Losungen zum 1. Mai in der DDR
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Notizen in unruhigen Zeiten Der 1. Mai: Warum niemand kämpft und alle feiern

Ein Tag für Aufmärsche ist der 1. Mai hierzulande schon lange nicht mehr. Auch die kämpferischen Losungen sind verschwunden, so wie auch jene Art des Arbeitens kaum noch zu finden ist, welche einst Anlass für die Parolen waren. Dabei gäbe es durchaus Gründe für eine Rückbesinnung, meint unser Kolumnist Uli Wittstock.

von Uli Wittstock, MDR SACHSEN-ANHALT

Losungen zum 1. Mai in der DDR
Bildrechte: Deutsches Rundfunkarchiv

Der erste Mai verwandelte selbst das abgelegenste Provinzkaff der DDR für einen Tag in eine lebendige und quirlige Stadt, in der die Menschen nach dem Pflichtprogramm der Parade, und endlich von den Losungen befreit, in das Stadtgrün ausströmten – flankiert von Buden für Bier, Bockwurst und Broiler. Kämpferisch zeigten sich an diesem Tag die Arbeiterinnen und Arbeiter vor allem beim Besetzen von Tischen und Bänken. Mehr Klassenkampf war in der Republik der Arbeiter und Bauern ohnehin nicht erwünscht. Inzwischen hat der erste Mai als Feiertag in Ostdeutschland an Bedeutung verloren, vergleichbar mit dem Karfreitag oder dem Pfingstmontag – gesetzliche Feiertage, deren ursprünglicher Anlass in Vergessenheit zu geraten droht.

Eine besondere Geschäftstüchtigkeit ist mit dem ersten Mai auch nicht verbunden. Anders als mit Halloween oder dem Valentinstag lässt sich mit dem Feiertag der Werktätigen scheinbar kein großes Geld verdienen. So wundert es nicht, dass der weltweite Versandriese Amazon keine Mai-Nelken anbietet. Fündig wird man stattdessen beim Ossi-Versand, der eine Nelke aus der Kunstblumenfabrik Sebnitz offeriert, mit einer Blüte aus roter Seide. Und weil sich auch der Ossi-Versand verbraucherfreundlich zeigt, gibt es einen Produkthinweis: Die Nelke wird mit einer Sicherheitsnadel geliefert, welche die Befestigung selbiger an Kleidungsstücken ermöglicht. Nicht, dass Nachgeborene auf die Idee kommen, sich die Nelke ins Haar zu stecken, denn die Arbeiterblume ist kein Schmuck, sondern ein politisches Statement. Nur wofür eigentlich? Auf diese Frage scheint es weder online noch offline befriedigende Antworten zu geben.

Politischer Blickwechsel nötig

Der DGB als Großveranstalter der bundesdeutschen Maifeierlichkeiten hat in diesem Jahr unter dem Motto eingeladen: "Wir sind viele. Wir sind eins". Eine klare gewerkschaftliche Forderung in einfacher Sprache, wenn auch grammatikalisch etwas ungelenk. Aber das ist natürlich Absicht, der Aufmerksamkeit wegen. Was sonst sollten die Gewerkschaften auch fordern in einem Land, das seinen Nationalstolz zu großen Teilen aus seiner Exportstärke ableitet. Höhere Löhne sind es jedenfalls nicht, denn die wären ja Gift für all die deutschen Firmen, an deren Produkten die Welt bitteschön genesen möge und der Chinese, nun ja, der schläft schließlich auch nicht. Zum Glück sind wir viele und eins, vor allem in der Hoffnung, dass das aktuelle deutsche Wirtschaftswunder möglichst lange unter dem hellen Stern der Konjunktur stehen möge. Derzeit gibt es wenig Grund zur Sorge, denn die ökonomischen Sterndeuter sehen auch in diesem Jahr günstige Vorzeichen für einen weiteren erfolgreichen Jahresabschluss.

Verschiedene Euro-Scheine in Notenbündeln
Die Schere zwischen Arm und Reich geht auseinander – und das geht eventuell so weiter. Bildrechte: IMAGO

Doch der Jubel wird nicht überall geteilt. Vor zwei Wochen stellte die Bundesregierung den aktuellen Armuts- und Reichtumsbericht vor, der schon allein im Titel die Frage aufwirft, wie sich denn Armut und Reichtum in der Bundesrepublik zueinander verhalten, bezogen auf Ursache und Wirkung. Und folglich wird in diesem Bericht auch sehr viel über die Armut und ihre Risiken geschrieben, aber verhältnismäßig wenig über die Risiken des Reichtums. Und selbst die wenig überraschende Feststellung, dass es einen Zusammenhang gebe zwischen Einkommenshöhe und politischem Einfluss, wurde von Teilen der Bundesregierung als zu anstößig empfunden, so dass diese Passage gestrichen wurde.

