Angela Merkel beim CDU-Wahlkampf in Annaberg-Buchholz
Bildrechte: MDR/Bernd März

Bundeskanzlerin Merkel in Annaberg-Buchholz Trillerpfeifen und Fremdschämen

Trotz guter Umfrageergebnisse einen Monat vor der Bundestagswahl - auf Straßen und Plätzen des Landes weht der CDU ein kräftiger Wind entgegen. Das bekam auch Bundeskanzlerin Angela Merkel beim Wahlkampfauftakt der CDU in Sachsen in Annaberg-Buchholz zu spüren.

Angela Merkel beim CDU-Wahlkampf in Annaberg-Buchholz
Bildrechte: MDR/Bernd März

CDU-Chefin Angela Merkel hat fünf Wochen vor der Bundestagswahl in Annaberg-Buchholz den Wahlkampf der Sachsen-CDU eingeläutet. Knapp 1.800 Menschen waren nach Veranstalterangaben in die Bergstadt gekommen, um Merkel zu sehen. Schon in den Tagen zuvor waren die Sicherheitsvorkehrungen in Annaberg-Buchholz erhöht worden. In den Zufahrtsstraßen wurden massive Betonelemente aufgestellt und Stunden vor Beginn der Veranstaltung die Innenstadt weiträumig abgesperrt. Ein massives Polizeiaufgebot, darunter mit Maschinenpistolen bewaffnete Beamte, sicherte die Zugänge zum Marktplatz ab. Unmittelbar vor der Bühne hatten die Veranstalter einen Bereich für geladene Gäste abgesperrt.

Beschmierte Wahlplakate, Parolen auf Bushäuschen

Dass Merkel im Erzgebirge nicht nur auf ihre Fans treffen würde, wurde schon am Tag zuvor deutlich. Unbekannte hatten auf verschiedenen Straßen Parolen gesprüht wie "Merkel hau ab!" oder CDU Wahlplakate beschmiert und abgerissen. Noch am Donnerstagvormittag wurden diese Parolen von der örtlichen Straßenmeisterei entfernt.

Schon eine Stunde vor der Wahlkampfveranstaltung werden die Leute auf dem Markt mit einer Live-Band und Interviews lokaler CDU-Politiker auf den Auftritt der CDU-Führungsmannschaft eingestimmt. Auf dem Platz schwenken viele Menschen AfD-Plakate und selbst gemalte Transparente, auf denen die Politik der Christdemokraten kritisiert wird. Als dann pünktlich 17 Uhr die Bundeskanzlerin in Begleitung von Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich und Bundesinnenminister Thomas de Maizière auf dem Marktplatz eintreffen, bricht ohrenbetäubender Lärm aus. Hunderte Demonstranten haben Trillerpfeifen mitgebracht und schreien Anti-Merkel-Parolen. Die andere Hälfte jubelt der Kanzlerin zu.

Tillich warnt vor "linker Republik"

Der lautstarke Protest ebbt auch nicht ab, als Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich zur Begrüßungsansprache ans Rednerpult geht. Er warnt die Menschen vor einer "linken Republik", falls Merkel die Wahl nicht gewinne. Die Bundeskanzlerin habe das Land in den vergangenen Jahren vorangebracht, sagt Tillich. Dafür gibt es Beifall und Pfiffe. Höhnisches Gelächter erntet er für seine Aussage, dass die CDU bei Asyl und Einwanderung für klare Regeln stehe.

Angela Merkel beim CDU-Wahlkampf in Annaberg-Buchholz
Bundeskanzlerin Angela Merkel und Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich Bildrechte: MDR/Bernd März

Schließlich ist die Kanzlerin an der Reihe, deren Rede genauso von Pfiffen und Sprechchören begleitet wird. Über die Proteste sagt sie, das seien Leute, die nur wüssten, wogegen sie seien, aber nicht wofür. Sie wolle "ein Land, in dem wir gut und gerne leben". Mit der CDU gebe es keine Steuererhöhungen, dagegen Steuererleichterungen für kleine und mittlere Einkommen. Gleichzeitig werde die CDU keine neuen Schulden machen und mehr Geld in die Bildung stecken. Auch die finanzielle Basis für die Bundesländer werde die CDU stärken.

