Zwergensprache Wenn Babys mit den Händen reden

In Kamenz gibt es ein ungewöhnliches Angebot für junge Eltern. Kursleiterin Sara Borrmann bringt Babys sprechen bei, und zwar bevor sie sich mit Lauten artikulieren können. Dazu üben die Mütter und Väter mit ihrem Nachwuchs einfache Gesten aus der Gebärdensprache ein.

von Madeleine Arndt

Zwergensprache
In Kamenz treffen sich Mütter, um gemeinsam mit ihren Kindern Zeichensprache zu lernen. Hier wird gerade "Grün" geübt. Man hält die Hand nach oben und wackelt mit den Fingern - wie das Gras im Wind. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Kursleiterin Sara Borrmann holt einen plüschigen Marienkäfer hervor und zeigt auf die Flügel. "Rrrrooot" sagt sie und tippt sich zweimal mit dem Zeigefinger auf ihre Unterlippe. "Das ist das Zeichen für Rot", erklärt die 21-Jährige aus Burkau den Müttern. Mehrmals wird es in der Runde wiederholt. Dann kommt "Grün" dran. Die Hand geht nach oben und die Fingern wackeln schnell hin und her, wie Grashalme im Wind. Und so geht es weiter durch die Farbpalette.

Zwergensprache
Sara Borrmann gibt seit zwei Jahren Kurse in der Babyzeichensprache, unter anderem in Kamenz und Bautzen. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

In der Beratungspraxis "Natürlich Eltern sein" in Kamenz können Eltern mit ihrem Nachwuchs einen ungewöhnlichen Kurs besuchen. Nämlich das Erlernen der Zwergensprache, spezieller Gebärden für Babys. Dahinter steckt die Idee, dass Babys und Kleinkinder, solange ihnen noch die Feinmotorik zum Sprechen fehlt, mit einem kleinen Wortschatz aus Zeichen zur gegenseitigen Verständigung ausgestattet werden. Diese kommen nicht von ungefähr, sondern sind eine vereinfachte Variante der Gebärdensprache. Rund 75 Zeichen könnten Eltern in einem zehn Stunden umfassenden Kurs erlernen und daheim mit ihren Kindern üben. Die anwesenden Mütter schwören auf diese Art der Interaktion und belegen inzwischen den Fortgeschrittenenkurs.

Ganz wichtig: Das Zeichen fürs Stillen

Während die Mamas üben, krabbeln die Kinder quietschfidel über den Teppich, spielen und knuspern Puffmais. Mitmachen? Eher Fehlanzeige. Doch dann: Die kleine Joline, 16 Monate, guckt sich eine blaue Pappwolke an, bis die gleichaltrige Norah das Anschauungsstück in eine andere Ecke verschleppt. Joline schaut zu ihrer Mama und breitet die Hände aus - in der Zwergensprache das Zeichen für "Wo". Die Mutter, Saskia Radeloff, reagiert und gibt ihr die Wolke zurück.

Zwergensprache
Neue Gesten üben zunächst die Eltern ein, bis die Kleinen sie anwenden, sind einige Wiederholungen gefragt. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Saskia Radeloff hat durch Zufall von der Zeichensprache für Babys erfahren und ist begeistert: "Ich finde es einfacher, mit Joline zu kommunizieren", erklärt sie. So zeige Joline mit den Händen, wenn sie essen will oder etwas noch mal machen möchte. Eines der ersten Zeichen sei das fürs Stillen gewesen. "Heute ist ihr Lieblingszeichen der Vogel, da führt man Daumen und Zeigefinger an den Mund und macht sie zweimal auf und zu", sagt die 31-Jährige. Die Verwandtschaft hat diese ungewöhnliche Art der Kommunikation positiv aufgenommen. Zu Hause würden auch der Papa und die Großeltern bei der Zwergensprache mitmachen. "Es macht auf jeden Fall Spaß", sagt Saskia Radeloff.