Hier wäre ein politischer Blickwechsel nötig, mit dem Ziel, Ursache und Wirkung klarer zu benennen, die Überschrift also einfach umzudrehen und in der Konsequenz einen Reichtums- und Armutsbericht vorzulegen. Der würde sich dann stärker mit den oberen zehn Prozent beschäftigen müssen, also nicht nur die Spaltung der Gesellschaft feststellen, sondern auch ihre Ursachen in den Blick nehmen. Unbestritten ist, dass die unteren 40 Prozent der Beschäftigten im Jahr 2015 real weniger verdienten als in den neunziger Jahren, während die reichsten zehn Prozent der Bevölkerung über die Hälfte des gesamten Nettovermögens besitzen – wobei zwei Drittel dieses Reichtums nicht erarbeitet sind, sondern vererbt. Ein wesentliches Versprechen der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft, die soziale Durchlässigkeit ist also nicht mehr gegeben.

Die Schere könnte sich noch weiter öffnen

Es gäbe also durchaus Themen für einen Kampftag der Werktätigen, denn diese 40 Prozent der Beschäftigten, die Lohnverluste erlitten haben, sind ja durchaus viele, aber leider uneins und oft auch uninteressiert oder desillusioniert. Die politische Beteiligung der Menschen mit geringem Einkommen, zum Beispiel an Wahlen, ist im Vergleich zur Gesamtbevölkerung gesunken, wie der aktuelle Armutsbericht deutlich macht. Und auf Grund der besonderen ostdeutschen Verhältnisse greift dieser Effekt hierzulande stärker als in Bayern oder Baden-Württemberg. Doch diese gegenwärtigen Verhältnisse könnten noch einmal erheblich ins Rutschen geraten.

Die regionale Arbeitsagentur in Halle erwartet in den nächsten fünfzehn Jahren den Verlust von rund 110.000 Arbeitsplätzen in Sachsen-Anhalt als Folge der Digitalisierung. Besonders betroffen sind vor allem industrielle Bereiche, in denen traditionell Männer beschäftigt sind. Die Folgen dieser Entwicklung lassen sich derzeit kaum abschätzen, aber es besteht die reelle Gefahr, dass die Einkommensschere sich weiter öffnet. Es gibt Soziologen, die mit Blick auf die ostdeutsche Deindustrialisierung der Nachwendezeit vor einer ähnlich tiefgreifenden Umwälzung warnen. Nur allmählich nähern sich die Gewerkschaften diesem Thema, die Parteien hingegen scheinen die Diskussion regelrecht zu scheuen. Dabei ist klar, dass die Zukunft der Arbeit ein Kernthema der nächsten Jahre wird, so wie auch schon lange vor dem Eintreffen des ersten Flüchtlingszuges klar war, dass die Folgen von Flucht und Vertreibung politisch nicht zu ignorieren sind.

Kommt die Roboter-Steuer?

Ein Roboter und ein Mensch. Wer ersetzt wen?
Gibt es bald Roboter-Demos am 1. Mai? Bildrechte: Hessischer Rundfunk

Je nachdem, welchen Experten man fragt, werden der Politik beim Thema Digitalisierung noch zehn bis 15 Jahre eingeräumt um mitzugestalten, dann seien die technologischen Entwicklungen so weit fortgeschritten, dass die Folgen nur noch moderiert und verwaltet werden könnten. Der reichste Mann der Welt, Bill Gates, will es aber nicht so weit kommen lassen, deshalb hat er jetzt schon mal einen Vorschlag in den Ring geworfen – nämlich die Einführung einer Robotersteuer. Die hätte natürlich auch für Bill Gates einen Vorteil. Dass nämlich sein privates Vermögen weiterhin unangetastet bliebe. Die Gewerkschaften könnten sich daran ein Beispiel nehmen und die gewerkschaftlichen Rechte für Roboter proklamieren, die dann natürlich Mitgliedsbeiträge zu entrichten hätten. Und dann hätte auf der Roboter-Demo zum ersten Mai der Spruch "Wir sind viele. Wir sind eins" auch gleich einen ganz anderen Klang.

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 01.05.2017 | 7:00 Uhr

ff

Zuletzt aktualisiert: 01. Mai 2017, 16:00 Uhr

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17 Kommentare

02.05.2017 15:21 Barbara 17

Ja richtig , ich habe es aber anders gemeint ,
ich denke schon Sie wissen es was ich damit meinte.

