Noch kein Advent - ein Lichtlein brennt Chemnitzer Schornstein leuchtet jetzt auch nachts

Mit einer Höhe von 302 Metern und einer Außenfläche von 18.000 Quadratmetern hat es der Chemnitzer Schornstein mit einer Farbgestaltung zum weltweit höchsten Gesamtkunstwerk gebracht. Ab Montagabend wird er auch nachts beleuchtet. Diesem Ereignis war allerdings eine lange Odyssee vorausgegangen.

Ein Schornstein mit verschiedenfarbigen beleuchteten Ringen.
In den nächsten Jahren leuchtet der Chemnitzer Schornstein in dieser bunten Farbkombination. Das farbige Wahrzeichen ist aufgrund seiner Höhe bis zu 40 Kilometer weit zu sehen. Bildrechte: MDR/Thomas Friedrich

Das höchste Bauwerk Sachsens ist mit seinem Anstrich seit vier Jahren auch das farbenfroheste. Seit Montagabend leuchtet der Chemnitzer Schornstein in seiner ganzen Farbenpracht auch in der Nacht. Dabei verlief die Entwicklung des nach Aussage des Betreibers Eins Energie in Sachsen weltweit höchsten Gesamtkunstwerkes nicht ganz ohne Probleme.

Erst fühlten sich Chemnitzer Fußballfans verunglimpft, weil die Vereinsfarbe des FC Erzgebirge Aue wesentlich weiter oben angebracht war als das eigene Himmelblau. Dabei verfolgte der französische Konzeptkünstler Daniel Buren nach eigener Aussage einen äußerst pragmatischen Ansatz mit der Farbgestaltung. Er ordnete die Farben alphabetisch, um der Frage von Harmonie und Disharmonie aus dem Weg zu gehen. "Die Anfangsbuchstaben der jeweiligen Farben geben die Reihenfolge vor. Ich nehme jeweils die Landessprache und ordne die Farben ihren Namen nach an. Die Reihenfolge der Farben entspricht nicht irgendeinem bestimmten Geschmack, auch nicht meinem."

Die Farben des Schornsteins in alphabetischer Reihenfolge
Aquamarin 0 - 40 Meter
Erdbeerrot 40 - 75 Meter
Gelbgrün 75 - 120 Meter
Himmelblau 120 - 165 Meter
Melonengelb 165 - 210 Meter
Signalviolett 210 - 255 Meter
Verkehrsgelb 255 - 302 Meter

Auch die Beleuchtung sorgte für reichlich Zoff. Die zunächst geplante spiralförmig um den Turm verlaufende Lichterkette funktionierte nach der Montage nicht. Auftraggeber und Herstellerfirma trafen sich vor Gericht. Das entschied zugunsten des Leuchtenproduzenten und Eins Energie blieb auf Kosten in Höhe von 500.000 Euro sitzen. Die juristische Auseinandersetzung dauert noch an. Nun soll dem Riesenschornstein mit einem neuen Lichtkonzept von einem anderen Hersteller dauerhaft ein Licht aufgehen.

Daniel Buren Der französische Konzeptkünstler und Kunsttheoretiker Daniel Buren wurde mit seiner "Streifenkunst" weltberühmt. Der 1938 in Boulogne-Billancourt geborene Buren arbeitet vorwiegend im öffentlichen Raum. Bekanntestes Werk ist die Installation schwarz-weißer Säulen im Hof des Pariser Palais Royal.

Arbeiten von ihm wurden mehrfach auf der Documenta in Kassel gezeigt. Im Jahr 2007 wurde Buren mit dem japanischen Praemium Imperiale, dem "Nobelpreis der Künste", ausgezeichnet.

Kleine Leistung - große Wirkung

Ein Mann und zwei Frauen vor einem Anschaltknopf
Eins-Geschäftsführer Roland Warner mit Peggy Schellenberger und Moderatorin Conny Hartmann am "Roten Knopf". Bildrechte: MDR/Thomas Friedrich

Mit 168 LED-Strahlern, die auf sechs Ebenen verteilt sind, wird der Schornstein in Zukunft in der Nacht angestrahlt. Da die Leuchten nur mit 60 Watt - einem Fünftel der möglichen Leistung - betrieben werden, sollen sie rund 30 Jahre durchhalten können. Für mögliche Wartungsarbeiten lassen sie sich leicht über die entsprechenden Ebenen erreichen. Den Verbrauch gibt der Betreiber mit etwa 37.500 Kilowattstunden im Jahr an, was dem Verbrauch von 15 Durrchschnittshaushalten entspricht. Peggy Schellenberger durfte die Anlage in Betrieb setzen. Sie hatte einen Wettbewerb um das schönste Foto des Schornsteins im Vorfeld gewonnen.


