Reformationsausstellung in Bautzen Sorben räumen mit einem Gerücht auf

Was hat die Reformation den Sorben gebracht? Dieser Frage geht eine neue Ausstellung im Sorbischen Museum in Bautzen nach. Mehr als zwei Jahre lang haben Museologen, Kuratoren, Pfarrer und Forscher recherchiert und historische Zeugnisse zusammengetragen - darunter die erste Bibel in sorbischer Sprache. Zu sehen sind sie derzeit auf der Bautzener Ortenburg.

Die älteste sorbische Lutherbibel von 1728.
Für die Ausstellung holte die sorbische Zentralbibliothek in Bautzen ihre seltenen Schätze aus dem Archiv. Hier die erste sorbische Lutherbibel von 1728. Bildrechte: MDR/Rica Sturm

Am Rande der Ausstellung räumt der sorbische Superintendent Jan Mahling mit dem Gerücht auf, dass die meisten Sorben katholisch sind. "Die katholischen Sorben sind jünger und aktiver und wohnen in einem kleineren Gebiet als die evangelischen", sagt der Pfarrer. Deshalb entstehe der Eindruck, dass das Katholische bei den Sorben überwiegt. Tatsächlich seien etwa 25.000 Sorben evangelisch und nur 15.000 katholisch, so Mahling.

Die Sorben und die Reformation

Der Superintendent hat der neuen Schau im Sorbischen Museum ihre Handschrift mit gegeben. Sie sei keine reine Reformationsausstellung, sagt Kuratorin Andrea Paulik. Sie zeige vielmehr, wie sich die sorbische Sprache und Schrift in den vergangenen 500 Jahren entwickelt haben und welchen Einfluss die Ideen Luthers und Melanchthons auf die Sorben hatten.

950 Ausstellungsstücke zu sehen

Etwa 950 Exponate hat die Kuratorin für die Ausstellung ausgewählt, mit der sie 500 Jahre sorbische Geschichte dokumentiert. Nicht fehlen darf da die erste sorbische Lutherbibel von 1728. Hinter dickem Glas lagert in einer Vitrine auch das älteste gedruckte sorbische Buch. Es ist ein niedersorbisches Gesangsbuch mit Luthers Kleinem Katechismus von 1574. Lange hatten die Sorben angenommen, dass das Exemplar im Archiv der sorbischen Zentralbibliothek in Bautzen das einzige ist. Doch vor kurzem erfuhren sie, dass es in Odessa noch eines geben soll. "Gesehen haben wir es aber noch nicht", sagt die technische Leiterin der Zentralbibliothek, Annerose Schaffrath.

Im ersten Jahrhundert nach der Reformation wurden über 90 Prozent der Sorben evangelisch.

Andrea Paulik Kuratorin der Ausstellung

Dazu bekam das Sorbische Museum noch eine Leihgabe von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz aus Berlin. Es handelt sich dabei um eine Handschrift von 1548. Es ist die erste Übersetzung des Neuen Testaments ins Sorbische. "Verfasst ist die Schrift in einem niedersorbischen Dialekt und nie als Druck erschienen", erklärt Annerose Schaffrath.

Bildergalerie Die Sorben und die Reformation

Der sorbische Superintendent Jan Mahling und Kuratorin Andrea Paulik zeigen eine alte, abgegriffene Schriftenrolle.
Bei seinen Recherchen entdeckte der sorbische Superintendent Jan Mahling (l.) diese alte Schriftenrolle. Sie enthält 200 Jahre sorbische Geschichte und listet den Stammbaum einer sorbischen Pfarrerdynastie auf. Kuratorin Andrea Paulik nahm die Rolle gern in die Ausstellung auf. Bildrechte: MDR/Rica Sturm
Der sorbische Superintendent Jan Mahling und Kuratorin Andrea Paulik zeigen eine alte, abgegriffene Schriftenrolle.
Bei seinen Recherchen entdeckte der sorbische Superintendent Jan Mahling (l.) diese alte Schriftenrolle. Sie enthält 200 Jahre sorbische Geschichte und listet den Stammbaum einer sorbischen Pfarrerdynastie auf. Kuratorin Andrea Paulik nahm die Rolle gern in die Ausstellung auf. Bildrechte: MDR/Rica Sturm
Blick in ein Studierzimmer mit Schreibtisch und Bücherschrank, wie es früher ausgesehen haben könnte.
Ein Teil der Ausstellung zeigt ein mögliches Studierzimmer eines Pfarrers. Bildrechte: MDR/Rica Sturm
In einer Vitrine lagert das älteste gedruckte Buch in sorbischer Sprache von 1574.
Das niedersorbische Gesangsbuch mit Luthers Kleinem Katechismus ist das erste gedruckte sorbische Buch. Bildrechte: MDR/Rica Sturm
Der Ausstellungsteil über den Einfluss der Lehrer auf die Entwicklung der Sorben ist noch im Aufbau.
Ein Teil der Ausstellung wird sich mit den Lehrern beschäftigen. Hier gibt es noch einiges zu tun. Bildrechte: MDR/Rica Sturm
Diplommuseologin Ilona Bierling kleidet eine Puppe mit der Spremberger Brautjungferntracht ein.
Diplommuseologin Ilona Bierling kleidet eine Puppe mit der Spremberger Brautjungferntracht ein. Die Tracht gehört zu den sogenannten Truhentrachten, die um 1900 aus dem Alltag der Sorben verschwunden sind und nur noch in Truhen und Schränken aufbewahrt wurden. Bildrechte: MDR/Rica Sturm
Die älteste sorbische Lutherbibel von 1728.
Die älteste sorbische Lutherbibel von 1728. Das Neue Testament darin stammt vom Pfarrer Michael Frentzel, der es 1706 ins Obersorbische übersetzt hatte. Das Alte Testament hatte eine Kommission aus vier Pfarrern rund um Bautzen übersetzt. Bildrechte: MDR/Rica Sturm
Eine Predigeruhr von 1690. Sie besteht aus fünf kleinen Sanduhren, die jeweils 15 Minuten laufen.
Eine der Kuriositäten der Ausstellung ist diese Predigeruhr aus dem Jahre 1690. Bildrechte: MDR/Rica Sturm
Sorbische Gesangsbücher aus verschiedenen Zeiten.
Die Ausstellung zeigt auch einige evangelische Gesangsbücher aus verschiedenen Zeiten. Bildrechte: MDR/Rica Sturm
Restaurator Jan Barth baut eine Glasvitrine auf.
Restaurator Jan Barth hilft beim Aufbau der Schau und gibt acht, dass die seltenen Exponate behutsam behandelt werden. Bildrechte: MDR/Rica Sturm
Fundstücke wie Bücher, Bilder und eine evangelische Münzschnur sind Teil der Ausstellung.
Eine Vitrine in der Ausstellung zeigt Fundstücke, die das Museum von Familien teilweise geschenkt bekommen hat. Die goldene Münzschnur (r.) ist die einzige erhaltene evangelische Münzschnur. Sie war Teil einer sorbischen Tracht. Bildrechte: MDR/Rica Sturm
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Pfarrer nach Leistung bezahlt