Angela Merkel beim CDU-Wahlkampf in Annaberg-Buchholz
Jubel und Pfiffe, beides begleitet die Rede von Bundeskanzlerin Merkel in Annaberg-Buchholz Bildrechte: MDR/Bernd März

"Wir haben gelernt"

Lediglich bei der Flüchtlingspolitik räumt die Kanzlerin Fehler ein und sagt, man müsse stärker die Fluchtursachen bekämpfen. "2015 soll und darf sich nicht wiederholen. Wir haben gelernt", sagt sie und erntet Beifall. Deutschland sei weiter bereit, Menschen in Not zu helfen. In Richtung einiger Flüchtlinge, die CDU-Plakate hochhalten und Selfies vor der Rednertribüne machen, sagt sie: "Ich lade Sie ein: Lernen Sie die deutsche Sprache, bringen Sie sich mit Ihren Fähigkeiten und Fertigkeiten ein!" Mit den Worten: "Ich würde gerne wieder für dieses wunderbare Amt zur Verfügung stehen", beendet die Kanzlerin ihre Wahlkampfrede.

Angela Merkel beim CDU-Wahlkampf in Annaberg-Buchholz
Etwa 1.800 Menschen verfolgen den Merkel-Auftritt in der Erzgebirgsstadt. Bildrechte: MDR/Bernd März

Wut und Scham

Unter den vielen Menschen auf dem Platz steht auch ein AfD-Mitglied aus Oelsnitz im Erzgebirge. Er findet es gut, dass Merkel solch einen Gegenwind bekommt. "Wir sind damals 1989 auf die Straße gegangen, weil wir ein besseres Land wollten. Doch jetzt mach ich mir um die Zukunft von Deutschland Sorgen", sagt der 60-Jährige. Merkel solle ruhig spüren, dass viele Bürger unzufrieden seien. Eine Frau, die neben den Gegendemonstranten steht, findet diese einfach nur peinlich. Sie habe nichts gegen Proteste, aber es sei beschämend, dass man die Redner niederbrülle. Auch Gudrun Langer ist entsetzt. Die Annaberger Rentnerin sagt, den Gegendemonstranten fehle der Respekt. Sie schämt sich für ihre Heimatstadt und sagt, die Polizei hätte die Gegendemo verbieten müssen.

Angela Merkel beim CDU-Wahlkampf in Annaberg-Buchholz
Gegendemonstranten machen mit Pfiffen und Plakaten Stimmung gegen die Kanzlerin. Bildrechte: MDR/Bernd März

Erika Zeun kann dem nicht zustimmen. Auch sie stand unter den Gegendemonstranten, auch wenn sie sich in der Nähe der AfD-Sympathisanten nicht wohl gefühlt habe. Die Cranzahlerin hat ein Transparent aus zwei Metern Raufasertapete gebastelt. Darauf steht "Frieden mit Russland, keine Waffenexporte". "Merkel unterstützt die Sanktionen gegen Russland und die Stationierung von Nato-Soldaten im Baltikum", sagt Zeun. Das sei eine gefährliche Politik, und deshalb habe sie das Plakat gemalt. Ein danebenstehender Erzgebirger stimmt ihr zu und ergänzt: "Aber su rumbläken, wie die, das gehärt sich einfach net."

Polizei im Großeinsatz

Die Bilanz der Polizei, die an diesem Abend mit 320 Beamten vor Ort war: einige Platzverweise und neun Anzeigen wegen diverser Straftaten wie Beleidigung, Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte, zeigen des Hitlergrußes oder Verstoßes gegen das Versammlungsgesetz.