In Chemnitz ist damit ein sehr ungewöhnliches Kunstwerk fertiggestellt, denn der Schornstein behält seine Funktion für die nächsten Jahre bei. Ein "Leuchtturm" für Chemnitz. Wir haben einige Chemnitzer gefragt, wie sie ihre Stadt sehen.

"Ich wünsche mir mehr Wirtschaftskraft"

Thoralf Reiher betreut als 2. Vorsitzender des Radsportteams "Erdgas 2012 e.V." die momentan erfolgreichste Bahnradmannschaft Europas. Er sieht bei den Chemnitzern keinen überwiegend negativen Blick auf ihre Stadt. "Ich sehe das natürlich erst einmal aus sportlicher Sicht. Wir spüren da großen Rückhalt in der Stadt. Wenn man zum Beispiel an die Deutschen Meisterschaften im Straßenradsport denkt und an die großartige Kulisse der vielen Zuschauer. Man sieht eben, Chemnitz ist auch eine Radsporthochburg. Was noch nicht so ist, wie ich mir das wünschen würde, ist die entsprechende Wirtschaftskraft, die hinter sportlichem Engagement steht." Gleichzeitig denke er, dass alle, die sich für Chemnitz engagieren, mit Herzblut bei der Sache seien. Das mache die Stadt lebenswert.

"Beim Selbstwertgefühl ist noch Platz nach oben"

Der Pressesprecher der Chemnitzer Verkehrs-AG, Stefan Tschök, mit einer Straßenbahn im Hintergrund.
Bildrechte: Chemnitzer Verkehrs-AG

Stefan Tschök ist Pressesprecher der Chemnitzer Verkehrsbetriebe CVAG, aber auch Kulturbotschafter für die Bewerbung der Stadt zur Kulturhauptstadt Europas 2025. Er schätzt Chemnitz als Stadt mit einem besonderen Charme, der sich nicht sofort zeigt und sieht auch die Chemnitzer so. "Natürlich gibt es beim Selbstwertgefühl der Chemnitzer noch 'Luft nach oben'. Aber gerade in Bezug auf die langsam immer deutlicher Kontur annehmende Bewerbung unserer Stadt als Kulturhauptstadt 2025 stelle ich in unzähligen Gesprächen fest, dass dieser Prozess Raum zu greifen scheint. In Chemnitz verliebt man sich eben erst auf den zweiten Blick - aber dann so richtig. Und ein farbig interessant gestalteter Schornstein, der auch noch illuminiert wird, ist wieder ein kleiner diesbezüglicher Baustein."

"Chemnitz hat eine Menge zu bieten"

Bernd Weise hat als Chemnitzer Galerist die Kunst zu seiner Profession gemacht. Er glaubt nicht, dass es den Chemnitzern an Selbstwertgefühl mangelt. "Ich bemerke das eher nicht. Chemnitz hat eine Menge zu bieten, gerade in Sachen Kunst. Das 'Gunzenhauser-Museum', die Kunstsammlungen selbst, aber auch die Kulturhauptstadtbewerbung - das setzt schon Maßstäbe. Chemnitz ist nicht auf den ersten Blick schön, aber das Engagement vieler Einzelner macht diese Stadt aus." Ganz wichtig sei auch, dass Besucher aus anderen Städten einen guten Eindruck von der Stadt bekämen. Sie trügen das Bild schließlich nach draußen.

"Bürgerstolz hat die Stadt geprägt"

Der Generalintendant der Theater Chemnitz, Christoph Dittrich lächelt am 12.09.2013 vor der Oper Chemnitz in die Kamera.
Bildrechte: dpa

Christoph Dittrich kam als Generalintendant der Theater Chemnitz erst 2013 in die Stadt und erlebte die Diskussion um die Schornsteingestaltung, als er hier ankam. Er sei zuerst entsetzt gewesen, gesteht er, habe sich dann aber schnell eines Besseren belehren lassen. "Das ist wie mit der Theatertradition in der Stadt. Mehr als durch historische Personen ist diese Stadt durch Bürgerstolz geprägt worden. Die Bürger haben sich damals ein Theater gebaut. Das ist schon etwas sehr Besonderes. Ich sehe diesen Bürgerstolz auch heute."

Über dieses Thema berichtet MDR SACHSEN auch in Radio und Fernsehen: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 13.11.2017 | ab 07:00 Uhr
MDR SACHSENSPIEGEL | 13.11.2017 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. November 2017, 19:56 Uhr

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2 Kommentare

15.11.2017 14:43 Hercule 2

@ MDR Sachsen
eine Frage wäre es möglich zu Erfahren wer die neue Beleuchtung der Esse gemacht hat also die Firma ? Würde mich interessieren könnt Ihr sie da auch im Artikel nennen ? Finde die Esse nämlich wirklich sehr gut gelungen

15.11.2017 14:36 Bärbel 1

die hauptsache er leuchtet ordentlich wenn die Einbrecher kommen.................