Proteste in Görlitz vor dem Siemens-Werk.
In Görlitz sind rund 2.000 Menschen gegen die Schließung des Turbinenwerks auf die Straße gegangen. Bildrechte: MDR/Christian Essler

Turbinenwerk in Görlitz Proteste gegen die Sparpläne von Siemens

Proteste in Görlitz vor dem Siemens-Werk.
In Görlitz sind rund 2.000 Menschen gegen die Schließung des Turbinenwerks auf die Straße gegangen. Bildrechte: MDR/Christian Essler

Die Stimmung ist gereizt. Seit Tagen befinden sich die Mitarbeiter im Görlitzer Turbinenwerk im Unklaren. Werden sie ihren Job verlieren und wird gar der ganze Betrieb dichtgemacht, wie aus internen Kreisen durchgesickert ist? Siemens hüllt sich zu seinen Sparplänen in Schweigen. "Es gibt nichts Offizielles, alles Spekulationen", sagt Björn Günther frustriert. Der Zerspaner hatte Nachtschicht. Vier Stunden legte er sich noch mal aufs Ohr, dann ist er vors Werktor in die Lutherstraße gezogen. So wie fast alle seiner 900 Kollegen.

33 Jahre bei Siemens

Demo vor Siemenswerk in Görlitz
Die Siemensianer Hendrik Wiesner und Björn Günther wünschen sich von der Konzernleitung endlich Klarheit. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Wenn gespart werden müsse, gehe es immer an die kleineren Standorte. "Da kann man leicht ein Schloss dranhängen", kritisiert Günther. Der 41-Jährige arbeitet seit 19 Jahren im Turbinenwerk. In seiner Branche eine andere Stelle in der Region zu finden, sei schwer. Stolze 33 Jahre Siemens stehen bei Hendrik Wiesner in der Arbeitsbiographie. Seit seiner Ausbildung gehört das Werk zu seinem Leben. Und eigentlich will er bis zur Rente hier bleiben, wie er sagt.

Im Oktober sickert die Hiobsbotschaft durch, dass die Konzernspitze die Existenz des Görlitzer Werks in Frage stellt. Die Schließung einer der letzten Großbetriebe hätte weitreichende Folgen für die Region. Bei Protesten am Donnerstag zeigt sich deshalb eine ganze Stadt solidarisch. Zu den Siemensmitarbeitern gesellen sich Waggonbauer von Bombardier, Beschäftigte des Städtischen Klinikums, Schüler, Politiker. Zusätzlich reisen auch Siemenskollegen aus Leipzig und Dresden an. Etwa 2.000 Menschen stehen laut Jan Otto, Gewerkschaftschef der IG Metall Ostsachsen, vor den Toren des Turbinenwerks.

Hier kämpft nicht allein die Belegschaft eines Standorts – sondern eine ganze Stadt.

Siegfried Deinege Oberbürgermeister von Görlitz
Demo vor Siemenswerk in Görlitz
Auch Kinder machen sich Sorgen, dass ihre Eltern die Arbeit verlieren. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Siemenschef Joe Kaeser hat heute bei der Konzernbilanz einen historischen Rekordgewinn von 6,1 Milliarden Euro verkündet. "Gleichzeitig will er 4.000 Stellen streichen. Das muss man nicht verstehen", sagt Jan Otto vor den Demonstranten. Auch Martin Dulig, Sachsens Wirtschaftsminister, ist nach in Görlitz gekommen und gibt sich kämpferisch. "Es geht um die Zukunft der Menschen der Region, es geht um die Zukunft von Arbeitsplätzen, um die Zukunft der Industrie." Der SPD-Politiker appelliert erneut an die soziale Veranwortung, die der deutsche Elektrokonzern hier übernehmen müsse.

Demo vor Siemenswerk in Görlitz
Das Turbinenwerk soll nicht zu Grabe getragen werden. Aus dem Sarg holten Mitarbeiter ein Buch mit 12.000 Unterschriften für den Erhalt des Betriebes. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

In diesem Moment tragen Mitarbeiter das Turbinenwerk in einem Sarg symbolisch zu Grabe. Doch vor dem bitteren Ende öffnen sie den Sargdeckel und holen einen 230 Seiten dicken Hefter heraus. Er fasst rund 12.000 Unterschriften, die im Laufe von einer Woche für den Erhalt des Oberlausitzer Standortes geleistet wurden. Diese Petition soll nun an den Siemensvorstand übergeben werden. "Wir dürfen uns nicht unterkriegen lassen", erklärt Siemens-Betriebsratschef Christian Heinke, der wegen der Hinhaltetaktik seines Arbeitgebers sehr verärgert ist. "Wir wollen endlich Klarheit!", fordert er. Die Auftragslage in Görlitz sei gut, hier liege die Zukunft der Industrieturbine.

