Experiment im Plattenbau : Hoyerswerda rückt zusammen
"AusZeit - Nachdenken über H." – unter diesem Titel hat am Wochenende ein Projekt in der Hoyerswerdaer Neustadt begonnen. Im Zentrum steht dabei die Zukunft der Stadt, die seit der Wende mehr als die Hälfte ihrer Einwohner verloren hat. In einem leerstehenden, dem Abriss geweihten Plattenbau sollen Kulturschaffende, Einwohner und Gäste zusammenkommen, um über die Perspektiven der ostsächsischen Stadt nachzudenken.
Laboratorien für Glück und Bildung
Für drei Wochen entsteht in dem sechsstöckigen Würfelhaus eine Art Mikrokosmos. Sieben Laboratorien wurden eingerichtet, so zum Beispiel die Labore für Glück, Bildung, Wohnen oder Bürgerbeteiligung. 130 Angebote warten auf die Mitstreiter und Gäste, darunter Cafe, Fitnessoase, Designerwerkstatt, Kinderbaumarkt, Gesprächskreise, Handarbeitsstübchen oder Schreibatelier. Im Wohnzimmerkino laufen jeden Abend ausgewählte Dokumentar- und Spielfilme, die mit der Projektidee etwas zu tun haben. In einer komplett ausgestatteten Küche können sich Besucher zum "Kochen und Klönen" treffen. Im Hostel, dem "Traumlabor", können Akteure, Mitdenker und Nachtschwärmer preiswert übernachten.
Plattenbau wird bald abgerissen
Organisiert wird das Projekt vom Verein Kulturfabrik Hoyerswerda. Das soziokulturelle Zentrum hat in der Vergangenheit mehrfach mit spektakulären Aktionen auf die Probleme der Stadt aufmerksam gemacht. Geschäftsführer Uwe Proksch hofft, dass in dieser kreativen Runde viele Lebensentwürfe für die Entwicklung der Gesellschaft entstehen und diskutiert werden. "Hoyerswerda rückt symbolisch zusammen", fasst Proksch das Anliegen zusammen. Die Zeichen dafür stünden gut: die Kulturfabrik habe alle 48 Zimmer in dem Würfelhaus "vermietet", sagte Proksch.
Der Plattenbau, der erst seit Mitte Juni komplett leergezogen ist, steht im Wohnkomplex X. Also jenem "WK", das zuletzt in der einstigen Vorzeigestadt errichtet wurde. Und es ist der Wohnkomplex, der zuerst wieder komplett aus dem Stadtbild verschwinden wird. Nur noch wenige Gebäude stehen hier. Kurz nach Ende des Projekts wird auch jenes Haus verschwinden, das jetzt für die "AusZeit" zur Verfügung steht.
Einwohnerzahl halbiert
Für die Hoyerswerdaer Neustadt war 1955 der Grundstein gelegt worden. Die Stadt sollte Wohn- und Schlafstätte der Braunkohlearbeiter werden. Auf dem Reißbrett entstanden Wohnungen für mehr als 70.000 Menschen. Nach der Wende fielen Tausende Arbeitsplätze in der Bergbau- und Energiewirtschaft weg. Die Bevölkerungszahl ging um etwa die Hälfte zurück. Heute leben noch knapp 36.000 Einwohner in Hoyerswerda. Die städtische Wohnungsgesellschaft ließ seit 2000 knapp 5.500 Wohnungen abreißen und verfügt jetzt noch über rund 8.400 Wohnungen. Der zweite Großvermieter, die Genossenschaft "Lebensräume", reduzierte die Zahl seiner Wohnungen von einst 10.000 um 3.200.
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