Studenten hören sich an der Universität eine Vorlesung an
Unter den schwierigen Arbeitsbedingungen leiden vor allem Lehre und Forschung. Bildrechte: dpa

Hochschulpolitik Netzwerk kämpft gegen prekäre Arbeit in der Wissenschaft

Erstmals hat sich in Leipzig ein Netzwerk gegründet, das deutschlandweit agiert, die Interessen der örtlichen Mittelbau-Initiativen bündelt und für bessere Arbeitsbedingungen in der Wissenschaft kämpft. Akademischer Mittelbau an Hochschulen sind Doktoranden, Lehrbeauftragte und auch Privatdozenten. Also Mitarbeiter der wissenschaftlichen Institute, die sich oft von Arbeitsvertrag zu Arbeitsvertrag hangeln. Das sächsische Wissenschaftsministerium gibt Unterstützung und beschwichtigt.

Studenten hören sich an der Universität eine Vorlesung an
Unter den schwierigen Arbeitsbedingungen leiden vor allem Lehre und Forschung. Bildrechte: dpa

Auf sächsischer Ebene sind bereits die TU Dresden und die Universität Leipzig im neugegründeten "Netzwerk für gute Arbeit in der Wissenschaft" aktiv. Auch die TU Chemnitz und die Bergakademie Freiberg haben gut organisierte Mittelbau-Initiativen, die man ins Boot holen wolle, berichtet Mathias Kuhnt, Mitarbeiter in der Soziologie an der TU Dresden und Mitorganisator. "Es gibt deutschlandweit sehr viele kleine Initiativen. Mit dem Netzwerk wollen wir ihre Kräfte bundesweit bündeln und kampagnenfähig werden", erläutert er dem MDR.

Netzwerk fordert Ende der endlosen Befristung

Das Netzwerk fordert vor allem unbefristete Verträge und "Wissenschaft auf Augenhöhe". Zu oft hänge die Zukunft von Doktoranden und Hilfskräften allein von den Professoren ab, die auch Lehrstuhlinhaber sind, sagt Kuhnt.

Bücher mit juristischer Fachliteratur
Mit Kurzverträgen hangeln sich wissenschaftliche Mitarbeiter von Jahr zu Jahr. Bildrechte: IMAGO

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft ünterstütz das Netzwerk. Laut GEW sind mittlerweile 90 Prozent aller wissenschaftlichen Mitarbeiter befristet beschäftigt und mehr als die Hälfte der Zeitverträge habe eine Laufzeit von weniger als einem Jahr. Viele wissenschaftliche Mitarbeiter sind aber mehrere Jahre an der Hochschule tätig.

Änderung des deutschen Universitätssystems

Die Befristung mit vielen aneinandergereihten kurzen Verträgen ist ein deutsches Problem, weiß Kuhnt. "Außer in Österreich und der Schweiz gibt es das nirgendwo auf der Welt und erst recht nicht in dem Ausmaß." In dem Zusammenhang fordert das Netzwerk auch die Abschaffung der Lehrstühle und die Hinwendung zur Department-Struktur nach dem Vorbild der USA und Großbritanniens. Das angestellte wissenschaftliche Personal müsse sich dann gegenüber dem Institut verantworten und könne aus der Mehrfachabhängigkeit ausbrechen, so Kuhnt.

Schwarzer-Peter-Spiel und prekäre Verhältnisse

Die Gesamtsituation verursache viel Frust bei den Angestellten, sagt Kuhnt, der die Probleme aus eigener Erfahrung kennt. Das Netzwerk setze sich für bessere wissenschaftliche Arbeit und Lehre ein, das müsse doch auch den anderen Akteuren am Herzen liegen, findet der Soziologe. Damit meint er das "Schwarzer-Peter-Spiel" zwischen Hochschulen, Landes- und Bundespolitik, die sich laut Netzwerk gegenseitig die Schuld an der Lage zuweisen.

Tatsächlich sei vor allem die Gelderverteilung aus dem Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) problematisch: "Das Geld ist falsch verteilt. Es wird vor allem in sogenannte Drittmittelprojekte gegeben, durch die die extremen Befristungen entstehen", bemerkte Mathias Kuhnt.

