Margarethenhütte Großdubrau M-Hütte erinnert an dramatische Werksbesetzung 1991

Die Margarethenhütte in Großdubrau bei Bautzen war einer von drei Betrieben des Kombinats Keramische Werke Hermsdorf. Bis 1990 stellte das Werk keramische Isolatoren für die Elektroindustrie her. Dann übernahm die Treuhand den Betrieb, legte die Produktion still und wickelte ihn ab – so wie es vielerorts in der Oberlausitz geschehen ist. Sachsens Ministerin für Gleichstellung und Integration, Petra Köpping, will das Unrecht, das Tausenden Sachsen in der Nachwendezeit durch die Treuhand widerfahren ist, aufarbeiten. Dazu kam sie am Sonntagvormittag ins Elektroporzellanmuseum Margarethenhütte nach Großdubrau zu einer Podiumsdiskussion.

Margarethenhütte Großdubrau
Am 18. Juni 1991 besetzten viele Mitarbeiter der Margarethenhütte Großdubrau das Werkstor. Sie wollen verhindern, dass im Betrieb Maschinen demontiert und abtransportiert werden. Bildrechte: MDR/Eberhard Sprigade

Regina Bernstein ist 67. Fast 20 Jahre hat die Bautzenerin als Technologin in der Margarethenhütte, die die Einheimischen nur M-Hütte nennen, gearbeitet. Noch heute fällt es ihr schwer zu begreifen, was nach 1990 mit ihrem Betrieb passiert ist. Der 5. Dezember 1990 hat sich in ihr Gedächtnis als Schwarzer Tag eingebrannt. Regina Bernstein erinnert sich: "Da wurde uns klar gemacht, dass es in Westeuropa 50 Prozent Überkapazität bei der Herstellung von Elektroporzellan gibt. Also viel zu viel. Und dass beschlossen worden ist, den Standort Großdubrau zu schließen." Das habe damals keiner so richtig begreifen wollen, erzählt die Keramik-Ingenieurin. "Wir hatten um die 850 Mitarbeiter. Der Standort gab vielen Lohn und Brot und sollte einfach so plattgemacht werden. Ich hab nicht glauben wollen, dass das wirklich stimmt."

Vier Männer bringen selbstgemalte Plakate an einem Werkstor an.
Mit selbstgemalten Transparenten protestierten die Mitarbeiter der M-Hütte gegen die Machenschaften der Treuhand. Bildrechte: MDR/Eberhard Sprigade

Interessenten für das marode Werk hatte es einige gegeben. Zum Beispiel eine Firma aus dem Westen, die Dachziegel herstellen wollte. Auch die Mitarbeiter selbst hatten viele Ideen, wie man die M-Hütte hätte wieder beleben können. "Aber die Treuhand hat alles abgeschmettert. Es war politisch nicht gewünscht", erzählt Regina Bernstein. Als die M-Hütte Ende Mai 1991 die letzten Isolatoren auslieferte, hatten die Mitarbeiter noch Hoffnung, dass es irgendwie weitergeht. Schließlich hatte der Geschäftsführer ihnen versprochen, dass alles im Betrieb konserviert und nicht verkauft werde. Dabei stand die Mutterfirma Tridelta, zu der der Großdubrauer Betrieb gut ein Jahr gehörte, mit großen Lastkraftwagen schon bereit, um alles Brauchbare aus dem Betrieb für ihre anderen beiden Werke in Ostdeutschland rauszuholen.

Drei Männer und eine Frau im Gespräch.
Mitarbeiter der M-Hütte suchten im Sommer 1991 Hilfe bei den Landtagsabgeordneten Benedikt Dyrlich (2.v.l.) und Marko Schiemann (r.). Bildrechte: MDR/Eberhard Sprigade

Als die Mitarbeiter Wind davon bekamen, besetzten sie in einer großen Aktion am 18. Juni 1991 das Werkstor. Damit wollten sie die Demontage und den Abtransport der Maschinen und Anlagen aus dem Betrieb verhindern. Das ist ihnen auch gelungen. Doch wenige Tage später räumte in einer Nacht-und-Nebel-Aktion die Mutterfirma die M-Hütte weitgehend leer. "Einige Maschinen haben wir dann auf einem Schrottplatz in Bautzen wiedergefunden", erinnert sich Regina Bernstein. Journalisten, die damals über die Ereignisse im Werk berichten wollten, wurden ausgesperrt.

