Kornmarkt Bautzen im August 2017
Die Polizei steht immer noch täglich bis in die späten Abendstunden auf dem Kornmarkt in Bautzen. Bildrechte: MDR/Viola Simank

Ein Jahr nach den Auschreitungen auf dem Kornmarkt Bautzen "Wir haben einen weitverbreiteten Alltagsrassismus"

Vor einem Jahr kam es in Bautzen zu schweren Auseinandersetzungen zwischen Rechten und Flüchtlingen. Im Kampf gegen Rechts wurden inzwischen einige Projekte angeschoben. Ein Problem aber wird sich wohl noch lange halten.

von Viola Simank

Kornmarkt Bautzen im August 2017
Die Polizei steht immer noch täglich bis in die späten Abendstunden auf dem Kornmarkt in Bautzen. Bildrechte: MDR/Viola Simank

Es ist einer dieser Sommertage, an denen die Menschen entspannt auf den Bänken am Kornmarkt in Bautzen sitzen. Friedlich schlendern Touristen, Einheimische und Geflüchtete über die "Platte", die in der Vergangenheit immer wieder in die Schlagzeilen gekommen ist. Nur die beiden Polizeiautos, die immer noch täglich am Rand des Kornmarkts stehen, lassen erahnen, dass nicht immer alles so friedlich ist, wie es gerade scheint.

Zusammenstoß mit Ansage

Für alle sichtbar wurde das bei den erneuten Auseinandersetzungen zwischen Geflüchteten und Rechten im Juli. Zwar war es im Vergleich zu den Ausschreitungen vom September 2016 nur ein kleinerer Zwischenfall. Aber für diejenigen, die sich in der Arbeit mit Geflüchteten engagieren, kam er nicht überraschend. Auch Ely Almeida hat mit solch einem Vorfall gerechnet. Die gebürtige Brasilianerin arbeitet im Integrationsteam beim soziokulturellen Zentrum Steinhaus in Bautzen und kümmert sich vor allem um die jüngeren Flüchtlinge.

Ein Jahr nach den schweren Ausschreitungen auf dem Kornmarkt habe sich in der Stadt in punkto Fremdenfeindlichkeit nicht viel geändert, stellt die 44-Jährige fest. Sie sei immer noch da, wenn auch meistens subtil: "Es ist eine Tatsache, dass schwarze Menschen in Bautzen nicht in Ruhe Leben dürfen. Sie werden an unterschiedlichen Orten angegriffen. Meistens ist das aber nicht zu sehen, nur wenn es auf der Platte passiert."   

"Stadt des Schweigens"

Abfällige Bemerkungen, Bedrohungen, Angriffe - für Menschen, die anders aussehen, eine dunkle Hautfarbe haben oder ein Kopftuch tragen sei das hier Alltag, erzählt Ely Almeida. Selbst dunkelhäutig weiß sie, wovon sie spricht. Die Brasilianerin wohnt seit zehn Jahren in Bautzen und hat solche Bedrohungen schon häufig erlebt. Auch deshalb möchte sie kein Foto von sich veröffentlicht haben. Es sind aber nicht nur die Beleidigungen und Bedrohungen, die ihr Sorgen machen. Viele Menschen würden einfach wegschauen.

Bautzen ist eine Stadt des Schweigens. Die Menschen sehen, hören, aber sie melden sich nicht.

Ely Almeida, Integrationsteam Steinhaus Bautzen

Ein Eindruck, den Karl-Heinz Biesold bestätigt. Er engagiert sich im Bündnis "Bautzen bleibt bunt". Die meisten Bautzener kämen kaum mit der Welt der Geflüchteten in Berührung, Rassismus würden sie demzufolge kaum selbst miterleben oder wahrnehmen. Er und seine Mitstreiter vom Bündnis hätten aber durchaus schon solche Erfahrungen gemacht, wenn sie beispielsweise mit Flüchtlingen durch die Stadt gehen. "Wenn die Frauen ein Kopftuch tragen, brauchen sie nicht weit zu gehen, dann sind die Bemerkungen da." Wahrscheinlich müsse man diese Erfahrung selbst einmal gemacht haben, um das Problem zu erkennen und klar zu benennen.

Zusammenarbeit hat sich verbessert

Vom Projekt mobile Jugendarbeit: v.r. Sophie Delan und Benno Auras mit Diensträdern
Seit dem Frühjahr sind zwei mobile Streetworker in der Stadt unterwegs. Sie haben ein offenes Ohr für Jugendliche und ihre Probleme. Bildrechte: MDR/Uwe Walter

Die Stadt Bautzen versucht unterdessen, mit verschiedenen Initiativen wie den "Demokratiewochen" ihre Einwohner für die Problematik zu sensibilisieren. Und mit zwei mobilen Streetworkern, die seit dem Frühjahr in Bautzen unterwegs sind, will man auch die Jugendlichen rechtzeitig mit ins Boot holen. Mit den Flüchtlingsinitiativen, den Landkreisbehörden und der Polizei sei man außerdem in engerem Kontakt als noch vor einem Jahr, sagt Oberbürgermeister Alexander Ahrens. Es gebe regelmäßige Treffen, so dass man viele Probleme schon lösen könne, bevor sie eskalieren. Trotzdem habe Bautzen weiterhin ein Problem mit Rechts.

Wir haben tatsächlich einen weitverbreiteten unreflektierten Alltagsrassismus. Das ist keine schöne Feststellung, auf der anderen Seite sollte man das nicht überdramatisieren. Das ist ein Thema, dem wir uns aber widmen müssen.