Sechs Millionen für die sächsischen Hochschulen

Im sächsischen Wissenschaftsministerium wird die Lage des akademischen Mittelbaus nicht als prekär eingeschätzt. Auf Nachfrage des MDR teilte Pressesprecher Andreas Friedrich mit, dass dieses Thema Ministerin Eva-Maria Stange (SPD) sehr am Herzen liege. Darüber hinaus habe das Ministerium mit dem Rahmenkodex ein eigenes Instrumentarium eingeführt, das bessere Beschäftigungsverhältnisse und längere Vertragsdauer garantieren soll. "Das Mindestmaß von Beschäftigungsverhältnissen sollte nie unter einem Jahr liegen. Das ist nicht zumutbar - vor allem im Hinblick auf die Familienplanung", sagte Pressesprecher Friedrich.

Eva-Maria Stange
Wissenschaftsministerin Eva-Maria Stange. Bildrechte: MDR/Diana Köhler

Die 14 sächsischen Hochschulen erhalten vom Freistaat Sachsen jährlich ca. sechs Millionen Euro. Seit 2017 ist die Zahlung an den Rahmenkodex gekoppelt, der mit den Personalräten der Hochschulen vereinbart wird. Mit dem Wissenschaftszeitvertragsgesetz, das im vergangenen Jahr erneuert wurde, sollen Kurzbefristungen unterbunden werden. Ministerin Stange gehen die Forderungen darin jedoch nicht weit genug, teilte Sprecher Andreas Friedrich mit.

Bis 2019 keine Erhöhung in Sicht

Dem Mittelbau-Netzwerk sind sechs Millionen für die sächsischen Hochschulen zu wenig. Da müsse auf Landesebene mehr fließen, sagt Mathias Kuhnt. Da der Doppelhaushalt 2017/2018 beschlossen ist, wird es vorerst keine Erhöhung geben, heißt es aus dem Wissenschaftsministerium.

Wir freuen uns, dass wir als Initiativen gefragt werden und einbezogen sind. Gleichzeitig sind wir aber enttäuscht, dass viele unserer Vorschläge nicht berücksichtigt werden und das meiste zwischen Wissenschaftsministerium und den Hochschulen ausgehandelt wird. Wir sehen durchaus Möglichkeiten, die Situation zu verbessern. Oftmals werden die nicht genutzt.

Mathias Kuhnt, Mitorganisator des Netzwerkes

Über dieses Thema berichtete MDR SACHSEN auch im Radio MDR AKTUELL | 21.01.2017 | 9:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 24. Januar 2017, 17:46 Uhr

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.

4 Kommentare

26.01.2017 12:19 Dr. Norman Pohl 4

Stichwort Wissenschaftszeitvertragsgesetz: Der Fehler liegt nicht in der Struktur der Hochschulen, sondern in dem fehlenden Willen, die Regelungen für befristete Tätigkeiten finanziell zu begleiten, so dass tatsächlich längerfristige Arbeitsverhältnisse möglich werden. Kurzfristige Verträge, um die Zeit zwischen länger laufenden Projekten zu überbrücken, werden nämlich de facto verhindert. Konsequenz: Betroffene müssen sich arbeitslos melden, ihre Zeit mit dem Schreiben von Bewerbungen zubringen und werden dadurch in vielen Fällen so zermürbt, dass eine Fortsetzung der akademischen Karriere unterbleibt. Begleitend sinkt die Universitätsausbildung auf das Niveau einer akademisch besser ausgestatteten Berufsschule.

25.01.2017 21:00 Morchelchen 3

bentin: Es ist nun mal so - es gibt seit Jahren zu viele Abiturienten, somit auch zu viele Studenten, also letztendlich zu viele Bewerber für wenige lukrative Jobs. Da haben es die dummen Menschen besser, die haben nicht nur mehr Auswahl, die dürfen ab 17 bereits 8 Stunden im Laufrad strampeln, und wie wunderbar, dies über 40 Jahre.
Somit ist man halt eindeutig im Vorteil, wenn man zu den Dummen zählt...

25.01.2017 08:06 bentin 2

Wer an der Uni arbeitet - lebt also prekär. Interressante Aussage. Wer Abi macht und studiert, dem fehlen später mehrere Jahre für die Rente "bei mind 43 Jahre Berufstätigkeit/Beitragszahlung". Begründet wird das durch unsere Regierung damit - dass jeder, der studiert, deutlich höhere Einkünfte hat als ein normaler (dummer) Arbeitnehmer.
Die Schlange beißt sich mal wieder in den eigenen Schwanz.

24.01.2017 20:06 Elbeschwimmer 1

Finde, dies ist ein äußerst wichtiges Thema.
Aber ich vermisse einige Kommentatoren. Naja, es geht ja auch nicht um Ausländer und es ist kein Thema bei dem bestimmte politische Gruppen in der Bevölkerung punkten können. Bin auf nachfolgende Wasser- und Pegelstände gespann.