Chance für Neuanfang war ohne Maschinen weg

Regina Bernstein hat die Aktion am 18. Juni 1991 selbst nicht miterlebt. "Die Besetzung ist an mir vorbei gegangen. Ich war da zu Hause, wir waren ja alle auf Kurzarbeit Null gesetzt. Ich hab mich in der Zeit nicht mehr nach Großdubrau gesehnt", berichtet die 67-Jährige. Zu dem, was damals in der M-Hütte passiert ist, findet Regina Bernstein klare Worte: "Für mich war das Raub. Man hat uns damit unsere Vermögenswerte genommen. Damit war die Chance für einen Neuanfang weg."

Verein wollte Arbeitsplätze schaffen

Weil alle Mitarbeiter zum 31. Juli 1991 gekündigt waren und niemand mehr da gewesen wäre, der die Interessen der Mitarbeiter und des Betriebes hätte vertreten können, gründeten am 25. Juli 1991 etwa 75 Kollegen den Förderverein Margarethenhütte Großdubrau. "Unser Ziel damals war, wieder Arbeitsplätze in der M-Hütte zu schaffen", sagt Regina Bernstein.

Außenansicht der Margarethenhütte Großdubrau 1990
Die M-Hütte zur Wendezeit: Die Gebäude waren marode. In der Produktion bröckelte der Putz von den Wänden. Bildrechte: MDR/Eberhard Sprigade

Eine Zeit lang sah es so aus, als könnte das gelingen. Statt Isolatoren versuchten einige Mitarbeiter, Gartenkeramik herzustellen und hofften, dass daraus eine neue Fertigung entstehen könnte. Doch Ende Oktober 1991 begann Liquidation des Werkes. Auch da war die Hoffnung nicht verloren. Der Liquidator wollte 300, 400 neue Arbeitsplätze schaffen. Nichts davon wurde wahr. Im März 1992 beschäftigte sich der Bundestag mit dem Treiben der Treuhand in der Margarethenhütte Großdubrau. Heute sind von dem einstigen Elektroporzellanbetrieb nur noch wenige Gebäude übrig. Alles andere wurde gesprengt und abgerissen.  

Zwei Männer und eine Frau stehen vor einem Gebäude.
Drei Mitarbeiter der M-Hütte, darunter Regina Bernstein (l.), verfolgten am 12. März 1992 die Diskussion zur Margarethenhütte im Bundestag in Bonn. Bildrechte: MDR/Förderverein Margarethenhütte

Regina Bernstein ist seit 1993 als Töpferin selbständig und lebt davon. Wie fühlt sich die Bautzenerin heute? "Ich bin getröstet insofern, dass die Elektroleitungen, die heutzutage verlegt werden, keine Porzellanisolatoren mehr haben, sondern welche aus Silikon. Porzellan wird nur noch selten verwendet. Das ist für mich so ein bisschen ein Trostpflaster, dass ich sage, am Ende hätten wir vielleicht auch nicht mehr lange produzieren können."

Feldzug des Plattmachens

Was Regina Bernstein bis heute empört: "Es war ein Riesenpotenzial in der M-Hütte vorhanden, und wir haben es uns gefallen lassen, uns behandeln zu lassen als wären wir kleine dumme Kinder. Es war politisch gewollt, dass sich in Großdubrau nichts Neues entwickelt. Es gab tragfähige Konzepte. Aber die Treuhand hatte die Macht, einfach Nein zu sagen. Es war ein richtiger Feldzug des Plattmachens. Das ist für mich verbrecherisch."

Die Bautzenerin muss über die Ereignisse von damals reden. "Sonst platze ich", sagt sie. Für sich selbst wünscht sich Regina Bernstein, "dass dieser Druck, diese Wut, dieser Ballast, den ich seit 26 Jahren rumtrage, leichter wird oder vielleicht sogar verschwindet".

Podiumsdiskussion Der Förderverein M-Hütte lädt am Sonntag, dem 18. Juni 2017, ab 10:00 Uhr zu einer öffentlichen Podiumsdiskussion mit der sächsischen Ministerin für Gleichstellung und Integration, Petra Köpping, ins Elektroporzellanmuseum Margarethenhütte Großdubrau ein.