Alexander Ahrens, Oberbürgermeister von Bautzen

Mitreden statt beschweren

Ab Herbst will die Stadt deshalb versuchen, mehr Menschen in die Diskussion zur Zukunft Bautzens mit einzubinden. Es gehe um die Frage, wie sie in Bautzen leben wollen, so Eckhart Riechmann von der Stabsstelle Bürgerdialog bei der Stadtverwaltung. Dafür wird der Stadtrat alle Gruppen wie Vereine, Initiativen, ehrenamtlich Engagierte und Behörden zu moderierten Gesprächen einladen, in denen sie ihre Vorstellungen einbringen. Und die sollen ernstgenommen und diskutiert werden: "Da sollen keine Meinungen übergestülpt werden, wie man zu leben hat. Vielmehr soll jeder seinen Standpunkt einbringen und dann muss ein Kompromiss ausgehandelt werden." Ziel ist eine große Zukunftskonferenz im kommenden Jahr, in der Vetreter der unterschiedlichen Gruppen ein gemeinsames Konzept erarbeiten.

Witschas-Affäre belastet Zusammenarbeit

Bis dahin haben sich dann hoffentlich auch die Flüchtlingsinitiativen der Stadt und das Landratsamt Bautzen wieder angenähert. Denn momentan ist deren Verhältnis frostig: Der Verein "Willkommen in Bautzen" hat die Zusammenarbeit mit dem Landratsamt Bautzen außerhalb von bestehenden Projekten erst einmal aufgekündigt. Grund sind die vertraulichen Plaudereien von Vize-Landrat Udo Witschas mit dem NPD-Mann Marco Wruck via Facebook. Für sie reicht die Reaktion des Landrates, der Witschas lediglich die Zuständigkeit für das Ausländeramt entzogen hat, nicht aus. Sie fordern ebenso wie viele andere den Rücktritt von Witschas und haben dafür sogar eine Petition gestartet. Darin heißt es unter anderem, dass die politische Führung im Landkreis sich der Lage um den Rechtsradikalismus im Kreis Bautzen nicht bewusst sei. Sie solle endlich die Probleme anerkennen und sich professionelle Hilfe holen.

Polizeibeamte (M) beobachten in Bautzen (Sachsen) auf der "Platte", dem Kornmarkt, Versammlungsteilnehmer verschiedener Lager.
Bei den Ausschreitungen auf dem Kornmarkt in Bautzen im September 2016 haben auch Mitglieder der rechten Rockergruppe "Aryan Brotherhood Eastside" mitgemischt, zu erkennen am Logo "125". Bildrechte: dpa

Aktive rechtsextreme Szene Im Landkreis Bautzen gibt es laut sächsischem Verfassungsschutzbericht von 2016 zwischen 200 und 250 Anhänger der rechtsextremen Szene ebenso wie entsprechende Gruppierungen.

Markus Kemper vom Kulturbüro Sachsen kennt die rechte Szene in der Region schon viele Jahre. Die mobilen Beratungsteams des Vereins sind seit 2001 im gesamten Freistaat unterwegs und unterstützen in der Auseinandersetzung mit Rechtsextremnismus und Rassismus. Laut Kemper sind zwar manche Gruppen wie "StreamBZ" nach außen hin nicht mehr so präsent. Die Personen, die dahinter stehen, seien aber immer noch in der Region aktiv.

Unter besonderer Beobachtung der Behörden steht die rechte Rockergruppe "Aryan Brotherhood Eastside" (ABE). Sie hat in Bautzen ihr Vereinshaus und mischte auch bei den Ausschreitungen auf dem Kornmarkt im September 2016 mit. Der Präsident der ABE betreibe ein Geschäft in Bautzen und verfüge über langjährige Kontakte in der Stadt, so Markus Kemper.

Mit Sorge sieht er allerdings auch, dass Rechtsextreme in einem Bautzener Sportverein aktiv sind oder als Mitarbeiter bei Sicherheitsdiensten beschäftigt werden. "Damit müssen sich die Verantwortlichen in den Kommunen und in den Vereinen auseinandersetzen."

Gelungene Integration

Cricketmannschaft des MSV Bautzen
Seit April 2016 hat der Sportverein MSV Bautzen eine Cricket-Abteilung. Die Mannschaft besteht aus Flüchtlingen. Bildrechte: Anna Sophie Pohl

Natürlich gibt es auch Beispiele, die zeigen, dass Geflüchtete in Bautzen akzeptiert und angenommen werden. Das Cricket-Team zum Beispiel, in dem Geflüchtete unter dem Dach des Sportvereins MSV Bautzen sehr erfolgreich spielen. Oder der IT-Fachmann aus Libyen, der vor drei Jahren nach Deutschland kam und im August seinen eigenen kleinen Technikservice in Bautzen eröffnet hat. Und nach wie vor setzen sich viele Ehrenamtliche für die Flüchtlinge ein. Über sie ist auch Ely Almeida froh und schätzt deren Arbeit. Aber sie sagt auch: "Integration kann nicht funktionieren, wenn eine Gruppe darum kämpft dazuzugehören und die andere Gruppe darum, diese Menschen auszugrenzen." Dabei gehe es bei Integration doch um das Miteinander.

Über dieses Thema berichtet MDR SACHSEN auch im Radio: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 13.09.2017 | 13:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. September 2017, 19:52 Uhr