Egon Günther, 1999
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DEFA-Legende Egon Günther Ehrenbürger von Schneeberg

Er ist ein berühmter Sohn der Stadt: der Autor und Filmregisseur Egon Günther. Dennoch hat es Jahre gedauert, bis ihn Schneeberg zum Ehrenbürger machte. Am Sonnabend war es endlich soweit.

von Jacqueline Hene

Egon Günther, 1999
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Sekt zur Begrüßung, ein Pianist spielt Schostakowitsch. Bürgermeister Ingo Seifert begrüßt jeden Gast im Ratssaal persönlich. Und gekommen sind viele: Stadträte, ehemalige Nachbarn, Freunde und Schüler von Egon Günther sowie Fans von Schauspielerin Jutta Hoffmann. Der 89-jährige Günther selbst ist nicht anwesend. Gesundheitliche Probleme. Er lässt sich durch seine Ehefrau Franziska vertreten.

Jutta Hoffmann: "Egon war immer Avantgarde"

Jutta Hoffmann
Jutta Hoffman schwärmt noch immer von Egon Günther. Bildrechte: MDR/Jacqueline Hene

Die Filmdiva Jutta Hoffmann erinnert sich in ihrer Laudatio an die allererste Begegnung mit dem Regisseur. In der DEFA-Kantine in Babelsberg sei das gewesen. Günther habe seine obligatorische Jeansjacke getragen, sei mit offenen Armen auf sie zugekommen und habe "in Schneeberger Sound" gefragt, ob sie einen Film mit ihm drehen wolle. Es entsteht der TV-Zweiteiler "Junge Frau von 1914". Der Rest ist Geschichte.

Jutta Hoffmann steht in den folgenden Jahren oft "für Egon" - wie sie sagt - vor der Kamera. "Der Dritte", "Die Schlüssel", "Lotte in Weimar", "Ursula" entstehen. "Ich kann Euch das gar nicht beschreiben", sagt sie. "Das war keine Arbeit mit Egon, das war reine Freude".

Ein Leben für den Film

Geburtshaus von Autor und Regisseur Egon Günther in Schneeberg
Das Geburtshaus von Egon Günther im historischen Zentrum Schneebergs. Die Eigentümer suchen einen Mieter oder Käufer für das leerstehende Gebäude. Bildrechte: MDR/Jacqueline Hene

Egon Günther wird 1927 in Schneeberg geboren. Nach einem Pädagogik- und Germanistikstudium in Leipzig arbeitet er zunächst als Lehrer. Ab Mitte der 1950er Jahre veröffentlicht er seine ersten Romane, darunter "Flandrisches Finale" und "Einmal Karthago und zurück".

1958 kommt Günther als Quereinsteiger zum DEFA-Studio in Potsdam-Babelsberg. Dort schreibt er zunächst Drehbücher. Sein Regiedebüt feiert er mit "Lots Weib". Später folgen Filme wie "Der Dritte" (mit Jutta Hoffmann), "Lotte in Weimar" (mit Lilli Palmer) und der Streifen "Ursula", der wegen seiner surrealistischen Bildsprache und freizügigen Szenen einen Skandal auslöst. Nach der Fernsehpremiere 1978 verschwindet der Film sofort im "Giftschrank" der DEFA. Damit teilt er das Schicksal von Günthers modernem Märchenfilm "Wenn Du groß bist, lieber Adam", den Günther nicht einmal fertigstellen darf.

Ende der 1970er Jahre folgt der Regisseur einem Angebot in den Westen; erst nach dem Mauerfall kehrt er wieder zurück. Seiner Leidenschaft Film bleibt er über die Jahre treu, dreht nach der Wende unter anderem mit Veronika Ferres, Jürgen Vogel und Mario Adorf. Für sein Werk wird Egon Günther mehrfach ausgezeichnet. Nun endlich auch in seiner Geburtsstadt Schneeberg.

Es ist nie zu spät, das richtige zu tun.

Ingo Seifert, Bürgermeister von Schneeberg

Auszeichnung mit langer Anlaufzeit

Schneebergs Bürgermeister Ingo Seifert und Franziska Günther
Stellvertretend für ihren Mann nahm Franziska Günther die Ehrenbürgerurkunde von Schneebergs Bürgermeister Ingo Seifert entgegen. Bildrechte: MDR/Jacqueline Hene

Um die Verleihung der Ehrenbürgerwürde wurde im Schneeberger Stadtrat lange gerungen. Günther war in der Vergangenheit mehrfach für die Auszeichnung vorgeschlagen, aber nie gekürt worden. Für Stadtrat Jochen Vogel unverständlich: "Egon Günther hat den Namen Schneebergs in die Welt hinausgetragen. Er gehört zu Schneeberg."

Ingo Seifert, seit gut einem Jahr Bürgermeister von Schneeberg, kennt die jahrelange Debatte um die Ehrenbürgerwürde und fasst es in einem Grußwort so zusammen: "Es ist nie zu spät, das richtige zu tun".

Langjährige, treue Fans

Rosemarie Bohring, Lehrerin in Schneeberg
Rosemarie Bohring war eine Schülerin Günthers. Wegen ihm ergriff sie selbst den Lehrerberuf. Bildrechte: MDR/Jacqueline Hene

Auch die Schneebergerin Rosemarie Bohring hat sich jahrelang aktiv für die Auszeichnung eingesetzt. Bei Kriegsende 1945 war sie elf Jahre alt und Egon Günther ihr Neulehrer. "Er war ein super Lehrer", erinnert sich Rosemarie Bohring. "Er hat unsere Kriegswunden gelindert, indem er mit uns gesungen und musiziert hat, indem er uns die Welt der Literatur eröffnete." Günther habe ihr Thomas und Heinrich Mann nähergebracht, Bertolt Brecht und Francis Bacon. Bei Günther habe sie Blockflöte gelernt und so das Kriegstrauma verarbeitet. "Ich habe Egon Günther so verehrt", sagt sie rückblickend. Wegen ihm sei sie später selbst Lehrerin geworden.

Zuletzt aktualisiert: 01. November 2016, 08:58 Uhr

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1 Kommentar

01.11.2016 14:18 Atze 1

Man kann die Stadt Schneeberg beglückwünschen ,dass sie den richtigen Bechluss gefasst hat,
Egon Günther zum Ehrenbuerger ernannt zu haben.Wenn ich das nächste Mal in die Stadt komme, meist zu Weihnachten, wuerde ich gerne sein Geburtshaus besuchen und bestimmt mit vielen tollen Filmerinnerungen nach Hause fahren.Die Stadt sollte sich schnell ans Werk machen!!