Thema der Diskussion ist die Abwicklung der Margarethenhütte Großdubrau nach 1990 und die Demütigungen der Menschen in dieser Zeit. Am 18. Juni 2017 jährt sich die Werksbesetzung der Mitarbeiter zum 26. Mal.

Nach der Diskussion gibt es eine Führung durchs Haus. Das Museum ist von 10:00 bis 17:00 Uhr geöffnet.

Über dieses Thema berichtet MDR SACHSEN auch im Fernsehen: MDR FERNSEHEN | Sachsenspiegel | 18.06.2017 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 18. Juni 2017, 22:05 Uhr

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27 Kommentare

20.06.2017 19:26 Ullrich 27

Für sie noch ein Ausspruch:
Die Bundesrepublik ist dem Sozialismus näher als es die DDR je war.
Lesen Sie mal bei Marx nach und vergleichen Sie. Ist spannend!

20.06.2017 19:22 Ullrich 26

Welche Argumente ohne auf andere Argumente einzugehen, bzw diese immer aus dem Zusammenhang heraus betrachten! Beispiel 1/4 Verkaufspreis! Sie verschliessen die Augen vor den Ursachen und machen Fehler die nach 89 sicher bei dieser riesigen und einmaligen Aufgabe gemacht wurden für alles verantwortlich. Ihnen mag es gut gehen, leider nicht allen und in diesem Gewässer fischen sie immer wieder mit ihren Kommentaren.
Ich habe übrigens eins bei der Wende begriffen - jetzt habe ich meine Zukunft in meinen beiden Händen und das ist gut so!

20.06.2017 18:16 Wo geht es hin? 25

@Ullrich: ich denke, ich habe genug Argumente geliefert und der 1. , der damit nicht zurecht kam, waren ja wohl Sie, indem Sie mir unterstellten, ein volkswirtschaftlicher Analphabet zu sein. Mal schön bei der Wahrheit bleiben. Den "Scherbenhaufen" hat zweifelsfrei die DDR angefangen - zu einem Riesenberg haben es die Treuhand, Raubtierkapitalisten und die sie dabei unterstützenden Politiker gemacht. Wie man dabei Emotionen komplett heraushalten soll, ist mir rätselhaft. So kann eigentlich nur einer davon sprechen, der ein Gewinner dieser ganzen Schweinerei war. Und nun ergründen Sie ruhig weiter, was viele kleine Leute aus eigener, bitterer Erfahrung schon lange wissen und offen auf der Hand liegt! Nämlich die Realität der größtmöglichen Ausbeutung der Menschen durch den Menschen!

20.06.2017 13:41 Ullrich 24

@ wo geht es hin
Ihr letzter Kommentar spricht für sich! Wer keine Argumente hat...
Ich persönlich finde es traurig wie einstige wirtschaftlich florierende Regionen am Boden liegen. Ich versuche aber immer zu ergründen warum etwas wie gekommen ist! Da ist der Ausspruch von Helmut Kohl - „Wer die Vergangenheit nicht kennt, kann die Gegenwart nicht verstehen und die Zukunft nicht gestalten." - schon richtig. Es wird dauern bis wir in der Lage sind den Scherbenhaufen den die DDR in den Menschen hinterlassen hat hinter uns zu lassen. Insoweit sind Diskussionen wichtig und auch Veranstaltungen wie die im Artikel beschriebene.
Persönlich glaube ich, dass es Emotionen da nicht hingehören, denn diese verklären den Blick auf die Realität.

20.06.2017 12:33 Wo geht es hin? 23

@Ullrich: Nu nu! Sie sind seeehr sachlich: Zitat von Ihnen:"(Ihr Beispiel “...Und wenn ich mich recht erinnere, sind unsere Motoren auf dem Weltmarkt nicht für 1/4 des Preises vergleichbarer Westprodukte verkauft worden, sondern zu ähnlichen Preisen...“ zeigt das sie (bewusst) Dinge falsch verstehen wollen, damit sie in ihr Bild passen." Zitat Ende. Wie kann man Fakten "falsch verstehen"? Also Sie als volkswirtschaftliches Genie ja wohl schon, also so gaaanz sachlich natürlich - aber ich als e bissl meschugge? Krieg ich beim besten Willen nicht hin! Und tschüß! PS: Komisch, dass ich als minderbemittelter Unternehmer (seit über 25 Jahren) noch nicht pleite gegangen bin - habe wohl sagenhaftes Schwein gehabt! Aber wenn ich bei Ihnen abkupfern würde, könnte sich das ganz schnell ändern...

