Contra Reformationsfeiern "Luther ist eine widersprüchliche Figur der Zeitgeschichte"

von Kajetan Dyrlich, MDR SACHSEN

Kajetan Dyrlich, Redakteur MDR SACHSEN
Bildrechte: MDR/Diana Köhler

Luther ist nicht die Lichtgestalt der Reformation, für die ihn die evangelische Kirche gerne vereinnahmen will. Dass Martin Luther nicht nur ein Antisemit war, sondern auch die Bauern verriet, Behinderte und Minderheiten verachtete, ist inzwischen weitestgehend aufgearbeitet. Luther ist vor allem eine ambivalente, eine widersprüchliche Figur der Zeitgeschichte. Und genau so sollte eine aufgeklärte Gesellschaft mit ihm auch umgehen.

Und sicher ist es nicht falsch, Luther zu gedenken. Denn wo Schatten, da auch Licht. Luther hat viel Kulturelles geleistet, vor allem für die deutsche Sprache. Dafür dürfen wir ihm auch dankbar sein. Luther jedoch in diesem Maße zu verklären, wie wir es dieses Jahr erleben werden, ist falsch.

Nicht nur die evangelische Kirche hat ein enormes Interesse mitzuwirken an einer gigantischen Missionierungs- und Marketingmaschinerie. Vom Luther-Quietscheentchen, Luther-Schneekugel, Luther-Kaffee, Luther-Skat bis hin zur Luther-Playmobil-Figur wird alles vermarktet, was bei drei nicht auf dem Baum ist. Das ist kein Zufall, es ist Strategie. Kritiker nennen es "Event-Christentum".

Zur Einordnung: Auch 2016 hätten wir große Jubiläen feiern können. Beispielsweise die Erfindung der Allgemeinen Relativitätstheorie vor 100 Jahren durch Albert Einstein. Und besonders stolz sollte der Sachse doch auf seinen gebürtigen Leipziger und Universalgenie Gottfried-Wilhelm Leibniz sein, der vor 300 Jahren starb. Er füllt mit seinen Ideen, Erfindungen - ja sogar seiner Auseinandersetzung mit Gott! - ganze Bibliotheken. Doch zum Feiern taugt auch Leibniz offenbar kaum.

Ich habe Luther nie kennengelernt. Keiner weiß, was diesen Mann wirklich innerlich antrieb, was für ein Mensch er war. Doch vielleicht hätte gerade er Sympathien für jemanden, der sich querstellt nach dem Motto: Nun stehe ich hier und kann nicht anders.

Diese "Verlutherung" im Jahre 2017 ist doch ziemlich daneben!

Zuletzt aktualisiert: 09. Januar 2017, 11:03 Uhr

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13 Kommentare

07.01.2017 20:46 Thomas Starke 13

Soviel ich weiß, wird nicht ein "Lutherjubiläum", sondern ein "Reformationsjubliläum" gefeiert. Und die Reformation war ja nun wirklich ein geistes- und weltgeschichtliches Ereignis von überragender Bedeutung nicht nur für das Christentum, sondern für die europäische Kultur schlechthin. Darum darf dieser "Modernisierungsschub" ruhig einmal gefeiert werden - nicht nur von den Christen, sondern unserer ganzen Gesellschaft.
Unter den Reformatoren war Luther der wichtigste, wenn auch bei weitem nicht der einzige. Er war ein Kind seiner Zeit, und manchem seiner Standpunkte (etwa zum Antijudaismus) müssen wir heute energisch widersprechen. Das geschieht ja auch hinlänglich. Aber es ist unredlich, ihn losgelöst von seinem historischen Kontext allein aus heutiger Sicht zu beurteilen. Und es ist unausgewogen, den Fokus allein auf diese Schattenseiten zu legen, wie dies zuweilen passiert. Der Großteil von Luthers Werk ist für die abendländische Kultur bis heute aktuell und prägend.

07.01.2017 18:53 Reiner Arndt 12

Endlich mal eine wirklich ausgewogene Beurteilung! Wohltuend hebt sie sich ab vom sonstigen Hurra-Gebrüll, dass uns vermutlich bis 31.10.17 oder gar bis zum Jahresende verfolgen wird.

07.01.2017 17:10 Robert Paulson 11

@3: Protestant kommt von Protest, und dieser kommt von pro testare - für etwas einstehen. Die heute Verwendung des Begriffs ist irreführend gegen die Ätiologie. Luther war definitiv kein Antisemit, da Antisemitismus rassistisch motiviert und eine "Erfindung" des 19. Jahrhunderts ist. Wahr ist, dass er ein Antijudaist war, also jemand, der Juden aus religösen Gründe hasste. Seine Aussagen in "Von den Juden und ihre Lügen" sprechen Bände. Sie zeigen einen verbitterten Mann, der nicht begreifen kann, dass die Juden nicht zu Christen werden, nachdem er ihnen die Welt erklärt hat. Fazit: Luthers Werke waren bedeutend für die deutsche Sprache die Weltgeschichte und das Christentum. Ein Heiliger war er sicher nicht, aber auch kein Teufel...