Weniger Missverständnisse

Der Spaßfaktor ist das eine, aber in der Hauptsache kommt es den Mamas darauf an, ihre Kinder so früh wie möglich zu verstehen. "Ich möchte mit meinem Kind von Anfang an auf Augenhöhe interagieren", sagt Marie Urban, eine weitere Kursbesucherin. "Kinder sind ja von Anfang an voll da, nur ihr Körper ist noch nicht so weit entwickelt." Marie Urban hat mit ihrer Tochter Martha mit der Zwergensprache begonnen, als sie fünf Monate alt war. Mit Hilfe der Zeichen gebe es weniger Missverständnisse im Alltag, findet die 33-Jährige. Das bestätigt auch Katja Milde, die mit ihrem 16 Monate alten Sohn dabei ist. "Durch das Zeigen weiß ich genau, was Edwin möchte, ob er müde ist oder baden will", erklärt sie. Michaela Fichtner - Mutter der 16 Monate alten Norah - erzählt, dass sie von den Großeltern zuerst belächelt wurde. Als es dann aber in der Praxis funktionierte, waren auch Oma und Opa überzeugt.

Eine Brücke bis zum Spracherwerb

Durch die Zwergensprache ließen sich manche Wutanfälle vermeiden, sagt Sara Borrmann. In der Zeit vor und während des Spracherwerbs müssten oft Eltern dreimal raten, was ihr Kind eigentlich möchte. "Am Ende sind alle frustriert." Die Zeichensprache für Babys sei aber kein Ersatz für die Sprache, sondern eher als Brücke zu verstehen. "Kinder lernen Sprache durch begreifen; wenn ich verschiedene Reize mit einbringe, kann das Gehirn das ganz anders erfassen. Es ist eine Hilfestellung fürs Kind, um zur Sprache zu kommen, Worte zu begreifen und den Wortschatz zu bilden", erklärt die Zwergensprachlerin. Seit zwei Jahren gibt die junge Frau aus Burkau ihre Kurse, unter anderem in Kamenz, Bautzen und Pirna.

Zeigen und Sprechen schließen sich nicht aus

"Die Sachen, die sie als Zeichen gelernt hat, kann meine Norah inzwischen sprechen", sagt Michaela Fichtner. Auch die zwölf Monate alte Martha benutze die Zeichen, um Sprechen zu lernen, bestätigt Marie Urban. "Sie zeigt die Zeichen, dann auf den Gegenstand und probiert gleichzeitig das Wort zu sagen."

Das Prinzip der Zwergensprache lässt sich sogar in die Krippe übertragen, wie Sara Borrmann berichtet. Sie selbst hatte mit ihrem Sohn ab seinem neunten Lebensmonat mit der Zeichensprache begonnen. Als er später in die Krippe kam, erklärte die Burkauerin der Erzieherin, die Handvoll Gesten, die ihr Sohn anwendet und was sie bedeuten. Das Zeichen für "essen" etwa, bei dem man die Finger zum Mund führt. Und das Zeichen für "noch mal", bei dem man mit den Finger gegen die Handfläche klopft. "Das war dann auch das Zeichen, dass die Kinder in der Krippe nach drei Wochen alle konnten", sagt Sara Borrmann.

Sara Borrmann bläst zum Ende des Kurses hin Seifenblasen durch den Raum. Das Schauspiel wird von den jüngsten Teilnehmern mit einem Glucksen und Quietschen bejubelt. Die kleine Joline setzt sich auf den Hosenboden, quäkt etwas Unverständliches und klopft dabei mit den Fingern gegen ihre Handfläche: "Noch mal!" Und Sara Borrmann pustet noch einmal durch den Seifenblasenring.

Zwergensprache
Fans der Zwergensprache: Saskia Radeloff mit Joline (v.li.), Katja Milde mit Edwin, Michaela Fichtner mit Norah und Marie Urban mit Martha. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Zwergensprache ANREIZ: Babys wollen kommunizieren, bevor sie sprechen können. Gerade Kleinkinder bis zu zwei Jahren nutzen verstärkt Mimik, Gestik und Körpersprache.

UMSETZUNG: Eltern und Kind nutzten einfache Zeichen aus der Gebärdensprache, um sich auszutauschen.

INTENTION: Nähe und Austasch fördern; Verständigung im Alltag erleichtern; ganzheitliches Lernen; Noch bevor das Kind sprechen kann, kann es sich gezielt ausdrücken.

GESCHICHTE: Zeichensprache auch für hörende Babys wird seit den 80er Jahren vor allem in Amerika und England erforscht. Man stellte fest, dass hörende Babys, von denen mindestens ein Elternteil gehörlos war, viel früher kommunizieren konnten.

babyzeichensprache.com

Über dieses Thema berichtet MDR SACHSEN auch im Radio: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 28.08.2017 | ab 7 Uhr in den Regionalnachrichten aus dem Studio Bautzen

Zuletzt aktualisiert: 27. August 2017, 16:10 Uhr

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