Bildergalerie Bundekanzlerin Merkel macht Wahlkampf in Annaberg-Buchholz

Polizeieinsatz Besuch Angela Merkel beim CDU-Wahlkampf in Annaberg-Buchholz
Schon zuvor wirft der Besuch der Bundeskanzlerin seine Schatten voraus. In den Zufahrtsstraßen werden massive Betonelemente aufgestellt. Bildrechte: MDR/Matthias Wetzel
Polizeieinsatz Besuch Angela Merkel beim CDU-Wahlkampf in Annaberg-Buchholz
Schon zuvor wirft der Besuch der Bundeskanzlerin seine Schatten voraus. In den Zufahrtsstraßen werden massive Betonelemente aufgestellt. Bildrechte: MDR/Matthias Wetzel
Polizeieinsatz Besuch Angela Merkel beim CDU-Wahlkampf in Annaberg-Buchholz
Stunden vor Beginn der Veranstaltung wird die Innenstadt weiträumig abgesperrt. Bildrechte: MDR/Matthias Wetzel
Polizeieinsatz Besuch Angela Merkel beim CDU-Wahlkampf in Annaberg-Buchholz
Rund 1.800 Menschen sind den Veranstaltern zufolge gekommen, um die Bundeskanzlerin zu sehen. Bildrechte: MDR/Matthias Wetzel
Angela Merkel beim CDU-Wahlkampf in Annaberg-Buchholz
Begleitet wird Merkel unter anderem von Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich. Bildrechte: MDR/Bernd März
Angela Merkel beim CDU-Wahlkampf in Annaberg-Buchholz
Per Handschlag begrüßt Merkel einige ihrer Anhänger. Bildrechte: MDR/Bernd März
Angela Merkel beim CDU-Wahlkampf in Annaberg-Buchholz
Sie wolle "ein Land, in dem wir gut und gerne leben", sagt Merkel in ihrer Rede. Mit der CDU gebe es keine Steuererhöhungen, dagegen Steuererleichterungen für kleine und mittlere Einkommen. Bildrechte: MDR/Bernd März
Angela Merkel beim CDU-Wahlkampf in Annaberg-Buchholz
Sowohl Beifall von ihren Anhängern, als auch Pfiffe von ihren Gegnern erntet die CDU-Chefin für ihren Auftritt. Bildrechte: MDR/Bernd März
Angela Merkel beim CDU-Wahlkampf in Annaberg-Buchholz
Mit dem Termin in Annaberg-Buchholz läutet die CDU in Sachsen ihren Bundestagswahlkampf ein. Bildrechte: MDR/Bernd März
Angela Merkel beim CDU-Wahlkampf in Annaberg-Buchholz
Der Besuch Merkels schmeckt nicht jedem. Auch zahlreiche Gegner aus den Lagern von AfD und Pegida haben sich vor der Bühne postiert. Bildrechte: MDR/Bernd März
Angela Merkel beim CDU-Wahlkampf in Annaberg-Buchholz
Die Polizei sichert das Geschehen an diesem Abend mit 320 Beamten vor Ort ab. Die Bilanz: einige Platzverweise und neun Anzeigen wegen diverser Straftaten wie Beleidigung, Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte, zeigen des Hitlergrußes oder Verstoßes gegen das Versammlungsgesetz. Bildrechte: MDR/Bernd März
Alle (10) Bilder anzeigen

Quelle: MDR/mwa

Über dieses Thema berichtet MDR SACHSEN auch in Radio und Fernsehen: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 17.08.2017 | ab 18:00 Uhr in den Nachrichten
MDR SACHSENSPIEGEL | 17.08.2017 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 18. August 2017, 11:46 Uhr

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.

112 Kommentare

20.08.2017 10:29 Martin Vomberg 112

@ 19.08.201722:03 Wieland der Schmied Nr. 108

Sie verwechseln das Wort "Volk" mit dem Begriff "Pöbel". Auch wenn beide Begriff etymologisch von dem lateinischen Wort "populus" abstammen, sind sie jedoch bedeutungstechnisch noch längst nicht identisch. Sie sind freilich nicht der Erste, der dieser Verwechslung leichtfertig erliegt. ,-)))
Aber, Sie haben vollkommen Recht: Spätestens am 24.09. ist endlich Schluss mit dem verbalen Rumpöbeln (!) und der wahre Volkswille hat wieder für klare Mehrheitsverhältnisse in Deutschland gesorgt und es wird wieder vernünftige Sachpolitik gemacht und nicht nur dumme, populistische Sprüche geklopft. Im Bundestag wird sich dann auch relativ schnell die Spreu vom Weizen für alle deutlich sichtbar trennen.

20.08.2017 09:42 Realist2014 111

@Wieland der Schmied: Der Volkswille wird durch Wahlen ermittelt und nicht durch rechtsradikale Störer und Trillerpfeifenbesitzer festgelegt. Ich freue mich schon auf das Jammern und Schimpfen der AfD/Pegida/NPD-Fraktion in den Foren und Kommentaren am Wahlabend, wenn das Volk der AfD gezeigt hat, was sie ist: Eine Minderheitspartei. Auf 4 weitere Jahre Merkel!

20.08.2017 07:53 Räudiger Hund 110

Mit dem Fremdschämen und Trillern wird es aber weitergehen auf Kanzlerines Tournee; zumindest für die politisch-korrekt wählenden Schon-länger-hier-Lebenden. Mit Entsetzen mußte ich beim Blick auf Super-Heikos Spielwiese feststellen, wie sich dort immer mehr Leute und sogar Organisationen zusammenrotten und zu solchen Events verabreden. Dabei nutzen sie schnöderweise den überall einsehbaren Auftrittskalender. Einfach schrecklich!

