Geflutet vor mehr als 40 Jahren Malsitzer nehmen am Stausee Bautzen Abschied von ihrem Dorf

Die früheren Bewohner von Malsitz haben sich an Bautzens Talsperre getroffen. Wegen des niedrigen Wasserstandes konnten sie zwischen den Resten ihres Dorfes spazieren, das für den Anstau der Spree aufgegeben wurde. Dabei wurden viele Erinnerungen wieder wach.

von Madeleine Arndt

Malsitzer am Stausee Bautzen
Am Sonntag sind an die hundert Leute an den Stausee gepilgert, um die Überreste von Malsitz und Nimschütz zu sehen. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Ein bisschen wirkt das Ufer am Stausee am Sonntag wie eine archäologische Ausgrabungsstätte. An die 100 Leute pilgern auf Trampelpfaden zwischen Mauerresten, die Grundrisse nachzeichnen. Neugierig gucken sie in Öffnungen zugeschütteter Keller, erklimmen Geröllhaufen und sehen auf das giftgrüne Wasserloch eines früheren Steinbruchs. Tausende Muscheln und der zackenförmig aufgebrochene Schlick deuten auf eine ungewöhnliche Stätte hin.

Unter Wasser überdauert

Nachdem die Landestalsperrenverwaltung wegen nötiger Reparaturen an den Dämmen, um ein Vielfaches den Wasserspiegel des Stausees abgesenkt hatte, sind Zeugnisse alter Tage zum Vorschein gekommen. Nämlich die Überreste der kleinen Dörfer Malsitz und Nimschütz, die in den 1970er-Jahren für die Anstauung der Spree aufgegeben und abgerissen wurden. Die Grundmauern und auch die Stümpfe der Bäume, die einst Gassen säumten, haben die Jahrzehnte unter Wasser überdauert und sind nun atlantisgleich wieder aufgetaucht.

Malsitzer am Stausee Bautzen
Dirk Wersch hat die Malsitzer am Stausee auf ein Glas Sekt und zum gemeinsamen Foto eingeladen. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Bis zu seinem siebten Lebensjahr hat Dirk Wersch in Malsitz an der Spree gelebt. Der Bautzener hat die Initiative ergriffen und am Sonntag alle ehemaligen Malsitzer und Nimschützer bei einem Glas Sekt zum Abschiednehmen eingeladen. Schließlich werde der Stausee das nächste Mal erst wieder in 20 Jahren abgelassen, schätzt Wersch. Dann werden viele Zeitzeugen nicht mehr da sein. Viele ehemalige Dorfbewohner sind seinem Aufruf gefolgt, haben ihre Partner und Familien mitgebracht, um ihnen ihre alte Heimat zu zeigen.

Malsitzer am Stausee Bautzen
Vor 50 Jahren floss an dieser Stelle des Stausees der Mühlgraben entlang, in dem die Malsitzer im Sommer badeten. Auch die Mutter von Rainer Sickert stürzte sich ins kühle Nass, wie ein altes Foto zeigt. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

"Ich fühle mich schon noch ein bisschen eigenartig, wenn ich das alles so sehe, wie das jetzt ist und wie das früher gewesen ist", sagt Karlheinz Jansen. Er hatte 1944 in der Malsitzer Mühle das Licht der Welt erblickt. Sein Vater war Müllermeister und hatte die Mühle bis zum letzten Tag betrieben. Der 72-Jährige stand Anfang der 1990er-Jahre schon mal an der abgelassenen Talsperre. "Damals war es bedrückender, weil man die ganzen Straßenverläufe noch gesehen hatte", findet der Rentner. Und das zerfetzte Wasserrad der Mühle war ebenfalls dort. Jetzt sei viel weggespült oder Sedimenten vergraben.