Neben Büchern und Schriften kann der Besucher in der neuen Ausstellung auch Kuriositäten entdecken. Das Museum erhielt etwa eine Predigeruhr aus dem Jahre 1690 als Leihgabe. Die Uhr besteht aus fünf kleinen Sanduhren, die jeweils 15 Minuten laufen. Solche Kanzelsanduhren, sagt Jan Mahling, seien früher in den Kirchen üblich gewesen. "Die Predigten mussten mindestens eine Stunde dauern. Schließlich wollten die Leute für das Geld, das sie dem Pfarrer gaben, auch etwas haben. Die Pfarrer wurden sozusagen nach Leistung bezahlt", erzählt der Superintendent. An der Uhr konnten die Gläubigen ablesen, wie lange der Pfarrer gepredigt hatte.

Die Ausstellung "Fünf Jahrhunderte - Die Sorben und die Reformation" iim Sorbischen Museum in Bautzen ist bis zum 27. August zu sehen.

Fünf Jahrhunderte - Die Sorben und die Reformation
1517 - Martin Luther veröffentlicht 95 Thesen gegen den Ablasshandel.

1530 - Der Bautzener Petri-Dom wird die erste Simultankirche Deutschlands.

1548 - Mikławš Jakubica beendet die Übersetzung des Neuen Testaments ins Niedersorbische.

1574 - Albin Moller gibt das erste sorbische Buch in Druck, ein niedersorbisches Gesangbuch mit Luthers Kleinem Katechismus.

1595 - Wenceslaus Warichius gibt Luthers Kleinen Katechismus in Obersorbisch heraus.

1667 - Der Brandenburgische Kurfürst Friedrich Wilhelm ordnet das Vernichten sorbischer Schriften und die Abschaffung sorbischer Gottesdienste an.

1689 - Die Oberlausitzer Landstände setzen eine Kommission zur Herausgabe sorbischer lutherischer Schriften ein.

1706 - Das Neue Testament erscheint in der obersorbischen Übersetzung von Michael Frentzel.

1709 - Das Neue Testament erscheint in der niedersorbischen Übersetzung von Johann Gottlieb Fabrizius .

1716 - Sorbische Studenten gründen das wendische Prediger-Collegium zu Leipzig.

1727/28 - Die Lutherbibel erscheint in Obersorbisch.

1722 - Graf von Zinzendorf gründet den Ort Herrnhut für Böhmische Exulanten.

1751 - In Kleinwelka entsteht ein sorbisches Zentrum der Brüdergemeine.

1835 - Infolge von Forderungen sorbischer Pfarrer wird für die sächsischen Schulen Sorbisch als Unterrichtsfach eingesetzt. Dies bezieht sich nur auf Schulen in sorbischsprachigen Gegenden und nicht in ganz Sachsen

1854 - Sorbische Altlutheraner wandern mit Pfarrer Jan Kilian nach Texas aus.

1883 - Anlässlich von Luthers 400. Geburtstag werden sorbische Lutherdenkmale errichtet.

Um 1940 - Engagierte sorbische Pfarrer und Lehrer werden verfolgt und aus der Lausitz ausgewiesen

1948 - Gründung der sorbischen Superintendentur in Sachsen.

1988 - Die Arbeitsgruppe "Serbska namša" zur Organisation sorbischen Gottesdienstes wird in der Niederlausitz gegründet.

2016 - Der 70. Sorbische evangelischer Kirchentag findet in Schleife unter dem Motto "Sie blieben aber beständig" statt.

Quelle: Sorbisches Museum Bautzen

Über dieses Thema berichtet MDR SACHSEN auch im Radio: MDR 1 RADIO SACHSEN | 21.03.2017 | ab 16:30 Uhr | Regionalnachrichten aus dem Studio Bautzen

Zuletzt aktualisiert: 29. März 2017, 18:26 Uhr

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