Konzern verkündet schmerzhafte Einschnitte

Wegen sinkender Nachfrage will Siemens die Kraftwerks- und Turbinensparte umbauen und deshalb Standorte schließen oder verkaufen. Davon soll auch der Turbinenbau in Görlitz trotz guter Auftragslage betroffen sein. Einzelheiten dazu hat Vorstandschef Kaeser am Donnerstagvormittag bei der Präsentation der Konzernbilanz in München nicht bekannt gegeben - jedoch "schmerzhafte Einschnitte" angekündigt. Am 23. November wollen die Görlitzer zur Betriebsrätekonferenz nach Berlin fahren und erneut gegen die Sparpläne des Konzerns demonstrieren. Mitte November will Siemens die Arbeitnehmer über den geplanten Stellenabbau informieren.

Beistand für die Siemensianer

In Görlitz sind 2.000 Menschen für eine Zukunft des Turbinenwerks auf die Straße gegangen.

Demo vor Siemenswerk in Görlitz
12.000 Menschen haben für das Turbinenwerk in Görlitz unterschrieben. Das dicke Heft soll nun an den Vorstand gehen. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt
Demo vor Siemenswerk in Görlitz
12.000 Menschen haben für das Turbinenwerk in Görlitz unterschrieben. Das dicke Heft soll nun an den Vorstand gehen. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt
Demo vor Siemenswerk in Görlitz
Volldampf für Görlitz. Die Mitarbeiter wollen, dass es weitergeht. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt
Demo vor Siemenswerk in Görlitz
Der Erste Beigeordnete des Landkreises Thomas Gampe (v.l.), Betriebsratchef Christian Heinke und der Görlitzer Oberbürgermeister Siegfried Deinege stehen an vorderster Front. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt
Demo vor Siemenswerk in Görlitz
Gewerkschaftschef Jan Otto kündigt weitere Aktionen zur Rettung des Werkes an. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt
junge Siemensmitarbeiter protestieren gegen Stellenabbau.
Auch Schüler zeigen sich solidarisch. Bildrechte: MDR/Danilo Dittrich
Demo vor Siemenswerk in Görlitz
Martin Dulig ist aufgebracht: "Weiß Herr Kaeser eigentlich, was er hier hat?", fragt der stellvertretende Ministerpräsident. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt
Proteste in Görlitz vor dem Siemens-Werk
Die Waggonbauer stehen den Turbinenwerkern zur Seite. Bildrechte: MDR/Christian Essler
Demo vor Siemenswerk in Görlitz
Vor den Toren von Siemens wird es bei 2.000 Demonstranten eng. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt
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Quelle: MDR/ma

Über dieses Thema berichtet MDR SACHSEN auch im Fernsehen und Radio: MDR SACHSENSPIEGEL | 09.11.2017 | 19:00 Uhr
MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 09.11.2017 | ab 5 Uhr in den Regionalnachrichten aus dem Studio Bautzen sowie 17:50 Uhr im aktuellen Programm

Zuletzt aktualisiert: 10. November 2017, 08:32 Uhr

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6 Kommentare

10.11.2017 16:10 Oberlausitzer 6

Leider haben alle user nicht verstanden, worum es wirklich geht. Die in Mühlheim gebauten Turbinen werden größtenteils nicht mehr benötigt. Deshalb soll Görlitz (wo weiterhin die hier hergestellten Turbinen gefragt sind) geschlossen und die Maschinen nach Mühlheim umgesetzt und dort weiter die bisher in Görlitz gefertigten Turbinen produziert werden.

10.11.2017 13:38 walter 5

Wenn Turbinen auf Grund RRG Energiepolitik nicht mehr benötigt werden, müssen auch keine mehr produziert werden. Da kann man eigentlich nicht Siemens den Vorwurf machen.
Wir wollen doch alle nur noch die Spargel zur Gewinnung von Windernergie!
Auf Grund des allseits propagierten Fachkräftemangels sollte es aber ein leichtes sein, für die hochqualifizierten Mitarbeiter einen neuen Job zu bekommen. Oder gibt es diesen vielleicht doch nicht?

10.11.2017 13:00 Graf von Henneberg 4

Siemens-Betriebsratschef Christian Heinke: "Die Auftragslage in Görlitz sei gut, hier liege die Zukunft der Industrieturbine. "
Na los her Heinke - kaufen Sie das Werk dem Herrn Kaeser ab und machen los - Arbeitspätze schaffen und sichern.

10.11.2017 09:20 RALF 3

Wo war denn unser möchtegern Ministerpräsident
Kretschmar der viel gelobte??????????????

09.11.2017 21:45 Rasselbock 2

Die können sammeln, streiken, protestieren, es wird nichts nützen. Wozu Turbinen oder Generatoren bauen wenn sie keiner braucht? Wetten die machen die Hütte diht.

09.11.2017 20:02 Tysiak Anja 1

Die Gier der Aktionäre wird nie befriedigt. Wir in NRW sind auch Opfer . Denen ist doch egal was aus den treuen Mitarbeitern wird auch unsere Jugend lassen die auch im Regen stehen. Schlimm daran ist das die morgens immer noch im Spiegel schauen können. Ich hoffe das eure Werke bestehen bleiben.