07.01.2017 13:36 Maria A. 10

5: Luther hat ein überragendes Lebenswerk hinterlassen mit seiner Bibel-Übersetzung und seine Verdienste um die deutsche Sprache. Dass er nicht für Gewaltanwendung war, wie Thomas Müntzer, hat ihm damals das Leben gerettet und nur so wurde ihm die Gelegenheit dafür gegeben, sein Schaffen zu vollenden. Seine Haltung zu Juden war dem damaligen Zeitgeist geschuldet. Ihn dafür heute zu bewerten, ja als schlechten Menschen hin zu stellen, aus der Sicht unserer "ewigen Schuld" heraus, ist mehr als zweifelhaft. Auch angesichts der verübten Gräueltaten der Türken bei ihrem Versuch, das Abendland zu erobern, sollte es nachvollziehbar sein, seine Äußerungen zu Muslimen als damals vollauf berechtigt, zu begründen. Völlerei bei Menschen gehobenen Standes war zu der Zeit ebenfalls die Regel. Sicher auch bei Götz von Berlichingen... Und dann noch auf Halloween zu kommen: Ein Millionengeschäft für den Handel - mehr nicht - dazu gehört echt wirklich viel Kirchenverachtung...

07.01.2017 11:54 Werner Klemm 9

Warum wird sein Verrat an den deutschen Bauern und seine Völlerei verschwiegen?
Es gab größere Deutsche über die zu einem Jubiläum nicht dieser Aufwand betrieben wurde.

06.01.2017 00:41 Morchelchen 8

"Wer ohne Schuld ist ..."
Dass Luther einen deftigen Ausdrucksstil pflegte, ist hinlänglich bekannt. Auch seine abfälligen Äußerungen über andere Ethnien mögen einen schalen Nachgeschmack hinterlassen. Aber er hat selbst nie behauptet, er sein ein Heiliger! Was jedoch seit einigen Monaten mehr oder weniger befähigte "Experten" daraus herleiten, ja vorwiegend nur damit Bücher füllen, sollten Christen nicht mehr widerspruchslos hin nehmen. Hätten nicht aus Anlass des Jubiläums Luthers Verdienste im Fokus zu stehen? Doch der Tenor liegt, seltsamerweise auch hier, bei Luthers "dunkler Seite"... Aus der heutigen Sicht, dem deutschen Schuldkomplex heraus, das Verhalten Prominenter in einer völlig anderen Epoche zu analysieren, ist doch absurd. Man könnte, wenn man nur wöllte, mit genügend Akribie rückwirkend bei allen herausragenden Persönlichkeiten nicht nur Unrechtverhalten auflisten, sondern für heutige Verhältnisse missliebige bis unentschuldbare Äußerungen in Masse zusammen stellen.

06.01.2017 00:22 Paulchen 7

Neben und vor Luther mag es andere gegeben haben, aber den Verdienst der Reformation sollte man nicht gering schätzen. Andernfalls würden wir immer noch im Mittelalter unter dem Diktat einer sehr "unchristlichen" katholischen Kirche leben und Deutschland wäre ein kleinstaatliches Reich. Insofern ist der Feier-/Jahrestag schon gerechtfertigt. Was ich mir wünsche würde, ist aber, dass die Teilung der christlichen Kirchen wegen einiger dogmatischer Kleinigkeiten endlich beendet würde oder zumindest auf ein Maß begrenzt würde, dass man als (katholischer) Christ den (protestantischen) Christen wieder als Bruder bzw. Schwester begegnen kann und seine/ihre gemeinsame Religion auch gemeinsam ausüben kann.

06.01.2017 21:49 HERBERT WALLASCH, Pirna 6

Könnt ihr euch vorstellen, eine Heiligsprechung durch die Katholischen Kirche stünde auf deutschen westlichen Boden bevor, was da veranstaltet würde!

06.01.2017 21:24 Fragwürdiger Personenkult 5

Man könnte Luther auch als ersten Evangelikalen sehen - fundamentalistisch, unduldsam und hasspredigend etwa gegen Juden und "Hexen" war er allemal. Der erste Bibelübersetzer war er nicht, sein Werk führte zum dreißigjährigen Krieg. Es gab auch andere Reformatoren, die an der Seite der Bauern kämpften. Thomas Müntzer oder Götz von Berlichingen, aber eben auch Einstein oder Kant verdienen mehr Respekt als Luther!
Jack O’Lantern und Halloween am 31.10. sind wesentlich älter, aber auch zeitgemäßer und mittlerweile weniger kommerziell als Luther. Der ganze bizarre Personenkult wird größtenteils von der Allgemeinheit bezahlt. Den Niedergang der Kirche dürfte es indes kaum aufhalten, zumal nach den verordneten Jubelfeiern wohl erst mal ausgeluthert ist.

06.01.2017 20:44 Wolfram Riedel 4

Ich finde es auch übertrieben, komme mir manchmal wie in einem Kirchenstaat vor. Für mich ist Thomas Müntzer der viel verdienstvollere Mensch!
Die ganzen Feierlichkeiten muss der Steuerzahler tragen, egal ob er gläubig ist oder nicht. Wann erfolgt endlich mal die realistische Trennung von Kirche und Staat?