02.05.2017 14:22 Barbara 16

@ 1 0 richtig aber die Masse ist faul geworten und
wenn man sich zu sehr aus dem Fenster lehnt schreitet auch die Armee mit ein, das haben die feinen Politiker schon so geregelt.............. was dabei dann raus kommt ,kann jeder denken, und das will keiner, Fussball, Bierflasche u s w . ist wichtiger.
Ansonstem hätte schon längst wieder wie 1989
irgend etwas passieren müssen.....................
es ist ein trauriges Deutschl. geworden mit den Politiker an der Spitze.................



ANMERKUNG MDR SACHSEN-ANHALT:
Der letzte Armeeeinsatz im Inneren geschah im Zuge der Fluthilfe.

02.05.2017 08:10 FDGB-Obmann 15

Der 8.Mai als Feiertag würde den Bonner Ultras nicht gefallen. Der 1.Mai wurde 1933 zum Feiertag erklärt. Ein Kampftag ist dieser schon lange nicht mehr.

Ihr FDGB-Obmann

01.05.2017 20:14 Rosal Uxemeburg 14

@Hor Es Te: Aber Sie wollen es genau wissen und uns erzählen, was in der damaligen kommunistischen SBZ (in Ihren Worten DDR) abging? Aber das Märchen vom Sozialismus kennen wir alle noch zu gut, daher selten so gelacht, und das zum 1.Mai...

01.05.2017 20:12 Susan 13

Danke, lieber Uli Wittstock, für den Kommentar, sowie auch für das kurze Gespräch am Mittwoch ;-) Auch wenn ich denke, dass wir am Ende nicht darum herum kommen werden, das Privateigentum an Produktionsmitteln zu unterbinden. Anders werden wir die sozialen Verwerfungen, die ökonomische Ausplünderung und die Kriege nicht beenden können. Anders werden reiche Privatpersonen immer weiter das Interesse haben, sich am Mehrwert der Arbeitskraft anderer immerfort zu bereichern. Und die Technologie wird noch viel mehr Erwerbslose produzieren. Wir könnten uns die Arbeit viel gerechter aufteilen. Alle hätten viel mehr Freizeit und gleichberechtigten Zugang zum Produzierten. Der Wohnungsbau würde sich am Bedarf orientieren und nicht an der Rendite. Selbst Papst Franziskus sagte: "Kapitalismus tötet." Und er hat recht, jeden Tag. Herzliche Grüße ;-)

01.05.2017 17:54 lausbub 12

Warum gibt es eigentlich noch diesen gesetzlichen Feiertag? Abgesehen von Gewerkschaftsfunktionären ist der 1. Mai für fast alle in dieser Republik ein ganz gewöhnlicher arbeitsfreier Tag ohne tieferen Sinn geworden. Wenn man dann noch bedenkt, wer ihn damals in Deutschland zum Feiertag gemacht hat... Es gibt viele Gründe, den 1. Mai als Feiertag abzuschaffen. Das dürfte allerdings einen Aufschrei geben, wenn der Bevölkerung ein freier Tag genommen wird. Der 8. Mai hat als Tag der Befreiung von Krieg und Gewaltherrschaft die plausiblere Begründung, zum gesetzlichen Feiertag erklärt zu werden.

01.05.2017 15:00 Demut 11

@2 und Anmerkung der Redaktion

Aber die Losung kann doch wirklich nur von einer Westdemo bzw. einer Demo nach der Wiedervereinigung kommen. Zu DDR-Zeiten, wäre hier doch die Stasi eingeschritten.

ANMERKUNG MDR SACHSEN-ANHALT:

Stimmt, das Foto ist von 1990.

01.05.2017 14:49 Christine 10

Liebe Barbara (1) Auch eine andere Partei, welche dass ihrem Kommentar zufolge sein sollte kann ich mir schon denken, wird nichts ändern.Aber zum Thema.Es ist wirklich schade, dass wir Deutsche nicht gemeinsam für soziale Gerechtigkeit, gegen Altersarmut, für bessere Arbeitsbedingungen etc. auf die Strasse gehen. Masse bewirkt viel, siehe der Sturz der DDR 1989.Dem Kapitalismus und dem Monopol klare Kante zeigen und unserer Regierung, dass sie einfach für unser Volk arbeiten muss und nicht nur wirtschaftspolitische Interessen verfolgt.Ein Jammer, dass wir das verlernt zu haben scheinen.

01.05.2017 14:49 S 9

Es wird doch eh nichts getan für die "Geringverdiener", ganz egal ob 1. Mai oder nicht. Da lieber feiere ich friedlich ohne Demo oder sonstiges, und habe meinen Spaß. Den "Kampftag" braucht kein Mensch mehr! Die Gewerkschaften und co. sollen endlich mit diesen "Schein-" Veranstaltungen aufhören! Eigentlich könnte man diesen (sinnlosen) Feiertag abschaffen!

01.05.2017 14:39 Rudi S. 8

Na klar doch und an den Schulen wieder den "Fahnenappell" einführen oder was,nee Danke!