen-Anhalt stellt bundesweit die wenigsten Schwerbehinderten ein. Viele Unternehmen erfüllen die gesetzlichen Vorgaben nicht und zahlen lieber eine Ausgleichsabgabe. Behindertenverbände prangern dies an und fordern ein Umdenken. Die Landesregierung setzt auf neue Modelle.

von Pauline Vestring, MDR SACHSEN-ANHALT

Sachsen-Anhalt ist aktuell Schlusslicht bei der Beschäftigung von Schwerbehinderten. Lediglich in 3,6 Prozent der Betriebe, die verpflichtet sind Schwerbehinderte einzustellen, sind Menschen mit Schwerbehinderung tätig. Im Bundesdurchschnitt sind es 4,7 Prozent.

Jürgen Hildebrand vom Allgemeinen Behindertenverband sagte MDR SACHSEN-ANHALT: "Viele bürokratische Dinge hemmen noch Betriebe bei der Einstellung von Schwerbehinderten. Und Arbeitgeber wissen oftmals nicht, welche Förderungsmöglichkeiten es gibt."

Mann vor Wand
Jürgen Hildebrand vom Allgemeinen Behindertenverband Sachsen-Anhalt findet, Arbeitgeber müssen besser aufgeklärt werden. Bildrechte: MDR/Pauline Vestring

Er sieht auch die Politik in der Pflicht. Es herrsche immer noch bei vielen Arbeitgebern die Annahme, dass sie Menschen mit Behinderung nicht wieder kündigen könnten, wenn sie diese erst einmal beschäftigten. Dies sei aber falsch. Viele Betriebe zahlten außerdem immer noch lieber die Ausgleichsabgabe, anstatt einen Menschen mit Schwerbehinderung einzustellen. Die Abgabe sei zwar zum 1. Januar 2016 erhöht worden, sie sei aber immer noch relativ niedrig. Aktuell zahlt jedes dritte Unternehmen in Sachsen-Anhalt eine Ausgleichsabgabe. "Andererseits liegt es aber auf der Seite der betroffenen Menschen, inwieweit die sich denn selber auch einbringen", so Hildebrand.

Die Bundesagentur für Arbeit erklärt das Abschneiden Sachsen-Anhalts mit der kleinteiligen Betriebsstruktur des Bundeslandes. Viele klein- und mittelständische Betriebe hätten keine Betriebsabteilung im Rücken, die beraten könne. Außerdem gebe es Berührungsängste.

Noch eine Menge zu tun

Staatssekretärin Beate Bröcker
Staatssekretärin Beate Bröcker kann nur vermuten, warum Sachsen-Anhalt so schlecht abschneidet. Bildrechte: MDR/Pauline Vestring

Staatssekretärin Beate Bröcker vom Ministerium für Arbeit, Soziales und Integration sagte MDR SACHSEN-ANHALT: "Dieser letzte Platz gefällt uns natürlich überhaupt nicht und insofern unternehmen wir viele Anstrengungen, um dem auch entgegenzuwirken. In der Statistik sind ja nur Betriebe mit über 20 Beschäftigten erfasst. Wir haben natürlich eine Vielzahl von Betrieben, die deutlich kleiner sind und insofern wäre es interessant, die Quote dort mal zu ermitteln. Aber unabhängig davon haben wir auf dem Gebiet noch eine Menge zu tun."

Wer muss Schwerbehinderte einstellen? Betriebe mit mindestens 20 Mitarbeitern müssen fünf Prozent schwerbehinderte Mitarbeiter einstellen. Andernfalls sind sie verpflichtet, eine sogenannte Ausgleichsabgabe zu zahlen. Diese richtet sich danach, wie nah der Arbeitgeber an der Pflichtquote von fünf Prozent liegt und beträgt zwischen 125 und 320 Euro pro Monat pro unbesetzten Pflichtarbeitsplatz. Für Kleinbetriebe unter 60 Mitarbeitern gelten besondere Regeln.

Betrieben Chancen aufzeigen

Laut Staatssekretärin Bröcker geht es vor allem darum, den Betrieben zu zeigen, welche Chancen sich ihnen durch Menschen mit Schwerbehinderung bieten: "Wir müssen aufklären, dass man keine Befürchtungen haben muss, dass das überbordende Bürokratie ist oder dass man, wenn man als Arbeitgeber Schwierigkeiten hat, mit Belastungen rechnen muss, die nicht tragbar sind."

Teilhabemanager für Sachsen-Anhalt

Staatssekretärin Beate Bröcker merkt an, dass Sachsen-Anhalt nach und nach sogenannte Teilhabemanager in den Kommunen einsetzen wird. Einige Teilhabemanager haben schon in den vergangenen Monaten mit der Arbeit begonnen. Sie sollen dafür sorgen, dass die Belange von schwerbehinderten Menschen auch stärker im gesellschaftlichen Leben realisiert würden: "Dazu gehört im Grunde genommen auch das Thema Arbeit, das ist auch Aufklärung", so Bröcker. Sie hofft, dass sich so auch die Situation für Schwerbehinderte auf dem Arbeitsmarkt verbessert.

2015 lebten in Sachsen-Anhalt laut Statistischem Landesamt 189.289 schwerbehinderte Menschen. Etwa 80.000 waren davon im berufsrelevanten Alter zwischen 18 und 65 Jahren.

Inklusion
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Definition Schwerbehinderung Als schwerbehindert gelten Menschen, die einen Grad der Behinderung (GdB) von 50 oder mehr haben. Dieser wird vom jeweiligen Versorgungsamt festgestellt. Menschen mit einem Grad der Behinderung zwischen 30 und 50 können von der Agentur für Arbeit schwerbehinderten Menschen gleichgestellt werden, wenn sie infolge ihrer Behinderung ohne die Gleichstellung einen geeigneten Arbeitsplatz nicht erlangen oder nicht behalten können.

Schwerbehinderte im Porträt

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE| 22.08.2017 | 19:00 Uhr

Quelle: MDR/pv

Zuletzt aktualisiert: 24. August 2017, 16:10 Uhr

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