junge Siemensmitarbeiter protestieren gegen Stellenabbau.
Junge Siemens-Mitarbeiter protestieren gegen Stellenabbau, den sie auch in Görlitz befürchten. Bildrechte: MDR/Danilo Dittrich

Entlassungen und Kapazitäts-Abbau in der Kraftwerks-Sparte Nichts Genaues sagt Siemens nicht - tausende Jobs sollen weg

Tausende Siemens-Mitarbeiter, darunter möglicherweise auch 900 allein in Görlitz müssen um ihre Arbeitsplätze fürchten. Wie viele genau und in welchem Umfang sie betroffen sein könnten, darüber hatten sie sich Informationen vom Vorstand erhofft. Doch bei der Bilanzpressekonferenz in München blieben die Konzern-Manager unkonkret. Nächste Woche sollen die Mitarbeiter mehr erfahren. Derweil gehen die Spekualtionen um die Standorte der Kraftwerkssparte in Sachsen weiter.

junge Siemensmitarbeiter protestieren gegen Stellenabbau.
Junge Siemens-Mitarbeiter protestieren gegen Stellenabbau, den sie auch in Görlitz befürchten. Bildrechte: MDR/Danilo Dittrich

Mit drastischen Einschnitten müssen die Siemens-Mitarbeiter rechnen. Auf Umbauten des Konzerns hat der Vorstandschef Joe Kaeser die Mitarbeiter bei der Bilanzpressekonferenz in München vorbereitet. Und das trotz "historischer Gewinne" im Geschäftsjahr 2016/17 im gesamten Konzern. Die Kraftwerkssparte Power and Gas schwächle aber. Das Geschäftsfeld kämpfe mit schwierigen Marktverhältnissen und strukturellen Herausforderungen, sagte der Siemens-Chef. "Wenn dieses Geschäft eine Zukunft haben soll, dann müssen wir reagieren." Der Elektrokonzern wird wohl in der Kraftwerkssparte sowie im Geschäftsfeld Prozessindustrie und Antriebe mehrere tausend Stellen streichen. Spekuliert wird über etwa 4.000 Jobs, die in Gefahr seien. Genaue Zahlen nannte das Management nicht. Die Arbeitnehmervertreter sollen darüber in einer Woche am 16. November informiert werden. Gegen diese Pläne haben in Görlitz betroffene Mitarbeiter, Gewerkschafter und Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig heftig protestiert.

Heftige Kritik an der Konzernführung

Dulig appellierte an Siemens-Chef Kaeser, sich zu den Standorten in Ostdeutschland zu bekennen. Siemens sei dafür verantwortlich, dass diese zukunftssicher gemacht würden. Kaeser hatte zuvor schmerzhafte Einschnitte angekündigt. Die Belegschaften der Siemenswerke in Görlitz und Leipzig kündigten Widerstand gegen die Konzernpläne an. Dem Görlitzer Betriebsrat wurde eine Petition mit 12.000 Unterschriften überreicht. Von einem Werksverkauf oder einer Schließung wären in Sachsen mehr als 900 Beschäftigte betroffen.

Die Gewerkschaften, die Betriebsräte haben ihre Hand ausgestreckt, Teil der Lösung zu sein. Aber da muss man mit ihnen auch vernünftig reden.

Martin Dulig Wirtschaftsminister Sachsen

Zusätzlich zu Spekulationen um 4.000 Arbeitsplätze hat der Windturbinenhersteller Siemens Gamesa angekündigt, bis zu 6.000 Jobs zu kappen. Siemens leidet im Kraftwerksgeschäft unter einem Nachfrage-Einbruch vor allem bei großen Gasturbinen mit Preisdruck und Überkapazitäten. Die Probleme im Kraftwerksgeschäft bekam Siemens im Schlussquartal laut Geschäftsbericht deutlich zu spüren. Die Umsätze in der Sparte schrumpften um 20 Prozent, das Ergebnis brach demnach um 40 Prozent ein.

