Der Sonnenaufgang am frühen Morgen hinter einem Absetzer für Abraum aus dem Braunkohletagebau Jänschwalde der LEAG
Wie lange der Braunkohletagebau Jänschwalde der LEAG noch laufen wird, erfährt die Öffentlichkeit erst im Frühsommer. Das dazugehörige Kraftwerk ist technisch zu alt. Bildrechte: dpa

Energiekonzern Die LEAG und die Lausitz erfinden sich neu

Vom Lausitzer Bergland bei Bautzen bis zum Spreewald: So weit reicht der Blick vom 13. Stock der Cottbuser LEAG-Konzernzentrale in die Region. Von hier aus steuert Vorstandsvorsitzender Helmar Rendez das Unternehmen, das zu den größten Energieversorgern Deutschlands zählt. Inzwischen befinde sich die LEAG wieder in einem ruhigen Fahrwasser, stellt der Manager beim Blick auf Cottbus fest. Der geringe Strompreis im Jahr 2016 und der Verkaufsprozess hätten eine Zeit lang für Unruhe gesorgt.

von Rico Herkner

Der Sonnenaufgang am frühen Morgen hinter einem Absetzer für Abraum aus dem Braunkohletagebau Jänschwalde der LEAG
Wie lange der Braunkohletagebau Jänschwalde der LEAG noch laufen wird, erfährt die Öffentlichkeit erst im Frühsommer. Das dazugehörige Kraftwerk ist technisch zu alt. Bildrechte: dpa

Instandhalten, modernisieren, entscheiden

Vattenfall als früherer Besitzer der Lausitzer Tagebaue und Kraftwerke hatte in den vergangenen Jahren viele Unternehmensentscheidungen hinausgezögert. Zu groß war der politische Druck im schwedischen Reichstag, dass sich der Staatskonzern nicht weiter im Lausitzer Kohlebergbau engagiert. Folgerichtig musste sich Vattenfall im Herbst 2016 von seiner Braunkohlesparte trennen. Auch darum wurden Entscheidungen über neue Tagebaue auf die lange Bank geschoben und Instandhaltungen auf ein Mindestmaß heruntergefahren.

Erweiterung des Tagebaus Nochten?

Doch mit der Übernahme durch die neuen tschechischen Eigentümer kommt offensichtlich wieder Dynamik in die Entwicklung des Unternehmens. So kündigt LEAG-Chef Helmar Rendez im Interview mit dem MDR an, noch im Frühsommer 2017 über mögliche neue Braunkohle-Tagebaue zu informieren. Dabei geht es um Milliardensummen. Allein die eventuelle Erweiterung des Tagebaus Nochten kostet nach Expertenmeinung rund eine Milliarde Euro. Umsiedlungen, Umverlegungen von Straßen und Schienen, Grundwasserabsenkungen, modernisierte Bergbautechnik - all das ist notwendig, wenn die Kraftwerke in Boxberg und Schwarze Pumpe weitere Jahrzehnte Braunkohle aus Nochten bekommen sollen.

Kraftwerk Jänschwalde zu alt für Weiterbetrieb

Bergbau-Fachleuchte gehen davon aus, dass sich die LEAG für eine Erweiterung der Tagebaue Welzow und Nochten entscheiden wird. Zudem werde das Kohlefeld bei Reichwalde voraussichtlich wie geplant abgebaut. Den ursprünglich vorgesehenen Tagebau Jänschwalde-Nord bei Guben werde es aber aller Wahrscheinlichkeit nach nicht geben, so die Prognose von Prozessbeteiligten. Denn das benachbarte Kraftwerk Jänschwalde sei mit fast 30 Jahren technisch zu alt, um weitere 30 Jahre laufen zu können.  

Die LEAG selbst hält sich dazu bislang bedeckt und verweist auf den Frühsommer 2017. Fest steht: Das Unternehmen will auch 2017 rund 1,5 Milliarden Euro ausgeben. Die größte Summe davon – rund 650 Millionen Euro – fließt in die Instandhaltung und Modernisierung der Anlagen sowie in die Herstellung des Cottbuser Ostsees. Auf rund 500 Millionen Euro belaufen sich die Kosten für die etwa 8.000 Mitarbeiter. Sie gehören zu den Spitzenverdienern in der ostdeutschen Industrie mit Jobgarantie bis Ende 2020.

LEAG als Lausitzer Konzern in der Lausitz

Nach eigenen Angaben sichert die LEAG insgesamt rund 20.000 Jobs in der Region. Doch das Braunkohlegeschäft ist langfristig ein Auslaufmodell. Das räumt auch die LEAG ein. Darum komme es darauf an, dass sich das Unternehmen langfristig als Energie-Technologiekonzern profiliert, so die strategische Sicht von Vorstandschef Helmar Rendez. Dass sich die Lausitz dabei selbst neu organisiert, sei sehr wichtig, erklärt der Manager. Nur so könne der wirtschaftliche Strukturwandel ein Erfolg werden.

