Lagerleben in Schwarzkollm Pfadfinder begeben sich auf Krabats Spuren

Vor der Krabatmühle in Schwarzkollm haben rund 450 Pfadfinder aus Deutschland ihre Zelte aufgeschlagen. Bis zum Ende der Woche leben sie hier Natur - ohne Strom und Telefon. Es gibt Geländespiele, Singewettbewerbe und Ausflüge. Im Lager haben sich die Pfadfinder sogar eine zweite Krabatmühle gebaut.

von Madeleine Arndt

Pfadfinder in Schwarzkollm
Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Wasserschlacht vor der Krabatmühle. Mit großem Hallo toben Jungen und Mädchen unter der sengenden Sonne über die Wiese und spritzen sich gegenseitig nass. Immer wieder rennen sie zu einem mit dunklen Planen abgehängten Duschtrakt und füllen ihre Flaschen und Tüten auf. Davor führt ein System aus Rohren von Heizkesseln zu vier Badewannen - der Waschstraße für das Geschirr.

Pfadfinder in Schwarzkollm
Collin und Daniel (vorn) heizen die Kessel für das Abwaschwasser an. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Der achtjährige Collin aus Steinhagen und der zwölfjährige Daniel aus Wittichenau hocken vor den hohen Kesseln. Mit Holzscheiten und Knüllpapier heizen sie das Wasser an. Eine Woche lang leben die beiden Jungs mit etwa 450 anderen Kindern und Jugendlichen in Schwarzkollm das Pfadfindertum. Sie schlafen in Zelten, bereiten Essen zu, wandern, spielen und genießen die Natur. Handy und Fernseher vermissen sie nicht, nur ein bisschen die Eltern, sagen die Jungs und wenden sich dann wieder eifrig den Kesseln zu.

Ein Bundeslager in der Größenordnung hatten wir in Sachsen noch nicht.

Martin Sebald Pfadfinder seit 28 Jahren

Alle vier Jahre veranstaltet der Pfadfinderbund Weltenbummler ein bundesweites Treffen. Diesmal haben die Jünger der Erziehungs- und Naturbewegung ihre schwarzen und weißen Jurten im Koselbruch aufgeschlagen und begeben sich hier auf die Spuren der sorbischen Krabat-Sage. "Wir haben hier eine tolle Kulisse" freut sich Lagerleiter Martin Kliemank. Jeden Tag stehen unter einem eigenen Motto besondere Aktionen auf dem Programm. Es gibt Geländespiele, Singewettbewerbe, Wanderungen und Ausflüge, etwa in die Sächsische Schweiz oder in den Spreewald.

Pfadfinder in Schwarzkollm
Martin Kliemank ist der Leiter des Pfadfindertreffens in Schwarzkollm. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Aber die Hauptsache sei das Lagerleben an sich, erklärt Kliemank. "Wir vermitteln den Kindern viele lebenspraktische Fähigkeiten", sagt der 31-Jährige. Dazu gehören das Knoten binden, mit Werkzeugen wie Beil und Säge umgehen, Erste-Hilfe-Kenntnisse oder Kompass und Karte lesen. Wer mindestens zwölf Jahre alt ist, darf am offenen Feuer kochen. Das Gemeinschaftsgefühl steht dabei immer im Mittelpunkt, wie der Leiter des Bundeslagers betont.

Es geht um Selbstständigkeit und ums Anpacken.

Martin Kliemank Pfadfinder und Lagerleiter

Die Weltenbummler gründeten sich in den 1980er Jahren in Bayern. Sie agieren nach eigener Aussage apolitisch und interkonfessionell. Seit 28 Jahren mit dabei ist der Münchner Martin Sebald. "Wir verschließen uns nicht vor der Modernität", verneint er. So gebe es auch Gruppen, die Geocaching machen - also mit Hilfe von GPS-Empfängern eine Art digitale Schatzsuche betreiben. Aber im Grunde, so Sebald, liege der Reiz der Pfadfinderbewegung im Archaischen, in der Naturverbundenheit: "In einem Zelt auf dem Boden schlafen, am Feuer sitzen, Musik ohne Verstärker machen." Tatsächlich greifen immer wieder Jugendliche zwischen den Zelten zur Akustikgitarre und stimmen gemeinsam Lieder an.