19.08.2017 00:18 Andreas 109

Jede Partei kann Wahlkampf machen. Aber AFD und andere sind eigentlich immer auf den falschen Veranstaltungen. Ausser man hat mal wieder richtig lust auf Trillerpfeife und Rumpöbeln. Ich gehe ja auch nicht als 1.FC Magdeburg Fan zur Mitgliederversammlung von Dynamo Dresden und Brülle da immer Dynamo muss Weg. Gibt nur Ärger und ist auch nicht meine Veranstaltung. Ausser man möchte Provozieren.
Das ist oftmals nur noch Respektlos und Fremdschämen. Keiner möchte so behandelt werden.

19.08.2017 22:03 Wieland der Schmied 108

Für die Kanzlerin und ihr willfähriges Gefolge sollte die Etappe Annaberg-Buchholz eine Lehre sein, daß man den Volkswillen nicht immer und auf Dauer ignorieren kann und es reicht, seine einsamen Entschlüsse über Medien abzustrahlen ohne jede Opposition im BT und sonstwo. Was dort fehlt, kommt hier zu Wort, ungezügelter und ungeschliffener. Sie dürfte wohl begriffen haben, dass ihre einsame Führungsfähigkeit bezweifelt wird und der an Ausdruckslosigkeit nicht zu überbietende Spruch „Für ein Deutschland , wo wir gut und gerne leben“ keinerlei Aussicht auf bessere Zeiten unter ihr verheißt. Daß Tillich ihr zum Munde redet ist bekannt, daß er dabei, um sich abzuheben, aktive Teile seines Wahlkvolkes beleidigt mit „wenn Pfeifen pfeifen..“, wird er wohl dann merken, wenn er sich wieder einmal anbiedert. Irgendwie scheint die Luft heraus zu sein und noch 36 Tage bis ultimo.

19.08.2017 19:33 Phrasenhasser 107

Darin stimme ich der Kanzlerin zu, dass wir noch in einem Deutschland sind, in dem wir gut und gerne leben. Aber vor einigen Jahren hat ein Großteil besser gelebt, und in einigen Jahren wird das nur noch ein geringer. Warum? Weil das Zurückschauen bereits jetzt mehr Spaß macht, als der Blick in die Zukunft. Und dieser Wahlspruch der vom letzten Wahlkampf war, der nur mal wieder aufgelegt wird.

19.08.2017 17:33 gerd 106

104 @ martin vomberg sie wissen nicht was konservativ ist?na dann brauchen wir auch nicht weiterdiskutieren und massenimigration hat nicht zwangsläufig etwas mit flüchtlingen zu tun und ob ich nachteile davon habe wissen sie auch nicht null argumente ihreseits nennen sie doch mal eine partei wie zb in england die torrys oder in den usa die republikaner

19.08.2017 15:58 Untermensch aus Dunkeldeutschland 105

Ausnahmsweise mal keine geschönte Meldung von "Wir schaffen das". Danke MDR!
Es wäre an der Zeit, dass die Presse endlich auch die Defizite der Kanzlerin und ihrer Ja-Sager zur Sprache bringt.

19.08.2017 14:38 Martin Vomberg 104

@ 19.08.201712:54 gerd Nr. 100
"Die CDU bietet mir als Konservativen Menschen keine Heimat mehr."

Ach, Gottchen, Sie armer konservativer Mensch! Kann mich mal bitte jemand aufklären, was das sein soll, "konservativ"? Angst vor allem Fremden etwa?

"Ich bin mit Merkel unzufrieden kann niemand anderen auswählen welcher sich gegen Massenimigration stellt und Islamisierung des öffentlichen Lebens"

Wenn das die einzigen Probleme sind, die Sie haben, dann geht´s ja noch? Vermutlich sind Sie weder mit dem einen noch mit dem anderen jemals persönlich in Berührung gekommen und erfahren auch sonst keinerlei Nachteile durch Flüchtlinge.

"bleibt wohl nur eine Partei übrig und ich denke diese Einseitigkeit in der politischen Landschaft welche nur linke Meinungen toleriert gefördert durch Presse und Politik inkl Gesetzgebung schreit Förmlich nach Widerstand."

Na, dann schreien Sie mal schön! Ihre Parteigenossen in Annaberg-Buchholz haben es ja bereits vorgemacht!

19.08.2017 14:22 ach so 103

Warum hacken einige Kommentatoren auf den Sachsen so herum? Der Wahlkampfauftakt fand im hessischen Gelnhausen statt. Dem Wahlkreis Peter Taubers. Auch dort musste die Kanzlerin gegen Pfiffe und Trillerpfeiffen ankämpfen. Dort haben sich neben den Unzufriedenen auch noch die Windkraftgegner eingefunden.