Den Auszug nicht vergessen

Der Bautzener Rainer Sickert stimmt ihm zu. Als Jungen sind die beiden Männern ganz dicke Freunde gewesen. "Wir sind mit dem Kahn den Mühlgraben langgeschippert", erzählt der 74-Jährige und muss lachen. Wenn man hier so stehe, kämen all die Erinnerungen wieder hoch. "Man erlebt alles noch mal neu. Man kennt jede Ecke, jeden Baumstumpf - man lebt wieder hier", sagt Sickert. Nein, Wehmut komme bei ihr nicht auf, sagt Eveline Domsch. Sie hat bis zu ihrem 21. Lebensjahr unter dem Familiennamen Strauch in Malsitz gewohnt. Am Sonntag brachte sie ihre ganze Familie mit. "Die Enkel wollten unbedingt wissen, wo ich mal gewohnt habe", erklärt sie. Wie viele der Anwesenden weiß Eveline Domsch noch das genaue Datum ihres Auszugs: "Am 16. Dezember 1972 mussten wir raus."

Malsitz Ein Dorf taucht auf

Fotos vor den Überresten der Häuser erinnern an das Leben der Dorfgemeinschaft Malsitz, die in den Fluten der Spree unterging.

Malsitzer am Stausee Bautzen
Fotos zeigen, wie es vor dem Bau der Talsperre hier ausgesehen hat. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt
Malsitzer am Stausee Bautzen
Fotos zeigen, wie es vor dem Bau der Talsperre hier ausgesehen hat. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt
Malsitzer am Stausee Bautzen
1972 bis 1973 erfolgt der Auszug der Malsitzer. Alles, was wertvoll war, wurde mitgenommen. Den Rest erledigte die Abrissbirne. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt
Malsitzer am Stausee Bautzen
Dirk Wersch hatte sich die Mühe gemacht und historische Bilder ausgedruckt und aufgeh. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt
Malsitzer am Stausee Bautzen
Kostbare Erinnerungen: Am Ende des Tages wurden die Fotos wieder eingesammelt. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt
Malsitzer am Stausee Bautzen
Nicht nur die Häuser, sondern auch Szenen aus dem Dorfleben gab es zu sehen. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt
Malsitzer am Stausee Bautzen
Viele Grundmauern liegen inzwischen unter Sand und Schlick vergraben. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt
Malsitzer am Stausee Bautzen
In dem zugeschütteten Kellerzugang liegt noch ein kaputter Gummiball. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt
Malsitzer am Stausee Bautzen
Rainer Sickert (l.) und Karlheinz Jansen haben als beste Kumpels in Malsitz ihre Kindheit erlebt. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt
Malsitzer am Stausee Bautzen
Der frühere Steinbruch von Malsitz. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt
Malsitzer am Stausee Bautzen
Es gab viele Kinder auf dem Dorf, erinnert sich Karlheinz Jansen. Das Foto unterstreicht dies. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt
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Dirk Wersch hat vor den Überresten der Häuser Pfähle mit historischen Bilder aufgestellt. "Wir haben im Großen und Ganzen Fotos zu jedem Haus", berichtet der 52-Jährige. Seit 2005 arbeitet Wersch an einer Chronik zu den verlorenen Dörfern. "Ich habe fast jeden aus Malsitz und Nimschütz getroffen", sagt er. Wersch plant eine Dauerausstellung. Sie soll schon im nächsten Jahr am Strand des Stausees zu sehen sein.

Malsitzer am Stausee Bautzen
Die Malsitzer sind noch einmal auf dem Boden ihrer alten Heimat zusammen gekommen. Normalerweise wäre der Stausee an dieser Stelle über fünf Meter tief. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Alle 15 bis 20 Jahre müssen die Staumauern der Talsperre auf Schäden untersucht werden. Derzeit werden die Dämme instand gesetzt und versiegelt. Ende Oktober sollen die Arbeiten abgeschlossen sein. Voraussichtlich April nächsten Jahres wird der Stausee wieder seinen normalen Wasserspiegel erreicht haben.

Über dieses Thema berichtet MDR SACHSEN auch im Radio: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 02.10.2017 | ab 5:00 Uhr in den Regionalnachrichten aus dem Studio Bautzen

Zuletzt aktualisiert: 02. Oktober 2017, 15:32 Uhr

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