Mit Wanderstiefeln, Taschenmesser und Gitarre

Zum Pfadfindertum braucht es nicht viel, sagt Martin Kliemank: Wanderstiefel sind selbstverständlich unverzichtbar, dazu ein großer Rucksack, Messer, Kompass, Kochgeschirr, Halstuch und das sogenannte Klufthemd. Eingeweihte erkennen auf Anhieb an den dort aufgenähten Abzeichen und an den Farben des gedrehten Halstuchs, aus welcher Gegend ein Gefährte stammt, wie lange er schon zur Gemeinschaft gehört und welchen Status er hat. Die Halstücher der Weltenbummler muss man sich mit verschiedenen Prüfungen verdienen. Die Jüngsten Drei- bis Sechsjährigen werden "Biber" genannt und tragen grün-schwarz. Zwischen sieben und elf Jahre sind die "Wölflinge" alt, die man an den schwarz-gelben Tüchern erkennt. Dann folgt der Titel "Pfadfinder" für Jugendliche zwischen 12 und 16 Jahren, die das blau-gelbe Halstuch besitzen. Die jungen Erwachsenen, die "Rover", tragen blau-rot. Alle mit blau-weißen Tüchern gehören zur erwachsenen "Mannschaft".

Blicke ins Lagerleben Pfadfinder an der Krabatmühle

Pfadfinder in Schwarzkollm
Die 29-jährige Larissa Schenk gehört zu den Rovern, wahlweise werden die Frauen im Unterschied zu den Männern auch als Ranger bezeichnet. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt
Pfadfinder in Schwarzkollm
Die 29-jährige Larissa Schenk gehört zu den Rovern, wahlweise werden die Frauen im Unterschied zu den Männern auch als Ranger bezeichnet. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt
Pfadfinder in Schwarzkollm
Essensausgabe. Die meisten Pfadfinder benutzen Alukochgeschirr aus alten Bundeswehrbeständen. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt
Pfadfinder in Schwarzkollm
Mannschaft aus Coburg: Florian Fischer, Robert Klömich, Anna Schwaß, Christian Berner, Stefan Thomas und Andreas Müller (v.li.) haben mit Jurtenzelten die Krabatmühle nachgebaut. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt
Pfadfinder in Schwarzkollm
Flaggen der teilnehmenden Bundesländer und der Pfadfinderbewegung Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt
Pfadfinder in Schwarzkollm
Auch die jungen Teilnehmer tragen im Camp Verantwortung. Collin und Daniel sind für das Anheizen der Wasserkessel zuständig. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt
Pfadfinder in Schwarzkollm
Bis zum Wochenende gibt es für die Pfadfinder ein buntes Programm mit Wanderungen, Ausflügen und Spielen. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt
Pfadfinder in Schwarzkollm
Die Zelte ähneln mongolischen Jurten. In einigen befindet sich sogar eine Feuerstelle. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt
Pfadfinder in Schwarzkollm
Die sorbische Krabat-Sage steht im Mittelpunkt des diesjährigen Bundeslagers der Weltenbummler. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt
Pfadfinder in Schwarzkollm
Martin Sebald liebt das Arachische: im Zelt auf dem Boden schlafen, am offenen Feuer kochen. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt
Pfadfinder in Schwarzkollm
Gemüse schnippeln im Grünen. Das Mittagessen lässt sich auch ohne Tische und Stühle vorbereiten. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt
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Pfadfinder in Schwarzkollm
Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Zweite Krabatmühle errichtet

So beispielsweise Stefan Thomas. Er ist mit 47 Jahren der Älteste im Camp. Eine Woche lang hat er mit seiner Truppe aus Coburg bei den Lagervorbereitungen geholfen. Die Alt-Pfadfinder haben sich für die Kinder eine besondere Überraschung einfallen lassen: Eine imposante Zeltkonstruktion in Form der Krabatmühle, die sogar ein sich drehendes Mühlrad besitzt. Ein Jahr haben die Männer und Frauen vorab an den Bauplänen getüftelt.

Besuch aus Litauen

Pfadfinder in Schwarzkollm
Julia Sokolowa und Jevgenija Cholodova sind aus Litauen angereist. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Nicht nur deutsche Stimmen hört man im Bundeslager. Zwei Pfadfindergruppen aus Litauen sind ebenfalls angereist. Für die 18-jährige Julia Sokolowa ist das deutsche Camp fast ein wenig Luxus. "Hier gibt es Duschen, wir springen bei uns in den See", sagt sie und lacht. Bei den Pfadfindern ist das Mädchen seit ihrem achten Lebensjahr. Ihrer Mutter sei es darum gegangen, dass sie die litauische Sprache und Kultur kennenlernt. Und so kam sie in den Verband, der diese Tradition pflegte. Neben Julia sitzt die 19-jährige Jevgenija Cholodova, die einer russischen Pfadfindergruppe aus Litauen angehört. Die Mädchen bereiten gerade das Mittagessen vor, schneiden Melonen und Tomaten.