Die Konzernführung steht seit Tagen auch wegen ihrer Informationspolitik in der Kritik. Die Ministerpräsidenten von Sachsen, Berlin, Brandenburg und Thüringen warnten Siemens bereits vor strukturpolitischen Folgen, sollte es zu den befürchteten Schließungen in Ostdeutschland kommen. Die IG Metall hatte neben den Aktionen in Görlitz auch in Leipzig Berlin und München protestiert. Vor der Siemens-Zentrale hatten Beschäftigte ein Transparent mit Fotos von rund 600 Kollegen aus der Kraftwerkssparte ausgebreitet. "Wir sind hier, weil Siemens sich seit Wochen ziert, offen zuzugeben, dass wahrscheinlich mehrere Tausend Stellen abgebaut werden sollen im Kraftwerksbereich", sagte ein IG-Metall-Sprecher.

Anstatt Geld in den Personalabbau zu stecken, sollte Siemens besser in die guten Fachkräfte und die Standorte investieren. Wer so kurzsichtig handelt, dem werfen wir Doppelmoral und Eliten-Versagen vor.

Olivier Höbel IG-Metall-Bezirksleiter Berlin-Brandenburg-Sachsen

Proteste in Görlitz vor dem Siemens-Werk.
Unverständnis und Wut zeigten Demonstranten in Görlitz über die Siemens-Strategie Arbeitsplätze in der Kraftwerksbranche abbauen zu wollen. Bildrechte: Christian Essler

Bei der Umsetzung der Einschnitte denkt Siemens auch über Werksschließungen in strukturschwachen Regionen vor allem in Ostdeutschland nach. Vorwürfe von Arbeitnehmervertretern, mit solchen Überlegungen Unfrieden zwischen den Werken stiften zu wollen, wies Siemens-Personalchefin Janina Kugel zurück. "Wir werden hier nicht Standorte gegeneinander aufhetzen", sagte Kugel. Man sei nicht "auf dem Jahrmarkt", sondern arbeite an Lösungen für das gesamte Unternehmen.

Aufruf an die Konzernleitung: Haltet Wort!

Proteste in Görlitz vor dem Siemens-Werk.
Die Siemens-Belegschaft in Görlitz will sich gegen Stellenabbau wehren. Bildrechte: MDR/Christian Essler

An die Geschäftsführung appellierte die IG Metall, Wort zu halten und sich an ein Abkommen zur Standort- und Beschäftigungssicherung zu halten, das die Mitarbeiter vor Entlassungen schützen soll. "Der Pakt steht. Die einzig mögliche Ausnahme ist, wenn es wirtschaftlich bedrohliche Änderungen für Siemens gibt. Das ist nach den Zahlen, die hier heute vorgelegt werden, wirklich nicht der Fall", sagte ein Gewerkschaftssprecher.

Im vergangenen Geschäftsjahr verdiente Siemens unterm Strich knapp 6,1 Milliarden Euro, nach 5,5 Milliarden Euro im Vorjahr. Den Umsatz will das Unternehmen auch 2017/18 leicht steigern. Beim Ergebnis wird wieder eine Spanne von 7,20 und 7,70 Euro je Aktie angepeilt. Unterm Strich könnte damit ein Gewinn von bis zu 6,55 Milliarden Euro stehen. In der Prognose sind Aufwendungen nicht enthalten, die ein Stellenabbau kosten könnte.

Über dieses Thema berichtet MDR SACHSEN auch im Fernsehen: MDR SACHSEN - SACHSENSPIEGEL | 09.11.2017 | 19:00 Uhr

Quelle: MDR/AFP/dpa/kk

Zuletzt aktualisiert: 09. November 2017, 21:02 Uhr

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1 Kommentar

09.11.2017 17:53 Lausitzfan 1

Kann denn Siemens nicht die Kraftwerkssparte ausgründen und dass diese dann ohne den Mutterkonzern weiter am Markt tätig ist, wenn Siemens jetzt per se diese aufgeben will?
Ich gebe zu, ich habe nicht den vollen Durchblick. Aber ein eigenständiger, spezialisierter Betrieb könnte die Arbeitsplätze aus meiner Sicht retten. Oder wir verhandeln gleich mit den Briten. Hatten wir nicht einst im britischen Automobilsektor eine deutsche Übernahme durchgezogen.