Wirtschaftsregion Lausitz am Start

Inzwischen laufen die Vorbereitungen für die Schaffung einer länderübergreifenden Strukturgesellschaft auf Hochtouren. Sie soll die wirtschaftliche Entwicklung vom künftigen Großflughafen BER bis zum Zittauer Gebirge schneller vorantreiben. Die Aufgaben der neuen Gesellschaft wachsen fast im Monatstakt. Denn nicht nur die Zukunft der Braunkohlewirtschaft ist ungewiss sondern auch die des Schienenfahrzeugbaus in Bautzen, Görlitz und Vetschau.

Helmar Rendez
LEAG-Vorstand Helmar Rendez Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Nachdem zunächst nur die Landkreise Bautzen, Görlitz, Spree-Neiße, Elbe-Elster, Oberspreewald-Lausitz, Dahme-Spreewald und die kreisfreie Stadt Cottbus das Projekt "Wirtschaftsregion" unterstützten, wollen sich nun auch die Länder Sachsen und Brandenburg sowie die Lausitzrunde daran beteiligen. Das Ziel aller Gesellschafter: Endlich eine Lobby schaffen für eine Region mit rund 1,1 Millionen Menschen, die bislang eher eine Nebenrolle in der sächsischen und brandenburgischen Landespolitik spielte.

Aus Fehlern lernen

Es war im April 1999. Die Wirtschaftsminister aus Sachsen und Brandenburg, Schommer und Dreher, trafen sich in Hoyerswerda zu einer Lausitzer Strukturkonferenz. Das Thema schon damals: Wie weiter nach der Braunkohle?  Ein Konzept sollte bis zum Sommer 1999 erarbeitet werden.

Blickt man zurück, blieb es bei der Ankündigung. Das Konzept fehlt bis heute. Dies dürfe nicht noch einmal passieren, bilanziert der Oberbürgermeister von Weißwasser, Torsten Pötzsch. Darum gäbe es mit der Lausitzrunde, in der viele Bürgermeister und Landräte organisiert sind, endlich das richtige Gremium, um Druck zu machen. Druck, damit sich die Landesregierungen und die Bundesregierung im Sinne eines Strukturwandels in der Lausitz bewegen.

Pläne für Technologiezentrum

Schon am heutigen Dienstag wird die Lausitzrunde wieder im Bundeswirtschaftsministerium vorstellig sein. Es geht um Geld für Konzepte, um neue Unternehmen in die Lausitz zu holen und den Bestand zu sichern. So soll noch in diesem Jahr ein Technologiezentrum gebaut werden. Damit wollen die Strukturmanager junge Lausitzer Hochschulabsolventen davon überzeugen, in der Region ein eigenes Unternehmen zu gründen.

Die Ankündigung scheint vorerst zu fruchten: Die Mehrheit der Absolventen der BTU Cottbus-Senftenberg fand 2016 einen Job in der Lausitz und blieb in der Region. Die Stadt Cottbus rief darum schon mal ihr neues Motto aus: "Cottbus wächst" – auf inzwischen 100.600 Einwohner. Möglicherweise ein Modellfall für eine neue Lausitz.

Über dieses Thema berichtete MDR SACHSEN auch im Fernsehen und im Radio: MDR1 RADIO SACHSEN | 23.01.2017 | 18:10 Uhr
MDR SACHSENSPIEGEL | 23.01.2017 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 24. Januar 2017, 10:58 Uhr

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2 Kommentare

26.01.2017 09:26 So ist das 2

@24.01.2017 15:33 Eulenspiegel (1 Ich denke das Hauptproblem ist und bleibt: Die Braunkohle läuft aus und was dann. Gesucht ist der sozialverträgliche Umstieg.)

So ist das und daran ändert auch diese ...kriechende "Berichterstattung" nichts.
Insbesondere, da die LEAG eine Firma ausgesprochen zweifelhaften Charakters ist.
Wie wir noch sehen werden - nur Geduld.

Der wirkliche Topos dieser Lobhudelei ist das Versagen der Landsregierungen, die wie die Taubstummen auf die Braunkohle gesetzt haben in der Hoffnung, die Lobby werde einen Ausstieg aus diesem, in jeder Hinsicht fossilen, Energieträger verhindern. Also die übliche deutsche Mischung aus Realitätsverweigerung, institutioneller Korruption und schlichter verantwortungsloser politischer Feigheit.

24.01.2017 15:33 Eulenspiegel 1

Ich denke das Hauptproblem ist und bleibt: Die Braunkohle läuft aus und was dann. Gesucht ist der sozialverträgliche Umstieg.