Wir können mit einem einzigen Streichholz ein Feuer machen.

Julia Sokolowa Pfadfinderin aus Litauen

Sorbische Pfadfinder sind dabei

Pfadfinder in Schwarzkollm
Zu den wenigen sorbischen Pfadfindern gehört Matej Rehor. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Den kürzesten Weg zum Bundestreffen hatte Matej Rehor. Der 22-Jährige trägt ein dreifarbiges Halstuch in blau-rot-weiß. Er gehört zu einer kleinen sorbischen Pfadfindergruppe aus Sollschwitz. Dass man mit anderen Jugendlichen gemeinsam etwas auf die Beine stellt, findet er an der Bewegung toll.

In Deutschland gibt es derzeit um die 150 Pfadfinderbünde. Im Osten Deutschlands ist die Bewegung weniger verbreitet als im Westen, was historische Gründe hat. In den sozialistischen Staaten war das Pfadfindertum entweder als bürgerlich reaktionäre Bewegung verboten oder es wurde unter staatlicher Kontrolle gestellt und politisiert. Gerade weil es in der Vergangenheit diese Instrumentalisierung gegeben hatte, achte man darauf, nicht politisch zu sein, so Kliemank. "Wir Pfadfinder sind eine Friedensbewegung."

Über dieses Thema berichtet MDR SACHSEN auch im Radio: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 31.07.2017 | ab 6 Uhr in den Regionalnachrichten aus dem Studio Bautzen

Zuletzt aktualisiert: 30. Juli 2017, 18:45 Uhr

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5 Kommentare

01.08.2017 05:04 Aktiver Pfadfinder im PbW 5

Erschreckend was man unter einem solchen Artikel lesen muss. Ich kann meinen antwortenden Vorrednern nur beipflichten und möchte einfach auf die Fragen antworten: es gibt bei den Pfadfindern keine "Ausbildungslager". Unsere Veranstaltungen zielen darauf ab Kinder und Jugendliche vom Alltag mit Smartphone zu holen und sie auf freiwilliger Basis mit Natur, Umwelt und Verantwortung in Kontakt zu bringen. Das hilft im späteren Leben, aber sicher nicht an der Front

31.07.2017 16:12 Fragender Rentner 4

Hallo 2 und 3

Was lernen die Kinder und Judendlichen sonst in diesen Ausbildungslagern?

Ist das nicht auch Überlebenstrainig?

Oder lernen sie da wie man Feuer mit Streichhölzern anzündet?

Kämpfen die nicht auch um ihre Wimpel und wie man sie vor dem Gegner schützt?

31.07.2017 10:32 fragender Jugendlicher 3

Nein ich denke nicht, da beim "GST" der Staat ganz bestimmte Absichten hatte und die Pfadfinder des PBW unpolitisch sind. Es lohnt sich auch etwas tiefer in die Geschichte der Pfadfinderei zu blicken. Laut Wikipedia war die GST eine vormilitärische Massenorganisation und damit haben die Pfadfinder absolut nichts zu tun. Beste Grüße lieber Rentner.

31.07.2017 09:05 Mediator an Rentner(1) 2

Wie so oft liegst du ziemlich daneben mit deiner Aussage.

Die GST diente der vormilitärischen Ausbildung der Jugend und war zentral durch den Staat organisiert. Allefalls gewisse erlebnisorientierte Inhalte könnte man als "ähnlich" bezeichnen, diese Methode wendet aber jeder Jugendorganisation an, um darüber ihre Botschaft an den Mann zu bringen.

Pfadfinder sind weltoffen, vielfältig, höchst individuell in Kleinstgruppen organisiert und sicherlich kein Instrument staatlicher Machtprojektion oder Indoktrination.

Im Vergleich dazu war das Programm der GST auf die militärische Ausbildung ausgerichtet. Ein Auszug aus dem Ausrüstungs- und Liegenschaftsbestand zeigt deutlich, worum es nei der GST primär ging.

Welche normale Jugendorganisation verfügt über Flugplätze, Schießstände, ca. 200 tsd Schußwaffen und zehntausende Funkgeräte?

30.07.2017 19:58 Fragender Rentner 1

Hatten wir nicht Früher ähnliches, es nannte man dann nur GST-Ausbildung?