20.06.2017 09:49 Ullrich 22

@Wo geht es hin?
Das war sehr sachlich von mir. Lesen Sie einmal in Ruhe das Beispiel aus #20 vielleicht verstehen sie dann, was ich meine mit z.B. 4 facher Lohn. Natürlich hat deswegen keiner mehr verdient. Die Lohnkosten haben sich aber vervierfacht.
Wenn sie es nicht verstehen lassen sie es sein. (Ihr Beispiel “...Und wenn ich mich recht erinnere, sind unsere Motoren auf dem Weltmarkt nicht für 1/4 des Preises vergleichbarer Westprodukte verkauft worden, sondern zu ähnlichen Preisen...“ zeigt das sie (bewusst) Dinge falsch verstehen wollen, damit sie in ihr Bild passen. Ich habe nämlich nie behauptet, dass zu einem Viertel des Weltmarkt Preises verkauft wurde. Insofern war die Begrenzung zu ihren Volkswirtschaftlichen Kenntnissen schon korrekt.

20.06.2017 06:42 Wo geht es hin? 21

@Ullrich: Ich dachte, man kann sich mit Ihnen auch mal sachlich austauschen - na ja. Dazu nur 2 Zitate von Ihnen: "Im übrigen - ist eine Uhr aus Glashütte wirklich ein Luxusprodukt?" und "Ihre volkswirtschaftlichen Kenntnisse sind offensichtlich rudimentär." Dann reden Sie mit Menschen, die mehr wissen wie ich, da sind Sie dann gut aufgehoben. Ich weiss nur, dass es nach der Wende nicht mehr allzuviele Menschen gab, die überhaupt die Möglichkeit hatten, das angeblich 4-fache an Lohn (lach) zu erhalten, Aber ich bin ja auch ein Dummerchen...

20.06.2017 06:11 Ullrich 20

Vielleicht noch mal etwas verständlicher:
2 Produkte (DDR und Italien) Kosten 250 DM auf dem Weltmarkt.
Die Kosten in der DDR belaufen sich in der DDR Ost auf 1000 Mark. Davon entfallen 250 Mark auf Lohnkosten. Jetzt kommt die Währungsunion und Löhne werden 1:1 umgestellt. Die Lohnkosten betragen weiterhin 250 DM. Selbst wenn die restlichen Kosten jetzt nur noch 187,50 DM (ein Viertel von 750 Mark Ost) beträgt der neue Preis 437,50 DM.
Das Ergebnis ist, dass dieses Produkt zu teuer ist und keinen Markt mehr hat. Sicherlich haben sie recht, dass dies der Politik geschuldet war. Die Frage im Umkehrschluss muss aber lauten : hätten Sie einen Kürzung des Lohns in diesem Umfang akzeptiert (ein Viertel)?

19.06.2017 21:00 Ullrich 19

“...Und wenn ich mich recht erinnere, sind unsere Motoren auf dem Weltmarkt nicht für 1/4 des Preises vergleichbarer Westprodukte verkauft worden, sondern zu ähnlichen Preisen...“ Das stimmt sogar bestimmt! Problem: Und jetzt wird der Lohn um das vierfache gesteigert - nichts anderes war die Umrechnung 1:1. Vielleicht hilft ihnen dieses Beispiel.

19.06.2017 20:53 Ullrich 18

Im übrigen - ist eine Uhr aus Glashütte wirklich ein Luxusprodukt? Vergleichen sie mal das Verhältnis Armbanduhr zu Lohn vor 100 Jahren und heute. Alternativ addiert der Durchschnittsbürger alle Ausgaben seines Lebens für Armbanduhren.
Im übrigen - zurück zum Artikel - habe ich mir mal die große Anfrage der Grünen und die Antwort der Bundesregierung durchgelesen. Sehr interessant - insbesondere, dass es allen Mitarbeitern (inklusive Betriebsrat -> Zustimmung) seit Spätsommer 1990 bekannt war, dass diese Betriebsstätte geschossen wird - Grund - keine Aussicht auf Erfolg! Einfach mal googeln.